Curt David Wormann ( 5. Januar 1900 in Berlin – 21. Juli 1991 in Jerusalem) war ein deutsch-israelischer Bibliothekar, Hauptbibliothekar und Direktor der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek (JNUB) (1947–1968) in Jerusalem,Frauke Mahrt-Thomsen, 150 Jahre: Von den Berliner Volksbibliotheken zur Stadtbibliothek Kreuzberg; eine Chronik, Bezirksamt Kreuzberg von Berlin / Bibliotheksamt, Bezirksamt Kreuzberg von Berlin / Kunstamt Kreuzberg, Bezirksamt Kreuzberg von Berlin / Kreuzberg Museum sowie Verein zur Erforschung und Darstellung der Geschichte Kreuzbergs; Bezirksamt Kreuzberg von Berlin / Bibliotheksamt, Berlin 2000, S. 18. Gründungsdirektor der Stadtbücherei Kreuzberg in Berlin (1926–1933), Gründer der Fachschule für Bibliotheks- und Archivwesen an der Hebräischen Universität in Jerusalem und eine der zentralen Figuren bei der Gestaltung des öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliothekswesens in Israel und der Akademisierung des Bibliothekarsberufs in Israel.Malʾachi Beit-Arjeh (), Josseph Michman-Melkman (): “”. In: (Jad la-Qôreʾ), Band 19, 1980, S. 101.
Leben Curt Wormann war der Sohn von David und Sophie Wormann, geb. Friedland. Von 1918 bis 1920 studierte Wormann Literaturgeschichte, Philosophie, Geschichte, Soziologie und Bibliothekswissenschaft an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin und danach an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau, wo er im Jahre 1923 mit seiner Arbeit Der deutsche Bauernroman bis Gotthelf promovierte.
Noch 1923 trat Wormann in die Dienste der Berliner Stadtbibliothek, die damals noch mit all jenen Volksbüchereien (auch Volksbibliotheken genannt, besonders vor 1918) ein zweischichtiges Bibliothekssystem bildete, die im Bereich des alten Stadtgebiets lagen, wie es bis zum Groß-Berlin-Gesetz von 1920 bestanden hatte. Die Stadtbibliothek erbrachte zentral für diese Volksbüchereien bestimmte Dienste (Buch- und Materialkauf, Bestandspflege, Buchbinderei, Personalverwaltung und -schulungen, Katalogisierung etc.).Petra Hätscher: „Das Öffentliche Bibliothekswesen Berlins von 1961 bis 1989“. In: Bibliothek: Forschung und Praxis, Band 19, 1995, Nr. 2, S. 155–188, hier S. 156
Neben seiner Arbeit besuchte Wormann Bibliothekarskurse der Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin, die er 1926 erfolgreich abschloss.Von 1922 bis 1928 veranstaltete die Staatsbibliothek Bibliothekarskurse. Peter Vodosek: „Die bibliothekarische Ausbildung in Deutschland von ihren Anfängen bis 1970“. In: Lifelong education and libraries (2002), Nr. 2 (März): S. 1–28, hier S. 7f. Am 7. September 1926 hatte die Stadtverordnetenversammlung Berlins beschlossen, die Zuständigkeit für die Volksbüchereien im alten Stadtgebiet von der Stadtbibliothek auf die Bezirksämter der inneren sechs Berliner Bezirke (I. Mitte, II. Tiergarten, III. Wedding, IV. Prenzlauer Berg, V. Friedrichshain und VI. Kreuzberg) zu übertragen.Petra Hätscher: „Das Öffentliche Bibliothekswesen Berlins von 1961 bis 1989“. In: Bibliothek: Forschung und Praxis, Bd. 19 (1995), Nr. 2, S. 155–188, hier S. 158. Ab 9. November 1926 bildete jeder Bezirk ein eigenes, nunmehr Stadtbücherei genanntes Bibliothekssystem.Frauke Mahrt-Thomsen: 150 Jahre: Von den Berliner Volksbibliotheken zur Stadtbibliothek Kreuzberg; eine Chronik, Bezirksamt Kreuzberg von Berlin / Bibliotheksamt, Bezirksamt Kreuzberg von Berlin / Kunstamt Kreuzberg, Bezirksamt Kreuzberg von Berlin / Kreuzberg Museum sowie Verein zur Erforschung und Darstellung der Geschichte Kreuzbergs; Bezirksamt Kreuzberg von Berlin / Bibliotheksamt, Berlin 2000, S. 17. Wormann wurde als Leiter der neuen Stadtbücherei Kreuzberg berufen, der die zunächst noch sieben im Bezirk gelegenen Volksbüchereien I, V (Kinderbücherei), IX, XIV, XXII und XXIV unterstanden.Petra Hätscher: „Das Öffentliche Bibliothekswesen Berlins von 1961 bis 1989“. In: Bibliothek: Forschung und Praxis, Bd. 19 (1995), Nr. 2, S. 155–188, hier S. 180.
Wormann bildete 1928 aus der ‹14. Volksbücherei› (alias Volksbibliothek XIV), bis dahin Baruther Straße, und der ‹3. Lesehalle›, bis dahin Wilmsstraße,Frauke Mahrt-Thomsen: 150 Jahre: Von den Berliner Volksbibliotheken zur Stadtbibliothek Kreuzberg; eine Chronik, Bezirksamt Kreuzberg von Berlin / Bibliotheksamt, Bezirksamt Kreuzberg von Berlin / Kunstamt Kreuzberg, Bezirksamt Kreuzberg von Berlin / Kreuzberg Museum sowie Verein zur Erforschung und Darstellung der Geschichte Kreuzbergs; Bezirksamt Kreuzberg von Berlin / Bibliotheksamt, Berlin 2000, S. 20. die ‹Hauptbücherei Kreuzberg›, in der Wormann auch sein Büro hatte und die einstweilen das Haus Belle-Alliance-Straße 80 bezog (nach Kriegszerstörung 1943, Umbenennung und neuer Nummerierung 1947 steht dort der Neubau Mehringdamm 59). Ein eigener Bau für die Hauptbücherei Kreuzberg konnte nach weiteren Provisorien erst 1964 realisiert werden (damals Wilhelm-Liebknecht-Bücherei genannt, jetzt Mittelpunktbibliothek).Petra Hätscher: „Das Öffentliche Bibliothekswesen Berlins von 1961 bis 1989“. In: Bibliothek: Forschung und Praxis, Band 19 (1995), Nr. 2, S. 155–188, hier S. 168.
Wormann war auch als Berater für öffentliche Bibliotheken und Schulbüchereien tätig. Mit der Zeit spezialisierte er sich auf Bibliothekswissenschaft und Erwachsenenbildung. Im Jahre 1931 heiratete er die Ärztin Dr. Carola Gottheil. Wormann arbeitete bis April 1933 als Leiter der Stadtbücherei Kreuzberg, als er zusammen mit drei weiteren jüdischen Bibliothekaren des Verbundes ‹Stadtbücherei Kreuzberg› gemäß § 3 im antisemitischen Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums entlassen wurde.Frauke Mahrt-Thomsen, 150 Jahre: Von den Berliner Volksbibliotheken zur Stadtbibliothek Kreuzberg; eine Chronik, Bezirksamt Kreuzberg von Berlin / Bibliotheksamt, Bezirksamt Kreuzberg von Berlin / Kunstamt Kreuzberg, Bezirksamt Kreuzberg von Berlin / Kreuzberg Museum sowie Verein zur Erforschung und Darstellung der Geschichte Kreuzbergs (Hrsg.), Berlin: Bezirksamt Kreuzberg von Berlin / Bibliotheksamt, 2000, S. 22.
Im Jahre 1934 emigrierten er und seine Frau ins Gebiet des Britischen Mandats über Palästina und ließen sich in Tel Aviv nieder. 1937 schließlich konnte er als akademischer Bibliothekar bei Tel Avivs öffentlicher Bibliothek Schaʿar-Zion (ספריית שער־ציון), geleitet von Heinrich Loewe, beginnen. Nach dem Tode Jakob Sandbanks (1897–1939) übernahmen Wormann und Hans Tramer bis Ende ihres Bestehens 1947 die Leitung der Volkshochschule Tel Aviv der Kulturkommission der Hitʾachduth ʿOlej Germania (HOG),Die Eigenbezeichnung in lateinischen Lettern lautete von 1932 bis 1939 ‹Hitʾachduth ʿOlej Germania› (, H.O.G.; wie beim Mitteilungsblatt der Hitachduth Olej Germania im Titel), zwischen 1940 und 1942 Hitʾachdut ʿOlej Germania wə-Austria (, Akronym: HOGoA; vgl. Mitteilungsblatt der Hitʾachdut ʿOlej Germania wə-Austria), dann von 1943 bis 2006 Irgun ʿOlej Merkas Europa (; wie in ihrem Organ: MB - Wochenzeitung des Irgun ʿOlej Merkas Europa), seither führt der Verein den jetzigen Namen Vereinigung der Israelis mitteleuropäischer Herkunft (; vgl. Titel des Vereinsblatts Yakinton / MB: Mitteilungsblatt der Vereinigung der Israelis mitteleuropäischer Herkunft). die hebräisch- und deutschsprachige Seminare über Palästinakunde, jüdische Geschichte und Literatur und auch Diskussionsabende in hebräischer Sprache veranstaltete.Paul A. Aisberg, „Zur Geschichte: Die Organisation der Mitteleuropäischen Einwanderer in Israel“: 3 Tle., auf: haGalil.com Jüdisches Leben heute, hier Teil III ‹Zur Geschichte der Organisation der Mitteleuropäischen Einwanderer in Israel: Hebräische Kulturarbeit›, abgerufen am 30. Dezember 2019. Als 1946 Gotthold Weil nach elf Jahren als Direktor des Jüdischen National- und Universitätsbibliothek (seit 2010 mit dem Namen ‹Nationalbibliothek Israels›) in den Ruhestand trat, blieb das Direktorat zunächst vakant. Eine hoch besetzte Findungskommission berief Wormann im August 1947 zum Hauptbibliothekar, nicht aber zum leitenden Direktor.“”. In: דָּבָר, den 23. September 1947, abgerufen am 16. September 2014. Mit Beginn des Krieges um Israels Unabhängigkeit musste die Bibliothek – die auf dem Berge Skopus in Jerusalem lag – schließen. Alle Bestände und Kataloge der Bibliothek zusammen mit der allgemeinen Ausrüstung waren auf dem Skopus, der von 1948 bis 1967 eine nur äußerst beschränkt zu erreichende israelische Enklave im jordanischen Teil Jerusalems bildete.
Nach dem Waffenstillstand übernahm die National- und Universitätsbibliothek zunächst die akademische Bibliothek der Jeschurun-Synagoge in Jerusalem sowie diverse private Sammlungen von Professoren und Studenten (darunter die große Bibliothek von Joseph Klausner). Wormann führte diese Bestände mit Hilfe seiner Mitarbeiter zu einer neuen Bibliothek zusammen. Am 8. März 1949 schließlich ernannte man Wormann zum Direktor der National- und Universitätsbibliothek und zum Mitglied des Senats der Hebräischen Universität. Anschließend zogen die Wormanns nach Jerusalem. Im Jahr 1950 fuhr er nach Großbritannien und in die Vereinigten Staaten, um die Arbeit der ausländischen Freunde und Förderer der Bibliothek zu ordnen sowie um mehr Mittel für den Neuaufbau der Bibliothek, den Kauf von Büchern und den laufenden Betrieb einzuwerben.
Er besuchte auch Bibliotheken, um die ausländische Entwicklung von Bibliothekswesen und Bibliothekarsschulen kennenzulernen, mit dem Ziel, in Jerusalem selbst die Einrichtung solch einer Schule vorzubereiten. Bis zu Wormanns Emigration war in Deutschland die Ausbildung für Bibliothekare allmählich institutionalisiert worden, dabei stritten zwei Parteien miteinander, die ‹Stettiner Richtung› um Erwin Ackerknecht (Betonung der Gemeinsamkeiten in der Ausbildung für öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken) und die ‹Leipziger Richtung› (getrennte Ausbildung für Volksbüchereien und wissenschaftliche Bibliotheken) geführt von Walter Hofmann, Wormann tendierte mehr ersterer zu, die auch seiner Laufbahn entsprach.Peter Vodosek: „Die bibliothekarische Ausbildung in Deutschland von ihren Anfängen bis 1970“. In: Lifelong education and libraries (2002), Nr. 2 (März): S. 1–28, hier S. 6.
mini|Blick 1950 über den Kikkar Paris aufs Collegio di Terra Santa, 1926 von Antonio Barluzzi Im März 1951 wurde er eingeladen, Redakteur der Zeitschrift Libri: International Journal of Libraries and Information Services des Verlages Walter de Gruyter zu werden. Er gewann die Unterstützung der Rockefeller-Stiftung für einen Bibliotheksneubau auf der Givʿat Ram, dem neuen Campus der Hebräischen Universität. Einstweilen vermietete die franziskanische Kustodie des Heiligen Landes den Bau des ehemaligen Collegio di Terra Santa an die National- und Universitätsbibliothek, wo sie ihren Betrieb dann wieder aufnahm.
Im November 1952 wurde Wormann zum ordentlichen Professor ernannt. Im Jahre 1955 bewilligte die UNESCO Mittel, mit denen Wormann 1956 die Fachschule für Bibliotheks- und Archivwesen der Hebräischen Universität eröffnen konnte.The Hebrew university, Jerusalem Graduate library school, Announcement for the year 1956–57. , Jerusalem 1956. 1957 ging er auf eine lange Europareise und nahm Arbeitsbeziehungen mit den großen Bibliotheken der Welt auf und konnte hundert Tausende während der NS-Judenverfolgungen geplünderte Bücher für die National- und Universitätsbibliothek erwerben.
mini|Der ‹Binjan Lady Davis› (Lady-Davis-Bau) der Nationalbibliothek