mini|Simon Stevin mini|Statue von Stevin von Eugène Simonis auf dem Stevinplatz in Brügge mini|Segelwagen von Stevin für Prinz Moritz von Oranien mini|Oeuvres mathematiques, 1634 Simon Stevin (latinisiert Simon Stevinus; * 1548/49 in Brügge (Flandern); † 1620 in Den Haag) war ein flämischer Mathematiker, Physiker und Ingenieur.
Leben Stevin war der uneheliche Sohn von Antheunis Stevin und Cathelijne van de Poort, wohlhabende Bürger aus Brügge. Nur wenige Details seiner Biografie lassen sich gesichert nachweisen.
Ein paar Hinweise in seinem Werk besagen, dass er als kaufmännischer Angestellter (Buchhalter) in Brügge und Antwerpen begann, dass er zwischen 1571 und 1577 nach Polen, Dänemark, Norwegen und andere Länder Nordeuropas reiste.
Seit 1581 hielt sich Stevin in Leiden auf. Am 16. Februar 1683 immatrikulierte er sich als „Simon Stevinus brugensis“ an der Universität Leiden.Eduard Jan Dijksterhuis: Simon Stevin. Science in the Netherlands around 1600. Martinus Nijhoff, Den Haag 1970, S. 5.
Am 10. April 1616 heiratete er Catherine Cray († 1672), mit der er vier Kinder hatte, darunter Hendrik Stevin (1614–1668).Eduard Jan Dijksterhuis: Simon Stevin. Science in the Netherlands around 1600. Martinus Nijhoff, Den Haag 1970, S. 11.
Stevin starb zwischen dem 20. Februar und dem 18. April 1620, wahrscheinlich in Den Haag.Eduard Jan Dijksterhuis: Simon Stevin. Science in the Netherlands around 1600. Martinus Nijhoff, Den Haag 1970, S. 12.
Wirken Mathematik Problemata geometrica (1583): Polyeder In Problemata geometrica (1583) beschäftigte er sich unter anderem damit, wie man regelmäßige und unregelmäßige Polyeder modellieren kann, indem man sie auf die Ebene abwickelt.
De thiende (1585): Dezimalbrüche Stevins größter Erfolg war unbestritten ein kleines Lehrbuch mit dem Titel De thiende („Das Zehntel“), das erstmals 1585 auf Holländisch veröffentlicht wurde.Helmuth Gericke, Kurt Vogel: De Thiende von Simon Stevin. Das erste Lehrbuch der Dezimalbruchrechnung nach der holländischen und der französischen Ausgabe von 1585. (= Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften Neue Folge, Band 1). Akademische Verlagsgesellschaft, Frankfurt am Main 1965. De thiende wurde ins Französische (1585, von Stevin), Englische (1608) und Deutsche (1965) übersetzt.
Die Titelseite des Lehrbuches trägt die Beschriftung: „DE THIENDE welche lehrt, mit unerhörter Leichtigkeit alle Rechnungen, die unter den Menschen nötig werden, durch Zahlen ohne Brüche zu erledigen. Beschrieben von Simon Stevin aus Brügge. Zu Leyden bei Christoffel Plantijn. M. D. LXXXV.“ Das eigentliche Buch beginnt mit einer Vorrede, in welche Stevin „[d]en Astronomen, Landmessern, Tuchmessern, Weinmessern, Stereometern im allgemeinen, Münzmeistern und allen Kaufleuten […] Glück [wünscht].“ Der Hauptteil fasst eine Inhaltsangabe, welcher zu entnehmen ist, dass „De Thiende“ zweiteilig aufgebaut ist. Der erste Teil erklärt die Idee hinter der neuen Zahlendarstellung, der zweite erläutert das Rechnen mit den neuartigen Zahlen anhand der vier Grundrechenarten und zwei Anmerkungen. Letztgenannte beinhalten Hinweise auf den Umgang mit dem Fall, dass der Dividend beim Teilen kleiner als der Divisor ist und auf das Wurzelziehen.
Stevin schrieb kleine Kreise um die Exponenten der verschiedenen Potenzen der Zehntel. Den Dezimalbruch 184,54290 notierte er als 184⓪5①4②2③9④0. Die Tatsache, dass Stevin diese eingekreisten Zahlen benutzte, um Exponenten darzustellen, ist offensichtlich, weil er dieselben Zeichen für die Potenzen von algebraischen Größen verwandte. Er vermied nicht einmal gebrochene Exponenten, und er kannte nur negative Exponenten nicht.
Physik
Stevin unterschied auch das stabile vom instabilen Gleichgewicht. Er bewies mit dem Stevinschen Gedankenexperiment das Gesetz vom Gleichgewicht auf einer schiefen Ebene. Er zeigte vor Pierre de Varignon die Auflösung von Kräften, was vorher noch nicht erkannt worden war, obwohl es eigentlich eine einfache Folge des Gesetzes ihrer Zusammensetzung ist (Kräfteparallelogramm und Virtuelle Verschiebung).
Stevin entdeckte das hydrostatische Paradoxon, nach dem der Druck am Boden einer Flüssigkeit unabhängig von der Form des Behälters ist und nur von der Wasserstandshöhe über dem Boden abhängt.
Er gab auch das Maß des Druckes auf eine beliebige Stelle der Wand eines Behälters an und erklärte, weshalb Flüssigkeiten in kommunizierenden Röhren einen gleichmäßigen Wasserstand haben.
Stevin war ein Befürworter des Kopernikanischen Systems, das er in seinem Buch De Hemelloop darstellte. 1590 stellte er die These auf, dass die Gezeiten durch die Anziehung des Mondes zu erklären sind.
1586 demonstrierte er, dass zwei Objekte mit verschiedenem Gewicht mit derselben Geschwindigkeit zu Boden fallen, was üblicherweise als Erkenntnis von Galileo Galilei gilt, aber auch schon von Physikern vor Galilei erkannt wurde (im Fall von Stevin kam der Einfluss indirekt über Giovanni Battista Benedetti).
Festungen Stevin stand seit ungefähr 1593 in den Diensten des Prinzen Moritz von Oranien. 1599 erhielt Stevin den Auftrag, eine „instructie“ zur Gründung einer Ingenieurschule zu entwerfen, die mit der Universität Leiden verbunden sein sollte und die dann auch eröffnet wurde.Jürgen Soenke: Johan van Rijswijck und Johan van Valckenburgh – Die Befestigung deutscher Städte und Residenzen 1600–1625 durch holländische Ingenieuroffiziere. Mitteilungen des Mindener Geschichtsvereins, Jahrgang 46 (1974), S. 9–39. Dafür schrieb er 1594 ein Lehrbuch (De sterctenbouwing), das allgemein von den holländischen Festungsingenieuren benutzt wurde. Er war häufig Berater bei Befestigungen als unter Moritz von Oranien ein ganzer Ring von Festungen in den Niederlanden angelegt wurde, die eigentliche Ingenieursarbeit führten aber andere aus (wie Adriaan Anthonisz, David van Orliens, Johan van Rijswijck, Johan van Valckenburgh, Samuel Marolois).
Er war der Erfinder der Verteidigung durch ein System von Schleusen, was sich für die Niederlande als von höchster Wichtigkeit erwies.
Philosophie der Wissenschaften / Wortschöpfungen (Neologismen)
Eine andere Idee von Stevin, für die ihm Hugo Grotius große Zustimmung erteilte, war seine Theorie eines vergangenen Zeitalters der Weisheit. Das anzustrebende Ziel ist die Hervorbringung eines zweiten Zeitalters der Weisheit, in dem die Menschheit alle ihre früheren Kenntnisse wiederentdeckt. - Seine Landsleute waren stolz darauf, dass er in ihrem eigenen Dialekt schrieb, den er für eine universelle Sprache geeignet hielt, weil keine andere über so viele einsilbige Wortstämme verfügt.
Stevin hielt Niederländisch für eine ausgezeichnete Sprache für das wissenschaftliche Schreiben, und er übersetzte viele mathematische Ausdrücke ins Niederländische. Als Folge davon ist Niederländisch die einzige westeuropäische Sprache, die viele mathematische Ausdrücke enthält, die nicht vom Lateinischen (bzw. Griechischen) abstammen. So kam es zum Beispiel, dass „wiskunde“ im Niederländischen das Wort für Mathematik ist.
Die Worte, die er erfand, entwickelten sich: 'aftrekken' (abziehen) und 'delen' (teilen) blieben gleich, aber im Laufe der Zeit wurde aus 'menigvuldigen' (multiplizieren) 'vermenigvuldigen' (das hinzugefügte 'ver' hat keine Bedeutung), und aus 'vergaderen' (addieren) wurde 'optellen'. Das Wort 'zomenigmaal' (wörtlich 'so viele Male') wurde im modernen Niederländisch zu dem wohl weniger poetischen Quotient.
Entdeckungen und Erfindungen: der Segelwagen, Windmühlen Seine Zeitgenossen waren besonders beeindruckt von seiner Erfindung eines Segelwagen, von dem ein kleines Modell in Scheveningen bis 1802 aufbewahrt wurde. Das Fahrzeug war lange zuvor verloren gegangen, aber man weiß, dass Stevin es ungefähr im Jahr 1600 mit Prinz Moritz von Oranien und 26 anderen an der Küste von Scheveningen und Petten benutzte, dass es allein vom Wind angetrieben wurde und dass es eine Geschwindigkeit erreichte, welche die von Pferden überstieg.
Stevin verbesserte die zur Entwässerung des Landes eingesetzten Windmühlen und es existieren von Stevin eine Reihe von Patenten, die ihn wohlhabend machten. Er schrieb eine Abhandlung über Windmühlen (Vande molens), die 1884 postum veröffentlicht wurde.
Buchhaltung
Die doppelte Buchführung könnte Stevin als kaufmännischer Angestellter in Antwerpen praktisch kennengelernt haben oder durch die Werke von italienischen Autoren wie Luca Pacioli und Gerolamo Cardano. Jedenfalls war er der erste, der die Anwendung von unpersönlichen Konten im nationalen Staatshaushalt empfahl. Er praktizierte das für Prinz Moritz und empfahl es dem französischen Staatsmann Sully.
Vande spiegeling der singconst (1884, postum): Musiktheorie
In seiner 1884 postum herausgegebenen Schrift Vande spiegeling der singconst formulierte Stevin eine polemische Antithese gegen Euklids Tonsystemtheorie, der die Unteilbarkeit vieler musikalischer Intervalle wie Oktave, Quinte, Quarte und Ganzton aufgrund ihrer Irrationalität behauptete. Stevin erklärte das Irrationale für rational, weil er in der Lage war, mit seinen Dezimalzahlen auch die Wurzeln der Proportionen besagter Intervalle zu definieren. Er ging in seiner Tonsystemtheorie von beliebigen Wurzeln der Oktav-Proportion 2 aus und definierte die zwölfstufige Lautenstimmung über Potenzen der zwölften Wurzel aus 2, die er dann durch Dezimalbrüche gut näherte. Das entspricht einer Umrechnung der additiven Intervalle nach Aristoxenos in die multiplikativen Proportionen mit einer Exponentialfunktion zur Basis 2. Er verwarf die übliche Interpretation als temperiertes Tonsystem, weil er die pythagoreische Stimmung der Konsonanzen nicht als wahr ansah, sondern seine Wurzelwerte als wahre Werte betrachtete.
Ehrungen In Brügge gibt es einen Simon-Stevin-Platz mit einer Statue von ihm, die 1846 von Louis-Eugène Simonis (1810–1893) geschaffen wurde.
Der Mondkrater Stevinus und der Asteroid (2831) Stevin sind nach ihm benannt. Die Stevinsluizen, ein Tidesperrwerk im Abschlussdeich des IJsselmeers, wurden ebenfalls zu Ehren von Stevin benannt.
Das 2012 in Dienst gestellte Forschungsschiff Simon Stevin ist ebenfalls nach ihm benannt.
Schriften (Auswahl) mini|Titelseite De thiende (1585) Nieuwe inventie van rekeninghe van compaignie. Aelbert Hendricsz, Delft 1581 – als Simon Stephanus. Tafelen van interest, midtgaders de constructie der selver. Christoffel Plantijn, Antwerpen 1582 (Digitalisat). Barent Adriaensz, Amsterdam 1590. La regle d’interest avec ses table calculees. In: La pratique d’arithmétique. Christoffel Plantijn, Leiden 1585, S. 49–131 (Digitalisat). La regle d’interest avec ses table calculees. In: L’arithmétique […]. Christoffel Plantijn, Leiden 1585, S. 49–131 (Digitalisat). Problematum geometricorum […] libri V. Joannes Bellerus, Antwerpen (Digitalisat). Dialectike ofte bewysconst. Leerende van allen saecken recht ende constelick oirdeelen […]. Christoffel Plantijn, Leiden 1585 (Digitalisat). Jan van Waesberge, Rotterdam 1621 (Digitalisat). De thiende. Leerende door onghehoorde lichticheyt allen rekeningen onder den menschen noodig vallende, afveerdighen door heele ghetalen sonder ghebrokenen. Christoffel Plantijn, Leiden 1585 (Digitalisat). Jan van Waesberge, Rotterdam 1621. Pieter Rammazeyn, Gouda 1626. La disme. In: La pratique d’arithmétique. Christoffel Plantijn, Leiden 1585, S. 132–160 (Digitalisat). La disme. In: L’arithmétique […]. Christoffel Plantijn, Leiden 1585, S. 132–160 (Digitalisat). Disme: the art of tenths, or decimall arithmetike teaching how to perform all computations whatsoeuer, by whole numbers without fractions, by the foure principles of common arithmeticke: namely addition, subtraction, multiplication, and diuision. Hugh Astley, London 1608 (Volltext, Digitalisat) – übersetzt von Robert Norton.