mini|hochkant=1.20|Frithjof Schuon, ca. 1980
Frithjof Schuon (* 18. Juni 1907 in Basel; † 5. Mai 1998 in Bloomington, Indiana, USA) war ein schweizerischer Religionsphilosoph und Metaphysiker.
Zusammen mit René Guénon, Ananda Kentish Coomaraswamy und Titus Burckhardt gilt Schuon als einer der Wiederbeleber der Sophia perennis im zwanzigsten Jahrhundert. Sein Denken steht in der Tradition von Platon, Shankara, Ibn Arabi und Meister Eckhart; er schrieb – größtenteils in französischer Sprache – mehr als zwei Dutzend Bücher über Metaphysik, Religion und Spiritualität.
Leben
Frithjof Schuon wurde 1907 als Sohn deutscher Eltern in Basel geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters kehrte die Mutter mit dem Dreizehnjährigen und seinem Bruder Erich zu ihrer Familie in das Elsass zurück. Im Alter von sechzehn Jahren ging Schuon nach Paris, arbeitete als Stoffzeichner und lernte Arabisch in der dortigen Moschee. Von früher Jugend an beschäftigte er sich mit den großen Religionen der Welt, las Platon und die Bhagavad Gita. Sein Denken wurde stark von René Guénon beeinflusst. Er unternahm zahlreiche Reisen nach Nordafrika, nach Indien, in die Türkei und andere Länder und auch zu den nordamerikanischen Indianern, für die Schuon sich seit seiner Kindheit interessiert hatte.Vgl. das von Schuon verfasste Nachwort zu: Schwarzer Hirsch: Die heilige Pfeife. Das indianische Weisheitsbuch der sieben geheimen Riten. Lamuv Verlag, Bornheim 1992, ISBN 3-921521-68-8, S. 219–228. Außerdem das Buch The Feathured Sun. Er lebte vierzig Jahre lang in Lausanne und übersiedelte 1980 nach Bloomington, Indiana, USA, wo er 1998 verstarb.
Schuon verfasste über zwanzig philosophische Bücher, die in viele Sprachen übersetzt wurden; in seinen letzten Lebensjahren schrieb er mehr als 3000 Lehrgedichte auf Deutsch.
Lehre
Kritik der modernen Welt
Das Denken der Moderne ist Schuon zufolge von Relativismus und von (biologistischem, psychologistischem, existenzialistischem usw.) Reduktionismus geprägt. Auch wenn diese Standpunkte in sich widersprüchlich sind (wer etwa sagt, alles sei relativ, misst gleichzeitig diesem Urteil absolute Gültigkeit zu), sind sie nach Schuon so weit in das Denken unserer Zeit eingedrungen und somit zu unbewussten Annahmen der heutigen Zeit geworden, dass sie oft gar nicht mehr explizit wahrgenommen würden. Das Denken der Moderne sei funktionell zwar von hoher Effizienz, lasse aber Fragen wie die nach Sinn, Werten und Gesamtzusammenhang außer Acht. Schuon versteht sich aber nicht als Nostalgiker, für den alles Frühere per se besser ist:
Religionen
Die religiösen Überlieferungen der Menschheit sind es, die seit je Antwort auf die umfassenden Fragen des Menschen zu geben versucht haben. In Schuons Sicht beruhen alle großen Religionen der Welt auf göttlicher Offenbarung und sind daher nach wie vor gültig. Ihre Verschiedenheit ist notwendig, weil sich jede von ihnen zu einer bestimmten Zeit an eine bestimmte Menschheitsgruppe mit einer bestimmten Mentalität richtet. Dies ist die «Exoterik» oder die Außenseite der Religion. In ihrem inneren Kern, der «Esoterik», gleichen sie sich.Vgl. Von der inneren Einheit der Religionen, S. 15 ff. Schuon hat sich in all seinen Büchern mit dem Vergleich verschiedener Überlieferungen beschäftigt, deren äußere Verschiedenheit aufgezeigt und auf ihren gemeinsamen inneren Kern hingewiesen.
Vielen Menschen ist es heute nicht ohne weiteres möglich, sich einer überlieferten Religion anzuschließen; zu stark erscheint die Kluft zwischen modernem und überlieferten Weltbild:
Der lehrhafte Gehalt dieser «Esoterik» ist die «Metaphysik», die Schuon zufolge ihren deutlichsten Ausdruck im Advaita Vedanta findet.
Metaphysik
Metaphysik ist für Schuon kein Teilgebiet der Philosophie, sondern die Wissenschaft vom Unbedingten, vom wahren Wesen der Dinge.
Aus der Unendlichkeit der höchsten Wirklichkeit ergibt sich die universelle Ausstrahlung.
Schuons metaphysische Lehre lässt sich durch die Grundaussage des Advaita Vedanta zusammenfassen: «Brahma ist wirklich, die Welt ist Trug, die Seele ist nichts anderes als Brahma.»
Die Unterscheidung der Wirklichkeit in das Absolute und das Relative zieht eine weitere Abstufung der Wirklichkeit nach sich, denn das Relative muss im Absoluten vorgebildet sein, und umgekehrt muss es Spuren des Absoluten im Relativen geben. Somit ergibt sich die folgende Tabelle:Vgl. Metaphysik und Esoterik im Überblick, S. 21 ff.
URGRUNDGOTTDas UngeschaffeneDas Überkosmische «HIMMEL» (1) ÜBER-SEINBrahma nirgunaGöttliche WesenheitGottheit (Eckhart)Reines Absolutes ABSOLUTAtma (2) SEINBrahma sagunaPersönlicher Gott, Schöpfer, Richter, ErbarmerRelatives Absolutes RELATIVMaya KUNDGEBUNGDas Geschaffene (3) LOGOSBuddhi, AvataraGeistiger, engelhafter Bereich «ERDE» (4) WELTSamsara
Zu beachten ist insbesondere die Aufteilung des göttlichen Bereichs in das «reine Absolute» (Meister Eckharts Gottheit) und in das «relative Absolute» (den Schöpfergott). Eine Anwendung dieser Sichtweise ist zum Beispiel Schuons Umgang mit dem Problem der Theodizee.Vgl. etwa Form und Gehalt in den Religionen, S. 198 ff. Der Bereich des Relativen, der Maya, ist nicht nur negativ zu bewerten; wie ein Schleier verhüllt und enthüllt er zugleich die höchste Wirklichkeit, denn diese ist alles übersteigend, transzendent, und zutiefst innen, immanent.Vgl. Esoterik als Grundsatz und als Weg, S. 59–86.
Kosmologie
Die höchste Wirklichkeit, die zugleich unbedingt (absolut) und unendlich ist, ist das «Höchste Gut», in dessen Natur es liegt, sich mitzuteilen. Dabei bekundet sich das Unbedingte im Dasein und in den Stoffen, die es Gestalt annehmen lassen; das Unendliche wird offenbar durch Raum und Zeit und durch die unbegrenzte Vielfalt ihrer Inhalte. Gegenüber dem Schöpfungsglauben der semitischen monotheistischen Religionen betont diese Sichtweise nicht nur den Abstand zwischen Schöpfer und Schöpfung, sondern gibt gleichzeitig Raum für die Kontinuität beider, ja für eine «Nicht-Verschiedenheit».Vgl. Metaphysik und Esoterik im Überblick, S. 54 ff.
Erkenntnistheorie
Schuon grenzt sich einerseits vom Rationalismus ab, für den nur das Gültigkeit besitzt, was, ausgehend von Sinneswahrnehmungen, durch logische Schlüsse abgeleitet werden kann, und andererseits vom Fideismus, der für den Glauben ein «heiliges Recht auf Unlogik beansprucht»;Vgl. Metaphysik und Esoterik im Überblick, S. 16. demgegenüber besteht Schuon auf einer größeren Reichweite der menschlichen Erkenntnis, die das Unbedingte und andere metaphysische Wahrheiten grundsätzlich erreichen könne, weil diese dem
Das «Organ» dieser Erkenntnis ist der überpersönliche «Intellekt», von dem Meister Eckhart sagt: «Es ist etwas in der Seele, was unerschaffen und unerschaffbar ist … und das ist der Intellekt.»Vgl. etwa die Predigt 13 Vidi supra montem Sion agnum stantem.
Eine derartige Erkenntnis durch den Intellekt oder durch «geistige Schau», die von Schuon oft auch «Herzenserkenntnis» genannt wird, ist nicht möglich aus der Distanz des unbeteiligten Forschers, sie verlangt den «ganzen Menschen» und trägt umgekehrt zu dieser Ganzheit bei:
Während bei der verstandesmäßigen Erkenntnis die vom Denken erfassten transzendenten Wirklichkeiten vom denkenden Subjekt getrennt sind, werden bei der echten geistigen Erkenntnis oder der Herzenserkenntnis
Die echten Überlieferungen der Menschheit können helfen, das im Inneren des Menschen liegende Wissen zutage zu fördern:
Auch wenn der Metaphysiker Wahrheiten in geistiger Schau «sieht», benutzt er das schlussfolgernde Denken, um anderen seine Erkenntnisse mitzuteilen, um in ihnen im besten Fall eine ebensolche Schau, die platonische Anamnesis, auszulösen.
Schönheit und Kunst, Sinnbildlichkeit
Das «Sehen» ist für den Metaphysiker wichtiger als das schlussfolgernde Denken:
«Die Schönheit ist der Glanz des Wahren» ist ein von Schuon oft angeführter platonischer Gedanke. Schönheit in all ihren Formen, in der Natur, in der Kunst oder in der edlen Seele ist eine Spur des «Ewigen im Vergänglichen», die eine unmittelbare geistige Schau auslösen kann. Für die heilige Kunst stellt Schuon strenge Maßstäbe auf, denn
Anthropologie und geistiges Leben
Der Mensch ist nach Schuon «umfassendes Erkenntnisvermögen, freier Wille und selbstlose Seele»;Wurzeln des Menschseins, S. 82. Sinn des menschlichen Daseins ist es demzufolge, das Wahre zu erkennen, das Gute zu wollen, das Schöne zu lieben. Damit ist auch das geistige Leben umrissen: Es besteht in der Unterscheidung des Wirklichen vom Unwirklichen oder nur teilweise Wirklichen (Erkenntnis), in der Sammlung des Bewusstseins auf das Wirkliche (Gebet der Sammlung) und in der Angleichung des Menschen an das Wirkliche (Übung der Tugenden).
Werke
Originalwerke
Leitgedanken zur Urbesinnung. Orell Füssli Verlag, Zürich/Leipzig 1935; verbesserte Neuausgabe unter dem Titel Urbesinnung. Das Denken des Eigentlichen Aurum-Verlag, Freiburg 1989, ISBN 3-591-08277-5. Tage- und Nächtebuch. Urs-Graf-Verlag, Bern 1947. Sulamith. Urs-Graf-Verlag, Bern 1947. De l’unité transcendante des religions (1948, 1958, 1979, 2000). Digitalisat (Gallimard, Paris 1948). dt. Ausgabe: Von der inneren Einheit der Religionen. Verlag Hans-Jürgen Maurer, Freiburg 2007, ISBN 978-3-929345-34-6 und Ansata-Verlag Zemp, Interlaken 1981, ISBN 3-7157-0042-4. L’Œil du cœur (1950, 1974, 1995). Perspectives spirituelles et faits humains (1953, 1989, 2001). dt. Ausgabe: Geistige Sichtweisen und menschliche Tatsachen. Weisheit der Welt, Hamburg 2014, ISBN 978-3-8495-7817-6 (Paperback), ISBN 978-3-8495-7965-4 (E-Book). Sentiers de gnose (1957, 1987, 1996). dt. Ausgabe: Gnosis – Göttliche Weisheit. Weisheit der Welt, Hamburg 2015, ISBN 978-3-7323-3471-1 (Paperback), ISBN 978-3-7323-3472-8 (E-Book). Castes et races (1957, 1979). Les Stations de la sagesse (1958, 1992). Language of the Self (1959, 1999). Images de l’Esprit (1961, 1982). Comprendre l'Islam (1961, 1976). dt. Ausgabe: Den Islam verstehen. Eine Einführung in die innere Lehre und die mystische Erfahrung einer Weltreligion. Deutsch von Irene Hoening. Barth, München 1988, ISBN 3-502-65541-3. Treasures of Buddhism (In the Tracks of Buddhism) (1968, 1989, 1993). dt. Ausgabe: Schätze des Buddhismus. Books on Demand, Norderstedt 2007, ISBN 3-8334-9939-7. Regards sur les mondes anciens (1968, 1997). dt. Ausgabe: Das Ewige im Vergänglichen. Von der einen Wahrheit in den alten Kulturen. O. W. Barth, Weilheim 1970, ISBN 3-87041-238-0. Logique et transcendance (1970, 2007). dt. Ausgabe: Logik und Transzendenz. Weisheit der Welt, Hamburg 2013, ISBN 978-3-8495-4419-5 (Paperback), ISBN 978-3-8495-4451-5 (E-Book). Forme et substance dans les religions (1975). dt. Ausgabe: Form und Gehalt in den Religionen. Weisheit der Welt, Hamburg 2017, ISBN 978-3-7439-1657-9 (Paperback), ISBN 978-3-7439-1658-6 (E-Book). L’Ésotérisme comme principe et comme voie (1978, 1997). dt. Ausgabe: Esoterik als Grundsatz und als Weg. Weisheit der Welt, Hamburg 2012, ISBN 978-3-8472-4160-7 (Paperback) und ISBN 978-3-8472-4179-9 (E-Book). Le Soufisme, voile et quintessence (1980, 2006). Christianisme/Islam: visions d’oecuménisme ésotérique (1981). dt. Ausgabe: Christentum – Islam. Ausblicke auf eine esoterische Ökumene. Weisheit der Welt, Hamburg 2018, ISBN 978-3-7469-5731-9 (Paperback), ISBN 978-3-7469-5732-6 (E-Book). Du Divin à l’humain (1981, 1993). dt. Ausgabe: Vom Göttlichen zum Menschlichen. Weisheit der Welt, Hamburg 2015, ISBN 978-3-7323-7741-1 (Paperback) und ISBN 978-3-7323-7742-8 (E-Book). Sur les traces de la Religion pérenne (1982). Résumé de métaphysique intégrale (1985, 2000). Die beiden letztgenannten zusammengefasst in der amerikanischen Übersetzung Survey of Metaphysics and Esoterism (1986, 2000). dt. Ausgabe: Metaphysik und Esoterik im Überblick. Weisheit der Welt, Hamburg 2012, ISBN 978-3-8472-8725-4 (Paperback) und ISBN 978-3-8491-1694-1 (E-Book). Approches du phénomène religieux (1984, 1993).