Die Wisent-Wildnis am Rothaarsteig, in umgangssprachlicher Kurzform auch Wisent-Wildnis, bzw. das Projekt „Wisente im Rothaargebirge“ ist ein 2010 gegründetes Artenschutzprojekt, mit dem erstmals seit 1775 wieder Wisente in Deutschland angesiedelt wurden.

Das Projektgebiet liegt im Wald des nordrhein-westfälischen Rothaargebirges im Kreis Siegen-Wittgenstein am namensgebenden Fernwanderweg. In einem naturnahen Schaugehege von ca. 20 Hektar wurden Stand September 2023 acht Tiere gehalten. Die frei lebende Herde, die auf 40 Tiere angewachsen war, wurde Anfang 2024 in ein 24 Hektar großes Gehege auf Bad Berleburger Gebiet gelockt und das Auswilderungsprojekt beendet.

Geographische Lage Die Wisent-Wildnis liegt an der Kreisstraße 42 zwischen Wingeshausen (Bad Berleburg) und Jagdhaus (Schmallenberg), etwa 2,5 Kilometer (km) südöstlich vom Härdler, 2,2 km südwestlich von Jagdhaus und 3 km nordwestlich von Wingeshausen (jeweils Luftlinie). Sie befindet sich auf Höhen um .

Geschichte Entstehung Das Projekt wurde 2003 von Richard zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg angestoßen. Im März 2010 begann dann das Natur- und Artenschutzprojekt „Wisente im Rothaargebirge“. Die Tiere stammten aus der Flachland-Kaukasus-Linie und waren anfangs alle mit einem GPS-basierten Ortungsgerät ausgestattet.

Rechtliche Grundlage des Projekts war ein öffentlich-rechtlicher Vertrag, der zwischen dem Kreis Siegen-Wittgenstein, der Bezirksregierung Arnsberg, dem Landesbetrieb Wald und Holz Nordrhein-Westfalen, dem Trägerverein Wisent-Welt-Wittgenstein e. V. und Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg am 8. April 2013 geschlossen wurde. Das Ziel des Trägervereines war, mit dem Projekt die Tierart wieder in freier Wildbahn anzusiedeln. Die Population sollte auf allenfalls 25 Tiere ansteigen, stieg aber auf mindestens 40 bei Projektende.

Der Bund zahlte 515.000 Euro für die Anschaffung von acht Tieren, für Gatter und Auswilderung, weitere 378.000 Euro für eine wissenschaftliche Begleitung des Projekts.Ein 900 kg schweres Problem. taz.de, 24. Mai 2020.

Entwicklung des Tierbestandes mini|Freilebende Wisente bei Schmallenberg-Almert Inzwischen gibt es zwei Wisentherden: Die eine mit sechs Tieren lebt im eingangs genannten, 20 ha großen Gehege, die andere mit anfangs acht Tieren wurde im April 2013 in Wittgensteiner Wäldern um Bad Berleburg ausgewildert.

Im Mai und im Juni 2013 wurden in dieser Herde die ersten zwei Wisente seit Jahrhunderten in Deutschland in freier Wildbahn geboren. Im Sommer 2014 lag der Bestand bei fünf männlichen und sieben weiblichen Tieren in freier Wildbahn sowie bei vier männlichen und drei weiblichen Tieren im Schaugehege.

Im Herbst 2014 wurden eine Wisent-Kuh sowie zwei Kälber von der Herde getrennt und nach Lettland gebracht, um drohenden Revierkämpfen von Bullen zuvorzukommen, sie sollten dort zur Arterhaltung beitragen.

Nach weiteren Geburten und zwei Abgängen lebten im Mai 2015 insgesamt 13 Wisente in freier Wildbahn. Im Oktober 2016 stürzte ein einjähriger Jungbulle eine mehrere Meter hohe Böschung hinab. Man gab ihm den Gnadenschuss, das Wildbret ging in den Verzehr.

Im Juni/Juli 2017 vergrößerte sich die frei lebende Wisentherde um sechs Jungtiere. Anfang Juli 2017 wurde der Tod eines Jungtieres bestätigt. Wanderer entdeckten den toten Jungbullen, der wahrscheinlich Opfer von Rangkämpfen wurde. Damit lebten Mitte 2017 23 Wisente in freier Wildbahn, wovon 19 im Wittgensteiner Land geboren wurden.

Im Juli 2023 umfasste der frei lebende Bestand im Rothaargebirge rund 40 Tiere und hatte sich geteilt: Eine Hälfte war im Siegerland unterwegs, die andere im Hochsauerlandkreis.Wisent-Vermittlung: Intensive Gespräche In: fr.de, 15. Juli 2023.

Ende 2025 lebten noch 33 Wisente der früher freilebenden Herde. Im Laufe des Jahres 2025 starben zwei Jungbullen, möglicherweise an der Blauzungenkrankheit. Da die Bullen vom Rest der Herde getrennt sind, kommt es nicht mehr zu Nachwuchs. Die Betreuung der Wisente im Gehege kostet pro Jahr 100.000 Euro, die zu 80 % vom Land und zu 20 % vom Kreis getragen werden.Rückgang der Wisentherde in Bad Berleburg: Nur noch 33 Tiere. In: wp.de, 5. Januar 2026. Im Januar 2026 flogen der WWF Deutschland und der Tierpark Berlin sechs Wisente aus dem Sauerland und andere aus dem Zoo nach Aserbaidschan, um sie im Shahdag-Nationalpark freizulassen.Siegerländer Wisente in den Kaukasus umgesiedelt. In: wdr.de, 29. Januar 2026.

Orkan Niklas Von den Auswirkungen von Orkan Niklas Ende März/Anfang April 2015 war auch die Wisentwildnis betroffen. Während des Sturms fiel ein großer Baum auf das Kassenhäuschen und zerstörte es größtenteils.

Wisente bei Almert mini|Infoblatt im Landschaftsschutzgebiet Offenlandmulde Grafschaft - Almert mini|Drei Wisente bei Almert, welche fotografiert werden Im Dezember 2017 hielt sich die Wisentherde im Landschaftsschutzgebiet Offenlandmulde Grafschaft - Almert auf. Sie graste um Almert und ging auch an dort gelagerte Silage. Dabei kreuzte die Herde mehrfach die Kreisstraße zwischen Grafschaft und Oberkirchen. Deshalb wurde ein Tempolimit von 50 km/h festgesetzt, um Kollisionen zu verhindern. Am 19. Dezember 2017 kam es dort zu einem Unfall mit Blechschaden. Die Wisente bei Almert lockten zahlreiche Schaulustige an. Es entstanden zahlreiche Fotos und Videos. Der Trägerverein wehrte sich in diesem Zusammenhang „gegen zahlreiche Falschbehauptungen, Desinformationen und gestreute Gerüchte“, welche im Zusammenhang mit dem Auftreten der Herde bei Almert auftraten. Es seien Unwahrheiten verbreitet worden und es herrsche bspw. eine mangelnde Kooperation zur Regulierung der Schäden vor.

Planungen über Verlagerung des Projektgebietes Um eine Befriedung der Konflikte zu erreichen, einigte sich im März 2019 die Koordinierungsgruppe des Projektes, für eine Übergangsphase das Gebiet der Wisente auf einen Bereich zwischen Rothaarkamm und dem ursprünglichen Auswilderungsgehege in der Nähe des Forsthauses Homrighausen zu verlagern. Dabei handelt es sich um Staatswald und Flächen der Wittgenstein-Berleburg’schen Rentkammer. Das Projektgebiet würde dann auf eine Fläche von rund 1500 Hektar reduziert. Mit Maßnahmen wie „Lenkungsfütterungen“ und für andere Tiere durchlässigen Einzäunungen sollte die Herde dazu gebracht werden, dieses Gebiet nicht zu verlassen.Übergangslösung greifbar: Wisent-Artenschutzprojekt soll in neu abgegrenztem Gebiet fortgesetzt werden. Website des Wisent-Welt-Wittgenstein e. V., abgerufen am 4. April 2019. Anfang 2020 wurde das geplante Gehege nach Protesten in Schmallenberg auf 505 ha verkleinert. Zuvor kam als Kompromiss der Koordinierungsgruppe der Vorschlag, das Gehege auf 840 ha zu verkleinern. Der Nachlassverwalter des verstorbenen Prinzen Richard forderte ebenfalls Ausgleich für die Schälschäden im Privatwald der Fürstenfamilie.Armin Asbrand: 505 ha Gatter für 24 Wisente. Landwirtschaftliche Wochenblatt vom 5. März 2020, S. 10.

Forderung nach Beendigung des Projektes Am 29. September 2022 erklärte der Trägerverein Wisent-Welt-Wittgenstein e. V. die 25 in Freiheit lebenden Wisente für herrenlos und kündigte den „Öffentlich-rechtlichen Vertrag für die Freisetzungsphase Wisente im Rothaargebirge“. Aus Sicht des Vereins war damit die Verantwortung für die frei lebenden Wisenten auf das Land NRW übergegangen. Am 29. September forderte der Kreis Siegen-Wittgenstein, dass das Wisent-Projekt am Rothaarsteig beendet werden solle. Die Kündigung des Vertrages bezeichnete der Kreis auf seiner Website als rechtlichen Kniff, mit dem sich der Verein seiner Verpflichtungen entledigen wolle. Die Wisent-Wildnis am Rothaarsteig war von der Forderung nach Beendigung des Projektes nicht betroffen, da es nur um die wild lebenden Tiere ging.Wisent-Wildnis: Kreis will Projekt am Rothaarsteig beenden. WDR, 29. September 2022. Die freilebenden Wisente unterlagen nach Ansicht des Vereins nun dem Artenschutzrecht und der FFH-Richtlinie. Daher sei ein Einfangen der Wisente nicht möglich. Das Land NRW erklärte, dass nun vertragsrechtliche, artenschutzrechtliche und finanzielle Fragen geklärt werden müssten.Doch noch Hoffnung für das Projekt? WP, 29. September 2022.

Im September 2023 sprach ein Runder Tisch die Empfehlung aus, das Projekt fortzusetzen, aber die frei lebende Herde auf eine Größe von 20 bis 25 Tieren zu reduzieren. Die Trägerschaft sollte eine Stiftung übernehmen. Zudem sollten ein Fanggatter gebaut werden und die Tiere wieder Sender zur Standortbestimmung bekommen. Weitere Maßnahmen wie die bedarfsweise Vergrämung mittels Drohnen und ein Ausgleichsfonds für Schäden auf Privatgrundstücken wurden vorgeschlagen.Freilebende Wisente am Rothaarsteig dürfen bleiben. In: wdr.de, 22. September 2023.

Um weitere Waldschäden zu verhindern, wurde die Herde Anfang 2024 in das Gehege gelockt, aus dem die ersten Wisente einst in die Freiheit entlassen worden waren. Die Zukunft wurde im März 2024 vom Kreis Siegen-Wittgenstein für unklar erklärt, der Trägerverein war im August 2023 insolvent geworden. Die Wisent-Wildnis am Rothaarsteig, die zuletzt bis zu 30.000 Besucher pro Jahr hatte, übernahm eine neue gemeinnützige GmbH.

Besucherzahlen der Wisent-Wildnis am Rothaarsteig Im Jahr 2013 kamen rund 30.900 Besucher in die Wisent-Wildnis am Rothaarsteig, 2014 etwa 32.700. Im September 2015 konnte der 100.000. Gast begrüßt werden. Im Jahr 2016 kamen rund 35.000 Besucher. Eine Sichtung der Tiere ist nicht sicher. Zwischen Sommer 2025 und Sommer 2026 war die Wisent-Wildnis wegen des Fundes eines an Afrikanischer Schweinepest erkrankten Tieres für Besucher gesperrt.

Wissenschaftliche Begleitung Das Wisent-Projekt wurde wissenschaftlich begleitet, wofür das Bundesamt für Naturschutz und das Land Nordrhein-Westfalen von Ende 2009 bis September 2015 insgesamt 1,6 Mio. Euro zur Verfügung stellten und der Betreiberverein 300.000 Euro. Allerdings kritisiert ein Gutachten der Tierärztlichen Hochschule Hannover, dass das Projekt wissenschaftlich zumindest einige Zeit lang unzureichend begleitet und die Ergebnisse unzureichend ausgewertet und veröffentlicht wurden.

Konflikte Schmallenberger Waldbesitzer Nachdem eine Herde in die freie Wildbahn entlassen worden war, schälte die frei lebende Wisentherde Rotbuchen im Stadtgebiet von Schmallenberg im Hochsauerlandkreis, was zum Konflikt mit privaten Waldbesitzern führte. Die Wisente, die eigentlich auf den etwa 130 Quadratkilometern Waldbesitz im Kreis Siegen-Wittgenstein von Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg bleiben sollten, richteten bis zum 3. September 2014 Schäden in Höhe von 16.000 Euro an, die von der Versicherung des Trägervereins beglichen wurden. Dem ging im September 2014 eine einstweilige Verfügung des Amtsgerichtes Schmallenberg zu, mit welcher der Trägerverein verpflichtet werden sollte, zu verhindern, dass Wisente ein privates Grundstück beträten. Der Verein legte Widerspruch ein und ergriff einstweilen „geeignete Maßnahmen“ wie etwa Patrouillen an der betreffenden Grundstücksgrenze, um die Tiere vom Übertritt auf das private Waldgelände abzuhalten. mini|Wisente bei Schmallenberg-Almert Juristisch ging es darum, ob die frei lebende Wisent-Herde als herrenlos einzustufen sei, so die vom Verein und seiner Versicherung vertretene Rechtsauffassung. Die Versicherung stellte daher die Zahlungen wegen Schälschäden ein.