Die Körpergröße ist, wie das Körpergewicht, ein einfaches biometrisches Merkmal. In diesem engeren Sinne bezeichnet es die Größe des aufrecht stehenden Menschen von der Fußsohle bis zum Scheitel. Dieses Maß wird in Deutschland, wie in fast allen Staaten, auch in den Personalausweis, den Pass und entsprechende Identifikationspapiere eingetragen. Eine Möglichkeit, die Körpergröße zu erfassen und auszuwerten, ist das Somatogramm. Die Wissenschaftsdisziplin, die sich mit den Körpermaßen des Menschen beschäftigt, heißt Anthropometrie, die Disziplin, die sich mit dem Wachstum des Menschen beschäftigt, heißt Auxologie.Michael Hermanussen (Hrsg.): Auxology – Studying Human Growth and Development. Schweizerbart, 2013, ISBN 978-3-510-65278-5.

In einem weiteren Sinne werden mit Körpergröße auch weitere am Körper messbare Längen wie Brustumfang, Bundhöhe, Armlänge etc. gemeint, mit denen sich zum einen die Biometrie beschäftigt, zum anderen etwa die Bekleidungsindustrie, damit die heute nicht mehr maßgeschneiderten, sondern vorgefertigten (konfektionierten) Bekleidungsstücke in passenden und damit absetzbaren Größen angeboten werden können. Die Bekleidungsindustrie möchte auch wissen, wie sich die Größen und Proportionen anteilsmäßig unter der Bevölkerung verteilen, um von den verschiedenen Konfektionsgrößen im Weiteren anteilig die richtigen Stückzahlen produzieren zu können. Ein gleiches Interesse hat die Schuhindustrie.

Die Feststellung der Körpergrößen und ihre Verteilung sind auch wichtig für die Ergonomie von Möbeln und Fahrzeugen sowie die Gestaltung von technischen Arbeitsplätzen.

Körpergröße im engeren Sinne: Körperlänge

Einflüsse

Vererbung

Die mögliche Körpergröße ist zum größten Teil genetisch bedingt; während die tatsächliche Körpergröße von weiteren Faktoren abhängt.

Der Genpool der Populationen kann hier bereits kleinräumig Unterschiede aufweisen (z. B. zwischen den Niederlanden und Belgien), weil z. B. einst durch Einwanderer eingebrachte Gene durch Sprachbarrieren oder andere kulturelle Isolationsmechanismen seltener in benachbarte Genpools übertragen werden (begrenzter Genfluss).

Proteinzufuhr Die tatsächlich erreichte Größe hängt zusätzlich von der Qualität der Ernährung des Menschen, vor allem der reichlichen Zufuhr von Proteinen ab. Dabei begrenzt die individuelle genetische Konstitution jedoch die Größe auf ein Höchstmaß.

In einer Langzeitstudie, die seit 1985 an mehr als tausend Kindern zwischen drei und siebzehn Jahren auf der Grundlage detaillierter Ernährungsdaten durchgeführt wurde, haben Forschende untersucht, welchen Einfluss die Proteinzufuhr im Kinder- und Jugendalter auf die spätere Größe von Mädchen und Jungen hat. Demnach können zu viele Proteine bei Mädchen zu einer Zunahme der Körpergröße führen. Eine durchschnittliche tägliche Proteinzufuhr von 7 Gramm über der empfohlenen Dosis ist mit einer Erhöhung der Erwachsenenkörpergröße um einen Zentimeter verbunden, wohingegen eine Verbindung zwischen Proteinkonsum und Körpergröße bei Jungen nicht beobachtet wurde. Nach Ansicht der Forschenden lassen bei Jungen deutlich stärkere Wirkungen der Sexualhormone – unter anderem Testosteron – auf die Wachstumshormon-Achse weniger Spielraum für einen zusätzlichen wachstumsfördernden Ernährungseffekt durch Protein zu.Yifan Hua, Thomas Remer: Adult Stature and Protein Intake During Childhood and Adolescence From 3 Years Onward. The Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism, Volume 107, Issue 7, July 2022, Pages e2833–e2842, https://doi.org/10.1210/clinem/dgac205

Lebensstandard mini|Der deutsche Botschafter Peter Schoof und Osttimors Präsident Francisco Guterres, mit zwei deutschen Botschaftsangehörigen und osttimoresischen Beamten. Nur der Timorese links erreicht die Körperlänge der Deutschen.

Ein Teilbereich der wirtschaftshistorischen Forschung betrachtet die Körpergröße als wesentliches Maß für den biologischen Lebensstandard und die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes. Je wohlhabender ein Gemeinwesen, desto größer sind die Menschen, die darin leben. Dieser Forschungszweig heißt Anthropometrische Geschichte.

Den Begriff „Anthropometrische Geschichte“ prägte John Komlos 1989; die konzeptionellen Grundlagen legten die Historiker und Ökonomen Emmanuel Le Roy Ladurie, Robert Fogel und Richard Steckel schon Ende der 1960er und in den 1970er Jahren. Stark verbunden mit dem Ansatz der anthropometrischen Geschichte ist das Konzept des „biologischen Lebensstandards“. Wichtige Faktoren beim Vergleich von Bevölkerungsgruppen sind genetisch bedingte Körpergrößenunterschiede, kulturelle Ernährungsgewohnheiten und die Körpergröße der vorangegangenen Generation.

Grundlagen Solange ein Mensch wächst, verwendet der Körper die aufgenommene Nahrungsenergie, die er nicht für die Aufrechterhaltung vitaler Körperfunktionen und Bewegung benötigt, für das Körperwachstum. Bei mangelnder Qualität oder Quantität der Nahrung werden körpereigene Energiereserven abgebaut und die Energiezufuhr für Aktivitäten und Wachstum reduziert. Gleichzeitig schwächt eine mangelhafte Ernährung das Immunsystem, so dass Erkrankungen mit höherer Wahrscheinlichkeit eintreten und die Krankheitsdauer sich tendenziell verlängert. Erkrankungen wiederum verschlechtern den Ernährungsstatus, da sie die Nährstoffaufnahme im Körper vermindern und der Energieaufwand des Immunsystems höher ist als beim Gesunden.

Somit wird die durchschnittliche Körpergröße eines Menschen determiniert durch die Qualität und Quantität von Nahrung, Krankheiten und den Zugang zu medizinischer Versorgung, wobei letztere erst seit dem 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle spielte. Diese Faktoren hängen wiederum ab vom Haushaltseinkommen, hygienischen Gewohnheiten, Gesundheitsrisikoverhalten sowie Sanitär- und Trinkwasseranlagen, Impfungen und Medikamenten.

Auf Grund von Unterernährung vermindertes Körperwachstum kann nach medizinischen Erkenntnissen teilweise bis ins späte Jugendalter nachgeholt werden. Die Forscher gehen davon aus, dass die Körpergrößen von Erwachsenen die Netto-Ernährungsqualität während ihrer Kindheit widerspiegeln, wobei die Lebensumstände während der ersten drei Lebensjahre auf die Endgröße von Erwachsenen besonders stark wirken.

Ergebnisse

Zeit Körpergröße Männer Frauen 5300–2000 v. Chr. 163,5 cm 151,5 cm 2000–750 v. Chr. 165,2 cm 153,6 cm 750–20 v. Chr. 166,1 cm 155,9 cm 20 v.–450 n. Chr. 165,5 cm 153,3 cm 450–700 n. Chr. 167,9 cm 156,2 cm 700–1000 n. Chr. 167,3 cm 155,4 cm 1000–1500 n. Chr. 166,3 cm 154,7 cm 1500–1800 n. Chr. 167,8 cm 155,3 cm 19. Jahrhundert5300 v. Chr. bis 19. Jahrhundert nach: Frank Siegmund: Die Körpergröße der Menschen in der Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas und ein Vergleich ihrer anthropologischen Schätzmethoden. Books on Demand, Norderstedt 2010, ISBN 978-3-8391-5314-7, S. 81, Tab. 38. 167,6 cm 155,7 cm Deutschland 2003Gesundheitswesen – Mikrozensus 2003 – Fragen zur Gesundheit – Körpermaße der Bevölkerung im Mai 2003. 177 cm 165 cm D, 2005–2013Gesundheitswesen – Mikrozensus 2009 – Fragen zur Gesundheit – Körpermaße der Bevölkerung 2009.Gesundheitswesen – Mikrozensus 2005 – Fragen zur Gesundheit – Körpermaße der Bevölkerung 2005.destatis.de 178 cm 165 cm

Aussagen zur Körpergröße in der Vergangenheit beruhen auf zwei grundsätzlich unterschiedlichen Quellen: Beobachtungen an Lebenden und Schätzungen aufgrund von archäologischen Knochenfunden. Als Beobachtungen an Lebenden stehen aus der Vergangenheit medizinische und anthropometrische Beobachtungen aus der Zeit seit ca. 1900 zur Verfügung,Franz Boas: Changes in the bodily form of descendants of immigrants. New York 1912. für die Zeit davor vor allem Aufzeichnungen bei Musterungen von Rekruten, die zeitlich bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen.John Komlos (Hrsg.): Stature, living standards, and economic development: essays in anthropometric history. The University of Chicago Press, Chicago 1994, ISBN 0-226-45092-9; John Komlos: The biological standard of living in Europe and America, 1700–1900: studies in anthropometric history. Variorum, Aldershot u. a. 1995, ISBN 0-86078-457-6; Jörg Baten: Ernährung und wirtschaftliche Entwicklung in Bayern: (1730–1880). Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1999, ISBN 3-515-07218-7. Der Vorzug dieser Beobachtungen ist ihre in der Regel gute Qualität und große Menge, der Nachteil das Fehlen von Informationen über Frauen. wiwi.uni-tuebingen.de, J. Baten Von besonderem Interesse ist dabei die Zeit der industriellen Revolution in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die mit einem kurzfristigen Kleinerwerden der Menschen einherging (sogenanntes antebellum puzzle oder Industrial Growth Puzzle).

Angaben zur Körpergröße aufgrund archäologischer Funde beruhen auf Längenmessungen an Langknochen, aus denen die Körpergröße geschätzt wird. Es gibt zahlreiche unterschiedliche Schätzformeln; im strengen Sinne sind nur Ergebnisse vergleichbar, die aufgrund gleicher Schätzformeln ermittelt wurden.Friedrich W. Rösing: Körperhöhenrekonstruktion aus Skelettmaßen. In: R. Knussmann (Hrsg.): Anthropologie: Handbuch der vergleichenden Biologie des Menschen 1. G. Fischer Verlag, Stuttgart 1988, S. 586–600; Frank Siegmund: Die Körpergröße der Menschen in der Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas und ein Vergleich ihrer anthropologischen Schätzmethoden. Books on Demand, Norderstedt 2010, ISBN 978-3-8391-5314-7 / auch: academia.edu.

Danach waren die ersten Ackerbauern und Viehzüchter (ca. 5000–2000 v. Chr.) in Mitteleuropa etwa 163,5 cm (Männer) bzw. 151,5 cm (Frauen) groß. Von der Eisenzeit (ca. 750 v. Chr. ff.) bis in das Mittelalter lag die Körperhöhe im Mittel bei etwa 166 cm für Männer und 155 cm für Frauen. Innerhalb dieses langen Abschnitts waren die Menschen des frühen Mittelalters (ca. 500–700 n. Chr.) besonders groß (Männer 168 cm, Frauen 156 cm).Zahlen nach: Siegmund, Frank: Die Körpergröße der Menschen in der Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas und ein Vergleich ihrer anthropologischen Schätzmethoden. Books on Demand, Norderstedt 2010, ISBN 978-3-8391-5314-7, S, 81, Tab. 38. Nach einer Größenabnahme im Verlauf des Mittelalters um etwa 2 cm erreichten die Menschen im 19. Jahrhundert wieder eine mittlere Körpergröße von 168 cm (Männer) und 156 cm (Frauen). Diese zeitbedingten Unterschiede sind relativ klein im Verhältnis zu den Unterschieden zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen und den Unterschieden innerhalb einer Bevölkerungsgruppe; innerhalb einer Gruppe fallen jeweils etwa zwei Drittel der Menschen in eine Spanne von etwa plus/minus 4 bis 6 cm um die genannten Mittelwerte. Die Studien von Franz Boas an Einwanderern in New York in den Jahren 1902–1911 zeigten, dass bei Bevölkerungsgruppen ähnlicher Herkunft veränderte Lebensbedingungen zu Veränderungen der mittleren Körpergröße von etwa minus 2 cm bis plus 4 cm führten.

Baten und Blum untersuchen überregionale Unterschiede im 19. und 20. Jahrhundert. Sie finden heraus, dass – während es zunächst kaum regionale Ungleichheit bezüglich der Körpergröße gab – sich dies Ende des 19. Jahrhunderts und mit der ersten Globalisierungsphase änderte: Die Körpergrößen von Menschen reicher und armer Länder begannen sich auseinanderzuentwickeln. In der Deglobalisierungsphase der beiden Weltkriege verschwanden diese Unterschiede nicht. Baten und Blum etwa folgerten, dass im 19. Jahrhundert das regionale Vorhandensein von Viehzucht, Fleisch und Milch sowie Krankheiten entscheidende Faktoren für die Körpergröße waren. Dies änderte sich jedoch im späten 20. Jahrhundert, als neue Technologien und Handel an Bedeutung gewannen und somit der Einfluss der lokalen Verfügbarkeit von landwirtschaftlichen Produkten auf Körpergrößen sank.