Psychologie der Massen (im französischen Original Psychologie des foules) ist der Titel des im Jahr 1895 in Paris erschienenen, bekanntesten Werkes Gustave Le Bons,Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. Mit einer Einführung von Helmut Dingeldey. Stuttgart 1950 (= Kröner TB. 99) und 1961. der – neben Gabriel Tarde – als einer der Begründer der Massenpsychologie gilt. Massenpsychologie ist seither ein Gebiet der Sozialpsychologie. Sie wirkte sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten weit bis in die Bereiche Soziologie, Politikwissenschaft, Geschichtswissenschaft und Philosophie aus. Die Psychologie der Massen befasst sich folglich mit den psychologischen Gegebenheiten und Besonderheiten von Menschenansammlungen in unterschiedlichsten Situationen.
Konzept In seinem Vorwort bekennt Le Bon sich zur zentralen Rolle des Unbewussten beim Handeln des Menschen, das der für den Menschen noch relativ neuen Vernunft in ihrer Wirkkraft weit überlegen sei. Dabei bedauert er, dass man über dieses Unbewusste noch so wenig wisse.
Das Werk setzt sich sowohl mit den Themenkreisen Konformität, Entfremdung, Gemeinschaftsbildung und Führung auseinander als auch mit der Masse als empirischer Tatsache. Le Bon vertritt die Auffassung, dass der Einzelne, auch der Angehörige einer Hochkultur, unter bestimmten Umständen in der Masse seine Kritikfähigkeit verliert und sich affektiv, zum Teil primitiv-barbarisch, verhält. In der Masse entsteht eine, alle in ihr integrierten Einzelwesen umfassende, „Gemeinschaftsseele“. In dieser Situation ist der Einzelne leichtgläubiger und unterliegt der psychischen Ansteckung („contagion“). Somit ist die Masse von Führern leicht zu lenken, die Le Bon nicht ohne Ironie als „Halbverrückte“ und „wahrhaft Überzeugte“ kennzeichnet; denn nur die selbst Überzeugten sind auch die wirklich Überzeugenden. Diesen Charakteristiken liegt die besondere, später von Sigmund Freud und Max Weber aufgegriffene These Le Bons zugrunde, dass menschliche Handlungen in Extremsituationen und außeralltäglichen Notsituationen in starkem Maße von unbewussten Impulsen beherrscht werden können.
Le Bon stellt dar, wie politische Meinungen, Ideologien und Glaubenslehren bei den Massen Eingang und Verbreitung finden, wie man Massen beeinflussen kann, wie die dazu notwendigen Führerschaften entstehen, welche Eigenschaften einzelne Führungsfiguren haben müssen, um Gehorsam zu erzeugen, wie sie wirken und untergehen – und wo die Grenze der Massensuggestibilität liegt. Immer wieder betont er den geringen Einfluss von Vernunft, Unterricht und Erziehung sowie die Anfälligkeit der Massen für Schlagworte und geschickte Täuschungen: Je dreister die Lüge, die man den Massen suggeriert, desto wahrscheinlicher wird sie geglaubt und massenhaft übernommen.
Am Ende seines Werkes beschreibt und beurteilt Le Bon besondere, in der französischen Gesellschaft auftretende, organisierte und institutionalisierte Massenformationen. Laienrichter an Geschworenengerichten ließen sich etwa durch Unwesentliches leicht blenden, seien aber immer noch objektiver als Personen mit Befähigung zum Richteramt,Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. Aus dem Französischen von Rudolf Eisler, 2. Auflage Leipzig 1912. Nachdruck Köln 2016, S. 160. die eine Masse höchster Homogenität und höchsten Organisationsgrades sei.Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. Aus dem Französischen von Rudolf Eisler, 2. Auflage Leipzig 1912. Nachdruck Köln 2016, S. 149. Das Geschworenengericht sei zu erhalten, weil es wohl die einzige Art der Masse sei, die durch keine Individualität zu ersetzen ist.Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. Aus dem Französischen von Rudolf Eisler, 2. Auflage Leipzig 1912. Nachdruck Köln 2016, S. 161. Wählermassen seien nicht zu überlegten Urteilen fähig, sondern nur zu eingeflößten.Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. Aus dem Französischen von Rudolf Eisler, 2. Auflage Leipzig 1912. Nachdruck Köln 2016, S. 168. Dennoch sei das allgemeine Stimmrecht zu erhalten.Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. Aus dem Französischen von Rudolf Eisler, 2. Auflage Leipzig 1912. Nachdruck Köln 2016, S. 168. Die Beschränkung des Stimmrechts auf besondere Personengruppen führe nicht zu besseren Entscheidungen, denn auch diese seien Masse und ließen sich hauptsächlich durch ihre Gefühle und ihren Korpsgeist leiten.Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. Aus dem Französischen von Rudolf Eisler, 2. Auflage Leipzig 1912. Nachdruck Köln 2016, S. 171. Parlamente neigten zur Geldverschwendung und zur Beschränkung individueller Freiheiten.Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. Aus dem Französischen von Rudolf Eisler, 2. Auflage Leipzig 1912. Nachdruck Köln 2016, S. 184. Sie seien aber nur in bestimmten Momenten Masse, in anderen Momenten Ansammlungen mehr oder weniger vernünftiger Individuen.Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. Aus dem Französischen von Rudolf Eisler, 2. Auflage. Leipzig 1912 Nachdruck Köln 2016, S. 183. In vielen Fällen bewahrten die Parlamentarier ihre Individualität und könnten sachgemäße Gesetzesvorschläge einbringen. Trotz ihrer Mängel seien die Parlamente noch die am wenigsten schlechten Einrichtungen, die die Völker zu ihrer Gesetzgebung eingerichtet hätten.Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. Aus dem Französischen von Rudolf Eisler. 2. Auflage Leipzig 1912. Nachdruck Köln 2016, S. 184.
Le Bon bewertet die Massen und ihr Verhalten als vorwiegend negativ und glänzt nicht durch wissenschaftliche Werturteilsfreiheit. Allerdings stellt er trotz offensichtlicher eigener Antipathien fest, die Massen seien im Guten wie im Bösen „zu allem“ fähig. Mit den modernen, politischen und gesellschaftlichen Strukturen entwickelt Le Bon wenig Sympathie, zumal er aufgrund eigener Erfahrungen im revolutionären Frankreich der Pariser Kommune überzeugt ist, dass Gesetze und Institutionen auf das Verhalten aufrührerischer, emotionalisierter Massen manchmal wenig Einfluss haben.
Am Ende seines Buches schildert Le Bon die Skizze einer pessimistischen Kulturmorphologie, die zyklischen Charakter aufweist und insofern an Oswald Spenglers kulturpessimistische Einschätzung vom „Untergang des Abendlandes“ erinnert. Danach sei Geschichte das Ergebnis rassenhafter Kultur und nationaler Eigenschaften. Sie werde nicht von rationalen, sondern von zutiefst verinnerlichten, emotionalen „Seelenkräften“ angetrieben.
Zentrale massenpsychologische Thesen Arten von Massen: A. Ungleichartige Massen (foules hétérogènes) 1. Namenlose Massen (z. B. Straßenansammlungen) 2. Nicht namenlose Massen (z. B. Geschworenengericht, Parlament) B. Gleichartige Massen (foules homogènes) 1. Sekten (politische, religiöse, andere) 2. Kasten (militärische, Priester-, Arbeiterkasten usw.) 3. Klassen (Bürger, Bauern usw.). Wesen, Funktion und Bewertung der Masse: Eine Masse ist grundsätzlich impulsiv, beweglich, irritierbar, suggestibel, leichtgläubig, besessen von schlichten Ideen, intolerant und diktatorisch. Der Geist der Massen ist konservativ („Konservativismus der Masse“), leichtgläubig gegenüber alten, skeptisch gegenüber neuen Ideen und Idealen. Es existiert eine spezifische „Religiosität der Massen“, die die Religiosität einzelner Individuen außerhalb der Masse bei weitem übertrifft. Massen transportieren vor allem „Ideen“ und kulturelle „Ziele“. Das Individuum kann in der Masse in moralische Höhen aufsteigen oder in Tiefen hinabsinken (meist Letzteres). Es existiert eine allen Massenbestandteilen eigene „Massenseele“, die wiederum aus einer „Rassenseele“ – als dem gemeinsamen, ererbten kulturellen Substrat hervorgeht. Angelsächsische Massen reagieren anders als romanische, sie zeigen oft in ähnlichen Situationen gegensätzliche Reaktionsweisen. Massen weisen unter bestimmten Umständen eine „Gemeinschaftsseele“ auf und sind in solchen Fällen zu Altruismus, Heroismus und solidarischem Handeln fähig (Beispiel: Revolutionsmasse und Demonstrationsmasse). Das aufkommende Massenzeitalter ist negativ zu bewerten, da die modernen Massen nicht mehr in nennenswertem Maße an traditionelle Ideale, Überlieferungen und Institutionen gebunden sind. Beeinflussbarkeit und Leichtgläubigkeit: Die Mitglieder einer hochemotionalisierten Masse büßen ihre Kritikfähigkeit ein, die sie als Individuen im Zustand der seelischen Ruhe haben. Die individuelle Persönlichkeit schwindet in der Masse und macht einer gemeinschaftlichen Persönlichkeit Platz: Der Einzelne empfindet und denkt nun als Teil eines Ganzen, nicht mehr als Individuum. Die Masse kann Persönliches nicht von Sachlichem unterscheiden. Sie erliegt leicht Suggestionen, deren Wirkung der Hypnose vergleichbar ist und wird unter bestimmten Umständen hysterisch. Gehorcht sie einer gemeinsamen Führung, ist die Masse leicht lenkbar. Tut sie dies nicht, ist sie in ihrem Verhalten spontan und unberechenbar. Die Masse ist empfänglich für naive Legenden, die von meist heldischen Führern und Ereignissen handeln. Die Meinungsbildung in der Masse erfolgt durch geistige Übertragung und Nachahmung. Intelligenz, Emotionalität und Einseitigkeit: Die Masse ist nur wenig kreativ und vermindert intelligent. Sie denkt einseitig grob und undifferenziert im Guten wie im Bösen. Die Masse denkt nicht logisch, sondern in Bildern, die häufig durch einfache Sprachsymbolik hervorgerufen werden. Die Masse ist leicht erregbar, leichtgläubig und sprunghaft. Ihre Emotionalität ist schlicht. Urteile, Handlungen und Überzeugungen der Masse: Die Masse ist überdurchschnittlich religiös („Religiosität der Massen“). Die Masse ist beseelt von einer „Gemeinschaftsseele“. Die Masse ist im Allgemeinen sehr konservativ. Die Masse kann nicht durch logische Argumente überzeugt werden, sondern nur emotional. Die Masse handelt mitunter uneigennützig, gegebenenfalls auch tugendhaft oder heroisch. Die Masse ist unduldsam und herrschsüchtig. Sie kann sehr grausam werden, weit über das dem Einzelnen Mögliche hinaus, und ist bei geeigneter Führung bereit zu Revolutionen. Die Grundüberzeugungen der Masse sind rückwärtsgewandt und verändern sich nur sehr langsam. Die moralischen Urteile einer Masse sind unabhängig von der Herkunft oder dem Intellekt ihrer Mitglieder. Die Masse urteilt durch vorschnelle Verallgemeinerung von Einzelfällen. Ihre Überzeugungen beruhen oft auf Sehnsüchten und Wunschvorstellungen. Führer von Massen: Massenführer und Massenideen werden unter bestimmten Umständen charismatisiert (durch Nimbus bzw. Prestige aufgeladen). Führer stärken die Gemeinschaftssehnsüchte der Massen und verkörpern den Wert der „Gemeinschaftsseele“ der Masse. Ohne Führer ist die unorganisierte Masse wie eine Herde ohne Hirten. Meistens sind die Führer keine Denker, sondern Männer der Tat. Sie haben wenig Scharfblick und könnten auch nicht anders sein, da der Scharfblick im Allgemeinen zu Zweifel und Untätigkeit führt. Man findet sie namentlich unter den Nervösen, Reizbaren, Halbverrückten, die sich an der Grenze des Irrsinns befinden. Führer wirken oft durch eine große Rednergabe. Große Führer können einen Glauben erwecken und damit ganze Völker steuern. Führerherrschaft wirkt durch Überzeugung und erst in zweiter Linie durch Gewaltsamkeit. Es gibt zwei Arten von Führern: kurzfristig wirksame und langfristige. Das hängt von der Ausdauer ihres Willens ab. Führer überzeugen durch Behauptung, Wiederholung und Übertragung. Hat ein Führer keinen Erfolg, verliert er rasch seinen Nimbus und geht unter – eine Idee, die der berühmte Soziologe Max Weber später als „Entzauberung des Charismas“ abhandeln sollte.
All dies begründet Le Bon mit zahlreichen historischen Fallbeispielen, vor allem aus der griechisch-römischen Antike und der Französischen Revolution, aber auch aus der Zeit Napoleons sowie der französischen Geschichte des 19. Jahrhunderts (z. B. in der Phase der Pariser Kommune).
Zur Wirkungsgeschichte und Kritik der Le Bon’schen „Massenpsychologie“