Narrenattribute sind Ausstattungsgegenstände und Erscheinungsweisen, die gemeinhin mit der Figur des Narren verbunden sind. Die Vorstellung davon, woran ein Narr normalerweise zu erkennen ist, entwickelte sich im europäischen Mittelalter zwischen dem 12. und dem 15. Jahrhundert; bis etwa 1500 hatte der Narr seine ganze Vielfalt an Attributen.
500px|miniatur|Ein typischer Narr mit Gugel und Eselsohren, ansatzartigem Hahnenkamm, Schellen und Mi-Parti
Erscheinungsweise Nacktheit Nacktheit gilt – biblisch gesehen – als ein äußeres Zeichen der Abkehr des Menschen von Gott: Adam und Eva erkannten ihre Nacktheit erst nach dem Essen der verbotenen Frucht (Gen. 3,7). Mit dem Aufkommen eines Kataloges der Todsünden erscheinen Fleischlichkeit und Geilheit als Laster, das den Narren besonders anhaftet. Während ein frommer Mensch der caritas (Nächstenliebe) folgt, verschreibt sich der Narr der fleischlichen Liebe (lat. amor carnalis). Um seine Nähe zum Laster der Fleischlichkeit abzubilden, wird ein Narr in der Ikonographie meist nackt dargestellt. Im 14. und 15. Jahrhundert zeigt sich der Narr auch oft gemeinsam mit einer nackten Dame, während er selbst seine Genitalien entblößt. Bezogen auf die Bibel ist Nacktheit eine Metapher für Ehrlosigkeit und Verworfenheit.
Haarschnitt Während der frühe Narr aus dem 12. und 13. Jahrhundert entsprechend seiner Nacktheit den Kopf komplett geschoren hat, erscheinen später Illustrationen, die den Narren mit der typischen Mönchstonsur zeigen, häufig jedoch erhielt er zwei oder drei Haarkränze. Die Tonsur galt im Abendland als Zeichen der Demut und damit als Einschränkung des Macht- und Vollkommenheitsanspruch des Geschorenen. Während in kirchlichen Bereichen verschiedene Tonsuren bezeugt sind, tritt die zwei- oder dreikränzige Haartracht nirgendwo auf – ausgenommen beim Narren. In der Forschung wird angenommen, dass sich diese Haartracht bewusst dem Klerus gegenüberstellt, um ihn lächerlich zu machen, um erneut in der typischen Narrenposition aufzutreten: Non est deus. Im Zusammenhang mit Nacktheit erscheint es nicht verwunderlich, dass im Alten Testament das komplette Scheren des Haupthaares als schwere Ehrenstrafe angesehen wurde. Im Mittelalter wirkt diese Tatsache nach, so hat beispielsweise der fränkische Hausmeier Pippin im 8. Jahrhundert nach seiner formellen Übernahme der Königswürde den letzten merowingischen König Childerich scheren lassen.
Narrenmal und Narrenstein miniatur|hochkant|Das Steinschneiden (Hieronymus Bosch, zwischen 1488 und 1516)
In einigen Darstellungen von Narren, aber auch bei Fastnachtsmasken, findet sich auf der Stirn des Narren ein eiterndes Geschwür, das Narrenmal. Am nächsten liegt die Erklärung, dass die Menschen des 15. Jahrhunderts – seitdem ist das Stirnmal der Narren in Darstellungen bekannt – davon ausgingen, dass die Narrheit eine im Kopf wuchernde Krankheit sei und diese in schweren Fällen mit bösartigen Hautveränderungen zu Tage trete. In diesem Zusammenhang sind die vielen Gemälde und Darstellungen des 15. und 16. Jahrhunderts über das Steine- oder Narrenschneiden zu sehen. Hier soll die Narrheit aus dem Kopf des Erkrankten heraus operiert werden, meist mit kurpfuscherischen Methoden. Stellenweise trugen Narren aber gerade deswegen auch einen Stein als Attribut mit sich und behaupteten, er wäre ihnen herausoperiert worden.
Abseits dieses Erklärungmodells ist auch beim Stirnmal eine biblische Erklärung möglich: Innerhalb der bildenden Kunst um 1500 war durch das eschatologischen Denken die Apokalypse des Johannes in aller Munde. Diese Bibelstelle spricht in Offenbarung 13,16-17 und 16,2 davon, dass all jene, die dem Antichrist verfallen sind, ein Malzeichen auf der Stirn tragen würden. Denen gegenüber stehen die Auserwählten, die vom Strafgericht verschont bleiben und deshalb auf der Stirn das signum dei, das Zeichen Gottes tragen (Off. 7,3).
So zeigt sich auch hier die Antithetik zwischen dem frommen Menschen als Mensch Gottes und dem Narren als Anhänger des Teufels, dem Gotteszeichen steht das Narrenmal als negativ stigmatisierendes Zeichen gegenüber. Mit dem Stirnmal der Narrheit zeigt sich bis heute der Zusammenhang zum Fastnachts- bzw. Fastenbrauch. Sebastian Brant erwähnte in seiner zweiten Auflage des Narrenschiffs den Fastnachtsnarren, der an Aschermittwoch das Aschekreuz nicht empfangen möchte. Genau dieses Zeichen, das Zeichen Gottes, empfangen die gläubigen Christen, während der Narr mit dem Stirnmal des Teufels bezeichnet wird.
Bekleidung Gewand Bis ins 16. Jahrhundert kann die typische Narrenbekleidung mit Gugel, an der Glöckchen hängen, dem kurzgeschnittenen Kleid, dem Mi-Parti, Schnabelschuhen und Quasten nicht als einheitlich festgelegte Hofnarrentracht angesehen werden. Häufig trugen Narren, als Angehörige des Hofstaates, ein Dienerkleid, das durch die heraldischen Farben des Herrn gekennzeichnet war. Nicht selten erscheint er deshalb in einem geteilten Kleid, das wie das Wappen des Lehnsherrn geteilte Farben zeigte. Diese farbige Aufteilung galt zum Teil bis ins 18. Jahrhundert hinein als Zeichen der Abhängigkeit und Zugehörigkeit. Jedoch musste das Kleid nicht notwendigerweise im Mi-Parti geschnitten sein. Es ist daher kein ausschließliches Zeichen des Narren, ein farblich geteiltes Kleid zu tragen. Üblich war es auch das Kleid gezackt oder mit Fransen enden zu lassen, was auf die Unstetigkeit des Narren hinweisen sollte.
Für das Kleid des Narren ist das Spielmannskleid konstituierend gewesen. Die Spielmannstracht, auffällig bunt und gemustert und so das Weltliche der Musik widerspiegelnd, stellte ebenfalls wie die des Narren die Verbindung zum ehrlosen und zum unzüchtigen, unsteten und vagabundierenden Lebenswandel dar. Da die Spielleute von den Sakramenten und der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen waren, standen sie am Rande der Gesellschaft und somit auf ähnlich niedriger gesellschaftlicher Stufe wie die Narren. Spielleute übernahmen außerdem nicht selten die Funktion des künstlichen Narren, also Hofnarrenfunktion; dies unterstreicht die Nähe zum eigentlich typischen Narren.
Die bunten Farben und die Glöckchen machen zudem die Nähe des Geisteskranken zu Aussätzigen, den Leprosen, deutlich, die mit ihren Klappern und ihrem Gewand auf sich aufmerksam machen mussten. Oft wurden die Farben Gelb und Grün verwendet, die als die Farben als der Tollheit galten. Vor allem Gelb hatte im Mittelalter eine schlechte Bedeutung, da ihm der schädliche Einfluss des Safrans zugerechnet wurde.
Somit hat die Standardkleidung des Narren, wie sie seit Anfang des 15. Jahrhunderts belegt ist, zwei Wurzeln: Sie weist Merkmale des Torenkleides natürlicher Narren auf, gepaart mit den Kleidungselementen der künstlichen Narren, der Spielleute. Um zusätzlich den niedrigen Stand des Narren zu kennzeichnen, spielt auch die Diener- oder Dienstbotenkleidung eine Rolle. Das somit entstandene Kleid des Narren macht also seine niedrige Herkunft, seine Nähe zu unehrlichen Berufen und damit zur Lasterhaftigkeit deutlich.
Des Öfteren trug der Narr am Gürtel seines Gewandes auch einen Holzdegen.
Gugel/Narrenkappe Die Narrenkappe ist eines der jüngsten Narrenattribute. Sie entwickelte sich im 14. Jahrhundert aus der damals verbreiteten Gugel. Die Gugel wurde vom normalen Volk getragen und ähnelt den Kapuzen der Mönche. Die Gugel des Narren unterschied sich von der herkömmlichen Gugel zunächst durch buntere Farben, einen besonders langen Kapuzenzipfel oder durch mehrere Zipfel. Durch sie zeigte sich der Narr als gottesferner Frevler. Bis zum 15. Jahrhundert wurde die Kopfbedeckung des Narren durch weitere Attribute ergänzt: Eselsohren, Schellen und/oder ein Hahnenkamm.
Die Narrenkappe wird heute in modernisierter Form häufig im Karneval oder der Fastnacht getragen und stellt eines der wichtigsten Symbole des Rheinischen Karnevals dar.
Eselsohren Bezugnehmend auf die exzentrische Gugel bildete sich mit den Eselsohren in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts ein weiteres Merkmal des Narren heraus: Von den vielen Zipfeln an der Gugel standen zwei senkrecht nach oben ab, die sich im Lauf der Zeit als Ohren mit nach außen gerichteten Ohrmuscheln herausprägten. Die Beziehung zum Esel lässt sich u. a. auf ein mittelhochdeutsches Lied verfolgen, wo sich ein Esel als Löwe verkleidet, sich jedoch durch seine herausragenden Ohren verrät (… da erkos an im sin meister esels oren, er strafete in also mit slegen, daz er vil kreftelos gelak: also geschiht den toren … – da sah sein Meister an ihm Eselsohren, so strafte er ihn, bis er kraftlos darniederlag: so geschieht es den Narren). Der Esel war in der Allegorie ein grundlegendes negatives Tier: Er stand für das Laster der Trägheit (acedia), war dumm (vgl. das heutige Schimpfwort dummer Esel) und damit unwissend, also ein Beispiel für die Häresie der Gottesleugner. Daher erhielt der Esel bei der Schöpfung nach mittelalterlicher Auffassung die langen Ohren des Teufels. In Anbetracht der Gottesferne bzw. Teufelsnähe des Narren sind also die Eselsohren des Narren nicht verwunderlich. Dass die Eselsohren als einschlägiges Narrenattribut im 15. Jahrhundert eindeutig Eingang gefunden hatten, beweisen unzählige Belege: So stellt beispielsweise Sebastian Brant im Narrenschiff einen Narren mit zurückgeschlagener Gugel dar, dem tatsächlich echte Eselsohren gewachsen sind. In der heutigen Fastnacht erscheinen teilweise voll ausgeprägte Esel bzw. Narren mit einer Eselsmaske, so z. B. der Butzesel in Villingen.
Hahnenkopf miniatur|links|120px|Giotto di Bondone: Stultitia mit Federschmuck, 1303–1305. Die Allegorie Narrheit – nicht auf den ersten Blick zu erkennen – steht auch hier mit Hahnenfedern, Narrenkolben und nackten Füßen in der Tradition des typischen Narren. Als eindeutige Negativbezeichnung des Narren erscheint ein Hahnenkopf, der sich später in einen Hahnenkamm verringert hat. Er befindet sich direkt zwischen den Eselsohren auf dem Scheitel der Gugel. In der mittelalterlichen TierinterpretationVgl. auch Dietrich Schmidtke: Geistliche Tierinterpretation in der deutschsprachigen Literatur des Mittelalters (1100–1500). 2 Bände. Philosophische Dissertation Berlin FU (1968). Berlin 1968. häufiger als positive Gestalt dargestellt, wird der Hahn hier negativ konnotiert: Die Verkörperung des Lasters der sexuellen Begierde. Der Narr als homo carnalis (Mensch des Fleisches) kann seine sexuellen Gelüste nicht kontrollieren und wird durch den Hahnenkopf oder -kamm als solcher identifiziert. Dass in seltenen, spätmittelalterlichen Darstellungen der Hahnenkamm gar durch einen erigierten Penis ersetzt wird, steht also ganz in der Tradition des Hahnes und seiner Geilheit. Noch heute kann man ein Überbleibsel dieses Symbols mit der Narrenkappe im Rheinischen Karneval finden.
Schnabelschuhe rechts|180px|miniatur|Schnabelschuhe, unten rechts auch eine Trippe Wie die mehrkränzige Tonsur, die Schellen, die Gugel, die Marotte und andere Attribute stellen die Schnabelschuhe eine Verulkung der Geistlichkeit dar. Während Mönche oftmals – im Sinne der Askese und Demut – barfuß auftreten, schmückt sich der Narr mit teuren, pelzbesetzen oder samtigen Schuhen, die als Verzierung nach oben gebogen waren, was zusätzlich Material verbrauchte. Er macht sich daher der superbia, der Hoffart oder Eitelkeit schuldig, einer der sieben Todsünden. Die Todsünden haben einen engen Bezug zum Narren und zum Teufel; wer sich einer Todsünde schuldig macht, wird nach seinem Tod mit Höllenstrafen gepeinigt.
Schellen 250px|miniatur|Faselhannes der Narrenzunft Bad Waldsee mit Schellen und Fuchsschwanz