mini|294x294px|Verbreitung der Turkvölker Turkvölker bezeichnet eine Gruppe von etwa 40 Ethnien in Zentral- und Westasien sowie in Sibirien und Osteuropa, deren Sprachen zur Sprachfamilie der Turksprachen gerechnet werden.Peter Benjamin Golden: An Introduction to the History of the Turkic Peoples. Ethnogenesis and State-Formation in Medieval and Early Modern Eurasia and the Middle East. Harrassowitz, Wiesbaden 1992, ISBN 3-447-03274-X, S. 1. Zu dieser gehören die türkische Sprache sowie rund 40 relativ nah verwandte Sprachen mit insgesamt etwa 180 bis 200 Millionen Sprechern.
Die Wissenschaft der Sprachen, Geschichte und Kulturen der Turkvölker ist die Turkologie. Panturkismus bezeichnet die im 19. Jahrhundert entstandene politische und kulturelle Bewegung, die auf die Gemeinsamkeit der Turkvölker zielt. Die Kulturen, traditionellen Wirtschaftsformen und Lebensweisen der einzelnen Turkvölker sind vielfältig, ihre Geschichte ist vielschichtig (siehe auch Liste der Turkvölker).
Andere Bezeichnungen Die Turkvölker werden auch als „Türkvölker“, „türkische Völker“, „Turkotataren“so etwa in der Völkerkarte zu Europa auf S. 84 des Diercke Weltatlas, Georg Westermann Verlag, Braunschweig 1968. oder als „Türken“ bezeichnet. Um eine Verwechslung mit den in der heutigen Türkei lebenden Volksgruppen, die dort per Gesetz offiziell als „Türken“ bezeichnet werden, mit den übrigen eine Turksprache sprechenden Nationen zu vermeiden, ist es in Europa üblich, diese generell als „Turkvölker“ () zu bezeichnen. „Türke“ wird dort ausnahmslos auf den Staatsbürger der Republik Türkei bzw. im engeren Sinne auf den Sprecher des Türkei-Türkischen angewendet. Die Praxis der Unterscheidung zwischen den osmanischen Türken in Anatolien und auf dem Balkan und anderen turksprachigen Volksgruppen hatte ihren Ursprung im Russland des 19. Jahrhunderts.Carter Vaughn Findley: The Turks in World History. S. 6.
In der turksprachigen Turkologie ist es im Gegensatz dazu üblich, von den „türkischen Völkern“ () beziehungsweise allgemein von „Türken“ (Türkler) zu sprechen.
Von einer früher vermuteten ural-altaischen Sprachfamilie bzw. einem Sprachbund mit den altaischen Sprachen, der auch die mongolische und die tungusische Sprache umfasst, wird heute von manchen Forschern abgesehen, und daher gilt unter diesen die unmittelbare Verbindung zwischen den Turk- und den altaischen Sprachen als umstritten.
Namensherkunft Die Bezeichnung „Türke“ leitet sich vom Namen einer nomadisch lebenden Stammesföderation des 6. Jahrhunderts ab, die sich selbst als Türk (auch als Türük gelesen) bezeichnete und die vom Aschina-Clan geführt wurde.Carter Vaughn Findley: The Turks in World History. S. 38. Der genaue Ursprung des Wortes ist unbekannt und dessen Herkunft umstritten.Golden, Peter B. "Some Thoughts on the Origins of the Turks and the Shaping of the Turkic Peoples". (2006) In: Contact and Exchange in the Ancient World. Ed. Victor H. Mair. University of Hawai'i Press. S. 143
Der Terminus „Türke“ tauchte erstmals 552 n. Chr. auf, als der Stamm der „Türk“ seine Stammesföderation begründete, die heute auch als „Reich der Köktürken“ (im Türkeitürkischen aufgrund einer Lautverschiebung „Gök-Türken“) bekannt ist. Gök türk bzw. kök türk wird als Himmels- oder Blautürken gedeutet. Diese kriegerische Stammesföderation wurde von den Han-Chinesen als Tūjué, ältere Transkriptionen sind T'u-chüeh, Tu-küe oder Tür-küt, bezeichnet. Diese Bezeichnung leitet sich offensichtlich vom Namen Türk ab.Wolfgang-Ekkehart Scharlipp: Die frühen Türken. S. 14.
Die Etymologie der Wörter gök/kök (Bedeutung: Blau oder Himmel) und türk ist unklar und umstritten.Vgl. M. Weiers: Kök-Türken. (PDF; 141 kB) 1998. Einfluss von den verschiedenen iranischsprachigen Völkern Zentralasiens (Skythen) wird jedoch vielfach vermutet, da sich fast alle Titel anscheinend von iranischen Sprachen ableiten lassen.Wolfgang-Ekkehard Scharlipp: „[…] Über die Ethnogenese dieses Stammes ist viel gerätselt worden. Auffallend ist, dass viele zentrale Begriffe iranischen Ursprungs sind. Dies betrifft fast alle Titel. Einige Gelehrte wollen auch die Eigenbezeichnung türk auf einen iranischen Ursprung zurückführen und ihn mit dem Wort Turan, der persischen Bezeichnung für das Land jenseits des Oxus, in Verbindung bringen.“ In: Die frühen Türken in Zentralasien. S. 18. In der westlichen Forschungsliteratur hingegen wird eine Herkunft aus dem alttürkischen Verb für „sprießen, aufkommen, entspringen“ (türe-) vermutet, das mit dem Wort für Brauch, Sitte, Ethos (töre) verwandt ist.Hasan Poor Golmohammad: "İslam Öncesinde Türk-Iran Kültür İlişkileri", Istanbul, 2011 (Dissertation). Seiten 204–209. Auch der Name des führenden Clans (Aschina) war wahrscheinlich aus dem Sakischen entlehnt und bedeutete blau (vgl. alt-türkisch gök = „blau“).Carter Vaughn Findley: “The linguistically non-Turkic name A-shih-na probably comes from of the Iranian languages of Central Asia and means blue […].” In: The Turks in World History. S. 39. Andere Interpretationsversuche deuten diese These als zufällige Ähnlichkeit,Hasan Poor Golmohammad: "İslam Öncesinde Türk-Iran Kültür İlişkileri", Istanbul, 2011 (Dissertation). Seiten 204–209. oder zumindest als volksetymologischen Transkriptionsfehler aus dem Chinesischen.Bernhard Munkácsi, "Die Bedeutung des Namens der Türken", in: Gyula Németh, Kőrösi Csoma-Archivum, Band 1. (1921–1925), H. Lafaire, Leiden Brill, Neuauflage 1967, S. 59 ff.
Die Namen der Reichsgründer, Bumın Kagan und Iştemi, haben eine nichttürkische Etymologie,Carter Vaughn Findley: “[…] The founders of the Türk Empire, Istemi and Bumin, both had non-Turkish names […]. Far from leading to a pure national essence, the search for Turkic origins leads to a multiethnic and multilingual steppe milieu.” In: The Turks in World History. S. 19. aber es scheint auch, dass sich andere Herrschaftsbegriffe wie Kaġan, Şad, Tegin oder Yabgu aus anderen Sprachen ableiten lassen.Peter Zieme: Die Alttürkischen Reiche in der Mongolei. In: Dschingis Khan und seine Erben. Das Weltreich der Mongolen. Sonderband zur Ausstellung 2005/2006, S. 64.
Manche vermuten für das Wort Türk beziehungsweise Türük einen tibetischen Ursprung. Türk oder Türük bedeutete im Alttürkischen wahrscheinlich „Ursprung“ oder „geboren“. Im Tibetischen gibt es das Wort duruk oder dürgü, das ebenfalls „Ursprung“ oder „wir“ bedeutet. Noch heute ist die Selbstbezeichnung mancher tibetobirmanischen Völker Druk.
Nach Josef Matuz reichte die Urheimat der Turkvölker im Norden über den Baikalsee hinaus ins heutige Sibirien, im Westen sei sie von Altai und Sajangebirge, im Osten von den Bergen des Tian Shan und im Süden vom Altungebirge im heutigen Xinjiang umgrenzt gewesen.Josef Matuz: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. 5. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008, S. 9 und 323. Michael Weiers geht davon aus, dass Ende des 3. Jahrhunderts im heutigen Nordchina verschiedene Stämme auftauchten, die er als „Urtürken“ bezeichnete. Um diesen Kern gruppierten sich mehrere andere Stämme. Nach griechischen, persischen und chinesischen Quellen hielten sich folgende bedeutenden Stammesverbände dort auf: Xiongnu oder Hu (so genannte östliche „Hunnen“), die Tab'a, die hunnischen Xia und die türkischen und protomongolischen Rouran.Vgl. M. Weiers: Türken, Protomongolen und Prototibeter im Osten. (PDF; 21 kB) 1998.
Ursprung und Gliederung der frühen Turkvölker Der Ursprung der heutigen Turkvölker, also der ersten Sprecher der sich wesentlich später (zirka 500 v. Chr.) auseinanderentwickelten eigentlichen Turksprachen, ist umstritten. Vermutet wird eine Region zwischen dem östlichen Zentralasien bis in die Mandschurei im nordöstlichen China. Die Mehrheit der Forscher jüngerer Zeit, unter anderem Peter B. Golden und Josef Matuz (vgl. oben) oder die genetischen Untersuchungen von Lee, Kuang et al. (2017), vermuten am wahrscheinlichsten die Region der westlichen und nördlichen Mongolei (Changai-Gebirge und Umgebung) und das angrenzende südliche Tuwa und Süd-Sibirien (begrenzt von Sajangebirge und Baikalsee), als „Urheimat“ der frühen Türken. Genetische sowie linguistische Daten legen nahe, dass sich die Turkvölker in der Folgezeit aus einer hauptsächlich "Nordostasiatischen" Bevölkerung herausentwickelt habe, die genetisch nahe mit den Tuwinern, Mongolen, und Burjaten, als auch anderen Nordostasiatischen Völkern, verwandt war, und anschließend in Kontakt mit Indogermanen (iranischen Völkern) sowie mit Paläosibirischen Völkern stand. Die Verbreitung der Turksprachen nach Zentralasien und Teilen Europas kann demnach durch mehrere Migrationsbewegungen der frühen Türken aus dem Gebiet der heutigen Mongolei erklärt werden. Das schließt als eine der letzten Migrationswellen auch die Eroberungen des Mongolischen Reiches mit ein, welche in Zentralasien und Teilen Europas, mehrheitlich durch verschiedene turksprachige Stämme ausging. Die ehemals iranischsprachigen Völker Zentralasiens gingen in den Turkvölkern auf, und formten eine wichtige Komponente in der Ethnogenese der heutigen Turkvölker. mini|Angenommener Ursprung und frühe Verbreitung der Turkvölker vor ihrer Expansion nach Zentralasien. Im Sinne der linguistischen Verwandtschaft der Turksprachen zu anderen Familien gehen die Meinungen von Historikern und Linguisten weit auseinander. Manche Linguisten befürworten eine Altaische Sprachfamilie (bestehend aus Turksprachen, Mongolische Sprachen und Tungusische Sprachen), welche manchmal auch das Koreanische und Japanische inkludiert. Unter anderem wird die Sprache der Träger der Xinglongwa-Kultur (6200–5400 v. Chr.) entlang des Liao He, als Ursprung einer „transeurasischen Familie“ gesehen, aus welcher sich, allerdings wesentlich später, die Turksprachen entwickelt und verbreitet haben könnten. Weiter argumentierten manche (zumeist ältere) Forscher, dass die Turksprachen Gemeinsamkeiten mit den uralischen Sprachen (heute meist aufgegebene These der ural-altaische Sprachen) haben, und näher zu diesen verwandt seien als zu den postulierten Altaischen Sprachen. Die Mehrheit der Linguisten stehen agnostisch zu diesen Hypothesen, und weisen auf die zu geringe Datenlage hin. Demnach können viele Gemeinsamkeiten auf Sprachkontakt zurückgeführt werden. Laut Uchiyama et al. 2020 deuten linguistische als auch genetische Daten auf eine frühe Urheimat der Turksprachigen-Völker in der östlichen Mongolei hin, in einem Gebiet das frühen Sprachkontakt mit den Mongolischen und Tungusischen Sprachen im Gebiet der heutigen Mandschurei ermögliche. Die spätere Urheimat der Turksprachigen-Völker erstreckte sich anschließend über die gesamte Mongolei bis in das südliche Sibirien, wo es zu Kontakt mit frühen Uralisch- und Jenisseisch-sprachigen Völkern kam, als auch später, in der Bronzezeit, mit Ost-Iranisch-sprachigen Völkern sowie Tocharisch-sprechenden Gruppen. Die frühen Türken betrieben möglicherweise neben ihrer Hauptlebensweise als Viehzüchter eine einfache Form von Agrikultur. Später begannen sie schrittweise eine nomadische Lebensweise anzunehmen, als sie um 2200 v. Chr. in die westliche Mongolei wanderten, aufgrund einer zunehmenden Desertifikation der innerasiatischen Steppe, die die Landwirtschaft erschwerte.