mini|450px|Die Reise (als weitgehend idealisierte Reiseroute) von Denis Diderot 1773–1774. Er war damit insgesamt 497 Tage unterwegs. Die Entfernung beträgt etwa 3500 km: zeigt die Hinfahrt (11. Juni – 8. Oktober 1773), stellt die Rückreise dar (5. März – 21. Oktober 1774).
Die Russlandreise von Denis Diderot fand zwischen Juni 1773 und Oktober 1774 statt. Zwar hatte die Zarin Katharina II. () Denis Diderot schon im Jahr 1762 nach Russland eingeladenKarin Hlavin-Schulze: »Man reist ja nicht, um anzukommen«: Reisen als kulturelle Praxis. Campus, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-593-36116-7, S. 51–52., damit er dort die Enzyklopädie vollenden würde. Diderot hatte abgesagt, war aber mit dem General und Schulreformer Iwan Iwanowitsch Bezkoi in Verbindung geblieben, um eventuell später eine zweite, redigierte Ausgabe der Enzyklopädie in Russland zu veröffentlichen. In Sankt Petersburg verbrachte er bezogen auf die Gesamtreisezeit von 497 Tagen nur 30 % der Zeit. Da er sich in den Herbst- und Wintermonaten dort aufhielt, konnte er die Weißen Nächte in den Monaten Juni bis Juli nicht miterleben. Hingegen hielt er sich in Den Haag während 52 % der Zeit seiner Abwesenheit von Paris auf (13 % auf der Hinfahrt nach Sankt Petersburg und 39 % auf der Rückfahrt) und blieb damit dort am längsten.
Diderot führte ein weitgehend stationäres Leben in Paris. Er reiste wiederholt nach Langres zu seinem Vater Didier Diderot. Bei einem Kuraufenthalt im August 1770 im Thermalbad in Bourbonne-les-Bains traf er seine Freundin Jeanne-Catherine Quinault und deren Tochter, Mme de Pruneveaux. Es sind keine weiteren Reisen Diderots belegt.
Als Diderot 1773 nach Russland aufbrach, war die Enzyklopädie fertiggestellt, seine Tochter Marie-Angélique Diderot (1753–1824) verheiratet und er seiner Mäzenin Katharina zu Dank verpflichtet.Heidi Denzel de Tirado: Biographische Fiktionen: Das Paradigma Denis Diderot im interkulturellen Vergleich (1765–2005). Königshausen & Neumann, Würzburg 2009, ISBN 978-3-8260-3954-6, S. 295–301.Pierre C. Oustinoff: Notes on Diderot’s Fortunes in Russia. Diderot Studies 1:121–142 (1949). Diderot reiste in der Zeit des 5. Russisch-Türkischen Krieges, der von 1768 bis 1774 geführt wurde und mit dem die südliche Ukraine, der Nordkaukasus und die Krim unter die Herrschaft Russlands gebracht wurden. Innenpolitisch nennenswert ist der Erlass des Toleranzedikts vom 17. Juni 1773, in dem die Zarin die Duldung aller religiösen Bekenntnisse versprach. Aber es gab zu diesem Zeitpunkt auch massive soziale Unruhen, die ihren Ausdruck zum Beispiel im Pugatschow-Aufstand (1773–1775) fanden.
Voraussetzungen für die Reise Immer wichtiger waren die obligatorischen Reisen der Mitglieder des europäischen Adels zur Mitte des 18. Jahrhunderts hin geworden, später brach auch das gehobene Bürgertum zu dieser Form der Bildungsreise auf. Durch Mitteleuropa, Italien, Spanien und auch ins Heilige Land führten deren Wege. Diese Reisen erlebten einen erheblichen Aufschwung. Im Zuge der Aufklärung nahm das Interesse an fremden Kulturen und Menschen, deren Lebensbedingungen und Umgebung weiter zu. Außerdem wurde das Reisefieber durch Berichte von Weltreisen und Reiseliteratur geweckt.
Schon bald nach Inthronisation zur Zarin am 9. Juli 1762, ließ Katharina II. Denis Diderot wissen, dass sie die seit dem Jahre 1751 erstmals und im Verlauf mit vielen Schwierigkeiten publizierte Enzyklopädie auch in Riga oder Sankt Petersburg erscheinen lassen könne.Martin Lubenow: Französische Kultur in Russland: Entwicklungslinien in Geschichte und Literatur. Bd. 38 Bausteine zur slavischen Philologie und Kulturgeschichte / A: Slavistische Forschungen. Böhlau Verlag, Köln / Weimar, ISBN 3-412-13601-8, S. 105 Ihr Ansinnen aber lehnte Diderot – wenn auch wohlwollend und dankbar – ab, da er vertraglich an seinen Verleger gebunden war. Hingegen erschienen einige Übertragungen der Enzyklopädie ins Russische ab dem Jahre 1767, also zwei Jahre nach Fertigstellung der französischen Ausgabe.
Diderot und seine Familie hatten fast 20 Jahre von den Zuwendungen der Verleger und Buchhändler gelebt, Rechte auf Tantiemen besaß er nicht. So kamen nur regelmäßige Einnahmen aus dem väterlichen Erbe in Langres. Friedrich Melchior Grimm rettete Diderots finanzielle Situation durch den gemeinsam mit Dmitri Alexejewitsch Golizyn () vermittelten Verkauf der Diderotschen Bibliothek am 16. März 1765 an Katharina II. von Russland – sie wurde zwei Jahre nach dessen Tod im Jahre 1786 nach Sankt Petersburg transportiert – für 16.000 Livre.Jacques Attali: Diderot ou le bonheur de penser. Fayard, Paris 2012, ISBN 978-2-213-66845-1, S. 279 Andere Autoren für den Betrag von 15.000 Livre an, so könnte es sich hier um den ursprünglichen Preis der Bibliothek gehandelt haben, ohne den möglicherweise im Voraus gezahlten Jahressalär von 1000 Livre. Da die Bibliothek auf 13.000 Livre geschätzt worden war, zahlte ihm die Zarin 1000 Livre mehr als gefordert. Darüber hinaus erhielt Diderot eine feste Anstellung als Bibliothekar seiner eigenen Bibliothek so, dass er für fünfzig Jahre im Voraus mit jährlich 1000 Livre bezahlt wurde.
Nach dem Kauf der Diderotschen Bibliothek zu seinen Lebzeiten durch die Zarin kamen beide in regen postalischen Kontakt. Diderot wird nun zum kaiserlichen KunstagentenMarianna Butenschön: Ein Zaubertempel für die Musen: Die Ermitage in St. Petersburg. Bühlau, Köln / Weimar 2008, ISBN 3-412-20102-2, S. 58 und im Jahre 1767 zum Mitglied der Russischen Kaiserlichen Kunstakademie ernannt.Katharina Schirmer: Die Gemäldesammlung Katharinas II. von Russland. Der Ankauf des europäischen bon goût. Diplomarbeit, Universität Wien 2013, S. 57
Aber auch Diderot nutzte seine Kontakte nach Russland, so protegierte er etwa den Historiker Pierre-Charles Levesque, der an der Seekadettenschule in Sankt Petersburg, () seine Professur von 1773 bis 1780 ausübte.André Mazon: Pierre-Charles Levesque, humaniste, historien et moraliste. Revue des études slaves Année 1963 Volume 42 Numéro 42-1-4 S. 7-66
Am 5. April 1772 starb die Mutter seiner Freundin Sophie Volland, welches seinen Gram, so in den Briefen zu lesen, weiter vertiefte.Pierre Lepape: Denis Diderot. Eine Biographie. Campus, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-593-35150-1, S. 383 f. Am 9. September 1772, einem Mittwoch, heiratete seine einzige Tochter Marie-Angélique den Industriellen Abel François Nicolas Caroillon de Vandeul, zu der, aber auch zu deren zukünftigen Familie er enge Beziehungen pflegte, nicht zuletzt um seine Einsamkeit zu mindern.
Die Reiseabsichten zur Zarin blieben den Vertretern der herrschenden Administration im Frankreich des Ludwig XVI. nicht verborgen, so übermittelte etwa der Außenminister des Ancien Régime Manuel Armando de Vignerot du Plessis an den gerade bestimmten und von 1772 bis 1775 amtierenden französischen Botschafter in Sankt Petersburg François-Michel Durand de Distroff (1714–1778) ein negatives Bild über Denis Diderot.Arthur McCandless Wilson: Diderot. Oxford University Press, New York 1972, ISBN 0-19-501506-1, S. 634
Der Reiseverlauf Am Freitag, 11. Juni 1773 verließ Diderot Paris über die vorhandenen Postkurse mit einer Postkutsche zu seiner einzigen längeren Reise mit dem Ziel Sankt Petersburg (). Betrachtet man den Reiseverlauf, so werden Orte in den Österreichischen Niederlanden, der Republik der Sieben Vereinigten Provinzen, im Königreich Preußen, im Herzogtum Kurland und Semgallen sowohl bei der Hin- als auch bei der Rückreise zweimal aufgesucht, hingegen wurden die Reisewege im Heiligen Römischen Reich verschieden gewählt.Karte des Heiligen Römischen Reiches 1789
mini|Die Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst und spätere Zarin Katharina II. von Russland um das Jahr 1780
Im 18. Jahrhundert betrug die durchschnittliche Entfernung zwischen zwei Relaisstationen 16 Kilometer. + Durchschnittliche Reisegeschwindigkeiten unterschiedlicher Verkehrsmittel im Laufe der geschichtlichen EntwicklungLast und Lust des Reisens. Oder von der Unbequemlichkeit der Fortbewegung zu Lande 1750–1815 Teil 1: Die Reisenden und ihre Equipage (2010) (PDF; 3,4 MB)Last und Lust des Reisens. Oder von der Unbequemlichkeit der Fortbewegung zu Lande 1750–1815 Teil 2: Von dem Reisen selbst, der Fortbewegung und den Hindernissen (2010) (PDF; 2,6 MB) Verkehrsmittel ungefähre Geschwindigkeiten Entfernung Marsch zu Fuß 5–6 km/h 25–30 km pro Tag Pferd 6–10 km/h 35–55 (bis 80) km pro Tag Kutsche (um 1700) ca. 2 km/h 20–30 km pro Tag Kutsche (um 1800) ca. 3–7 km/h 30–80 km pro Tag Schiff (Segel) zur See ca. 18 km/h ca. 400 km pro Tag
Der erste Aufenthalt in der Republik der Sieben Vereinigten Provinzen und die Hinreise nach Sankt Petersburg Die Reise – mit vielen Begegnungen unterwegs – ging zunächst über Den Haag in das Herzogtum Kleve, wo er seinen späteren Reisebegleiter Alexei Wassiljewitsch Naryschkin, () traf.
In Den Haag wohnte er vom Dienstag, 15. Juni bis zum Freitag, 20. August 1773 bei dem russischen Botschafter Dmitri Alexejewitsch Fürst von Gallitzin und dessen Ehefrau Amalie von Gallitzinsiehe hierzu auch Münsterscher Kreis. in der russischen Botschaft 22 Kneuterdijk. mini|Karte von Den Haag, La Haye mit Erklärung für die Nummern und Buchstaben auf der Karte. Von Iven Besoet (1720–1769) aus dem Jahre 1747. Hier lernte er den niederländischen Philosophen François Hemsterhuis persönlich kennen und traf sich mit dem der Aufklärung verbundenen Verleger Marc-Michel Rey. François Hemsterhuis schrieb im Jahre 1772 in französischer Sprache Lettre sur l’homme et ses rapports.Lettre sur l'homme et ses rapports (1772) Der Autor übergab Diderot eine handschriftliche Kopie seines Werkes zum Lesen und Korrigieren seines französischen Textes. Diderot las das Werk nicht nur gründlich, er fügte insgesamt 364 verschachtelte Kommentare als Marginalien an, woraus dann die Observations sur la Lettre sur l’homme et ses rapports (1773) wurden. Aber auch die Schrift seines aufklärerischen Mitstreiters Claude-Adrien Helvétius De l’homme, de ses facultés intellectuelles et de son education (1772) forderten ihn zu einer Antwort heraus, so begann er in den Den Haag mit seiner La réfutation d’Helvétius (1774).Philip Nicholas Furbank: Diderot. A critical biography. Secker & Warburg, London 1992, ISBN 0-436-16853-7, S. 373 mini|Kneuterdijk 22 Raad van State.Geschiedenis van Den Haag. Kneuterdijk 22 (24), huis van Oldenbarnevelt. Siehe auf der obigen Karte von Iven Besoet in der Nähe von Nummer „14“ mini|Kupferstich mit der Darstellung von Alexei Wassiljewitsch Naryschkin Während seines ersten Aufenthaltes in Den Haag besuchte Diderot die Städte Scheveningen, Leiden, Haarlem, Amsterdam, Delft, Zaandam und Utrecht.
Zwei Tage nach seiner Ankunft fuhr er mit seinen Gastgebern in die südholländische Universitätsstadt Leyden,Philip Nicholas Furbank: Diderot. A critical biography. Secker & Warburg, London 1992, ISBN 0-436-16853-7, S. 372 wo er einige Hochschullehrer der dortigen Universität kennenlernte.Arthur McCandless Wilson: Diderot. Oxford University Press, New York 1972, ISBN 0-19-501506-1, S. 619
Mit der vielseitigen Persönlichkeit, dem Philosophen, Gelehrten, Ökonom, Politiker und Geschäftsmann Isaac de Pinto traf er mehrfach zusammen.Leon Schwartz: Diderot and the Jews, S. 131. Fairleigh Dickinson University Press, 1981, ISBN 0-8386-2377-8