mini|hochkant|Hanns Heinz Ewers Die Spinne ist der Titel einer phantastischen Horrorgeschichte von Hanns Heinz Ewers, die er 1908 im französischen Ault schrieb und in dem Sammelband Die Besessenen veröffentlichte. Der Mosse-Verlag druckte den Text in der Volkszeitung, der Berliner Morgen-Zeitung und am 9. und 16. November 1908 im Zeitgeist, der Kulturbeilage des Berliner Tageblatts.Wilfried Kugel: Der Unverantwortliche – Das Leben des Hanns Heinz Ewers, Grupello Verlag, Düsseldorf 1992, S. 128

Im Mittelpunkt seiner wohl bekanntesten, Franz Zavrel gewidmeten Erzählung steht eine dämonische Verführerin, die Männer in den Suizid durch Erhängen treibt. Ewers schildert die Entwicklung einer gefährlichen Beziehung zwischen ihr und einem Studenten, der sie über einen Zeitraum von drei Wochen von einem Fenster aus beobachtet.

Die Erzählung wurde in zahlreichen Anthologien veröffentlicht und von Dashiell Hammett in die englischsprachige Sammlung Creeps by night aufgenommen.Thomas Wörtche: Phantastik und Unschlüssigkeit, Zum strukturellen Kriterium eines Genres. Corian-Verlag Heinrich Wimmer, Meitingen 1987, S. 170 Sie ähnelt der unheimlichen Geschichte L’oeil invisibleVollständiger Titel: L’œil invisible ou l’auberge des trois pendus. Der deutsche Titel lautet: Das unsichtbare Auge oder Die Herberge der Gehenkten des Autorenpaares Erckmann-Chatrian, der sie einige Details verdankt.So Rein A. Zondergeld und Wilfried Kugel, während Thomas Wörtche das Verhältnis zwischen den Texten relativiert.

Struktur und Inhalt Zwischen der Einleitung und Schlussbemerkung eines namenlosen Erzählers (Herausgeberfiktion) befinden sich die ausführlichen Tagebucheintragungen des letzten Opfers.

In einem Pariser Hotelzimmer erhängen sich zunächst zwei Gäste, ohne ein bestimmtes Motiv für den Suizid erkennen zu lassen. Man findet sie an zwei aufeinanderfolgenden Freitagen am Fensterkreuz mit einem Strick aus der Gardinenschnur aufgeknüpft. Als ein Polizist, der den Fall aufklären will, genau eine Woche später auf dieselbe Weise stirbt, verlassen nahezu alle verbliebenen Besucher das billige Hotel. Zwei Wochen darauf quartiert sich der Medizinstudent Richard Bracquemont im Einvernehmen mit der örtlichen Polizei dort ein und hält seine Erlebnisse und Eindrücke in einem Tagebuch fest.

Zunächst geschieht nichts Ungewöhnliches, bis ihm eine seltsame Frau – er nennt sie Clarimonde – auffällt, die in einer Wohnung auf der gegenüberliegenden Straßenseite lebt und hinter den Vorhängen sitzt. Es scheint ihm, als arbeite sie unaufhörlich an einem Spinnrocken, ihre Finger wie Insektenbeine bewegend. In den folgenden Tagen kreisen seine Gedanken zunehmend um sie, so dass sich eine Art stumme Beziehung entwickelt, die ihn schrittweise gefangen nimmt. So kommen sie auf ein Spiel, bei dem beide die Bewegungen des anderen nachmachen müssen. Ihm fällt auf, dass sie seine jeweiligen Einfälle nahezu augenblicklich imitiert, als wäre sie geistig mit ihm verbunden.

Er wird immer wieder zum Fenster gezogen und erkennt etwas später zu seinem Schrecken, dass nicht er ihre, sondern sie seine Bewegungen bestimmt. Obwohl er die Gefahren des Spiels ahnt, kann er es nicht beenden und dem Einfluss Clarimondes entkommen, denn er liebt sie „in köstlicher Angst“.Hanns Heinz Ewers: Die Spinne, in: Die Spinne, Grausame Geschichten von Hanns Heinz Ewers, Herbig Verlag, München, Berlin 1974, S. 47

Unfähig, sich aus ihrem dämonischen Bann zu befreien, geht er auch am letzten Freitag zum Fenster und versucht anfangs, sich zu widersetzen, bis er schließlich nachgibt. Dabei genießt er das Gefühl des schrittweisen Unterliegens und die „wundervolle Lust“ des „Besiegtwerden(s), dieses Hingeben in ihren Willen“.Hanns Heinz Ewers: Die Spinne, in: Die Spinne, Grausame Geschichten von Hanns Heinz Ewers, Herbig Verlag, München, Berlin 1974, S. 48 Er sieht, wie sie die Gardinenschnur abnimmt, eine Schlinge macht und sie am Fenster befestigt und spürt den „wollüstigen Zwang … in seiner unentrinnbaren Grausamkeit“.Hanns Heinz Ewers: Die Spinne, in: Die Spinne, Grausame Geschichten von Hanns Heinz Ewers, Herbig Verlag, München, Berlin 1974, S. 49 Um ihrem stummen Befehl zu entrinnen, schreibt er am Ende des Tagebuchs mehrfach seinen Namen nieder.

Wie die drei Vorgänger findet man ihn am Fensterkreuz erhängt. Im Gegensatz zu den anderen Opfern ist sein Gesicht jedoch angstverzerrt und zwischen seinen Zähnen befindet sich eine große, zerbissene Spinne. Der Kommissar liest das Tagebuch, untersucht daraufhin die gegenüberliegende Wohnung und stellt fest, dass sie seit vielen Monaten unbewohnt ist.

Entstehung

Nach einem Aufenthalt in Südamerika reiste Ewers mit dem Schiff über Madeira und Lissabon nach Boulogne-sur-Mer, das er am 31. Mai 1908 erreichte. Von dort aus fuhr er über Paris in das Département Somme. Vom 12. Juni 1908 an residierte er in der Villa Suzy in Bois de Cise und arbeitete an seiner Sammlung Die Besessenen, die neben dem Vorgängerband Das Grauen seine berühmtesten Geschichten umfasst.Rein A. Zondergeld: Ewers, Hanns Heinz. In: Lexikon der phantastischen Literatur, Suhrkamp, Phantastische Bibliothek, Frankfurt 1983, S. 91 Nachdem er Der letzte Wille der Stanislawa d’ Asp und die auf einer wahren Begebenheit beruhende Erzählung Der Spielkasten beendet hatte, begann er mit der Niederschrift der Spinne. Ähnlich wie seine Geschichte Die Tomatensauce hielten viele Leser sie wegen ihres Aufbaus, des Gegenwartsbezuges und der genauen Darstellung bestimmter Details zunächst für eine Reportage und baten um Aufklärung.Michael Sennewald: Hanns Heinz Ewers – Phantastik und Jugendstil, Anton Hain Verlag, Meisenheim 1973, S. 158

Erckmann und Chatrian als Vorbild? miniatur|hochkant|Émile Erckmann und Alexandre Chatrian Bald nach dem Erscheinen der Erzählung wurden Plagiatsvorwürfe erhoben. So vermuteten bereits zwei Leserbriefschreiber, Ewers habe sie von Erckmann-Chatrian abgeschrieben. Auf diese Vorwürfe reagierte der Autor am 7. Dezember 1908 im Zeitgeist und erklärte, er habe bislang noch keine einzige Zeile des französischen Autorenpaares gelesen; es sei ihm vielmehr schwergefallen, die angebliche Vorlage zu finden, die sich auf dasselbe Ereignis wie sein Werk beziehe. Von dem gespenstischen Vorfall, den er in seiner Geschichte verarbeitet, habe ihm der Widmungsträger Franz Zavrel erzählt, der seinerseits von einem Hofrat Hanel, Professor für deutsches Recht an der Prager Universität, unterrichtet worden sei. Beide bestätigten Ewers’ Angaben im Berliner Tageblatt. Wie Hanel ohne Quellenangabe darlegte, soll sich die unheimliche Serie von Suiziden um 1866 in Paris ereignet haben.Wilfried Kugel: Der Unverantwortliche – Das Leben des Hanns Heinz Ewers, Grupello Verlag, Düsseldorf 1992, S. 130

Wilfried Kugel bezweifelt die Darstellung von Ewers und hält seine Angaben für wenig glaubhaft. Gerade die Volksmärchen von Erckmann und Chatrian seien oft als Material für den Französischunterricht verwendet und vermutlich vom jungen Ewers ins Deutsche übersetzt worden. Auch Rein A. Zondergeld geht davon aus, dass sich Ewers an der französischen Vorlage des Autorenpaares orientierte und diese ihn zu seiner Erzählung anregte.Rein A. Zondergeld: Erckmann-Chatrian. In: Lexikon der phantastischen Literatur, Suhrkamp, Phantastische Bibliothek, Frankfurt 1983, S. 90

Bei der fraglichen Geschichte von Erckmann-Chatrian handelt es sich um L’oeil invisible ou l’auberge des trois pendus aus der zwischen 1875 und 1880 erschienenen Sammlung Contes populaires. In ihr geht es um eine alte Hexe, die Männer mit dem bösen Blick beeinflussen kann. Sie zwingt drei Besucher einer Herberge dazu, sich zu erhängen.Rein A. Zondergeld: Erckmann-Chatrian, in: Lexikon der phantastischen Literatur, Suhrkamp, Phantastische Bibliothek, Frankfurt 1983, S. 90 Ein Maler, der ebenfalls gegenüber wohnt, beobachtet und durchschaut das Spiel der Alten, genannt Fledermausse, kann sie später aber mit ihren eigenen Waffen schlagen und sie dazu bringen, sich selbst zu erhängen.

Während es sich bei Ewers um eine faszinierende Femme fatale handelt, der die Männer zum Opfer fallen, geht es bei dem französischen Autorenpaar um eine alte Hexe. In beiden Erzählungen ereignen sich zunächst drei rätselhafte Suizide, bevor die eigentliche Handlung einsetzt; sowohl die Hexe wie Clarimonde beeinflussen ihre Opfer durch Blickkontakte vom Fenster aus. Mag man dies noch als zufällige Übereinstimmung betrachten, wird für Wilfried Kugel spätestens mit der Spinnensymbolik die Parallele offensichtlich.Wilfried Kugel: Der Unverantwortliche – Das Leben des Hanns Heinz Ewers, Grupello Verlag, Düsseldorf 1992, S. 130 Der Maler beobachtet, wie die Hexe, die ähnlich wie Clarimonde an einem Spinnrad sitzt und Fäden spinnt, eine Fliege fängt und ins Netz einer Spinne setzt, die so groß ist, dass er sie vom gegenüberliegenden Fenster aus erkennen kann – nur diese Spinne fühle „sich wohl in ihrer Gesellschaft“.Zit. Nach: Wilfried Kugel: Der Unverantwortliche – Das Leben des Hanns Heinz Ewers, Grupello Verlag, Düsseldorf 1992, S. 131 Ewers greife auf das Motiv zurück, das sich auch bei Erckmann-Chatrian findet, und verwende es als „symbolisches Sujet“,Wilfried Kugel: Der Unverantwortliche – Das Leben des Hanns Heinz Ewers, Grupello Verlag, Düsseldorf 1992, S. 131 das er weiter ausbaut und dabei vor allem das in der Natur häufig beobachtete Verhalten der Spinnenweibchen hervorhebt, für das Männchen gefährlich zu werden.

Thomas Wörtche hingegen relativiert diese Sichtweise. Zwar gibt es auch für ihn „ähnliche Grundvoraussetzungen“ und einige gemeinsame Details, zu denen etwa die an einen Vampir erinnernden spitzen Zähne der beiden Frauen gehören; inwieweit das intertextuelle Verhältnis über die motivische Analogie hinausgeht, muss seiner Auffassung nach aber „dahingestellt bleiben“. Er verwendet hierbei allerdings einen strengen Maßstab und beurteilt die Übereinstimmungen nach einem „eingeschränkte(n) Konzept“, bei dem die „Vorlage tatsächlich ein dominanter konstruktiver Faktor für die Adaption“ sein muss.Thomas Wörtche: Phantastik und Unschlüssigkeit, Zum strukturellen Kriterium eines Genres. Corian-Verlag Heinrich Wimmer, Meitingen 1987, S. 171 Zwischen beiden Erzählungen überwiegen für Wörtche die Unterschiede. So spielt die erste Geschichte in einem stilisierten und „hoffmannesken“ Nürnberg, bei Ewers hingegen im großstädtischen Paris. Bei ihm weise die Reihenfolge der Todesfälle mit den „drei aufeinanderfolgenden Freitagen“ ein deutliches Muster auf, er verzichte auf „Puppenzauber“, Aberglauben und den letztlich siegreichen Kampf des Guten gegen das Böse. Erinnert die Alte mit dem schrecklichen Gesichtsausdruck, dem „gebeugtem Rücken“ und spitzen Kinn an die Hexe bei Hänsel und Gretel oder das Apfelweib aus Hoffmanns Märchennovelle Der goldene Topf, ist Clarimonde mit dem schmalen Antlitz, den bleichen Zügen und schattigen Lidern als Prototyp des Vamps zu erkennen.So Thomas Wörtche: „Phantastik und Unschlüssigkeit“, Zum strukturellen Kriterium eines Genres. Corian-Verlag Heinrich Wimmer, Meitingen 1987, S. 173

Einflüsse und Deutungsansätze miniatur|hochkant|Théophile Gautier 1839, Porträt von Auguste de Chatillon Eine weitere Anregung ging von Théophile Gautiers Erzählung La Morte amoureuse (Die tote Geliebte) aus, von Rein A. Zondergeld als „erste wirklich überzeugende Vampir-Geschichte der Weltliteratur“ bewertet, die den erotischen Aspekt des Vampir-Mythos unterstreiche.Rein A. Zondergeld: Gautier, Théophile. In: Lexikon der phantastischen Literatur, Suhrkamp, Phantastische Bibliothek, Frankfurt 1983, S. 100 In ihr verfällt der Priester Romuald einer schönen Kurtisane, die ebenfalls Clarimonde heißt und sich als Blutsaugerin entpuppt, die ihre Liebhaber tötet.Wilfried Kugel: Der Unverantwortliche – Das Leben des Hanns Heinz Ewers, Grupello Verlag, Düsseldorf 1992, S. 131