mini|Julian Nida-Rümelin (2025) Julian Nida-Rümelin (* 28. November 1954 in München) ist ein deutscher Philosoph und ehemaliger Politiker (SPD). Er ist seit 2022 Rektor der Humanistischen Hochschule Berlin. Er war bis 2020 Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie und politische Theorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine Spezialgebiete sind Rationalitätstheorie, Ethik, politische Philosophie und Erkenntnistheorie. Von Mai 2020 bis April 2024 war er stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Ethikrats. Nida-Rümelin war Kulturreferent der Landeshauptstadt München und Kulturstaatsminister in der ersten rot-grünen Bundesregierung 1998–2002.
Leben Werdegang Julian Nida-Rümelin wuchs in München als Sohn des Bildhauers Rolf Nida-Rümelin, wiederum Sohn des Bildhauers Wilhelm Nida-Rümelin, und der Bibliothekarin Margret Nida-Rümelin (1928–2019) in einer Künstlerfamilie auf, bis er fünfzehn war zusammen mit anderen Kunstschaffenden im Hildebrandhaus. Seine Schwester ist die Philosophin Martine Nida-Rümelin. 1974 legte er sein Abitur am humanistischen Wilhelmsgymnasium in München ab.
Von 1975 bis 1980 studierte er Philosophie, Physik, Mathematik und Politikwissenschaft an den Universitäten München und Tübingen. 1983 wurde er beim Münchner Wissenschaftstheoretiker Wolfgang Stegmüller in der Fächerkombination Philosophie, Politikwissenschaft, Logik und Wissenschaftstheorie summa cum laude promoviert. Von 1984 bis 1989 war er als wissenschaftlicher Assistent (Akademischer Rat a. Z.) an der LMU München tätig. Hier habilitierte er sich 1989 mit einer Arbeit zur Kritik des Konsequentialismus in Ethik und Rationalitätstheorie.
Nach Lehrstuhlvertretungen für die Professoren Nikolaus Lobkowicz (Politische Theorie & Philosophie; Geschwister-Scholl-Institut) und Stegmüller (Wissenschaftstheorie und Grundlagenforschung) nahm er 1991 eine Gastprofessur an der University of Minnesota in Minneapolis/USA wahr. Im selben Jahr erhielt er einen Ruf auf eine Stiftungsprofessur des Landes Baden-Württemberg für Ethik in den Biowissenschaften. Das Zentrum für Ethik in den Wissenschaften der Eberhard Karls Universität Tübingen berief Nida-Rümelin für die Jahre 1992/93 in sein Leitungsgremium, bis er 1993 in der Nachfolge Günther Patzigs auf einen Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Göttingen berufen wurde. 1998 wechselte er in die Politik.
In der Zeit als Kulturstaatsminister vom Januar 2001 bis zum Oktober 2002 war Nida-Rümelin als Honorarprofessor an der Georg-August-Universität Göttingen tätig. Er entschied sich nach Ablauf der Legislaturperiode 2002, in die Wissenschaft zurückzukehren, zunächst auf dem Göttinger Lehrstuhl für Philosophie. Im Sommersemester 2004 folgte er einem Ruf der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) auf den Lehrstuhl für Politische Theorie und Philosophie am Geschwister-Scholl-Institut, zu dessen geschäftsführendem Direktor er unmittelbar darauf gewählt wurde. Im Zuge der Abwendung eines Rufes ins Ausland wechselte er zum Sommersemester 2009 auf den Lehrstuhl Philosophie IV der Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft an der LMU, deren Dekan er anschließend von 2009 bis 2013 war, bis zu seiner Emeritierung 2020. Seit 2002 ist er zusätzlich Honorarprofessor am Institut für Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin. Bis 2021 leitete er an der Ludwig-Maximilians-Universität in München den berufsbegleitenden Masterstudiengang Philosophie – Politik – Wirtschaft, den er zusammen mit Professor Karl Homann initiiert hatte. Er war Präsident der Gesellschaft für Philosophie 2009–2011 und Präsident der Gesellschaft für analytische Philosophie 1994–1997.
Er hatte Gastprofessuren in den USA (State University of Minnesota 1991 und California Institute of Technology im Wintertrimester 2004/05 Division of the Humanities and Social Sciences) – in Italien (Università di Cagliari, Sommersemester 2010 und Università di Trieste), sowie in China (Taipeh 2007) inne. Er ist Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Akademie für Ethik in der Medizin.
2010 kandidierte Nida-Rümelin bei der Wahl des Präsidenten der LMU München gegen den Amtsinhaber Bernd Huber, um ein Signal gegen die in seinen Augen misslungene Bolognareform zu geben. Während die Dekane sich für Huber ausgesprochen hatten, stimmte die Studierendenvertretung (StuVe) Ende April „mit überwältigender Mehrheit“ für Nida-Rümelin. 127 Fachschaftsvertreter stimmten für ihn als kommenden Präsidenten, für Amtsinhaber Bernd Huber hingegen lediglich 16. Bei der Wahl am 1. Juni 2010 unterlag Nida-Rümelin im Hochschulrat mit einer gegen 15 Stimmen.
2022 wurde Nida-Rümelin Gründungsrektor der Humanistischen Hochschule Berlin und leitet dort den berufsbegleitenden Master-Studiengang Angewandte Ethik.
Nida-Rümelin ist seit 2001 mit der Schriftstellerin Nathalie Weidenfeld verheiratet und hat mit ihr drei Kinder.
Politische Karriere Nida-Rümelin war von Juli 1998 bis Januar 2001 Kulturreferent der Stadt München; in diesem Amt folgte ihm Lydia Hartl.
mini|Nida-Rümelin auf dem Berliner Forum (2002) Im Januar 2001 ernannte ihn der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder zum Staatsminister im Bundeskanzleramt mit dem Aufgabengebiet Kultur und Medien. In diesem Amt blieb er bis zum Ende der ersten Amtsperiode der rot-grünen Regierung im Oktober 2002. Von 2009 bis 2013 war er Mitglied des SPD-Parteivorstands und von 2010 bis 2014 Vorsitzender der Grundwertekommission der SPD.
Als Kulturreferent (Dezernent) der Landeshauptstadt München Juli 1998 bis Dezember 2000 setzte er sich in besonderem Maße für die Förderung der Kunst im öffentlichen Raum, für die personelle Erneuerung der städtischen Theater und für Volks- und Stadtteilkultur ein. Dies ging nicht immer ohne Konflikte. So eskalierte der Streit mit dem Intendanten der Kammerspiele Dieter Dorn, als dessen Vertrag vom Stadtrat nicht verlängert wurde und stattdessen auf Vorschlag Nida-Rümelins Frank Baumbauer mit der Leitung des renommierten Theaters betraut wurde.
Als Kulturstaatsminister verantwortete er einen Etat von über eine Milliarde Euro, der in den beiden Haushaltsjahren seiner Amtszeit deutlich anstieg, auch wegen der Etablierung der Kulturstiftung des Bundes, die trotz anfänglicher Widerstände von Seiten der Länder im Sommer 2001 mit einem jährlichen Etat von 37,5 Millionen Euro durch ein Errichtungsgesetz des Bundes ihre Arbeit unter der künstlerischen Leitung von Hortensia Völckers aufnahm. Diese Stiftung orientiert sich in ihrer von Jurys unterstützten Arbeit seitdem an dem von Nida-Rümelin damals ausgegebenen Motto des Doppel-i, das heißt der Förderung innovativer Kunst- und Kulturprojekte mit internationaler Ausrichtung, zumal in den europäischen Osten. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit war die Sicherung der damals gefährdeten Buchpreisbindung durch ein nationales Gesetz nach dem Vorbild Frankreichs.
2003 stand Nida-Rümelin kurzzeitig für die Nachfolge der Münchner Oberbürgermeisters Christian Ude im Jahr 2014 zur Debatte.
Werk Übersicht Julian Nida-Rümelin befasst sich in erster Linie mit der Praktischen Philosophie, die sich in die Bereiche Handlungs- und Rationalitätstheorie sowie Ethik, Sozial-, Staats- und Rechtsphilosophie gliedert. Seine Hauptforschungsgebiete liegen in den Bereichen Rationalitätstheorie, Ethik und Politische Philosophie mit gelegentlichen Ausflügen in die Wissenschafts- und Erkenntnistheorie.
In seiner Dissertation 1983 untersuchte er mit Mitteln der Entscheidungstheorie – durchaus auch unter deren kritischem Einsatz – das Verhältnis von Rationalität und Moralität. Wichtige darin behandelte Fragen sind: Was heißt rational handeln? Welche Möglichkeiten bietet die zeitgenössische Entscheidungs- und Spieltheorie zur Klärung normativer Probleme? Sind konsequenzialistische Handlungsmodelle zur Analyse moralischen Verhaltens geeignet? Nida-Rümelin verneint letzteres. Die Dissertation Entscheidungstheorie und Ethik wurde 2005 zusammen mit einigen weiteren englischsprachigen Schriften erneut publiziert. 2020 erschien sein rationalitätstheoretisches Opus Magnum „Eine Theorie praktischer Vernunft“ bei De Gruyter, in der englischen Fassung 2023 A Theory of Practical Reason bei Palgrave Macmillan.
Eine Brücke zwischen Philosophie und Politikwissenschaft ist für ihn die sogenannte Collective Choice Theory, ein besonderer Zweig der Entscheidungstheorie, die seit dem bahnbrechenden Werk von Kenneth Arrow 1963 eine Subdisziplin der Entscheidungstheorie geworden ist. Er veröffentlichte 1994 zusammen mit Lucian Kern das Buch Logik kollektiver Entscheidungen, in dem er Arrows Ansatz bestätigt und ausbaut. Bereits 1993 erschien die Habilitationsschrift Kritik des Konsequenzialismus, die sich gegen die Aussage „Vernünftigerweise tut man das, was die besten Folgen hat.“ richtet. Nida-Rümelin kritisiert darin die übliche Fassung der Rational Choice Theory mit Argumenten, die aus den Dilemmata der Theorie selbst entspringen, und zeigt, dass sie nicht in der Lage ist, die Phänomene der moralischen Verpflichtung und Berechtigung zu erschließen. Bei Suhrkamp erschien 1999 sein Buch Demokratie als Kooperation und schließlich 2025 die demokratietheoretische Monographie Was Demokratie ausmacht und wie sie aus der Krise kommt bei Piper.
In seiner Antrittsvorlesung an der LMU München 2004 hat er programmatisch ausgeführt, die drei klassischen normativen Disziplinen des Aristoteles – Ökonomik, Ethik und Politik – wieder zu einer neuen Einheit bringen zu wollen.
Nida-Rümelin wandte sich auch dem Feld der Angewandten Ethik zu, also den Bereichen der Ethik des Technischen Handelns, der Umweltethik und der Medizinischen Ethik, veröffentlichte hierzu das Handbuch Angewandte Ethik und den stw Band Ethische Essays (Teil III), der 2017 die Monographie Über Grenzen denken. Eine Ethik der Migration, 2018 Digitaler Humanismus – eine Ethik für das Zeitalter der künstlichen Intelligenz (zusammen mit Nathalie Weidenfeld), 2021 Die Realität des Risikos (mit Nathalie Weidenfeld) und 2023 Cancel Culture. Ende der Aufklärung? Plädoyer für politische Urteilskraft folgte.
In seinem 2006 erschienenen Buch Demokratie und Wahrheit tritt er der Wahrheitsskepsis in Bezug auf das politische Geschehen entgegen und widerspricht damit der Carl Schmitt’schen Schule und dem sogenannten politischen Dezisionismus. In seiner politischen Autobiographie Ähren im Wind. Politische Orientierung in herausfordernder Zeit werden seine praktischen Erfahrungen in der Politik mit seinen politiktheoretischen Überzeugungen ins Verhältnis gebracht.
Verortung Strukturelle Rationalität Nida-Rümelins praktische Philosophie gründet auf seiner Theorie der strukturellen Rationalität. Als eine Alternativkonzeption zum Konsequentialismus, dem die Auffassung zugrunde liegt, dass eine Handlung über die Abwägung allein der Konsequenzen moralisch geboten macht (Folgenoptimierung im Lichte der Bewertung des Nutzens für die Menschheit), leistet die Theorie der strukturellen Rationalität die Integration eines komplexen Geflechts von praktischen Gründen, denn berücksichtigt wird dabei, dass die Menschen in einem Netzwerk interagieren und so auch wahrgenommen werden. Menschliche Interaktionen (Bitten, Versprechen, gemeinschaftliches Zusammenwirken und dgl.) konstituieren Gründe für Handlungen, die zur Verantwortung der Handelnden führen, sofern diese durch Gründe affiziert sind. Nida-Rümelin beabsichtigt damit die Aufhebung des Gegensatzes von Gesinnungsethik und Verantwortungsethik.