mini|Serbisch kontrollierte Gebiete 1992 bis 1995 mini|Blick auf die zerstörte Innenstadt mit Hotel Holiday-Inn, Parlament und UNIS-Türmen (1996) Die Belagerung der Stadt Sarajevo durch die Armee der bosnischen Serben (VRS), Einheiten der verbliebenen jugoslawischen Bundesarmee und Paramilitärs war eines der zentralen Ereignisse im Bosnienkrieg. Sie folgte der Unabhängigkeitserklärung des Staates Bosnien und Herzegowina mit seiner Hauptstadt Sarajevo von Jugoslawien.
Sie begann mit der Einnahme des internationalen Flughafens im Vorort Ilidža durch die Jugoslawische Volksarmee in der Nacht vom 4. auf den 5. April 1992 und endete am 29. Februar 1996 durch das Eingreifen westlicher Staaten. Bosnische Serben umschlossen und blockierten die Stadt entlang der umgebenden Hügel mit etwa 13.000 Soldaten. Von dort griffen sie mit Artillerie, Panzern, Handwaffen und im Durchschnitt 300 Granaten pro Tag an, mindestens 500.000 Bomben gingen auf die Stadt nieder. Sie war mit 1425 Tagen die längste Belagerung im 20. Jahrhundert. Die Luftbrücke, die zur Versorgung von Hunderttausenden eingeschlossenen Menschen aufrechterhalten wurde, dauerte länger als die Berliner Luftbrücke.
Während der Belagerung wurden nach Schätzungen etwa 11.000 Menschen (darunter 1600 Kinder) getötet und 56.000 teilweise schwer verletzt. abgerufen am 15. März 2011
Verlauf Konfliktbeginn Von serbischer Seite wird der 1. März 1992 oftmals als Beginn der Kämpfe in Sarajevo genannt. An diesem Tag schoss der bosnische Soldat Ramiz Delalić auf eine Hochzeitsgesellschaft im historischen Stadtteil Baščaršija, tötete den 55-jährigen Serben Nikola Gardović und verletzte einen Priester. Delalić wurde nach der Tat nicht verhaftet, sondern erhielt später den Oberbefehl über die 9. Brigade der bosnischen Armee. Erst im Jahre 2004 wurde er des Mordes angeklagt, jedoch kam es zu keinem Urteil, da Delalić am 27. Juni 2007 vor seiner Wohnung von unbekannten Tätern ermordet wurde. srebrenica-project.com, 7. Januar 2009
Aus bosnischer Sicht ist es offiziell der 5. April 1992, an dem Heckenschützen aus dem Kovačići-Distrikt auf eine Demonstrantenmenge auf der Vrbanja-Brücke schossen und dabei die 25-jährige bosnisch-muslimische Medizinstudentin Suada Dilberović und die 34-jährige Kroatin Olga Sučić töteten. Die Brücke, auf der beide getötet wurden, trägt inzwischen ihre Namen. Die beiden Frauen waren mit anderen Demonstranten zu einer Friedensdemonstration auf dem Vorplatz des Parlaments unterwegs. Auf der Brücke starb noch ein weiterer Demonstrant, vier wurden verletzt. Kurz darauf (14:00 Uhr) eröffneten Scharfschützen aus dem oberhalb gelegenen Viertel Vraca das Feuer auf die westlich anschließende Brücke (heute Hamdije Čemerlića Brücke), wobei ein Zivilist so schwer verletzt wurde, dass er später im Krankenhaus verstarb. Die Demonstranten ließen sich dadurch nicht beirren, drangen in das Parlamentsgebäude ein und erklärten es zum „Offenen Volksparlament“. Im Laufe des Nachmittags strömten immer mehr Einwohner zur Friedensdemonstration und hielten das Parlament in der Nacht besetzt, weswegen Radovan Karadžić am 6. April die Sperrung einiger Stadtteile befahl. Als Karadžić Informationen erhielt, dass die versammelte Menge einen Friedensmarsch in den serbisch dominierten Stadtteil Vraca in Betracht zog, drohte er im Falle des Betretens „serbischen Territoriums“ mit weiterem Schusswaffengebrauch. Obwohl es zu dem Marsch nach Vraca nicht kam, eröffneten gegen 14 Uhr Scharfschützen aus dem gegenüber dem Parlament gelegenen Hotel Holiday Inn das Feuer auf die Friedensdemonstration und verletzten sieben Personen. Das Holiday Inn war zu diesem Zeitpunkt das Hauptquartier von Karadžićs Serbischer Demokratischer Partei. Als die bosnische Polizei damit begann, mehrere im Hotel angetroffene bewaffnete Serben festzunehmen, stürmten serbische Paramilitärs die Polizeiakademie der Stadt, nahmen mehrere Geiseln und erzwangen die Freilassung der mutmaßlichen Täter.Gustav Chalupa: Krieg und Medien auf dem Balkan. S. 150
Bis Anfang April 1992 hatten Verbände der jugoslawischen Bundesarmee auf den Höhenzügen um die Stadt hunderte Artilleriegeschütze, Panzer und Mörser zusammengezogen. Im April 1992 forderte die bosnische Regierung den Rückzug dieser Truppen. Die Regierung Milošević sagte den Rückzug der nicht-bosnisch-herzegowinischen Kämpfer zu, einer eher unbedeutenden Zahl. Die bosnisch-serbischen Einheiten der jugoslawischen Bundesarmee wurden der Armee der Republika Srpska zugeschlagen, die ihre Unabhängigkeit von Bosnien und Herzegowina nur wenige Tage nach der Unabhängigkeitserklärung Bosnien und Herzegowinas ausgerufen hatte. Der kroatische Präsident Franjo Tuđman hingegen ließ weiterhin kroatische Verteidigungskräfte (Hrvatsko vijeće obrane) auf Seiten der bosnisch-herzegowinischen Kroaten stationieren.
Das 4. Korps der Bundesarmee, das sich in den umliegenden Hügeln der Stadt zusammengezogen hatte, wurde zum Sarajevo-Romanija Korps der Armee der Republika Srpska. Das Sarajevo-Romanija Korps übernahm sämtliche schweren Waffen des 4. Korps und wurde durch die Eingliederung von Paramilitärs aus serbisch kontrolliertem Gebiet wieder auf Sollstärke gebracht. Zudem hatten Truppen der Bundesarmee in der Nacht vom 4. auf den 5. April 1992 den Internationalen Flughafen übernommen und ihn an die serbischen Truppen übergeben. Somit war Sarajevo von serbischen Truppen eingeschlossen.Robert J. Donia Sarajevo: A Biography. S. 297 Short historical overwiev.
Blockade und Belagerung der Stadt mini|Karte der Angriffe vom 2. Mai 1992 mini|Der am stärksten zerstörte Stadtteil Grbavica Am 2. Mai 1992 verhängten die bosnisch-serbischen Einheiten eine offizielle Blockade über den unter Kontrolle der Regierung stehenden Teil Sarajevos. Die Hauptausfallstraßen in die Innenstadt wurden gesperrt und eine Versorgung der Stadt damit unterbunden. Die Wasser- und Elektrizitätsversorgung wurde gekappt. An Bewaffnung und Zahl waren die serbischen Kämpfer rund um den von den Regierungstruppen kontrollierten Teil Sarajevos den Verteidigern weit überlegen. Dennoch wurde das Ziel, die Stadt zu erobern, nicht erreicht.
Das zweite Halbjahr 1992 und die erste Jahreshälfte 1993 bildeten den Höhepunkt der Belagerung Sarajevos. Es fanden heftige militärische Auseinandersetzungen statt. Unterdessen hatten einige serbische Einwohner der Stadt mit der offenen Unterstützung der Belagerer begonnen. Die wichtigsten Verteidigungsanlagen und Waffendepots der Stadt waren in serbischer Hand. Etliche Stadtviertel mit einem hohen serbischen Bevölkerungsanteil, wie Novo Sarajevo, wurden durch serbische Verbände eingenommen.
Zu dieser Zeit wurden viele Zivilgebäude angegriffen. Berichten zufolge waren im September 1993 35.000 Gebäude in ganz Sarajevo zerstört und nahezu alle restlichen mehr oder weniger beschädigt, darunter Krankenhäuser, Medien- und Nachrichtenzentren, Industrieanlagen, Regierungsgebäude, Kasernen und Stützpunkte der Vereinten Nationen. Zu den wichtigeren dieser Gebäude zählte der Präsidentensitz Bosnien-Herzegowinas und die Nationalbibliothek mit tausenden unersetzlichen Werken, die am 25. August 1992 nach gezieltem Beschuss niederbrannte.
Der Beschuss der Stadt kostete viele Menschenleben. Bei einzelnen Beschießungen wurden jeweils Dutzende getötet und Hunderte verletzt. Die Belagerer beklagten sich bei den UN-Behörden, dass sie von der Stadt aus beschossen worden seien und aus diesem Grunde das Feuer erwidert hätten.
Der 800 Meter lange Sarajevo-Tunnel wurde Mitte 1993 fertiggestellt. Er ermöglichte es Menschen (z. B. Verletzten), die eingeschlossene Stadt zu verlassen, sowie die Versorgung mit Lebensmitteln, Medikamenten und Waffen.
Gefangennahme des Präsidenten und Angriff auf abziehende JNA-Truppe Der bosnische Staatspräsident Alija Izetbegović befand sich am 2. Mai 1992 auf der Rückreise von Friedensgesprächen mit der Europäischen Gemeinschaft in Lissabon, als er zusammen mit seiner Tochter und seinem Leibwächter am Flughafen Sarajevo von bosnisch-serbischen Truppen gefangen genommen und in die Kaserne der Bundesarmee im serbisch besetzten Lukavica verbracht wurde. Der Befehl dazu war vom Kommandanten der Bundesarmee in Bosnien, General Milutin Kukanjac, erteilt worden, der sich zu diesem Zeitpunkt mit etwa 270 Mann im Hauptquartier der Bundesarmee im Stadtzentrum befand und von bosnischen Regierungstruppen belagert wurde.
In einem im Fernsehen übertragenen Telefongespräch zwischen General Kukanjac, Präsident Izetbegović und dem bosnischen Vizepräsidenten Ejup Ganić forderte General Kukanjac für sich und seine Männer einen freien Abzug aus Sarajevo unter UN-Schutz. Der Präsident werde bis dahin zu seiner eigenen Sicherheit festgehalten. Izetbegović beauftragte Ganić bis auf Weiteres mit den Regierungsgeschäften und gab sein Einverständnis für den Abzug des Generals. Der Abzug seiner Männer sollte zu späterem Zeitpunkt nachverhandelt werden. Ganić war völlig außer sich über die Gefangennahme des Präsidenten und forderte dessen sofortige Freilassung.
Mit Hilfe der UNO wurde am nächsten Morgen eine Vereinbarung getroffen; Präsident Izetbegović sollte in einem UN-Konvoi von der Kaserne in Lukavica durch das serbisch kontrollierte Gebiet und vorbei an den bosniakischen Truppen auf das Gelände des Armee-Hauptquartiers im Stadtzentrum gebracht werden, wo General Kukanjac zusteigen sollte. Der Präsident und der General sollten anschließend bis an die Frontlinie beim bosnischen Präsidium gebracht und dort von ihren eigenen Truppen in Empfang genommen werden.
Doch nachdem der UN-Konvoi im Armee-Hauptquartier eingetroffen war, forderte Kukanjac plötzlich den Abzug aller Soldaten des Hauptquartiers sowie die Mitnahme ihrer Ausrüstung, Waffen und Akten. UNO-Kommandant Lewis MacKenzie war jedoch nur auf den sicheren Transport einzelner Personen vorbereitet, weshalb vor Ort nachverhandelt wurde. Schließlich wurde vereinbart, dass die Soldaten der Bundesarmee in ihren Fahrzeugen den gepanzerten UN-Fahrzeugen folgen sollten. Izetbegović und der Kommandant der bosniakischen Streitkräfte Sefer Halilović, sagten ihren Schutz zu.
Doch schon kurz nach der Abfahrt wurde der Konvoi vollständig von bosniakischen Truppen umzingelt und zum Stehen gebracht. Die Kampftruppen (1. Korps) unter Jovan Divjak wussten angeblich aufgrund von Kommunikationsproblemen noch nichts von den Neuverhandlungen und weigerten sich, jene Personen abziehen zu lassen, die am Vortag den Angriff auf Sarajevo befohlen und geleitet hatten. Die bosnisch-serbischen Soldaten in ihren Fahrzeugen wurden gezwungen, ihre Waffen und Ausrüstungsgegenstände abzugeben, vereinzelt kam es zu tätlichen Übergriffen und Morden. Die bosniakischen Kommandeure vor Ort hatten Schwierigkeiten, die Übergriffe ihrer Männer zu unterbinden. Kommandant Divjak versuchte vor laufender Kamera etwa eine halbe Stunde lang per Funkgerät und Lautsprecher, die Übergriffe der bosniakischen Truppen zu stoppen und den Konvoi wieder in Bewegung zu setzen, was ihm schließlich auch gelang. Der Präsident und der General wurden daraufhin in Sicherheit gebracht und von ihren Truppen in Empfang genommen.Radha Kumar: Divide and Fall – Bosnia in the annals of partition. S. 54Jeanne M. Haskin: Bosnia and beyond. S. 65
Heckenschützen mini|Norwegischer UN-Schützenpanzer im Dezember 1995 auf der Zmaja od Bosne („Sniper Alley“, Gebäudeecke ganz rechts das Historische Museum), im Hintergrund das ausgebrannte Parlamentsgebäude mini|Sogenannte Sniper Alley in Sarajevo