mini|hochkant|Ludwik Lejzer Zamenhof mit grünem Esperanto-Stern, 1908

Ludwik Lejzer Zamenhof (geboren als Eliezer Levi Samenhof; auch Ludwig Lazarus Samenhof und Ludwig L. Zamenhof, , Esperanto: Ludoviko Lazaro Zamenhof; * in Belostok, Russisches Kaiserreich; † 14. April 1917 in Warschau, Polen) war ein jüdischer Augenarzt aus Polen, das damals zum Russischen Kaiserreich gehörte.

Er begründete 1887 unter dem Pseudonym Doktoro Esperanto (deutsch: Doktor Hoffender) die Plansprache Esperanto. Sein Geburtstag wird heute von Esperanto-Sprechern als Zamenhoftag gefeiert. Außerdem veröffentlichte er eine sogenannte Menschheitslehre für die allgemeine Völkerverbrüderung. Zamenhof war zeitweise Zionist und verfasste eine frühe Grammatik für das Jiddische.

Nationalität Die Nationalität Zamenhofs wird in der Literatur und in Nachschlagewerken teils unterschiedlich angegeben. Dabei nennt man ihn mal einen Juden, mal einen Polen, mal einen Russen, oder man verwendet eine Umschreibung, die auf eine dieser Ethnien oder auf ein Land Bezug nimmt.

Zamenhofs Vater war ein assimilierter, russischsprachiger Jude, während seine Mutter Jiddisch mit ihm sprach. Zu beiden Sprachen hatte er einen sehr positiven Bezug; er verfasste eine Grammatik für das Jiddische, als es noch als Jargon verspottet wurde. Zeitweise war der junge Zamenhof ein glühender Zionist, also jemand, der sein Judentum als seine Nationalität (Ethnie) verstand und einen jüdischen Staat in Palästina gründen wollte. Den Zionismus verließ er bald wieder, doch er sah sich weiterhin als Angehöriger des jüdischen Volkes.

Für ein Polentum Zamenhofs wird angeführt, dass Zamenhof in Białystok geboren wurde und die meiste Zeit seines Lebens in Warschau verbracht hat. Beide Städte liegen im heutigen Staat Polen.

Zamenhof selbst hat sich nie einen Polen genannt und dies sogar verneint: Man dürfe ihn (in der Öffentlichkeitsarbeit für Esperanto) einen Sohn Polens nennen, aber nicht einen Polen, damit nicht der Vorwurf aufkommt, er wolle seine (jüdische) Nationalität verbergen und lasse sich daher mit einem Volk (Polen) in Verbindung bringen, dem er nicht angehört. Wenn man über seine Nationalität spreche, dann solle man sagen, er nenne sich einen russländischen Hebräer („ruslanda hebreo“, in einem Brief an einen Franzosen 1905). Zeit seines Lebens haben Esperanto-Anhänger Zamenhof meist als Russen bezeichnet und erst nach seinem Tod als Polen, als Warschau zum wiedererstandenen Staat Polen gehörte.Ziko Marcus Sikosek: Esperanto sen mitoj. 2. Auflage. Antwerpen 2003, S. 292, S. 302–305.

Die Bezeichnung als Russe oder Pole (nie als Deutscher, wenngleich Zamenhof auch fließend Deutsch sprach) rührte aus Furcht vor Antisemitismus oder aus fehlendem Wissen darüber her, dass Judentum als Nationalität verstanden werden kann.Ziko Marcus Sikosek: Esperanto sen mitoj. 2. Auflage. Antwerpen 2003, S. 307/308.

Leben mini|hochkant|Zamenhof als Gymnasiast, ca. 1879 mini|Wohnhaus in Białystok|hochkant

Zamenhof wurde am 15. Dezember 1859 (nach dem heutigen, gregorianischen Kalender) als Sohn einer jüdischen Familie geboren. In seiner Geburtsstadt Białystok wurden verschiedene Sprachen gesprochen, darunter Jiddisch, Polnisch, Russisch, Deutsch und Belarussisch. Im Jahr 1860 waren 68,2 Prozent der 11.000 Einwohner Juden.Edmond Privat: Vivo de Zamenhof. 6. Auflage, hrsg. von Ulrich Lins, UEA, Rotterdam 2007, S. 19–25; Ziko Marcus Sikosek: Esperanto sen mitoj. 2. Auflage. Antwerpen 2003, S. 298–302.

Sein Vater Markus (jiddisch Mordechaj) war, wie schon der Großvater, von der jüdischen Aufklärungsbewegung Haskala beeinflusst und suchte gezielt Anschluss an die europäische Kultur bzw. das Land, in dem er lebte. Markus Zamenhof war Atheist und sah sich als Russe. Damit unterschied er sich von seiner religiösen und jiddisch sprechenden Frau Rozalja. Er arbeitete als Sprachlehrer für Französisch und Deutsch, verfasste Lehrmaterialien und leitete zeitweise eine Sprachschule. Markus Zamenhof war Schulinspektor und zensierte für die russischen Behörden Veröffentlichungen. Schließlich erhielt er den Titel Staatsrat.

Der junge Lejzer (später legte er sich der Praxis mancher Ostjuden folgend auch einen nichtjüdisch klingenden Vornamen zu: Ludwik) besuchte zunächst die Grundschule in Białystok und nach dem Umzug der Eltern 1874 das Gymnasium in Warschau.Edmond Privat: Vivo de Zamenhof. 6. Auflage. herausgegeben von Ulrich Lins, UEA: Rotterdam 2007, S. 36. Er studierte Medizin, erst in Moskau und später wegen des wachsenden Antisemitismus in Russland an der Universität Warschau, an der er auch promovierte. Später spezialisierte er sich u. a. in Wien auf die Augenheilkunde.

1887 heiratete er Klara Silbernik (1863–1924), eine Fabrikantentochter, die er in zionistischen Kreisen während seiner Studentenzeit kennengelernt hatte. Mit ihr hatte er die drei Kinder Adam (1888–1940), Sofia (1889–1942) und Lidia (1904–1942). Besonders LidiaWendy Heller: Lidia. The Life of Lidia Zamenhof, daughter of Esperanto. Oxford: George Ronald Oksfordo, 1985. begeisterte sich bald selbst für Esperanto und lehrte und verbreitete die Sprache auf ihren Reisen durch Europa und Amerika. Alle drei Kinder wurden im Holocaust bzw. während der deutschen Besatzung Polens ermordet. Der Ingenieur Louis-Christophe Zaleski-Zamenhof (1925–2019) war sein Enkel.Chuck Mays: Obituary: Louis-Christophe Zaleski-Zamenhof auf esperantic.org vom 26. November 2019.

Lange Zeit hatte Zamenhof Probleme gehabt, sich eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen, bis es ihm um die Jahrhundertwende gelang, ein befriedigendes Einkommen zu erzielen.Leon Zamenhof: El la Biografio de D-ro L.-L. Zamenhof. In: Esperanto. 20. Juni 1912, S. 168–170. Er war bis kurz vor seinem Tod 1917 praktizierender Augenarzt. Zamenhof selbst litt an Herz- und Atemerkrankungen.Jean Luc Tortel: Zamenhof kaj medicino. In: Sennacieca Revuo. 133 (2005), Beilage zum Sennaciulo. Nr. 9, 2005 (1203), S. 9–21. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof Warschau bestattet.

Zionismus mini|Die Familien Zamenhof und Michaux auf dem ersten Esperanto-Weltkongress, Boulogne-sur-Mer 1905 mini|hochkant|Zamenhof an seinem Schreibtisch, Warschau 1910 mini|Zamenhof auf dem Esperanto-Weltkongress, Dresden 1908

Wie sein Vater neigte der junge Zamenhof zunächst zur Assimilation, also zum Aufgehen als Jude in einer der europäischen Nationen. Er habe als Kind ein russischer Schriftsteller werden wollen, schrieb er später. Doch die Pogrome von 1882 brachten den jungen Studenten zur frühen zionistischen Bewegung. So gründete er in Warschau eine zionistische Gruppe und erarbeitete auch eine jiddische Grammatik.Marcus Sikosek: Die neutrale Sprache. Eine politische Geschichte des Esperanto-Weltbundes. Bydgoszcz 2006, S. 35/36.

Um 1885 jedoch fand er, dass das Ziel des Zionismus – eine jüdische Heimstätte in Palästina – nicht realistisch sei: Die hebräische Sprache sei tot, das Nationalgefühl unter den Juden werde vom Zionismus falsch eingeschätzt, und überhaupt sei Palästina für das gesamte Judentum zu klein. Es könne höchstens zwei Millionen Juden aufnehmen, und die übrigen Massen blieben draußen.

Stattdessen sah er die Zukunft der Juden eher in einer Welt gesichert, in der sprachliche, kulturelle und religiöse Barrieren überbrückt oder gänzlich abgebaut werden. Das führte ihn wieder zu den internationalistischen Ideen.Naftali Zvi Maimon: La kaŝita vivo de Zamenhof. Originalaj studoj. Tokio 1978, S. 106/107.

Als 1914 eine jüdische Esperanto-Vereinigung gegründet werden sollte, antwortete Zamenhof ablehnend: Jeder Nationalismus bringe Schlechtes, daher diene er seinem unglücklichen Volk am besten, wenn er die absolute Gerechtigkeit unter den Menschen anstrebe.Nach: Edmond Privat: Vivo de Zamenhof. 6. Auflage. herausgegeben von Ulrich Lins, UEA, Rotterdam 2007, S. 133/134.

Esperanto Bereits als Kind interessierte sich Zamenhof für Fremdsprachen. Die bevorzugte Sprache des Vaters war Russisch, die der Mutter Jiddisch, auf der Straße dürfte er Polnisch gelernt haben. Wohl früh lernte er Deutsch und Französisch kennen, in der Schule dann Griechisch, Latein und Englisch. Außerdem muss er Hebräisch gut beherrscht haben, aus dem er später das Alte Testament ins Esperanto übersetzte.Ziko Marcus Sikosek: Esperanto sen mitoj. 2. Auflage. Antwerpen 2003, S. 296/297.

Er träumte schon früh von einer neuen, leicht zu erlernenden Sprache, die der zerstrittenen Menschheit ein neutrales Instrument liefern könnte. Sein erster Versuch war die heute nur fragmentarisch überlieferte Lingwe Uniwersale, in der er mit seinen Freunden 1878 auf seinem 18. Geburtstag ein Lied sang. Aus dem weiteren Entwicklungsprozess sind Fragmente vom Stand 1881/82 erhalten, die ebenfalls erst nachträglich veröffentlicht wurden.Gaston Waringhien: Lingvo kaj vivo. Rotterdam 1989 (1959).

Gegen 1885 war Zamenhof mit seinem endgültigen Entwurf fertig, den er 1887 in verschiedenen Sprachen veröffentlichte, zuerst am 26. Juli14. Juli nach dem russischen Kalender. Dieses Datum wird allgemein als Datum der Genehmigung der Zensurbehörde zur Verbreitung des gedruckten Buchs angenommen. Evtl. wäre 21. richtiger, vgl. auf Russisch. Der deutsche Titel lautete „Internationale Sprache“, und so hieß zunächst auch die Sprache. Da Zamenhof um seinen Ruf als Arzt fürchtete, gab er die vierzigseitige Broschüre unter dem Decknamen Dr. Esperanto heraus (Esperanto heißt wörtlich Hoffender). Bald jedoch setzte sich dieses Pseudonym als Synonym für die Sprache selbst durch.

In der Folge gelang es Zamenhof – im Gegensatz zu anderen Autoren einer neuen Sprache –, eine Zeitschrift (La Esperantisto) und jährliche Adressbücher herauszugeben. Da das Volapük des deutschen Geistlichen Johann Martin Schleyer ungefähr zur gleichen Zeit auf seinem Höhepunkt des Erfolges stand, hatte das Esperanto es nicht leicht, und noch schwerer machte es der schnelle Niedergang von Volapük, das Streitigkeiten unter seinen Anhängern zum Opfer gefallen war. Damals entstand die Vorstellung, eine Plansprache müsse automatisch in Dialekte zerfallen.

Um 1900 fasste Esperanto, nach dem Russischen Reich und Schweden, auch in Westeuropa Fuß. Bis zum Ersten Weltkrieg wurden Ortsgruppen und Landesverbände von Esperantisten auf allen bewohnten Kontinenten gegründet. Dies befreite Zamenhof von der persönlichen Verantwortung für seine Sprache, die endgültig unabhängig von ihm geworden war.

„Menschheitslehre“ mini|Eine Tafel in der ul. Ludwika Zamenhofa in Warschau erinnert an den Standort des Hauses von Zamenhof, sie ist in Polnisch und Esperanto verfasst. Das Haus wurde während des Zweiten Weltkrieges zerstört.

Zamenhof war noch von einer anderen Idee fasziniert, nämlich nicht nur eine neutrale Sprache, sondern auch eine neutrale Weltanschauung zu fördern. Er veröffentlichte seine Vorstellungen zuerst als Hillelismus (1906), benannt nach einem vorchristlichen, jüdischen Gelehrten namens Hillel, später unter der Esperanto-Bezeichnung Homaranismo. Übersetzt heißt dies so viel wie „Lehre von der Menschheit“.

Die Menschheitslehre war ein Bekenntnis zu Völkerverständigung und religiöser Toleranz auf der Basis von gemeinsamen Grundsätzen. So sollten die Leute gemeinsam an ein höheres Wesen glauben und ansonsten ihre religiösen Bräuche behalten. Und in Ländern mit verschiedenen Sprachen sollten all diese gleichberechtigte Amtssprachen sein, wobei Esperanto als Brückensprache fungieren sollte.Wojciech Usakiewicz: Esperantistische Weltbilder. Berlin 1995, S. 3–8.