mini|Blick vom Arc de Triomphe in Paris, 1965 Im Café der verlorenen Jugend () ist ein 2007 erschienener Roman des Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano, in dem Café-Gänger sowie ein Detektiv und ein verlassener Ehemann sich über eine junge Frau Gedanken machen, deren Lebensspuren größtenteils vage bleiben. Sie hat zwei Namen (Louki/Jacqueline) und es wird erzählt, dass sie ihrem Leben selbst ein Ende setzt, indem sie sich im Beisein einer anderen Frau vom Balkon stürzt. Die Schwerelosigkeit, nach der Louki sich gesehnt hat, spürt der Leser bei der Lektüre der schönen Prosa, die manchmal selbst „irgendwie schwebt“.

Erstmals benutzt Modiano innerhalb eines Romans mehrere Ich-Erzähler, drei männliche Erzähler sowie die Hauptfigur des Romans selbst. Es werden auf diese Weise verschiedene Funktionen des Erinnerns dargestellt. Der Roman ist international viel beachtet worden. In deutscher Übersetzung durch Elisabeth Edl ist das Werk 2012 bei Hanser erschienen.

Der Titel „Dans le café de la jeunesse perdue“ ist Teil eines Zitats von Guy Debord, das als Motto vorangestellt ist und seinerseits den Beginn der Göttlichen Komödie von Dante parodiert. Im Eröffnungsabschnitt der Geschichte ordnet der Erzähler den Begriff „verlorene Jugend“ erstens einem Philosophen zu, den er als sentimental charakterisiert, und zweitens beschreibt er die Gäste des „Le Condé“ als „verlorene Jugend“.Colin Nettelbeck: „Comme l’eau vive: mémoire et revenance dans Dans le café de la jeunesse perdue (2007)“, in: Modiano, ou, Les intermittences de la mémoire, herausgegeben von Anne-Yvonne Julien und Bruno Blanckeman, Hermann, Paris 2010, S. 391–412

Inhalt mini|Einschusslöcher an der Pariser Bergbauhochschule

Paris, zu einer nicht genau bestimmbaren Zeit in den 1950er oder 1960er Jahren.1950er oder 1960er? Die Zeitschrift Les Inrockuptibles veröffentlichte am 16. Oktober 2007 Fotos von Ed van der Elsken, die er Anfang und Mitte der 1950er Jahre im Café „Chez Moineau“ aufgenommen hatte, und dazu Bildlegenden von Patrick Modiano. Auf einem der Fotos, aus 1953, ist eine junge Frau abgebildet, die, so schreibt Modiano, dasselbe tragische Schicksal wie seine fiktive Figur Louki gehabt habe. Auch andere Stammgäste des „Condé“, Fred (Hommel) und Jean-Michel (Mension), sind auf van der Elskens Fotos aus dem „Chez Moineau“ zu sehen. – Andererseits, ein Beispiel: Louki soll zu Roland gesagt haben, auch der englische Musiker Jimmy Campbell, soll im „Condé“ anzutreffen gewesen sein – dann befänden wir uns also in den 1960ern. Im Café „Le Condé“ der Pariser Rive Gauche in der Umgebung des Odéon zieht eine junge Frau, die einsam wirkt, die Aufmerksamkeit verschiedener Gäste auf sich und wird auf einen neuen Vornamen „getauft“, Louki, den sie nach kurzem Zögern annimmt. Aus verschiedenen Perspektiven werden Vermutungen und Gewissheiten über Louki und ihr Leben erzählt, zeitlich meist unbestimmt.

Eingangs tritt ein anonym bleibender Erzähler auf, der damals an der Pariser Bergbauhochschule studierte. Allein dies sei ein Grund gewesen, weshalb er nicht zum engeren Bohème-Kreis des „Condé“ gehört habe. Er schildert, wie er Louki erstmals im „Condé“ sah, wer die Besitzerin des Cafés war und wer sonst noch regelmäßige Gäste waren, darunter bekannte Namen im Paris jener Zeit, so die Schriftsteller Arthur Adamov und Maurice Raphaël, der Dichter Olivier Larronde oder der Tänzer Jean Babilée. Louki habe unter den Stammgästen eher verloren gewirkt, mal allein hinten im Café sitzend, mal unter den lautesten von ihnen, aber auch dort meist schweigsam und zurückhaltend.

Danach erzählt der Privatdetektiv Pierre Caisley, wie er von Loukis verlassenem Ehemann beauftragt wurde, sie aufzuspüren. Er schildert, wie er über eine Nachricht eines Polizeispitzels ihr Hotel herausfand und dort dann darauf stieß, dass sie sich im „Condé“ verabredet hatte. Bei seinen Nachforschungen im Café sei ihm klargeworden, dass er diesen Auftrag ins Leere laufen lassen werde, damit sie sich „in Sicherheit bringen“ könne. Hatte er sich am Anfang seiner Erzählung noch dafür gerühmt, von seinem ehemaligen Chef BlémantColin Nettelbeck führt aus, hier sei der Geheimagent Robert Léon Arthur Blémant gemeint (1911–1965). dafür bewundert worden zu sein, dass er so ein gutes Personengedächtnis habe, so kommen ihm am Ende Zweifel an seinem Gewerbe.

Im mittleren von fünf Teilen erzählt Louki selbst, und sie beginnt damit, dass sie mit fünfzehn schon für neunzehn gehalten worden sei. Ihren Vater habe sie nie kennengelernt und sei bei ihrer Mutter aufgewachsen. Bei mehreren ihrer nächtlichen Streifzüge sei sie aufgegriffen worden, und es habe sie gewundert, dass man „sich (überhaupt) für (ihren) Fall interessierte“. Eines Tages dann sei sie einer gewissen Jeannette Gaul begegnet, über die sie in etwas zwielichtige Gesellschaft geriet und die sie mit dem Konsum von „Schnee“ vertraut machte. Aber es bedeutete ihr nicht viel. Was sie im Grunde immer gesucht habe, das sei jenes „Gefühl der Schwerelosigkeit“ gewesen.

In den letzten beiden Teilen wird in Rückblende aus der Perspektive des Schriftstellers Roland erzählt. Er hatte Louki bei esoterischen Sitzungen kennengelernt, in der Wohnung eines Guy de Vere. Roland bemüht sich gleich klarzustellen, dass das Ganze mit „Tische rücken“ nichts zu tun gehabt habe. Bei einem anschließenden Spaziergang merkte Roland sofort, dass Louki in ihrer Ehe nicht wirklich glücklich war. Lieber erzählte sie ihm von den Leuten im „Condé“. Später nahm sie ihn ein paarmal dorthin mit, sie verbrachten gemeinsam Nächte in Hotels, sie gingen gemeinsam ins Kino, sie streiften gemeinsam durch die Pariser Viertel, die Roland „neutrale Zonen“ nannte. Immer mehr merkt man, dass Roland all dies aus großem zeitlichem Abstand berichtet, so wenn er sagt, dass er Loukis Stimme auch heute noch gelegentlich seinen Namen rufen höre. – Im Schlussabschnitt heißt es, er habe eines Tages von Gästen im „Condé“ erfahren, dass Louki sich aus dem Fenster gestürzt habe. Rolands Erzählung endet damit, dass er im Krankenhaus auf Pierre Caisley traf, der sagte, es sei im Beisein von Jeannette Gaul geschehen. Loukis letzte Worte seien gewesen: „Es ist soweit. Lass dich fallen.“

Interpretation Der Roman sei ein Versuch, Wahrheit über eine junge Frau zu erlangen. Allerdings ist Modianos Universum vor allem uneindeutig und diese Ungewissheit habe einen Effekt auf den Leser, so Jurate Kaminskas in einem Beitrag von 2012. Vier verschiedene Erzähler sind Louki auf der Spur, darunter sie selbst, und es werden verschiedene literarische Formen ausprobiert, in deren Spannungsfeld die Konstruktion des Romans sich bewegt: realistischer Roman, Biografie, Autofiktion und Krimi. Dabei scheint der Widerstand, den die junge Frau zeigt, wenn sie in Erscheinung tritt, der Anziehungskraft des Bildes zu widersprechen, das sich die anderen von ihr machen.Jurate Kaminskas: „Traces, traces et figures: Dans le café de la jeunesse perdue de Patrick Modiano“, in: French Cultural Studies, Vol. 23, No. 4 (November 2012):350–357

Man habe am Ende nur eine vage Ahnung, was tatsächlich passiert ist und wann, meint Henri Astier in seiner Rezension für das Times Literary Supplement im Juli 2008, aber was einem weiter im Kopf herumgeistere, das sei die Pariser Stadtlandschaft, die Modiano mit unzusammenhängenden und dennoch anschaulichen, halbfertigen Pinselstrichen zeichne. Hierbei werde geografische Präzision mit verschwommener Chronologie kombiniert, ein schon aus anderen Werken Modianos bekanntes Stilmittel. Astier bezieht Roland und Louki aufeinander: Louki meidet das Quartier Montmartre-Pigalle lieber, in dem sie aufwuchs und als Teenager nachts unterwegs war. Sie sucht Zuflucht im Quartier Latin. Für Roland fühlt es sich gerade dort gefährlich an, von dessen Jugend her. Er wiederum sucht lieber „neutrale Zonen“ auf, die aus seiner Sicht jenseits des Arc de Triomphe liegen. Dies führe zu kreativen Überblendungen, weil beide einer emotionalen inneren Geografie folgen.Henri Astier: „Patrick Modiano – Dans le café de la jeunesse perdue“, in: The Times Literary Supplement, No. 5492 (2008):32, 4. Juli 2008

Colin Nettelbeck hält in seiner Interpretation von 2010 Modianos Zeugenschaft der 1960er-Jahre für ebenso wertvoll wie die Arbeiten von Historikern und Soziologen. Das Verfahren des Erinnerns, mit dem in Modianos Universum Phantome wieder lebendig werden, und die berauschende Rhythmik der erzählenden Stimme machten das Werk aus. Erstmals, schreibt Nettelbeck weiter, setze Modiano in diesem Werk verschiedene Perspektiven ein, mit dem Ziel, vier Funktionen des Erinnerns darzustellen. Die verschiedenen Schichten von Bedeutung würden sich im Laufe der Erzählung konstituieren: Zu Beginn werden in einer Rückschau auf indirekte Weise die Rahmendaten der Geschichte präsentiert, indem Loukis rätselhafte Aura im Umkreis einer spezifischen Pariser Intellektuellenszene und KünstlerbohèmeNathalie Crom, Dans le café de la jeunesse perdue / Roman - Patrick Modiano, telerama.fr, 16. Oktober 2007, aktualisiert am 18. September 2013 evoziert wird. Aus dieser ersten Perspektive im Stil von Memoiren scheint Louki jenes tragische Klima zu repräsentieren, das dem kollektiven Abenteuer der Café-Gäste eigen ist. In der zweiten Perspektive ergänzt ein professioneller Detektiv weitere Daten zu Louki. Hinter seiner Person verberge sich ebenfalls eine Vergangenheit, die Jahre der deutschen Okkupation und unmittelbar danach, die erneut zutage zu treten droht und die das Ensemble der Personen im „Le Condé“ um eine weitere düstere Bedeutungsebene ergänzt. Als dritte Perspektive setzt Modiano diejenige von Louki selbst ein, die formal gesehen eine eigenständige Einheit sein könnte. Trotz ihrer hoffnungsvollen Revolte, die sich im Vagabundieren der jungen Erwachsenen ausdrücke, erweise sich Jacqueline nicht resistent gegen die Risiken anderer Umgangsformen: nicht denen aus Freundschaft und Liebe und auch nicht den Lehren der intellektuell-spirituellen Kreise. Auch wenn die Bekanntschaft mit Jeannette sich für Louki als günstig erwiesen habe, um vom Ehemann wegzukommen, so sei es kein Zufall, dass sich Louki im Beisein von Jeannette umbringe, so Nettelbeck. Und anscheinend hat Louki durch ihre Liebesaffäre mit Roland auch keine Stabilisierung finden können. Die vierte Perspektive, von Roland, ist durcheinander, klart aber an zwei Stellen etwas auf: einmal in Rückschau auf die Anfangszeit ihrer Beziehung, als Louki begann, Roland ins „Le Condé“ mitzubringen, und zum zweiten, sobald das Phantom der Louki spürbar wird, die nicht mehr am Leben ist. Nettelbeck verbindet seine Interpretation am Ende mit werkbiografischen Überlegungen und sieht einen weiteren phantombehafteten Bedeutungskontext in Modianos Auseinandersetzung mit dem Erbe der literarischen Moderne. In der Bereitschaft der männlichen Figuren jedoch, Mitgefühl zu zeigen, sieht er Anzeichen dafür, dass Modiano zunehmend schreibt, um sich zu versöhnen.