mini|Hessisches Hinterland (ohne die Exklave Vöhl) 1815–1866 mini|Hessen-Darmstadt 1815–1866 Das Hessische Hinterland (lokal meist nur das Hinterland; mundartlich Hennerloand oder Hennerlaand) ist eine Region in Oberhessen zwischen den Städten Marburg und Siegen gelegen, östlich von Dillenburg und nördlich von Wetzlar. Es konzentriert sich um den westlichen Teil des heutigen mittelhessischen Landkreises Marburg-Biedenkopf, den Altkreis Biedenkopf. Ehemals reichte es schlauchartig von Bromskirchen im Norden bis kurz vor Wetzlar und nach Rodheim bei Gießen.Elsa Blöcher: Aus der Geschichte des Hinterlandes. In: Erich Landgrebe (Hrsg.): Hessen – Mensch und Raum – Der Landkreis Marburg Biedenkopf. Verlag Moderne Gemeinde Erich Landgrebe, Offenbach/Main 1965, S. 7–15.Elsa Blöcher: Das Hinterland. Ein Heimatbuch. Stephani, Biedenkopf 1981.Günter Bäumner: Skizzen aus dem Hinterland. In: Hinterländer Geschichtsblätter, Nr. 4 (Dezember 1990), Geschichtsbeilage zum Hinterländer Anzeiger. Biedenkopf, S. 51–53.

Heute ist das Hessische Hinterland geprägt von zahlreichen mittelständischen Unternehmen, darunter sogar einige Weltmarktführer. Geographisch zeichnet es sich durch seine typischen Mittelgebirgslandschaften aus, die in der über das Hinterland hinaus weithin sichtbaren Sackpfeife, Teil des Ausläufers des Rothaargebirges, ihren Hochpunkt finden. Die gesamte Region liegt im Einzugsgebiet der oberen Lahn.

Ursprünglich war das „Hinterland“ (zur Namensherkunft siehe unten) der zur Landgrafschaft Hessen-Darmstadt gehörige und von dieser nahezu vollständig isolierte Bereich der Ämter Blankenstein mit dem Breidenbacher Grund, Biedenkopf, Battenberg (Eder) und Königsberg. Später blieb die Bezeichnung „Hessisches Hinterland“ am ehemaligen Kreis Biedenkopf hängen, der bis 1866 zu Hessen-Darmstädter Territorium und ab 1867 zum Königreich Preußen gehörte (siehe Historische Einordnung).

Heute wird der Begriff „Hessisches Hinterland“ volkstümlich für die Teile des ehemaligen Kreises Biedenkopf verwendet, die 1974 im Landkreis Marburg-Biedenkopf aufgegangen sind (siehe Gegenwärtige Einordnung).

Im Hinterland wird Hinterländer PlattHans Friebertshäuser: Sprache und Geschichte des nordwestlichen Althessen (= Deutsche Dialektgeographie (DDG). Bd. 46). Elwert, Marburg 1961, . gesprochen, allerdings meist nur noch von älteren einheimischen Bewohnern – mit abnehmender Tendenz. Die eigentümliche traditionelle Hinterländer Tracht ist in der Mitte des 20. Jahrhunderts mit den letzten Trägerinnen ausgestorben.

Geographie Name Herkunft Von der damaligen hessischen Haupt- und Residenzstadt Darmstadt aus gesehen lag die Region „ganz weit hinten“ und kam so zu der Bezeichnung „Hinterland“. Es gehörte zur hessen-darmstädtischen Provinz Oberhessen mit der Provinzhauptstadt Gießen, mit der es nur über einen ganz schmalen Gebietskorridor (ca. 500 m breit) verbunden war, und lag auch von da aus gesehen „hinten“, hinter dem Dünsberg.

Der 1832 neu gegründete Landkreis Biedenkopf wurde auch „Hinterlandkreis“ genannt. Das ist die erste Nennung des Namens.

Rezeption Heute wird der Name unterschiedlich wahrgenommen: Vielerseits, besonders außerhalb des Hinterlandes, wird er mit Abgelegenheit oder Rückständigkeit, dem „Hinterwäldlerischen“, in Verbindung gesetzt. Gleichzeitig gibt es viele, die die Bezeichnung mit Stolz tragen, sie mit wirtschaftlichem Erfolg und Heimatgefühlen verbinden oder sie zumindest als neutral oder selbstverständlich erachten.

Nur wenige Institutionen tragen den Namen „Hinterland“ im offiziellen Namen, dazu gehört etwa die Lokalzeitung Hinterländer Anzeiger und das 2026 in „Hinterland-Klinik“ umbenannte Krankenhaus in Biedenkopf.

Historische Einordnung Über Jahrhunderte hat sich das Gebiet als abgeschlossenes Bauernland bis in die Zeiten der Weltkriege seinen Charakter bewahrt. Täler und Dörfer sind durch Berge und Wälder voneinander getrennt, so dass jedes Waldtal einen separaten kleinen Bezirk bildet. So konnten sich bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts die örtlichen Besonderheiten in Tracht (Hinterländer Trachten), Sitte und Dialekt (Hinterländer Platt) besser erhalten als in den anderen Teilen Hessens.

Das historische Hinterland hatte einige Wasserscheiden mit wenigen Straßenverbindungen zu überwinden, reichte es doch von Bromskirchen an der nördlichen Grenze zum Sauerland über Flussabschnitte (Eder, obere Lahn und Salzböde) hinweg bis Naunheim bei Wetzlar im Süden – ein Gebiet, dem eine einheitliche, durchgängige und verbindende Straße fehlte.

In seiner größten Ausdehnung gehörten zum historischen Hinterland sechs Städte: Biedenkopf, Gladenbach, Breidenstein, Hatzfeld (Eder), Battenberg (Eder) und Königsberg in Hessen. Die ersten drei von ihnen werden heute noch zum Hinterland gezählt; Biedenkopf gilt als Hauptstadt und ist gleichzeitig die bevölkerungsreichste Stadt; Breidenstein hat seinen Status als Stadt inzwischen durch Eingemeindung verloren; Gladenbach hingegen erhielt ihn erst 1937.

Folgende Städte und Gemeinden (von Nord nach Süd geordnet) zählte man historisch zum Hinterland: Landkreis Waldeck-Frankenberg: Allendorf (Eder), Battenberg (Eder), Hatzfeld (Eder), Vöhl Landkreis Marburg-Biedenkopf: Biedenkopf, Breidenbach, Dautphetal, Steffenberg, Angelburg, Bad Endbach, Gladenbach ohne Weitershausen Lahn-Dill-Kreis: Simmersbach und Roth (heute Ortsteile der Gemeinde Eschenburg), Bischoffen (alle Ortsteile), der Stadtteil Waldgirmes der Gemeinde Lahnau, die heutigen Wetzlarer Stadtteile Naunheim und Hermannstein. Landkreis Gießen: Biebertal ohne Vetzberg

Gegenwärtige Einordnung mini|300px|Die Hinterland-Kommunen innerhalb des Landkreises Marburg-Biedenkopf Durch die territorialen Veränderungen im 20. Jahrhundert haben sich auch die Definition und das Bild des Hinterlandes gewandelt. Die durch die Auflösung und verkleinerte Wiederherstellung des Landkreises Biedenkopf und die Hessische Gebietsreform an die Nachbarkreise Waldeck-Frankenberg und Lahn-Dill gelangten Gebiete orientierten sich zunehmend weg vom Hinterland und Biedenkopf, hin zu den Zentren in den neuen Landkreisen (Frankenberg, Dillenburg, Wetzlar und Gießen), sofern dies nicht schon vorher eingetreten war. Das führte dazu, dass sich auch die gängige Definition des Hinterlandes veränderte; betroffene Einwohner sahen sich nicht mehr als „Hinterländer“.

Hängengeblieben ist die Bezeichnung Hinterland schließlich an den Gemeinden des früheren Landkreises Biedenkopf, die Teil des neugebildeten Landkreises Marburg-Biedenkopf geworden sind. Dabei handelt es sich um die heutigen Großgemeinden Biedenkopf, Breidenbach, Dautphetal, Steffenberg, Angelburg, Bad Endbach (jeweils mit allen Ortsteilen) und Gladenbach (ohne Ortsteil Weitershausen). Diese werden in den Medien auch des Öfteren als Hinterland-Kommunen betitelt. Das Ederbergland und die heutige Gemeinde Bischoffen werden somit nicht mehr dazu gezählt.

Demnach hat das Hinterland (Stand 30. Juni 2023) genau 59.967 Einwohner und eine Fläche von etwa 356,28 Quadratkilometern.

Gebirge und Flüsse mini|Der Kreis Biedenkopf 1905Das Hinterland nach gegenwärtiger Definition liegt vollständig im Einzugsgebiet der Lahn und ist geprägt von Mittelgebirgslandschaften, die an der Sackpfeife () am nördlichen Rand ihre höchste Erhebung finden. Die wichtigsten Gewässer sind, neben der Lahn, die Salzböde, die den südlichen Teil um Gladenbach und Bad Endbach entwässert, sowie die Perf, deren Einzugsgebiet sich über den östlichen Teil um Breidenbach und Eisenhausen erstreckt. Kleinere wichtige Flüsse sind die Dautphe um Friedensdorf, Mornshausen und Holzhausen im mittel-westlichen Teil und Ohe und Allna im westlichen Teil bei Friebertshausen, Sinkershausen und Diedenshausen sowie der Engelbach im nördlichen Teil, der die vom restlichen Hinterland räumlich abgegrenzten Dörfer Dexbach und Engelbach über die Wetschaft entwässert. mini|links|Geologische Karte von Dillmulde, Hörre-Zone und Lahnmulde mit angrenzenden Gebieten Die nördliche Grenze des Hinterlandes bildet in etwa die Rhein-Weser-Wasserscheide in Form des Lützlergebirges, Teil der südöstlichen Ausläufer des Rothaargebirges, das durch mehrere Gebirgspässe überquert werden kann. Erwähnenswert ist hier der Eschborn bei etwa , über den die Bundesstraße 253 als (nach dem nahgelegenen Berg) „Sackpfeife“ genannte Passstraße das Hinterland und das Lahntal mit dem Tal der Eder verbindet. Parallel dazu verlaufen kleinere Passstraßen über das Lausfeld, zwischen Weifenbach und Lindenhof bei Hatzfeld sowie über die Wetterhöhe zwischen Biedenkopf und Engelbach.

Die südwestliche Grenze des Hinterlandes verläuft über die Wasserscheide von Aar und Salzböde auf dem nach der Zollbuche benannten Höhenzug, die den höchsten Punkt () der dort verlaufenden Passstraße (Bundesstraße 255) zwischen Weidenhausen und Oberweidbach darstellt. Weitere dort verlaufende Passstraßen sind die Landesstraße 3049 mit höchstem Punkt in Günterod bei etwa und die Kreisstraße 51 zwischen Erdhausen und Rodenhausen ().

Während also der äußerste Nordwesten des Hinterlandes Teil des Lützler- und damit des Rothaargebirges ist, fällt der übrige Teil unter das Gladenbacher Bergland.

Geologie und Naturräume Naturräumlich gehört das Hinterland zum Großteil zum Gladenbacher Bergland (für Genaueres zu Gewässern und Bergen siehe dort), der äußerste Norden ist noch naturräumlich Teil des Ostsauerländer Gebirgsrandes; geologisch gehört es zum Ostteil des Rheinischen Schiefergebirges, dem sogenannten Hessischen Synklinorium, untergliedert in Dillmulde, Hörre-Zone und Lahnmulde.

Klima Klimatisch liegt das Hinterland im Grenzbereich der beiden Klimaräume Nordwest- und Südwestdeutschland, die sich im Bereich Mittelhessen trennen (Westerwald-Klima). Das heißt, es gibt sowohl maritime als auch festländische Einflüsse. Das Klima wird daher durch verhältnismäßig kühlere Sommer, aber auch nicht-alpine Wintertemperaturen gekennzeichnet. Die Lufttemperatur liegt im Mittel bei sechs bis sieben Grad Celsius, wobei Niederschläge von durchschnittlich 850 bis 1000 mm ganzjährig fallen.

Geschichte

Frühgeschichte Das Hinterland als „Forschungslücke“ Das Gebiet des Hessischen Hinterlandes ist archäologisch gesehen, bis auf einzelne örtliche Ausnahmen, ein „weißer Fleck“. Infolge der nach 1866 wechselnden politischen / verwaltungstechnischen Zugehörigkeiten und damit verbundenen Zuständigkeiten der Ämter und Institutionen (in Darmstadt, Wiesbaden, Marburg) wurde das Gebiet bis heute, aus welchen Gründen auch immer, nicht systematisch archäologisch untersucht (Forschungslücke).Inventar der vor- und frühgeschichtlichen Denkmäler von Hessen. Hrsg. Der Landesarchäologe von Hessen, Band II, Der Kreis Biedenkopf. Rudolf Habelt Verlag, Bonn 1973.

Bei Bad Endbach aktuelle Funde aus der Hallstattzeit, Siedlungsspuren und Eisenerzverhüttung

Im Ortsteil Endbach fand man bei Ausschachtungsarbeiten in den Jahren 2020/21 für eine neue Wohnbebauung am „Sonnenhang“ auf dem Gelände einer ehemaligen Gärtnerei deutliche Spuren von einem frühgeschichtlichen Wohnplatz, der ausgegraben und archäologisch untersucht wurde. Gefunden wurden hallstattzeitliche Siedlungsspuren (Eisenzeit, 7./6. Jh. v. Chr.) und Überreste einer Eisenerzverhüttung.Uwe Schneider, Racquel Nast, Christa Meiborg: Hallstattzeitliche Siedlungsspuren in Bad Endbach (Lkr. Marburg-Biedenkopöf), In den Fels gehauen: Überreste von Eisenverhüttung im südöstlichen Schiefergebirge. In: Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): hessen Archäologie 2022, Jahrbuch für Archäologie und Paläontologie in Hessen. ISBN 978-3-8062-4632-2, ISSN 1610-0190, S. 83–88.

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