mini|Ehemaliges Logo hochkant=1.3|mini|Das Institut mit Bibliotheksanbau (2005)

Das Kiel Institut für Weltwirtschaft (bis zum 7. Dezember 2021 nur Institut für Weltwirtschaft) ist ein Zentrum weltwirtschaftlicher Forschung mit Sitz in Kiel. Es zählt zu den sechs führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten, die als Mitglieder der Leibniz-Gemeinschaft zu gleichen Teilen vom Bund und der Gemeinschaft der Bundesländer finanziert werden. Als An-Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel kooperiert es insbesondere mit dessen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlicher Fakultät, ist aber rechtlich und wissenschaftlich eigenständig. Seit dem 1. Januar 2007 ist das Institut eine rechtsfähige Stiftung des öffentlichen Rechts des Landes Schleswig-Holstein. Es beschäftigt rund 160 Personen, davon über 100 Wissenschaftler.

Die Leitung des Instituts besteht seit dem 1. Juni 2023 aus einem zweiköpfigen Vorstand, dem Präsidenten und wissenschaftlichen Leiter Moritz Schularick und der Geschäftsführenden Administrativen Direktorin Carola Braun. Der vormalige Präsident Gabriel Felbermayr verließ das Institut vor Ende seiner Amtszeit, um die Leitung des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung zu übernehmen.

Geschichte Kaiserzeit und Weimarer Republik Das Institut wurde am 18. Februar 1914 als Königliches Institut für Seeverkehr und Weltwirtschaft an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel gegründet. Die Eröffnungsfeier fand am 20. Februar im Institutsgebäude Schlossgarten 14 statt.Gunnar Take: „Die Objektivität ist durch sein Wesen verbürgt.“ Bernhard Harms’ Gründung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und sein Aufstieg im Ersten Weltkrieg. In: Demokratische Geschichte, 26. Jahrgang 2015, S. 17. Im Januar 1919 erwarb die Fördergesellschaft das vormalige Krupp’sche Logierhaus an der Kieler Förde, das im Frühjahr 1920 bezogen wurde.

Als ein selbständiger Teil der Christian-Albrechts-Universität Kiel („An-Institut“) hatte es die wissenschaftliche Erforschung der weltwirtschaftlichen Beziehungen zur Aufgabe, was angesichts der damaligen Ausrichtung auf die jeweiligen Nationalökonomien ein Novum darstellte. Der Gründungsdirektor Bernhard Harms leitete den Aufbau einer Forschungsbibliothek ein, die ab 1924 von Wilhelm Gülich, dem langjährigen Direktor der Bibliothek, systematisch zur weltweit größten Fachbibliothek auf dem Gebiet der Wirtschaftswissenschaften weiter geführt wurde. Darüber hinaus widmete sich Harms der Herausgabe verschiedener Zeitschriften (Kieler Vorträge, Weltwirtschaftliches Archiv und Weltwirtschaftliche Nachrichten) und der Errichtung eines Wirtschaftsarchivs. Harms legte von Anfang an großen Wert auf die Verbindung von Forschung und Praxis sowie die Weitervermittlung an Studierende. Die Erforschung internationaler Zusammenhänge unter nationaler Zielsetzung führte im Ersten Weltkrieg dazu, dass im Kiel Institut die wirtschaftlichen Maßnahmen der Gegner Deutschlands durch Anlegung eines Kriegsarchivs in den Mittelpunkt gestellt wurden und sowohl ein finanzieller als auch personeller Ausbau erfolgte. Mit einer intensiv betriebenen Öffentlichkeitsarbeit wurde Harms zu einem in der Kriegspropaganda aktivsten deutschen Wirtschaftsprofessoren.

In der Weimarer Republik erarbeitete sich das Kiel Institut über Kiel hinaus einen Ruf als kompetente Stelle für internationale Wirtschaftsfragen. Zudem beinhaltete das vom Institut verfolgte Ziel der Untersuchung der weltwirtschaftlichen Beziehungen in ihrem gesamten Umfang auch ausdrücklich die Berücksichtigung benachbarter Fächer wie der Rechts- und Politikwissenschaft sowie der Soziologie.Alexander Wierzock, Sebastian Klauke: Das Institut für Weltwirtschaft und Seeverkehr als Wegbereiter einer Politikwissenschaft aus Kiel? In: Wilhelm Knelangen, Tine Stein (Hrsg.): Kontinuität und Kontroverse. Die Geschichte der Politikwissenschaft in Kiel. Essen 2013, S. 293–323, hier S. 297 f. Besonders der noch jungen Soziologie zeigte sich Harms aufgeschlossen, was zahlreiche Abhandlungen im Weltwirtschaftlichen Archiv von Autoren wie z. B. Carl Brinkmann, Hans von Eckardt, Rudolf Heberle, Fritz Karl Mann, Franz Oppenheimer, Werner Sombart, Ferdinand Tönnies und Leopold von Wiese zeigen. Des Weiteren wirkte seit 1921 Tönnies als Lehrbeauftragter für Soziologie an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät vor allem am Institut für Weltwirtschaft. Einen wesentlichen wirtschaftstheoretischen Impuls auf dem Gebiet der Konjunkturtheorie und der konjunkturpolitischen Steuerung erhielt das Institut durch die Gründung der Abteilung für Statistische Weltwirtschaftskunde und internationale Konjunkturforschung (Astwik-Abteilung) im Jahr 1926, deren Leiter Adolph Lowe zusammen mit Mitarbeitern wie Gerhard Colm, Hans Neisser, Jacob Marschak und Wassily Leontief international hoch beachtete Forschungsergebnisse veröffentlichte.

Zeit des Nationalsozialismus Im Zuge der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde das Institut im April 1933 mehrfach von SA-Männern und nationalsozialistischen Studierenden überfallen. Jüdisch-stämmige und bekennend demokratische Mitarbeiter, darunter Gerhard Colm und Hans Neisser, wurden gewaltsam vertrieben.Gunnar Take: Die Universität Kiel im April 1933. Nationalsozialistische Wissenschaftspolitik „von unten“ und „von oben“. In: Demokratische Geschichte, 29. Jahrgang 2018, S. 86. Einige wenige Institutsmitarbeiter wirkten daran mit, die meisten verhielten sich aus Selbstschutz bedacht passiv. Die Vertreibungen wurden unter anderem durch das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums legalisiert. Die meisten der Vertriebenen emigrierten in die USA, wo sie weiterhin wissenschaftliche Spitzenleistungen erbrachten.American support for German Economists after 1933. The Kiel Institute and the Kiel School in Exile. In: Social Research, An International Quarterly, 84. Jahrgang 2017, Nr. 4, S. 809–830. Die im Kiel Institut entstandenen Vakanzen ermöglichten Karrieresprünge von NS-konformen Ökonomen sowie die Anstellung neuer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Dazu zählten Helmut Meinhold und Otto Ohlendorf, der später als Führer der Einsatzgruppe D Massenmord betrieb.

Der Direktor Bernhard Harms stand dem Nationalsozialismus ambivalent gegenüber und war zunächst bemüht, die Vertreibungen zu verhindern. Schließlich maß er jedoch der Fortexistenz des Instituts die höchste Priorität zu und folgte dem politischen Druck, am 20. September 1933 eine scheinbar reibungslose Übergabe an den zu dieser Zeit nationalsozialistisch gesinnten Jens Jessen zu vollziehen. Dieser war bereits im Mai an die Kieler Universität berufen worden und hatte seitdem gemeinsam mit Harms das Institut geleitet. Obwohl Harms formal seine Professur an der Universität behielt, betrat er das Kiel Institut nie wieder und lehrte bis zu seinem Tod 1939 als Honorarprofessor in Berlin. Jessen versuchte umgehend, das Kiel Institut zu einer zentralen Akademie und „Wirtschaftspolitischen Forschungsanstalt“ umzubauen, an der die künftige NS-Wirtschaftselite ausgebildet und wo die Wirtschaftspolitik des „Dritten Reichs“ vorgedacht werden sollte.Gunnar Take: Forschen für den Wirtschaftskrieg. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft im Nationalsozialismus. de Gruyter, Berlin 2019, S. 90–92. Dies scheiterte jedoch an regimeinternen Machtkämpfen, infolge derer Jessen am 23. Februar 1934 beurlaubt wurde. Über die Philipps-Universität Marburg wechselte er nach Berlin und wurde dort Ordinarius an der Handelshochschule Berlin.

Nachfolger Jessens wurde am 2. März 1934 der Kieler Universitätsprofessor und zuvor langjährige Mitarbeiter des Instituts Andreas Predöhl. Als Dekan der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät hatte er seit April 1933 die Vertreibungen eines Großteils der Professoren abgewickelt und sich so dem Reichserziehungsministerium politisch empfohlen. Predöhl versuchte, eine NS-Konformität mit einer Beibehaltung eines hohen wissenschaftlichen Standards sowie intensiven internationalen Kooperationen, insbesondere mit der Rockefeller-Stiftung, zu verbinden. Die wissenschaftliche Tätigkeit wurde stark auf Drittmittel ausgerichtet und in flexiblen Gruppen durchgeführt. Mitte der 1930er Jahre war besonders die Forschungsgruppe Marktordnung und Außenwirtschaft unter der Leitung des Habilitanden und späteren Bundeswirtschafts- und Finanzministers Karl Schiller bedeutend. Für die Jahre 1940–1945 ist besonders der Raumforscher August Lösch hervorzuheben, dessen Gruppe Auftragsforschung für das Auswärtige Amt, das Rüstungsministerium sowie andere staatliche Stellen abarbeitete.

Ab 1938 bereitete sich das Kiel Institut auf den von der politischen Führung angestrebten Krieg vor. Mit dem Wehrwirtschaftsgeneral Georg Thomas wurde vereinbart, dass das Kiel Institut sich dann sofort auf die Erarbeitung von Analysen der eigenen Kriegswirtschaft sowie die Möglichkeiten der Führung eines Wirtschaftskriegs konzentrieren würde.Gunnar Take: Forschen für den Wirtschaftskrieg. 2019, S. 314–322. Einige Testgutachten im ersten Halbjahr 1939 waren zufriedenstellend, sodass die Kooperation zwischen dem Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt der Wehrmacht sowie dem Kiel Institut im September 1939 anlief. Die mehreren hundert abgelieferten Kurzberichte und längeren Gutachten bedurften keiner Ideologisierung, denn nüchterne wissenschaftliche Expertisen über die Wirtschaft bestimmter Länder, insbesondere deren Rohstoffe und Infrastruktur, erleichterten die praktische Verwendung. Im Gegenzug erhielt das Kiel Institut ausreichende finanzielle Mittel, privilegierten Zugang zu Büchern und internationalen Zeitungen und Zeitschriften sowie vor allem den Status der Unabkömmlichkeit eines großen Teils seiner Mitarbeiter zum Kriegsdienst. Ab Sommer 1942 verschob sich die Forschung zunehmend zum Rüstungsministerium. In der Endphase des Kriegs ab Herbst 1944 wurde in Kooperation mit dem Unterstaatssekretär Otto Ohlendorf vor allem dem Reichswirtschaftsministerium zugearbeitet.Gunnar Take: Forschen für den Wirtschaftskrieg. 2019, S. 439–444. Das Institut lieferte Auftragsstudien für die Wissenschaftliche Beratungsstelle des Planungsamts der Zentralen Planung, die sich mit der Rüstungswirtschaft der Feindstaaten beschäftigte, und Predöhl und Lösch waren Mitarbeiter der Beratungsstelle.Gunnar Take: Forschen für den Wirtschaftskrieg. 2019, S. 432 ff.

Als einer der führenden Ökonomen des Reichs brachten Predöhl und führende Mitarbeiter wie Schiller sich ferner für das Projekt eines nationalsozialistisch geprägten Europäischen Wirtschaftsgroßraums ein. Hierbei handelte es sich um eine Konzeption, die sich auf Autonomie und Autarkie Deutschlands bezog und nichts weniger war „als eine wirtschaftswissenschaftliche Grundlegung für ein deutsch beherrschtes Europa“.Petersen 2009, S. 69. Durch weitere Funktionen wie jener als Rektor der Universität von November 1941 bis April 1945 engagierte sich Predöhl zunehmend als akademisch verbrämter NS-Propagandist und stärkte während der Luftangriffe mit Durchhalteparolen die innere Stabilität des Regimes. Dabei half ihm unter anderem Walther G. Hoffmann, von 1935 bis 1945 Leiter der Redaktionsabteilung des Kiel Instituts und von Ende 1941 bis Sommer 1944 auch Leiter des Pressereferats der Universität. Auf Druck des Bibliothekars Wilhelm Gülich wurde zunächst die Institutsbibliothek, ab Sommer 1944 auch der Rest der Abteilungen und fast alle Mitarbeiter in das von Bomben verschonte Ratzeburg im Kreis Herzogtum Lauenburg ausgelagert. Dort wurde die Forschung im Auftrag des NS-Regimes bis mindestens im März 1945 fortgesetzt. Ein Großteil der Kieler Institutsgebäude sowie des Wirtschaftsarchivs wurden durch Bomben zerstört.