mini|hochkant|Fragment eines Balkens mit der Inschrift „Pro Duce Trepime(ro)“, Rižinica bei Solin, Gipsabdruck aus der Glyptothek, 9. Jahrhundert

Die Geschichte Kroatiens im Frühmittelalter lässt sich mit der Landnahme südslawischer Stämme im 7. Jahrhundert beginnen, wenn auch Versuche unternommen wurden, die Ethnogenese der Kroaten in die Antike zu versetzen und mit anderen, etwa iranischen Wurzeln zu verbinden. In jedem Fall gelang es der verhältnismäßig kleinen ethnischen Gruppe, sich zwischen dem Reich der Franken und Byzanz, Bulgarien und Ungarn zu halten.

Anders als die benachbarten Serben, wandten sie sich der römischen Kirche zu und entwickelten ein Eigenbewusstsein und eine frühe „Staatlichkeit“. Ein bedeutender Abschnitt und in den Quellen besser zu belegen, ist die Entwicklung zu einem unabhängigen Königreich im 9. Jahrhundert, wobei der Versuch unternommen wurde, eine dynastische Kontinuität zu etablieren. Die Souveränität endete, als das Königreich Ungarn die Kroaten im Jahr 1102 zwang, in eine Personalunion mit dem übermächtigen Nachbarn einzutreten.

Quellenlage mini|Schenkungsurkunde Trpimirs I. für das Erzbistum Split, wohl von 839/840, häufig auch ins Jahr 852 datiert. Es handelt sich um die älteste Abschrift der ältesten Urkunde eines Herrschers über Kroatien, das Original ist nicht erhalten. Die Abschrift entstand im Jahr 1568.Neven Budak: Kroatien, Dalmatien und Slawonien bis 1527, in: Handbuch zur Geschichte Südosteuropas, Bd. 1: Herrschaft und Politik in Südosteuropa von der römischen Antike bis 1300, hrsg. von Oliver Jens Schmitt, Peter Schreiner, Fritz Mitthof, De Gruyter Oldenbourg, Berlin/Boston 2019, S. 847–904, hier: S. 847. Die Urkunde entstand, so heißt es darin, nach Beratungen Trpimirs mit seinen „iupani“ (wohl Župane) und den Hofleuten; es sollte ein Kloster in Rižinice gebaut werden, nicht weit von Salona entfernt.Florin Curta: Southeastern Europe in the Middle Ages, 500–1250, Cambridge University Press, 2008, S. 139. mini|Abschrift einer Urkunde, ausgestellt von Trpimirs Sohn Muncimir im Jahr 892. Sie trägt die Titulatur: „Muncimiro, divino munere Croatorum dux“. Er sah sich also nicht als König eines Landes an, sondern als eine Art Herzog über die Kroaten.

Die Überlieferung zur Geschichte Kroatiens vor dem 12. Jahrhundert ist ungünstig, die Zahl der Quellen gering. Zudem entstanden die erzählenden Quellen außerhalb der Region, befassten sich nur marginal mit ihr, entstanden überwiegend sehr viel später. Mit dem Aufkommen des Nationalismus, aber auch zur Erforschung der Kirchengeschichte, wurde intensiver nach Quellen gesucht, doch vielfach wurden auch Legenden geschaffen, Mythen aufrechterhalten. Hinzu kommt, dass viele der Schriftstücke, die noch im 18. und 19. Jahrhundert bekannt waren, inzwischen verloren sind. Einige der Dokumente erwiesen sich wiederum als Fälschungen. Manche Geschichtsenthusiasten übernahmen wieder die Angaben etwa aus dem Illyricum Sacrum Daniele Farlatis, erschienen zwischen 1751 und 1819 in fünf Bänden in Venedig, die aber wiederum unkritisch Abschriften aus Kirchen und Klöstern folgten, und so leben manche Irrtümer und Fälschungen bis heute weiter. Aus dem 10. Jahrhundert ist nicht eine einzige Urkunde überliefert, die früheren liegen nur in Abschriften vor.

Der Archidiakon Thomas (1200–1268) verfasste eine für das Frühmittelalter höchst bedeutende Historia Salonitana, die jedoch gleichfalls problematisch ist.Mirjana Matijević Sokol (Hrsg.): Archdeacon Thomas of Split (1200–1268) – A Source of Early Croatian History, in: Review of Croatian History 1 (2007) 251–269. Es existieren zwei Fassungen, nämlich eine knappe und eine ausführliche, letztere ist als Historia Salonitana maior bekannt. Sie entstand erst im 16. Jahrhundert und bietet umfangreiche Ergänzungen, allerdings ist nicht bekannt, welche Einträge von Thomas stammen und welche im 16. Jahrhundert von jenem unbekannten Autor abgefasst wurden. So erscheinen ausschließlich darin die beiden wichtigen Kirchenversammlungen der Jahre 925 und 928 in Split, während die Fassung aus der Feder Thomas‘ sie nicht nennt. Selbst die höchst bedeutsame Abmachung zwischen Kroaten und Ungarn aus dem Jahr 1102 existiert nur in einer Abschrift aus dem 14. Jahrhundert. Diese schildert jedoch eher zeitgenössische Verhältnisse als die des frühen 12. Jahrhunderts, was hinsichtlich ihrer Zuverlässigkeit zur Vorsicht mahnt.John Van Antwerp Fine: The Early Medieval Balkans. A Critical Survey from the Sixth to the Late Twelfth Century, University of Michigan Press, Ann Arbor 1983, 9. Aufl., 2000, S. 248–251.

Ethnogenese mini|Westasien, Europa und der Mittelmeerraum um 650: Die Awaren wurden für die Zuwanderung der slawischen Völker als zentral angesehen

Ab dem frühen 7. Jahrhundert wurde das heutige Kroatien, so lautete die Vorstellung über Jahrhunderte, von südslawischen Stämmen besiedelt, die sich von ihren Oberherren, den Awaren, unabhängig gemacht hatten. Spätestens seit der Eroberung Sirmiums durch die Awaren im Jahr 583 drängten awarisch-slawische Gruppen südwärts, während die Provinz Dalmatia mit ihrer stark romanisierten Bevölkerung für das Römerreich nach und nach verlorenging. Ein Brief Papst Gregors des Großen an Bischof Maximus von Salona vom Juli 600 belegt, dass eben in diesem Jahr die Ankunft der Slaven sowohl in Istrien als auch vor Salona beklagt und ihr Vordringen nach Italien erwartet wird.„Et quidem de Sclavorum gente, quae vobis valde imminet affligor vehementer et conturbor; affligor in his, quae iam in vobis patior, conturbor quia Istriae aditum iam Italiam intrare coeperunt.“ (Franjo Rački: Documenta historiae Chroaticae periodum antiquam illustrantia I (= Monumenta spectania historiam Slavorum meridiolanum, 7), Zagreb 1877, S. 258).

Eine gemeinsame Abstammung, am besten in Form einer geschlossenen Verwandtschaftsgruppe, war bei vielen ethnischen Gruppen ein Mittel, um sich (später) der Zusammengehörigkeit und der Abgrenzung zu anderen zu versichern. So konnten eine gemeinsame Geschichte und gemeinsame Vorfahren verbindend wirken. Auch die Fremdwahrnehmung spielte dabei eine wesentliche Rolle, zumal sogar einige Zeit über eine iranische Herkunft nachgedacht wurde,Dazu trugen die aus dem Don-Mündungsgebiet stammenden Tanais-Tafeln aus dem frühen 3. Jahrhundert bei, in denen der Klang zweier Namen (für drei Personen), nämlich Horoúathos und Horóathos (Χορούαθ[ος] und Χορόαθος) entfernt nach „Hrvat“ klingen, dem Ethnonym für die Kroaten. die jedoch inzwischen abgelehnt wird.Danijel Dzino: Becoming Slav, Becoming Croat. Identity Transformations in Post-Roman and Early Medieval Dalmatia, Brill, Leiden/Boston 2010, S. 20 f.

Unumstößliches Signum der Zusammengehörigkeit schien die Sprachfamilie zu sein, der alle Slawen angehörten, doch auch Sprachen können über ethnische Grenzen hinweg übernommen werden. Inwieweit Migration und Übernahme wesentlicher Kulturelemente durch andere dazugehörten, darunter vor allem die Sprache, wurde erst in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts zu erforschen begonnen. Dass ethnische Gruppen sehr viel instabiler sind, als lange angenommen, hat sich in der Geschichtswissenschaft weitgehend durchgesetzt. Inwiefern die slawischen Zuwanderer doch eher kleine Gruppen darstellten, die aber als Assoziationskern für die illyrische Bevölkerung dienen konnten, ist noch immer weitgehend ungeklärt.

Für die jeweiligen Zeitgenossen wechselten dabei die Kriterien, nach denen sich ihr Selbstbild von einer bestimmten ethnischen Zugehörigkeit bestimmte. Walter Pohl und andere Autoren brachten eine These in die Diskussion ein, nach der in den Kriegergruppen der Awaren-Khaganate sich eine Führungsgruppe etablierte, der sich slawische Gruppen anschlossen, oder zu deren Führern sich diese Führungsgruppe aufschwang. Die Annahme einer türkischen Abstammung stieß hingegen weithin auf Ablehnung. Bei der Suche nach nicht-slawischen Vorfahren erreichte 1989 die Publikation von Ivan Mužić (1934–2021), die auch in Nichtfachkreisen stark rezipiert wurde, und die wiederum die iranische Abstammungsthese vortrug, hohe Auflagen. Eine Ursache lag wohl darin, dass man sich auf diese Weise stärker von den inzwischen verfeindeten Serben und gegenüber Jugoslawien absetzen konnte, und damit gegenüber allen (Süd-)Slawen. Damit befinden sich diese Erklärungen einer iranischen, gar einer gotischen Herkunft, auf der gleichen Ebene wie im Mittelalter, als man sich von germanischen und ungarischen Wurzeln durch Betonung des Slawischen abzusetzen versuchte.Danijel Dzino: Becoming Slav, Becoming Croat. Identity Transformations in Post-Roman and Early Medieval Dalmatia, Brill, Leiden/Boston 2010, S. 23. Parallel zur Forschung kam es, wie immer, zu Interpretationen durch Künstler, vor allem Literaten, Bildhauer und Maler, die diesen Vorstellungen in der Öffentlichkeit hohes Gewicht verliehen. Dabei stand oftmals die Ankunft der Kroaten in ihrer heutigen Heimat im Mittelpunkt. Dies wiederum brachte die älteren Vorstellungen immer wieder in eine starke gesellschaftliche Position, während die Geschichtswissenschaften und die Archäologie weitgehend andere Positionen einnahmen.

Erst in späterer Zeit bestanden Fürstentümer im Gebiet der sogenannten Pannonia inferior und des ducatus Chroatorum in Dalmatien, deren Existenz häufig (und ohne Belege) bis ins 7. Jahrhundert verlängert wurde. Ab dem 9. Jahrhundert verdichten sich die Hinweise auf eine Verstetigung einer gemeinsamen Identität, was sich in Begriffen und Bezeichnungen niederschlug: Im ducatus Chroatorum herrschte Fürst Trpimir I. (845–864), ebenso wie über Teile Pannoniens. Die näher bei den Awaren lebenden Kroaten unterstanden diesen Oberherren, deren Macht sich nur langsam abschwächte, wohl länger als ihre südlichen Nachbarn. Die Herrschaft der Awaren wurde schließlich durch die Heere Karls des Großen 791 und 795/796 zerschlagen. Als Vasallenherrschaft bestand ein Khaghanat bis mindestens 822 fort, noch 863 besiegten Franken eine Armee der Awaren, die danach aus den Quellen verschwinden.

Die Ethnogenese der Kroaten ist angesichts der äußerst kargen Quellensituation nicht abschließend zu klären, wenn sich auch die Vorstellungen von solchen Prozessen gewandelt haben, die geradezu ein Signum der „Völkerwanderung“ sind. Folgt man der Chronik Konstantins VII. aus dem 10. Jahrhundert,Gyula Moravcsik (Hrsg.), Romilly James Heald Jenkins (Übers.): Constantine Porphyrogenitus' De administrando imperios, Dumbarton Oaks, Washington, erste Aufl. 1949, überarbeitete Ausgabe 1967, S. 147–153. so wurde ein Volk der Kroaten bereits von Kaiser Herakleios aus seiner Heimat an der Weichsel als Schutz gegen die Awaren ins Land gerufen. Damit steht gleich zu Anfang eine große Migration. Doch zwischen dieser legendären Erstnennung und dem Auftauchen der Bezeichnung „Kroaten“ in einer Urkunde liegen rund zwei Jahrhunderte. Erst in einer Schenkungsurkunde des besagten Fürsten Trpimir I. („Terpimirus“) wird der Herrscher im Jahr 852 als „dux Chroatorum“ bezeichnet.Walter Pohl: Die Awaren. Ein Steppenvolk in Mitteleuropa 567–822 n. Chr., Beck, München 2002, S. 264. In diesen etwa zwei Jahrhunderten wurde in komplexen, spannungsreichen Prozessen zwischen den Zugewanderten und der zuvor dort bestehenden illyrischen Bevölkerung, bei denen das Ausmaß der Vertreibungen nur schwer zu fassen ist, eine gemeinsame Vorstellung von der eigenen Besonderheit in Abgrenzung von umgebenden Gruppen entwickelt.

Fürstentümer (8. Jahrhundert bis 925)