Die mexikanische Literatur ist die spanischsprachige Literatur Mexikos und als solche Teil der hispanoamerikanischen Literatur. Sie ist eine der umfangreichsten, profiliertesten und nicht erst seit der Verleihung des Nobelpreises 1990 an Octavio Paz international bekanntesten Literaturen Lateinamerikas. Vor dem Hintergrund der extremen gesellschaftlichen Diversität Mexikos ist sie durch zahlreiche philosophisch-kulturelle Kontroversen, eine schwierige Suche nach Identität der multiethnischen Gesellschaft und durch die von der Kolonialzeit bis heute immer wiederkehrenden Forderungen nach Gerechtigkeit und Wiedergutmachung geprägt.Gerhard Kruip: Kirche und Gesellschaft im Prozeß ethisch historischer Selbstverständigung. Die mexikanische Kontroverse um die ‚Entdeckung Amerikas’. Münster: Lit Verlag 1996 (= Schriften des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster 34), S. 325.
In den Vereinigten Staaten gibt es seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine Literatur von mexikanischen Immigranten in spanischer Sprache, die sog. Chicano-Literatur, die nicht Gegenstand dieses Artikels ist.
Vorkolumbianische Literaturen Die bilderschriftliche Hinterlassenschaft der vorkolumbianischen Kulturen Mexikos in Form von Wandmalereien und weniger Codizes wurde außer von einigen Klerikern, die die Reste vor der Inquisition retteten, lange Zeit ignoriert. Die aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. stammenden Glyphen der Olmeken sind bis heute nicht entziffert. Die reich bebilderten schriftlosen Aztekencodices wurden nach der spanischen Eroberung weiterangefertigt, dann mit spanischen Texten. mini|Chilam Balam Ixil, ausgestellt in Mexiko-Stadt Die Maya verfügten offenbar über Chroniken in Hieroglyphenschrift, die über die Geschichte der jeweiligen Stadtstaaten berichteten. Der größte Teil der Maya-Literatur und der Bilderschriften wurde von der spanischen Inquisition unter Diego de Landa zerstört. Heute geben vor allem Popol Vuh (Buch des Rates) und Chilam Balam (Prophet Jaguar), die erst zur Zeit der spanischen Kolonisation seit dem 16. Jahrhundert in den Sprachen der Quiché in Guatemala bzw. der Maya Yucatáns mit lateinischen Buchstaben aufgezeichnet wurde, Aufschluss über die Mythologie und Geschichte der Maya. Teilweise enthalten sie aber auch Material aus europäischen Quellen. Zur Maya-Literatur zählen auch ausdrucksvolle Tanzdramen und -gesänge, die in Quiché überliefert wurden.
Bei verschiedenen in der klassischen Sprache der Azteken, dem Nahuatl, aus der Zeit nach der spanischen Eroberung überlieferten Texten ist unklar, inwieweit die Bearbeitung durch Missionare den ursprünglichen Charakter verfälscht hat und ob sie ursprünglich den Charakter von in metrischem Stil verfassten (Helden-)Epen oder Sagas trugen. Dazu gehören die als Manuskript überlieferten Annalen von Tlatelolco von 1558, die Crónica Mexicayotl,Ronald A. Barnett: Mesoamerican epic poetry and saga: A survey. Online in: mexconnect.com 2014, Abruf am 31. Oktober 2015 die von Fray Bernardino de Sahagún zwischen 1558 und 1560 erstellte Sammlung mit 20 rituellen Gedichten sowie die Cantares mexicanos, die erst 1906 publiziert wurden.John Bierhorst: Cantares Mexicanos. In: Davíd Carrasco (Hrsg.): The Oxford Encyclopedia of Mesoamerican Cultures. Vol. 1. Oxford University Press, New York 2001.
Bei Gesang und Poesie (cuicatl) werden u. a. Hymnen an die Götter, Kriegsgesänge oder Frühlingsgesänge unterschieden. Zur überlieferten Prosa gehören huehuetlatolli (Reden und Ermahnungen der Alten) sowie teotlatolli (Göttergeschichten) und itolloca (Chroniken). Die Lyrik erreicht einen Höhepunkt in den mündlich überlieferten, von Spaniern in Nahuatl niedergeschriebenen Gesängen des chichimekischen Dichterkönigs Nezahualcóyotl. Erst im 20. Jahrhundert ließen sich moderne Autoren wieder vom Erbe der Azteken anregen.Michael Rössner (Hrsg.): Lateinamerikanische Literaturgeschichte. 2., erw. Auflage, Stuttgart/Weimar 2002, S. 21 f.Hermann Trimborn: Die altamerikanischen Literaturen. In: Walter Jens (Hrsg.): Kindlers Neues Literatur-Lexikon. München 1996, Band 20, S. 57 f.
Kolonialzeit Zu den Anfängen der Literatur im Vizekönigreich Neuspanien siehe auch Anfänge der lateinamerikanischen Literatur Schon 1539 wurden in Mexiko das erste Buch gedruckt. Es handelte sich um ein geistliches Werk des ersten mexikanischen Bischofs Juan de Zumárraga. Die dominierende Literaturform der Kolonialzeit war die Chronik, die erst vom investigativen mexikanischen Journalismus des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt und genutzt wurde. Bernal Díaz del Castillo (1492–1550), der als Fußsoldat unter Hernán Cortés an der Eroberung der aztekischen Hauptstadt Tenochtitlán teilgenommen hatte, verfasste 1568 einen Bericht über die Eroberung, der sich kritisch mit den Ansprüchen Cortes’ und seiner Politik den Indios gegenüber auseinandersetzte, aber erst Jahrzehnte später gedruckt wurde.
mini|hochkant|Seite 51 des IX. Buchs des in Nahuatl verfassten und in lateinischer Schrift geschriebenen Codex Florentinus von Bernardino de Sahagún 1569 stellte der Mönch Bernardino de Sahagún in der „Historia general de las cosas de Nueva España“ die Kultur und Geschichte sowie Sprüche und Hymnen der Nahuatl sprechenden Indios dar.Rössner 1996, S. 41. Das große Versepos „El Bernardo o Victoria de Roncesvalles“, verfasst von dem Theologen und Kronrichter Bernardo de Balbuena, ist mit 5000 Oktaven (Strophen zu je 8 Versen) ein komplexes Beispiel des Ritter- und Heldenepos des späten 16. Jahrhunderts. Balbuena begründete auch das Genre des Schäferromans in Mexiko.
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts fanden mestizische Themen immer häufiger Eingang in die Literatur des teils exaltierten, teils pessimistischen barroco de indias (so der Venezolaner Mariano Picón Salas).Mariano Picón Salas: De la conquista a la indepencia: Tres siglas de historia cultural hispanoamericana. 4. Aufl. University of California 2019 (zuerst 1944). Der mestizischen Chronist und Verwaltungsbeamte Fernando de Alva Ixtlilxóchitl gibt in seiner zwischen 1615 und 1650 entstandenen Historia de la Nación ChichimecaHistoria chichimeca (Online, spanisch) eine umfangreiche Darstellung der Geschichte der Chichimeken, die dem Aufbau der Bibel angepasst ist. So präsentiert er eine indianische Schöpfungsgeschichte, eine indianische Sintflut, eine babylonische Sprachverwirrung der Tolteken und Chichimeken und setzt seinen Vorfahren Nezahualcóyotl mit Karl dem Großen gleich. Es handelt sich dabei um die umfangreichste, dabei in elegantem Spanisch verfasste Darstellung der Vorgeschichte der Chichimeken bis zur Ankunft der Spanier und den Unterwerfungskriegen, deren Ende nicht erhalten ist. Sogar Einflüsse spanischer Romanzen der Cid-Thematik sind spürbar.Rössner 2002, S. 23.
mini|hochkant|Carlos de Siguenza y Gongora Im 17. Jahrhundert entwickelte sich in Mexiko aus den pittoresken Inszenierungen, die zunächst der Missionierung der Indios dienten, ein eigenes Theaterleben. Juan Ruiz de Alarcón (1580/1581–1639) ging 1614 nach Spanien und schrieb dort erfolgreiche Sittenkomödien, heroische und Intrigenstücke in der Tradition Lope de Vegas. Sor Juana Inés de la Cruz verfasste schon als Jugendliche am Hof der Vizekönigin von Neuspanien, später als Nonne in einem liberalen Kloster weltliche und geistliche Gedichte sowie Dramen im Stil des Culturalismo, der mit seinen zahlreichen Manierismen und mythologischen Anspielungen und Figuren Gelehrsamkeit demonstrierteDas Gegenstück zum Conceptismo, dem scharfsinnig-lakonischen Stil mit überraschenden Pointen, zwei Hauptströmungen des spanischen Barock. Rössner 1996, S. 42. und damit gegen das Gebot verstieß, sich nur mit geistlichen Dingen zu beschäftigen. Der mit ihr befreundete Mathematiker, Naturwissenschaftler und Historiker Carlos de Sigüenza y Góngora kann als Vorläufer der Aufklärung und Bekämpfer des Aberglaubens gelten. Er lernte Nahuatl, forschte über die Frühgeschichte der Azteken, berichtete über die Hungerrevolte der Indios 1692 und trug zur Entwicklung eines mexikanischen (kreolischen) Nationalismus bei. Der Franziskaner Agustín de Vetancurt (1620–1700), dessen Arbeit von Carlos de Sigüenza y Góngora unterstützt wurde, war nicht nur Chronist seines Ordens und Erforscher des Nahuatl, sondern Historiker und Überlieferer vieler indigener Traditionen. mini|hochkant|José Joaquín Fernández de Lizardi Im 18. Jahrhundert kam es mit dem Niedergang der spanischen Scholastik, die mit ihrer Kolonialethik bis ins 19. Jahrhundert nachwirkte, zu einer intellektuellen Stagnation im Vizekönigreich, die auch durch die aufgeklärten Reformen unter Karl III. nicht überwunden wurde. Die Ziele der erst gegen Ende des Jahrhunderts rezipierten katholischen Aufklärung vertrat der sozial- und kolonialismuskritische Schriftsteller, Journalist und Herausgeber mehrerer Zeitschriften, der „mexikanische Voltaire“Jim Tuck: Mexico's Voltaire: Jose Joaquin Fernandez de Lizardi (1776-1827). auf: mexconnect.com, 1999, Abruf am 31. Oktober 2015 José Joaquín Fernández de Lizardi (1776–1827), der zum ersten Berufsschriftsteller Mexikos wurde. Neben Theaterstücken und Fabeln schrieb er mit seinem vierbändigen Werk Periquillo Sarniento (1816–1830) eine Kritik der Kolonialbürokratie in Form eines Schelmenromans – eine in Spanien bereits ausgestorbene Gattung. Dieser erste große Roman des Kontinents verbindet die barocke spanische Tradition mit philosophischen Gedanken und Elementen des Erziehungsromans der Aufklärung und der Ständesatire. Sein Held, ein Ich-Erzähler, dient in der Strafkompanie in Manila; er gibt die Institutionen nicht nur der Lächerlichkeit preis, sondern macht auch Verbesserungsvorschläge bis hin zur Kleinkinderernährung. Spätere Werke Lizardis erreichten nicht mehr das Niveau seines Hauptwerks. Wegen seiner Ablehnung der Sklaverei und Angriffe auf den Vizekönig geriet er in Konflikte mit der Zensur und wurde zeitweise inhaftiert; doch auch nach der Unabhängigkeit 1821 wurde er als Föderalist und Freimaurer verfolgt.Michael Rössner (Hrsg.): Lateinamerikanische Literaturgeschichte. 2. Auflage, 2002, S. 112 ff.
Die Zeit nach der Unabhängigkeit und die Wirren des 19. Jahrhunderts Staatsgründung und Identitätssuche Die Zeit während und nach dem Kampf um Mexikos Unabhängigkeit war sowohl bei den Anhängern des Verbleibs bei Spanien als auch bei den mexikanischen Nationalisten durch die enge Verbindung von Dichtung, Publizistik und praktisch-politischer Tätigkeit der Autoren gekennzeichnet, so z. B. bei Agustín Pomposo Fernández und dessen auf der politischen Gegenseite stehenden Schüler Andrés Quintana Roo. Die Autoren dieser Zeit befassten sich mit der Geschichte der Kolonisation Mexikos, den Konflikten zwischen Zentralmacht und Bundesstaaten und der mühsamen Entstehung einer nationalen Identität. Ein Beispiel dieses aktiven Eingreifens von Intellektuellen in die politischen Kämpfe stellt die Karriere des Publizisten und Dramatikers Manuel Eduardo de Gorostiza dar. Er wurde durch Lustspiele im Stil Molières bekannt, flüchtete 1820 nach England, trat nach seiner Rückkehr in den diplomatischen Dienst Mexikos und wurde Leiter des Staatstheaters von Mexiko-Stadt und Außenminister.