mini|Harold Macmillan (1959) Maurice Harold Macmillan, 1. Earl of Stockton OM, PC (* 10. Februar 1894 in Chelsea, London; † 29. Dezember 1986 im Birch Grove House, Horsted Keynes, East Sussex) war ein britischer Politiker der Conservative Party und Premierminister des Vereinigten Königreichs vom 10. Januar 1957 bis zum 12. Oktober 1963.

Lange ein rebellischer Hinterbänkler, avancierte Macmillan im Zweiten Weltkrieg schließlich zum zuständigen Minister für den westlichen Mittelmeerraum. Als Vertreter des One-Nation-Konservatismus bekleidete er nach dem Wahlsieg der Tories bei den Unterhauswahlen 1951 als führendes Kabinettsmitglied mehrere wichtige Regierungsämter, unter anderem das des Verteidigungsministers, des Außenministers und des Schatzkanzlers. Seine Amtszeit als Premierminister war innenpolitisch geprägt von zahlreichen Reformen sowie einer prosperierenden Wirtschaft mit niedriger Arbeitslosigkeit und ungleichmäßigem Wirtschaftswachstum. Außenpolitisch behob er die durch die Sueskrise entstandene Entfremdung mit den USA, erreichte die Lieferung von amerikanischen Polaris-Mittelstreckenraketen als neuen Kern der britischen nuklearen Abschreckung und bereitete den Weg für ein partielles Atomteststoppabkommen. Außerdem entließ er in einem beschleunigten Prozess der Dekolonisation mehrere Länder des Britischen Weltreiches in die staatliche Unabhängigkeit. Der von ihm initiierte und am 9. August 1961 gestellte Antrag auf EWG-Beitritt scheiterte jedoch, weil der französische Staatspräsident Charles de Gaulle am 14. Januar 1963 sein Veto einlegte. Das Ende von Macmillans Amtszeit war von einigen Skandalen wie der Profumo-Affäre überschattet.

Neben seiner politischen Karriere war Macmillan jahrzehntelang Verleger im familieneigenen Verlag Macmillan Publishers und Autor mehrerer politischer und wirtschaftspolitischer Sachbücher.

Leben Frühe Jahre mini|Balliol College, Oxford Harold Macmillan wurde als dritter Sohn des schottischen Verlegers Maurice Crawford Macmillan (1853–1936) und der Amerikanerin Helen (Nellie) Artie Tarleton Belles (1856–1937) geboren. Sein Großvater Daniel Macmillan und dessen Bruder Alexander, Söhne eines Pachtfarmers auf der Isle of Arran,Charles Williams: Harold Macmillan. Weidenfeld & Nicolson, London 2009, S. 8. hatten 1843 den Verlag Macmillan & Company gegründet.John Turner: Macmillan (Profiles in Power). Routledge, London 1994, S. 7. Seine Mutter stammte aus dem Mittleren Westen der USA.Simon Ball: The Guardsmen: Harold Macmillan, Three Friends and the World They Made. Harper Perennial, London 2004, S. 13.

Nach dem Besuch der Summer Fields School,John Turner: Macmillan (Profiles in Power). Routledge, London 1994, S. 8. einer renommierten Vorbereitungsschule für Jungen, wurde Harold Macmillan am Eton College erzogen und studierte am Balliol College der University of Oxford. Prägend war seine Freundschaft mit Ronald Knox, der ihm Privatunterricht gab, nachdem sich Macmillan eine schwere Lungenentzündung zugezogen hatte und von seiner Mutter vom Eton College genommen wurde;Simon Ball: The Guardsmen: Harold Macmillan, Three Friends and the World They Made. Harper Perennial, London 2004, S. 20. Knox vermittelte Macmillan ein tiefes Interesse am christlichen Glauben. In der Folge erwog Macmillan zeitweise auch den Übertritt zum katholischen Glauben.D. R. Thorpe: Supermac – The Life of Harold Macmillan. Chatto & Windus, London 2010, S. 39. Zeitlebens blieb er ein praktizierender Christ. In Oxford trat Macmillan, wie unter politisch interessierten Studenten üblich, mehreren Debattierclubs bei;D. R. Thorpe: Supermac – The Life of Harold Macmillan. Chatto & Windus, London 2010, S. 42. so gehörte er unter anderem auch zu den Mitgliedern des Hanover Club, eines von 1911 bis 1913 bestehenden deutsch-britischen Debattierclubs unter Führung von Albrecht Graf von Bernstorff, der das gegenseitige Verständnis fördern sollte.Elly Gräfin Reventlow (Hrsg.): Albrecht Bernstorff zum Gedächtnis. Eigenverlag, Düsseldorf 1952.Karsten Plöger: The Hanover Club, Oxford (1911–13): Student Paradiplomacy and the Coming of the Great War. In: German History. Jg. 27, Heft 2, 1994, S. 196–214. Wie viele andere seiner Kommilitonen erlebte Macmillan den Sommer 1914 als eine Zeit unbeschwerter Zufriedenheit; sein Leben lang bewahrte er Balliol und Oxford in geschätzter ErinnerungGiles Radice: Odd Couples: The Great Political Pairings of Modern Britain. I. B. Tauris, London 2015, S. 85. und zitierte später gern aus Hilaire Bellocs nostalgischem Poem To the Balliol Men Still in Africa den Vers „Balliol made me, Balliol fed me“.D. R. Thorpe: Supermac – The Life of Harold Macmillan. Chatto & Windus, London 2010, S. 41. Seine politischen Sympathien in seiner Zeit in Oxford galten vor allem den regierenden Liberalen.D. R. Thorpe: Supermac – The Life of Harold Macmillan. Chatto & Windus, London 2010, S. 36.

Im Ersten Weltkrieg diente Macmillan als Offizier der Grenadier Guards in Nordfrankreich,Simon Ball: The Guardsmen: Harold Macmillan, Three Friends and the World They Made. Harper Perennial, London 2004, S. 30. nahm dabei an den Schlachten bei LoosCharles Williams: Harold Macmillan. Weidenfeld & Nicolson, London 2009, S. 35 f. und an der SommeSimon Ball: The Guardsmen: Harold Macmillan, Three Friends and the World They Made. Harper Perennial, London 2004, S. 56 ff. teil und wurde dreimal verwundet. Seine letzte Verwundung an der Hüfte, die er in der Schlacht an der Somme 1916 (nahe Ginchy) erlitt, beendete seine aktive Teilnahme am Krieg,Simon Ball: The Guardsmen: Harold Macmillan, Three Friends and the World They Made. Harper Perennial, London 2004, S. 64. zwang ihn die nächsten vier Jahre in eine Rehabilitation und ließ ihn für den Rest seines Lebens mit einem schlurfenden Gang zurück. Als Kompaniechef setzte er sich nicht von den meist aus der Arbeiterklasse stammenden Mannschaftsdienstgraden ab. Das klassenübergreifende Erlebnis des Kriegs und der Respekt, den er seinen Soldaten zollte, prägte ihn für sein weiteres Leben.John Turner: Macmillan (Profiles in Power). Routledge, London 1994, S. 10. Die Kriegserfahrung begründete seine in den 1920er-Jahren immer wieder geäußerten Sympathien für die Arbeiterbewegung.Heinrich Christen: Verleger, Politiker und Diarist. Ein Rückblick auf Harold Macmillan. In: Neue Zürcher Zeitung. 7. März 2015, internationale Ausgabe, S. 69. mini|hochkant|Lady Dorothy Evelyn Macmillan 1920

Nach dem Krieg lehnte Macmillan eine Rückkehr nach Oxford ab, da zu viele seiner dortigen Freunde und Kommilitonen im Krieg gefallen waren.Charles Williams: Harold Macmillan. Weidenfeld & Nicolson, London 2009, S. 48. Stattdessen diente er im kanadischen Ottawa als Aide-de-camp für den 9. Herzog von Devonshire, zu dieser Zeit Generalgouverneur von Kanada.Simon Ball: The Guardsmen: Harold Macmillan, Three Friends and the World They Made. Harper Perennial, London 2004, S. 92. Am 21. April 1920 heiratete er dessen Tochter, Lady Dorothy Cavendish (1900–1966), in der St Margaret’s Church in London; die Hochzeit fand im Beisein von Queen Alexandra und Prince Albert statt und stellte innerhalb der britischen Upper Class das bedeutendste gesellschaftliche Ereignis des Jahres dar.D. R. Thorpe: Supermac – The Life of Harold Macmillan. Chatto & Windus, London 2010, S. 65. Die Macmillans hatten vier Kinder: Maurice Victor (1921–1984), Caroline (1923–2016), Catherine (1926–1991) und Sarah (1930–1970).

Ende 1929 begann seine Frau eine lebenslang währende Affäre mit Macmillans Parteifreund, dem Lebemann Robert „Bob“ Boothby. Wenn auch unbekannt für die weite Öffentlichkeit, sorgte die Affäre für einen Skandal in der höheren britischen Gesellschaft, da seine Frau entgegen den damaligen Konventionen sich keine Mühe machte, diese diskret zu handhaben, sondern sie im Gegenteil zunächst ganz offen auslebte und eine Scheidung von Macmillan anstrebte.Charles Williams: Harold Macmillan. Weidenfeld & Nicolson, London 2009, S. 72 ff. Dennoch verweigerte Macmillan (auch aus politischen Gründen) die von seiner Frau geforderte Scheidung, da diese Macmillans politische Karriere ruiniert hätte. Auf Rat seines Anwalts Philip Frere kam er stattdessen mit seiner Frau zu einem Modus Vivendi, der vorsah, dass sie ihn nach außen politisch unterstützte und die Affäre mit Boothby künftig privat und diskret hielt.D. R. Thorpe: Supermac – The Life of Harold Macmillan. Chatto & Windus, London 2010, S. 95.

Einstieg in die Politik Ebenfalls 1920 trat Macmillan in den familieneigenen Verlag als Juniorpartner ein,John Turner: Macmillan (Profiles in Power). Routledge, London 1994, S. 11. entschied sich jedoch bald, auch für einen Sitz im Unterhaus zu kandidieren und im Unternehmen nur halbtags zu arbeiten.D. R. Thorpe: Supermac – The Life of Harold Macmillan. Chatto & Windus, London 2010, S. 69. Bei der Unterhauswahl im Dezember 1923 erzielte er als konservativer Kandidat im industriell geprägten nordenglischen Stockton-on-Tees einen Achtungserfolg, unterlag aber knapp dem Kandidaten der Liberalen.D. R. Thorpe: Supermac – The Life of Harold Macmillan. Chatto & Windus, London 2010, S. 72. Nachdem Labour-Premierminister Ramsay MacDonald eine Vertrauensabstimmung verloren hatte, kam es im Oktober 1924 zu einer Neuwahl und Macmillan wurde ins Unterhaus gewählt.Simon Ball: The Guardsmen: Harold Macmillan, Three Friends and the World They Made. Harper Perennial, London 2004, S. 99. Seine positiv aufgenommene Jungfernrede hielt er am 30. April 1925.Charles Williams: Harold Macmillan. Weidenfeld & Nicolson, London 2009, S. 66 f. In den folgenden Jahren konzentrierte Macmillan sich vor allem auf soziale und ökonomische Fragen.John Turner: Macmillan (Profiles in Power). Routledge, London 1994, S. 15. In seinem von hoher Arbeitslosigkeit geprägten Wahlkreis Stockton-on-Tees engagierte er sich ebenfalls im sozialen Sektor, vor allem im Bereich der Jugendarbeit.D. R. Thorpe: Supermac – The Life of Harold Macmillan. Chatto & Windus, London 2010, S. 81. Auf gesellschaftlicher Ebene wurde Macmillan bald in den erweiterten Zirkel von Winston Churchill, auch bekannt als „The Old Guard“ (Die alte Garde), einbezogenPeter Mangold: The Almost Impossible Ally. Harold Macmillan and Charles De Gaulle. IB Tauris, London 2006, S. 14. – Churchills Biographie seines Vaters, Lord Randolph Churchill, war vom Macmillan-Verlag publiziert worden. Wegen seiner von der Parteilinie oft abweichenden Haltungen charakterisierte der ehemalige Premier David Lloyd George Macmillan als einen „geborenen Rebellen.“D. R. Thorpe: Supermac – The Life of Harold Macmillan. Chatto & Windus, London 2010, S. 36. 1927 verfasste er zusammen mit Bob Boothy, John Loder und Oliver Stanley das Booklet Industry and the State.John Turner: Macmillan (Profiles in Power). Routledge, London 1994, S. 17. Mit seinen Co-Autoren und einigen anderen jüngeren Parteimitgliedern wie Duff Cooper bildete er eine progressive Gruppe, die von etablierten Tories geringschätzig „YMCA“ betitelt wurde.Giles Radice: Odd Couples: The Great Political Pairings of Modern Britain. I.B.Tauris, London 2015, S. 90.