miniatur|300px|Kräfteverteilung in Frankreich um 1420. Rot: England, Violett: Burgund, Blau: Armagnacs Der Vertrag von Troyes war ein Friedensvertrag, der im Laufe des Hundertjährigen Krieges, am 20. Mai 1420, zwischen Karl VI. (dem Wahnsinnigen) und Heinrich V. zustande kam. Der Vertrag regelte die Thronfolge nach Karls Tod: Heinrich sollte die Krone erben und somit die Reiche England und Frankreich in Personalunion vereinen. Der Dauphin (und spätere König Karl VII.) wurde von der Thronfolge ausgeschlossen. Er widersetzte sich daraufhin mit seinen Anhängern, den Armagnacs, dem Vertrag; zur Vereinigung Englands und Frankreichs kam es daher nie. Schließlich konnte er doch zum König gekrönt werden und die Engländer nach langen Kämpfen aus Frankreich vertreiben. Damit endete 1453 der Hundertjährige Krieg.

Vorgeschichte miniatur|Ermordung Johann Ohnefurchts durch die Anhänger des Dauphins in Montereau

Seit der normannischen Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer im Jahre 1066 waren die beiden Reiche England und Frankreich auf lehensrechtlicher Basis miteinander verknüpft. Es folgten weitere Verflechtungen dynastischer und territorialer Art. Als es in Frankreich zu einem Machtvakuum kam, da in schneller Folge mehrere Könige ohne männlichen Nachkommen gestorben waren, erhob Eduard III. Anspruch auf den Thron. Die daraus resultierenden Spannungen mündeten schließlich 1337 in den Hundertjährigen Krieg. Es kam zu mehreren Schlachten und wechselseitigen territoriellen Gewinnen. Diverse Versuche, durch einen Friedensvertrag den Konflikt beizulegen, brachten keinen Erfolg.Anne Curry: The Hundred Years War. New York 1993, S. 32–90.

Heinrichs Invasion 1413 bestieg Heinrich V. den englischen Thron. Wie seine Vorgänger machte er es sich zum Ziel, Territorien in Frankreich für England zu gewinnen. Von der Thronbesteigung an versuchte er dies auf diplomatischem Weg zu erreichen. Er war gewillt, seinen Anspruch auf die französische Krone fallen zu lassen, wenn er dafür Ländereien erhielt. Seine Forderungen waren aber so hoch, dass der französische König nicht auf sie einging. Daraufhin fiel Heinrich im Sommer 1415 in Frankreich ein. In der Schlacht von Azincourt fügte er den Franzosen eine vernichtende Niederlage zu. In zwei Feldzügen bis 1419 brachte Heinrich die Normandie unter seine Kontrolle.Christopher T. Allmand: Henry V the Soldier, and the War in France. In: Gerald Leslie Harriss (Hrsg.): Henry V. The practice of kingship. Oxford 1985, S. 125–128.

In Frankreich herrschte zu dieser Zeit ein innerer Konflikt zwischen den Anhängern des Herzogs von Burgund (Bourguignons) Johann Ohnefurcht und der königstreuen Partei und Anhängern des Herzogs von Orléans (Armagnacs). Dies führte zu einer Annäherung Burgunds an Heinrich V. und der Einnahme von Paris 1418 durch Johann Ohnefurcht. Da der Dauphin ein Bündnis zwischen England und Burgund verhindern wollte, suchte er selbst das Gespräch mit Johann Ohnefurcht. Bei einem dieser Treffen in Montereau wurde aber Johann durch die Anhänger des Dauphins ermordet. Die Verhandlungen brachen daraufhin abrupt ab.Philippe Contamine: La guerre de Cent ans. 5. Auflage. Paris 1989, S. 86. Philipp, der Sohn und Nachfolger Johanns, wandte sich nun den Engländern zu, von denen er sich die größte Unterstützung erhoffte, um Rache zu nehmen sowie die Position Burgunds in Frankreich zu konsolidieren.Christopher T. Allmand: The Hundred Years War. England and France at War c. 1300 - c. 1450 (Cambridge medieval textbooks 1). Cambridge 1988, S. 29.

Waffenstillstand von Arras Durch die Einnahme von Rouen während seiner Invasion hatte Heinrich Paris von den wichtigsten Rohstoffen des täglichen Bedarfs abgeschnitten. Die Bevölkerung von Paris trat daraufhin mit ihm in Verhandlung. Gleichzeitig versuchte Philipp eine Annäherung an Heinrich. Dieser hatte, durch seine Vormachtstellung gestärkt, seine bisherigen Forderungen auf Ländereien in Frankreich aufgegeben und stellte nun neue Bedingungen für den Frieden. Er wollte die beiden Königreiche als Doppelmonarchie in Personalunion vereinen.Paul Bonefant: Du meurtre de Montereau au traité de Troyes (Mémoires de la Classe des Lettres, Série 2, 52/4). Brüssel 1958, S. 32–33.

Karl VI. war zu diesem Zeitpunkt wegen seiner Krankheit praktisch unfähig zu regieren. Er wurde bei seinen Handlungen von seiner Frau Isabeau und von Philipp beeinflusst. So stattete er am 7. November Philipp mit der Vollmacht aus, in seinem Namen einen Waffenstillstand auszuhandeln. Nach zähen Verhandlungen konnte dieser schließlich in Arras am 24. Dezember unterzeichnet werden. Dieser Vertrag war vorerst auf den 1. März des kommenden Jahres befristet. Gemäß Vertrag sollte diese Zeit genutzt werden, um einen Friedensvertrag auszuhandeln. Von diesen Friedensgesprächen wurde der Dauphin und seine Anhänger (Armagnacs) explizit ausgeschlossen.Thomas Rymer: Foedera, conventiones, literae, et cujuscunque generis acta publica, inter reges Angliae, et alios (…) Bd. 9, 2. Auflage. London 1726, S. 822–824.

Parallel zu den Waffenstillstandsverhandlungen handelten Philipp und Heinrich eine Allianz zwischen ihren beiden Reichen aus. Philipp erklärte sich schließlich bereit, alles in seiner Macht stehende zu tun, damit Heinrich die französische Krone erhielt. Im Gegenzug versprach Heinrich Hilfe bei der Bestrafung des Dauphins und seiner Anhänger, die für die Ermordung Johann Ohnefurchts verantwortlich waren. Diese Allianz wurde einen Tag nach dem Waffenstillstandsabkommen besiegelt.Thomas Rymer: Foedera, conventiones, literae, et cujuscunque generis acta publica, inter reges Angliae, et alios (…) Bd. 9, 2. Auflage. London 1726, S. 825–827.

Präliminarfrieden Nachdem der Waffenstillstand besiegelt worden war, musste ein definitiver Friedensvertrag entworfen werden. Außergewöhnlich beim Vertrag von Troyes ist die Tatsache, dass zwischen England und Burgund das Grundgerüst des Vertrages bereits vor der Unterzeichnung des Waffenstillstandes inoffiziell ausgehandelt worden war. Schon Anfang Dezember hatten sich die beiden Parteien auf die wichtigsten Punkte eines künftigen Vertrages geeinigt.Pierre Duparc: La Conclusion du Traité de Troyes. In: Revue historique de droit français et étranger. Quatrième série, 49/1 (1971), S. 50–64, hier S. 54.

Für die offizielle Aushandlung mit dem französischen König sandte Heinrich den Unterhändler Louis de Robersart Anfang Januar 1420 an den Hof nach Troyes. Kurz darauf unterzeichnete Karl ein Dokument, in dem er feststellte, dass sich der Dauphin wegen seiner grauenvollen Taten als unwürdig für die Thronnachfolge erwiesen hätte. Er verlor somit das Erbrecht auf die französische Krone, was für Heinrich den Weg freimachte sein Ziel zu verfolgen. Es kam zu längeren Verhandlungen, während derer der Waffenstillstand mehrmals verlängert werden musste. Schließlich unterzeichnete Karl, mit Vorbehalt einiger mit dem englischen König noch zu verhandelnder Punkte, am 9. April den Präliminarfrieden. Dieses Vertragswerk enthielt alle Punkte des späteren Friedensvertrages sowie die Regelung der Umstände des Treffens der Monarchen. Daraufhin machte sich eine französische Delegation auf den Weg zu Heinrich, um noch die letzten Punkte auszuhandeln. In Pontoise kam es daraufhin zu kurzen Gesprächen und einigen wenigen Änderungen des Vertrages. Heinrich unterzeichnete seinerseits am 5. Mai dieses Vertragswerk.Paul Bonefant: Du meurtre de Montereau au traité de Troyes (Mémoires de la Classe des Lettres, Série 2, 52/4). Brüssel 1958, S. 128–132, S. 153–159.

Der Friedensschluss Das Treffen in Troyes miniatur|Herzog Philipp der Gute, von Rogier van der Weyden um 1450 gemalt. Die Zusammenkunft zweier Monarchen zur Vollziehung eines Friedensschlusses stellte stets ein heikles Unterfangen dar. Die Ortswahl war von eminenter Bedeutung. Sie musste so gewählt werden, dass keiner der Monarchen bevorzugt würde, da der andere sonst gekränkt die Verhandlungen abbrechen konnte. Ein zweiter kritischer Punkt betraf die Sicherheit der Monarchen. Gerade die Ermordung Johann Ohnefurchts bei einem Treffen mit dem Dauphin im Vorfeld hatte diese Gefahr den Königen wieder vor Augen geführt. Aus diesen Gründen wurden diverse Sicherheitsvorkehrungen vereinbart und im Präliminarfrieden schriftlich festgehalten.Gerald Schwedler: Herrschertreffen des Spätmittelalters. Formen - Rituale – Wirkungen (Mittelalter-Forschungen 21). Ostfildern 2008, S. 258–259, S. 275–277. Als erste Sicherheit leisteten die beiden Monarchen vor einer Delegation der anderen Partei einen Eid auf die Evangelien. In diesem Eid schworen sie, die Vertragspunkte einzuhalten und keine hinterlistigen Pläne zu verfolgen. Auf dem Weg von Pontoise, dem derzeitigen Regierungssitz Heinrichs, nach dem französischen Hof von Troyes standen Heinrich mehrere Ortschaften offen. In ihnen sollte er Truppen stationieren, um seinen Rückweg nach der Vertragsschließung zu sichern. Zudem sollten sie das Treffen gegen mögliche Übergriffe des Dauphins und der Armagnacs beschützen, die in der Umgebung Truppen hatten. Nach dem Vertragsschluss sollte Heinrich die besetzten Orte wieder zurück an Frankreich geben.Thomas Rymer: Foedera, conventiones, literae, et cujuscunque generis acta publica, inter reges Angliae, et alios (…) Bd. 9, 2. Auflage. London 1726, S. 877–882.

Während Heinrich auf dem Weg nach Troyes war, wurde dort das Treffen vorbereitet. Gemäß dem Präliminarfrieden sollte die Begegnung an einem Ort zwischen Troyes und Nogent stattfinden. Der Treffpunkt war mit einer Linie umgeben, bis zu der beide Könige 2.500 Mann mitbringen durften. Die Linie sollte aber nur von den Königen und vereinzelten Vertrauten übertreten werden.Thomas Rymer: Foedera, conventiones, literae, et cujuscunque generis acta publica, inter reges Angliae, et alios (…) Bd. 9, 2. Auflage. London 1726, S. 881. Aus heute noch nicht geklärten Gründen wurde schließlich aber auf diese Sicherheitsvorkehrungen verzichtet, und man hielt das Treffen in Troyes selbst ab.Paul Bonefant: Du meurtre de Montereau au traité de Troyes (Mémoires de la Classe des Lettres, Série 2, 52/4). Brüssel 1958, S. 168.

Am 20. Mai fand schließlich das Treffen statt. Heinrich ritt mit einem Tross nach Troyes, wo er von Philipp und einigen Edelleuten begrüßt wurde. Gemeinsam betraten sie die Stadt und Heinrich bezog sein Quartier.Christopher T. Allmand: Henry V. London 1992, S. 143. Über die weiteren Vorgänge an diesem Tag gehen die Quellenangabe weit auseinander. Wahrscheinlich stattete Heinrich dem französischen König einen Besuch ab. Anschließend kehrte er in seine Unterkunft zurück. Die Vertragsunterzeichnung fand dann am nächsten Tag statt.Gerald Schwedler: Herrschertreffen des Spätmittelalters. Formen - Rituale – Wirkungen (Mittelalter-Forschungen 21). Ostfildern 2008, S. 266–267.

Unterzeichnung und Beeidung miniatur|Isabeau, die Ehefrau und Vertreterin Karls VI. Am Tag der Vertragsunterzeichnung fühlte sich Karl anscheinend nicht wohl und konnte nicht selbst den Vertrag unterzeichnen. Da dies aber wegen Karls Krankheit vorhersehbar gewesen war, hatte dieser bereits am 19. Mai seiner Frau Isabeau und Philipp eine Vollmacht ausgestellt, in seinem Namen den Vertrag zu unterzeichnen.Thomas Rymer: Foedera, conventiones, literae, et cujuscunque generis acta publica, inter reges Angliae, et alios (…) Bd. 9, 2. Auflage. London 1726, S. 894. So trafen sich nun Heinrich, Isabeau und Philipp am Altar in der Kathedrale von Troyes. Dort wurde ihnen der Vertragstext vorgelesen, den sie anschließend beeideten. Dabei berührten sie ein auf dem Altar liegendes Evangeliar mit der rechten Hand. Als nächster Schritt wurden die Vertragswerke gesiegelt und ausgetauscht. Heinrich benutzte für diesen Zweck das Siegel Eduards III., das dieser beim Vertrag von Brétigny benutzt hatte.Gerald Schwedler: Herrschertreffen des Spätmittelalters. Formen - Rituale – Wirkungen (Mittelalter-Forschungen 21). Ostfildern 2008, S. 269.