mini|hochkant=1.4|Schloss Compiègne, Ansicht vom Ehrenhof mini|hochkant=1.4|Gartenfassade des Schlosses mini|hochkant=1.4|Luftbild des Schlosses und seines Parks mini|hochkant=1.4|Lageplan des Schlosses und seines Parks

Das Schloss Compiègne ( oder auch ) ist eine klassizistische Schlossanlage in der französischen Stadt Compiègne im Département Oise in Nordfrankreich. Die weitläufige Anlage war nach Versailles und Fontainebleau die wichtigste Herrscherresidenz Frankreichs, in der sich die französischen Könige traditionell einige Tage auf dem Weg von und zu ihrer Krönung in Reims aufhielten. Der Schlosskomplex wurde am 24. Oktober 1994 als Monument historique unter Denkmalschutz gestellt.

Vom 6. bis 11. Jahrhundert waren die Vorgängerbauten der heutigen Anlage die bevorzugte Residenz der merowingischen und karolingischen Könige. Ein Neubau König Karls V. wurde bis Mitte des 18. Jahrhunderts durch das französische Königshaus in kleinen Schritten immer wieder erweitert und umgebaut, ehe Ludwig XV. eine umfassende Veränderung und Vergrößerung der Anlage in Auftrag gab. Schloss Compiègne war damit das einzige bedeutende königliche Bauwerk in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. An ihm wurde über 40 Jahre lang gearbeitet. Mit der baulichen Entwicklung ging auch eine Namensänderung einher: Im 17. Jahrhundert noch Louvre genannt, änderte sich die Bezeichnung im 18. Jahrhundert allmählich zu () und im Zweiten Kaiserreich zu (). Zu jener Zeit erlebte die Anlage unter Napoleon III. und seiner Frau Eugénie eine erneute Blüte, als die beiden dort während der sogenannten , einer Folge mehrerer einwöchiger Aufenthalte mit kulturellen und gesellschaftlichen Veranstaltungen, glanzvoll Hof hielten. Das Paar nutzte Compiègne als Herbstresidenz, in der das Hofzeremoniell nicht so steif wie im Tuilerienpalast oder in Saint Cloud war. Kaiserin Eugénies Herz hing derart stark an diesem Schloss, dass sie später im englischen Exil einen Teil ihrer dortigen Residenz Farnborough Hill in Compiègne umtaufte.

Die historischen Appartements der Schlossanlage können heute entgeltlich besichtigt werden, darunter das Prinzliche Doppelappartement und das Appartement des Königs von Rom sowie die Appartements des Kaisers und der Kaiserin. Sie sind die am besten erhaltenen Empire-Ensembles (sowohl Erstes als auch Zweites Empire) in ganz Frankreich. Daneben beherbergt die Anlage drei verschiedene Museen. Der 20 Hektar große Schlosspark ist täglich für Besucher geöffnet. Dort ist der Eintritt frei.

Geschichte

Die Anfänge und Vorgängerbauten

Compiègne fand in den von Gregor von Tours im 6. Jahrhundert verfassten Zehn Bücher Geschichten () als erstmals Erwähnung. Eine erste Residenz der westfränkischen Könige in Compiègne ist durch zahlreiche Urkunden bekannt. Sie stammte vielleicht schon aus der Zeit Chlodwigs I. und war vermutlich aus Holz erbaut. Chlothar I. starb 561 in dieser in Compiègne. Im Laufe des 7. Jahrhunderts gewann die mehrheitlich als Jagdhaus genutzte immer mehr an Bedeutung und wuchs zu einer königlichen Pfalz heran, die in den Quellen genannt wurde. Dagobert I. bewahrte dort seinen Königsschatz auf, den seine Söhne im Jahr 639 unter sich aufteilten. Allerdings konnte der Standort dieser Pfalz, bei der es sich nicht um einen Palast, sondern mehr um eine Art Landhaus gehandelt hat, bisher nicht lokalisiert werden. Unter den Karolingern war Compiègne ein Zentrum ihrer Herrschaft und diplomatischer Mittelpunkt des westlichen Frankenreichs. So ist zum Beispiel für das Jahr 757 der Empfang einer Gesandtschaft des byzantinischen Kaisers Konstantin V. belegt.

mini|hochkant=0.9|Ludwig II. wurde in Compiègne gekrönt; Buchmalerei aus den Lateinischen Chroniken von Saint-Denis, 14. Jahrhundert

Am 5. Mai 877 stiftete Karl der Kahle in Compiègne die Abtei Notre-Dame (später Saint-Corneille), deren Klosterkirche zugleich als königliche Kapelle diente. Zudem ließ er am Ufer der Oise eine neue Königsresidenz errichten, die sich am Vorbild der Aachener Pfalz seines Großvaters Karls des Großen orientierte und seine Lieblingsresidenz wurde. 877 wurde Ludwig II. in der Klosterkirche zum König der Westfranken gekrönt. Er starb nur zwei Jahre später in Compiègne und wurde in der Abtei begraben. Ähnliches gilt für den letzten Karolinger auf dem französischen Thron: Auch Ludwig V. wurde in der Klosterkirche in Compiègne gekrönt und nach seinem Tod 987 dort bestattet. 888 fand dort zudem die Königskrönung Odos statt.

Zu Beginn des 10. Jahrhunderts wurden Teile der Burg und des Klosters bei normannischen Überfällen zerstört. Die Schäden ließ Karl III. in der Folgezeit beheben. Erneute Zerstörungen mussten die Abtei und die Königsresidenz durch einen Vergeltungsschlag des römisch-deutschen Kaisers Otto II. im Jahr 978 hinnehmen. Dieser ließ Compiègne angreifen und in Brand stecken, nachdem König Lothar im Sommer des Jahres Aachen hatte überfallen lassen. Nach dem Tod Ludwigs V. bestiegen die Kapetinger den französischen Thron und hielten Compiègne die Treue. Philipp August, der in der dortigen Klosterkirche getauft worden war, ließ die Befestigungen der Stadt erweitern und verstärken sowie einen runden Donjon errichten, um die Brücke über die Oise zu kontrollieren. Die Ruine dieses mächtigen Rundturms steht an der heutigen rue de Jeanne d’Arc und wird Beauregard-Turm () oder auch genannt. Ab 1300 hielt Philipp der Schöne den flandrischen Grafen Guido I. in dem Donjon gefangen. Guido starb dort 1305, weil er sich weigerte, das enorm hohe Lösegeld zu zahlen.

Ludwig der Heilige machte nach seiner Krönung in Reims im November 1226 Station in Compiègne und begründete damit eine Tradition, die noch viele Jahrhunderte lang durch die französischen Monarchen fortgeführt wurde. Zu Ludwigs Zeiten war die alte Karolingerresidenz bereits völlig verschwunden. Sie war 1150 in den Besitz der Benediktiner von Saint-Denis gekommen, welche die vorherige Kongregation von Saint-Corneille abgelöst und an der Stelle ein Hôtel-Dieu errichtet hatten. Ludwig ließ den Beauregard-Turm teilweise schleifen und niederlegen und schenkte ihn 1260 schließlich dem Dominikanerorden für die Gründung eines eigenen Klosters. Die Könige kamen nun immer häufiger nur noch zur Jagd nach Compiègne und wohnten während ihrer Aufenthalte in einer kleinen Jagdresidenz außerhalb der Stadt am Rande des Waldes. Das Royallieu genannte Gebäude besaß eine eigene Kapelle, welche die Wiege für eine spätere Abtei gleichen Namens war und einem heutigen Stadtteil von Compiègne den Namen gab. Der Jagdsitz war ein schlichter Bau und nicht groß genug, um dort große Versammlungen abhalten zu können, deshalb nutzte Ludwig IX. für solche Zwecke die Abtei Saint-Corneille.

Mittelalterlicher Neubau am heutigen Standort

mini|hochkant|Die Königsresidenz im 17. Jahrhundert, Ausschnitt aus einem Stadtplan Compiègnes von Gérard I. Jollain

Royallieu war für eine angemessene Hofhaltung des Königs nicht nur zu klein, sondern auch zu unsicher, weil es außerhalb der schützenden Stadtmauern lag. Karl V. entschloss sich deshalb dazu, eine neue, größere Residenz in Compiègne zu errichten. Zu diesem Zweck kaufte er 1374 von der Abtei Saint-Corneille ein Grundstück im nordöstlichen Bereich der Stadt und gab den Befehl, nicht nur die Stadtmauern weiter zu verstärken, sondern auch auf dem erworbenen Land einen Neubau zu errichten. Dieser war beim Tod Karls im Jahr 1380 nicht vollständig fertig und stand dort, wo sich auch das heutige Schloss befindet. Es handelte sich um eine Anlage, deren vier unregelmäßig angeordnete Flügel einen Innenhof umschlossen. Die schlichten Bauten nahmen ungefähr jenen Platz ein, der heute durch den Ehrenhof belegt wird. 1382 versammelte Karls Sohn Karl VI. dort die Generalstände. 1406 fand in der königlichen Residenz die Hochzeit der Prinzessin Isabella, Witwe des englischen Königs Richard II., und ihres Cousins Karl, dem späteren Herzog von Orléans, statt. Im gleichen Jahr wurde dort auch die Verlobung von Isabellas jüngerem Bruder Johann mit Jakobäa von Bayern gefeiert. Während der Auseinandersetzungen zwischen den Bourguignons und den Armagnacs wurde die Anlage stark beschädigt, aber wieder aufgebaut. Das gleiche Schicksal ereilte sie auch im Hundertjährigen Krieg: Innerhalb von 16 Jahren wurden Stadt und Residenz viermal von englischen Soldaten erobert und genauso oft von französischen Truppen zurückerobert. Ohne Schäden ging dies nicht einher.

Im Großen und Ganzen behielt die Louvre (von , deutsch: das Werk) genannte Residenz bis in das 17. Jahrhundert ihre mittelalterliche Form. Die französischen Könige der Renaissance fügten zwar einige Erweiterungen hinzu, aber diese änderten das Aussehen nur wenig. So ließ zum Beispiel Franz I., der oft zur Jagd nach Compiègne kam, das damalige Hauptportal mitsamt zwei Flankierungstürmen bauen und etwa in der Mitte des heute genannten Hofs ein Ballhaus errichten. Unter Karl IX. wurde mit dem etwa 6 Hektar großen Garten des Königs () der Grundstein für den heutigen Schlosspark gelegt, doch die Gebäude veränderte auch dieser König nicht. Heinrich III. rief in Compiègne 1576 noch einmal die Generalstände zusammen, danach verfiel die meist ungenutzte Königsresidenz allmählich und war bald nicht mehr bewohnbar. Heinrich IV. ließ deshalb 1598 einige Reparaturen durchführen. Ludwig XIII. verbannte im Februar 1631 seine Mutter Maria de’ Medici nach dem Journée des dupes vom Hof und stellte sie in Compiègne unter Hausarrest, von wo ihr am Abend des 18. Juli die Flucht nach Brüssel gelang. Anlässlich seines letzten Besuchs in Compiègne gab Ludwig XIII. im Oktober 1641 die Order, „das Schloss zu reparieren und in einen guten Zustand zu versetzen“ (). Vermutlich wurde dieser Befehl nach seinem Tod unter seiner Witwe Anna von Österreich als Vormund des jungen Ludwig XIV. ausgeführt, denn ab 1646 erfolgten größere Umbauten im Inneren der Residenz, deren Arbeiten ab 1650 intensiviert und gegen 1655 beendet waren. Während der Fronde flüchtete Anna von Österreich mit ihrem Sohn und Kardinal Mazarin aus Paris und bezog ab August 1652 in Compiègne Quartier. Mazarin wählte die Residenz auch als Ort der Heirat seiner Nichte Laura Martinozzi mit Alfonso IV. d’Este, dem Herzog von Modena, im Mai 1655.

mini|hochkant|Ludwig XIV. mit Madame de Maintenon beim Lager von Compiègne im September 1698; Stich aus dem Almanach royal