mini|Bernard Malamud, um 1979 The Last Mohican (in späteren Fassungen auch unter dem Title Last Mohican erschienen) ist eine Kurzgeschichte von Bernard Malamud, die erstmals im Frühjahr 1958 in der Partisan Review veröffentlicht und im gleichen Jahr in die mit dem National Book Award ausgezeichnete Sammlung The Magic Barrel aufgenommen wurde.

Die Erzählung wurde seitdem in drei leicht voneinander abweichenden Fassungen vielfach anthologisiert, so z. B. ein Jahr nach der Erstveröffentlichung 1959 in der Kurzgeschichtensammlung The Best American Short Stories.

Die deutsche Übersetzung von Annemarie Böll erschien erstmals 1968 unter dem Titel Der letzte Mohikaner in der Sammlung Das Zauberfaß und andere Erzählungen.

Im Zentrum dieser an biblischen, literarischen und historischen Verweisen reichen Kurzgeschichte steht die Konfrontation des amerikanisch-jüdischen Protagonisten Arthur Fidelman aus der Bronx mit den Wirren der Vergangenheit und den schrecklichen Erfahrungen der europäischen Juden. Zur Vollendung einer kritischen Studie über den italienischen Renaissancemaler Giotto reist der geschichtslose, assimilierte Kunststudent und nach eigenen Aussagen gescheiterte Maler Fidelman, der zugleich Malamuds wohl augenscheinlichste Ausprägung der Gestalt des Schlemihls aus der jiddischen Erzähltradition darstellt, nach Rom. Dort begegnet er als seinem geschichtsträchtigen europäischen Gegenspieler, dem ihm unbekannten heimatlosen Juden Shimon Susskind (in der dt. Version: „Süßkind“), der sich von Anfang an als Archetyp des Schnorrers sowie des von der Hand in den Mund lebenden „luftmensch“ zeigt.Vgl. Peter Freese: Bernard Malamud. In: Peter Freese: Die amerikanische Kurzgeschichte nach 1945. Athenäum Verlag, 1974, ISBN 3-7610-1816-9, S. 232 f. Siehe auch Peter Freese: Bernard Malamud/The Last Mohican. In: Peter Freese (Hrsg.): Die amerikanische Short Story der Gegenwart: Interpretationen. Schmidt Verlag, Berlin 1976, ISBN 3-503-01225-7, S. 205 f. Ebenso Pirjo Ahokas: Through the Ghetto to Giotto: The Process of Inner Transformation in Malamud‘s „Last Mohican“. In: American Studies in Scandinavia, Vol. 19, 1987, S. 58–60, und Willi Real: Last Mohican. In: Willi Real: Idiots First and other stories by Bernard Malamud · Interpretations and Suggestions for Teaching. Schöningh Verlag, Paderborn 1981, ISBN 3-506-43026-2, S. 72 ff. und 77ff.

Inhalt Fidelman kommt aus den Vereinigten Staaten mit einem schäbigen alten Lederkoffer, den er sich von seiner Schwester geborgt hat und als „ein wenig lästig“ empfindet („which embarrassed him slightly“, S. 73)Textbelege und -zitate sind der von Willi Real edierten Ausgabe entnommen (vgl. Ausgaben unten)., in Rom an. Wie ein amerikanischer Gelehrter auf Forschungsreise ist er traditionell mit einem Tweedanzug und ochsenblutfarbigen gummibesohlten Schuhen bekleidetVgl. Peter Freese: Bernard Malamud. In: Peter Freese: Die amerikanische Kurzgeschichte nach 1945. Athenäum Verlag, 1974, ISBN 3-7610-1816-9, S. 232. Siehe auch Peter Freese: Bernard Malamud/The Last Mohican. In: Peter Freese (Hrsg.): Die amerikanische Short Story der Gegenwart: Interpretationen. Schmidt Verlag, Berlin 1976, ISBN 3-503-01225-7, S. 205.. In seinem Koffer bewahrt er einen zweiten, leichteren Anzug auf. Sorgsam gehütet hält er in seiner Hand eine neue Schweinsledermappe, in der sich das Manuskript des ersten Kapitels seiner Arbeit über Giotto befindet, für die er in Italien weitere Recherchen betreiben will, um die kritische Studie fertigzustellen.

Arthur Fidelman, der den jüdischen Nachnamen von Malamuds Mutter trägt und dessen Vorname an die mythologische Sagengestalt des kelto-britischen König Arthur erinnert, möchte seine Vergangenheit in Amerika vergessen und in bessere Zukunft in Europa finden. Als Zeichen des Neubeginns und Aufbruchs als „Reisender“ in ein anderes Leben („traveller“, S. 73) hat er sich einen erst kürzlich gesprossten Schnurrbart („a moustache of recent vintage“, S. 74) wachsen lassen. Bei seiner Ankunft zeigt er sich tief bewegt von dem ersten Anblick der Ewigen Stadt und erstaunt über „all die Geschichte“ („all that history“, S. 74).Vgl. auch Peter Freese: Bernard Malamud. In: Peter Freese: Die amerikanische Kurzgeschichte nach 1945. Athenäum Verlag, 1974, ISBN 3-7610-1816-9, S. 232 f. Ebenso Peter Freese: Bernard Malamud/The Last Mohican. In: Peter Freese (Hrsg.): Die amerikanische Short Story der Gegenwart: Interpretationen. Schmidt Verlag, Berlin 1976, ISBN 3-503-01225-7, S. 205 f.

Bereits auf dem Bahnhof wird er kurz darauf von einem geheimnisvollen Fremden, der sich als Shimon Susskind vorstellt, mit einem „Shalom“ begrüßt. Zögernd („hesitantly“, S. 75) erwidert Fidelman den Gruß Susskinds und gebraucht dabei nach seiner eigenen Erinnerung dieses hebräische Grußwort zum ersten Mal in seinem Leben („uttering the word - so far as he recalled - for the first time in his life“, S. 75). Susskind, der sich als „jüdischer Flüchtling aus Israel“ („Jewish refugee from Israel“, S. 76) darstellt, gibt mit seinen Andeutungen über Erlebnisse in Deutschland, Ungarn und Polen Fidelman zu verstehen, dass er die grausamen Erfahrungen der europäischen Juden im Holocaust geteilt und überlebt habe (S. 76), und bietet sich dem Kunststudenten und Touristen aus den Vereinigten Staaten mehrfach als (Fremden-)Führer („guide“, S. 77 ff.) an. Zugleich bittet er ihn um einen seiner Anzüge (S. 78 ff.).

Fidelman sieht sich jedoch nur von einem aufdringlichen „Bettler“ und „Schnorrer“ belästigt („My God, he thought, a handout for sure. My first hello in Rome and it has to be a schnorrer.“, S. 75) und versucht Susskind mit einem Almosen abzuspeisen (S. 78 f.). Wie er diesem erklärt, könne er auf keinen Fall einen seiner beiden Anzüge entbehren (S. 78).

Fortan wird Fidelman in Rom von Susskind verfolgt, der sich auch mit weiteren Almosen nicht zufriedengibt und bei einem zweiten Zusammentreffen seine Bitte um einen Anzug Fidelmans wiederholt (S. 81 f.), da er für die kalten Nächte keine angemessene Kleidung habe. Auf die erregte Frage Fidelmans in diesem Gespräch, warum er denn für Susskind verantwortlich sein sollte („Am I responsible for you then, Susskind?“, S. 83), erwidert dieser, er sei verantwortlich, weil er ein Mann und ein Jude sei („[...] you are responsible because you are a man. Because you are a Jew [...]“, S. 84), und erinnert damit an das Schlüsselkonzept der Barmherzigkeit (jiddisch: rachmones) in der jüdischen Ethik, d. h. den elementaren Glaubenssatz der zu gegenseitiger Hilfe verpflichtenden Brüderlichkeit und wechselseitigen Verantwortung aller Juden füreinander.Vgl. dazu auch Peter Freese: Bernard Malamud. In: Peter Freese: Die amerikanische Kurzgeschichte nach 1945. Athenäum Verlag, 1974, ISBN 3-7610-1816-9, S. 233 f. Ebenso Peter Freese: Bernard Malamud/The Last Mohican. In: Peter Freese (Hrsg.): Die amerikanische Short Story der Gegenwart: Interpretationen. Schmidt Verlag, Berlin 1976, ISBN 3-503-01225-7, S. 207. Ebenso Pirjo Ahokas: Through the Ghetto to Giotto: The Process of Inner Transformation in Malamud‘s „Last Mohican“. In: American Studies in Scandinavia, Vol. 19, 1987, S. 60 f.

Fidelman weist jedoch eine solche kollektive jüdisch-ethische Verpflichtung zurück und erklärt sich als Individualist, der nicht jedermanns persönliche Lasten tragen könne („I refuse the obligation. I am a single individual and can‘t take erverybody‘s personal burden.“, S. 84). Um sich den Nachstellungen Susskinds zu entledigen, wechselt er sogar sein Hotel. Doch schon am nächsten Tag erscheint der mysteriöse Susskind erneut und bittet ihn ein drittes Mal um einen Anzug (S. 86). Als Fidelman ihn wiederum erbost zurückweist, entgegnet der Flüchtling nur, er möchte nicht immer nur nehmen, sondern würde, wenn er etwas hätte, es ihm gerne geben („I don‘t wish to take only. If I had something to give you, I would give it to you.“, S. 86). Auf Fidelmans Bemerkung, er möge ihm nur etwas Seelenfrieden („some peace of mind“, S. 87) gönnen, erwidert der Fremde beim Abschied, den müsse Fidelman selber finden.

Am Abend stellt Fidelman in seinem Hotelzimmer voller Entsetzen fest, dass seine Aktenmappe mit dem einzigen Exemplar seines Manuskriptes entwendet wurde. Für ihn kommt nur Susskind als Dieb in Frage, auch wenn er nicht den geringsten Beweis für seinen Verdacht hat („Though Fidelman had not the slightest shred of evidence to support his suspicions he could only think of one person - Susskind.“, s. 88).

Ab diesem Punkt kehrt sich das Geschehen um; aus dem Verfolgten wird der Verfolger.Vgl. Peter Freese: Bernard Malamud. In: Peter Freese: Die amerikanische Kurzgeschichte nach 1945. Athenäum Verlag, 1974, ISBN 3-7610-1816-9, S. 234. Ebenso Peter Freese: Bernard Malamud/The Last Mohican. In: Peter Freese (Hrsg.): Die amerikanische Short Story der Gegenwart: Interpretationen. Schmidt Verlag, Berlin 1976, ISBN 3-503-01225-7, S. 208. Ebenso Willi Real: Last Mohican. In: Willi Real: Idiots First and other stories by Bernard Malamud · Interpretations and Suggestions for Teaching. Schöningh Verlag, Paderborn 1981, ISBN 3-506-43026-2, S. 68. Zwar verzichtet Fidelman auf der Questura bei seiner Anzeige auf einen Hinweis auf den ausweislosen Flüchtling, der bereits wegen aus Not erwachsener Vergehen aktenkundig ist, um diesen nicht noch in weitere Schwierigkeiten zu bringen (S. 89). Dennoch hat er nur noch einen Gedanken: Er muss Susskind finden, um sein Manuskript, das für ihn die einzige Grundlage für eine bessere Zukunft bedeutet, zurückzugewinnen. Von Angstträumen gepeinigt, fast völlig verwirrt und zu keiner weiteren Arbeit mehr fähig durchkämmt Fidelman sodann drei Monate lang die Straßen Roms auf der Suche nach dem spurlos verschwundenen Susskind (S. 89 ff.). Er trägt nunmehr eine blaue Baskenmütze, einen Trenchcoat und ein Paar italienischer Schuhe (S. 91).

Mehr und mehr wird Susskinds trotz des zuvor abgelehnten Angebots zu einem „guide“, der ihn durch die Ewige Stadt führt. Auf der Suche nach dem Verschwundenen entdeckt Fidelman indes ein anderes Rom jenseits der antiken Kirchen und Museen: In den Armenvierteln Roms begegnen ihm anstelle der Engel in den kunstgeschichtlichen Werken der alten Meister (S. 80) nun die Bettler, illegalen Hausierer und Prostituierten, die ihn überall ansprechen (S. 90 f.). Er streift zugleich durch die Elendsviertel des jüdischen Ghettos und stößt in einer eisigen Synagoge und auf winterlichen Friedhöfen ebenso auf Opfer der Massenvernichtung (S. 92–94). So erfährt er beispielsweise in der Synagoge, in der Susskind zu beten pflegt, dass der Sohn des Synagogendieners unter jenen 335 Geiseln war, die 1944 auf Befehl Herbert Kapplers, des deutschen Kommandeurs der Sicherheitspolizei von Rom, bei dem Massaker in den Ardeatinischen Höhlen erschossen wurden (S. 92), und liest bei seinem Besuch auf dem Friedhof Cimitero Verano, in dessen jüdischer Sektion Susskind gelegentlich für die Toten betet, eine mahnende Grabinschrift („O Crime Orribile“), die an die barbarischen Verbrechen im Konzentrationslager Auschwitz erinnert (S. 93 f.).

Schließlich findet er kurz vor Weihnachten den vermeintlichen Dieb auf den Stufen des Petersdoms, der dort ironischerweise Rosenkränze an Touristen verkauft (S. 95 f.). Auch das Versprechen einer Belohnung für die Wiederbeschaffung der Aktenmappe kann den Schnorrer nicht dazu bewegen, das Manuskript herauszugeben (S. 96 f.). Fidelman folgt daher Susskind heimlich in dessen armselige Behausung im jüdischen Ghetto und durchsucht sein Zimmer, allerdings erfolglos (S. 97 f.).

mini|Kirchner - Schlemihls Begegnung mit dem Schatten thumbnail|Fresko Giottos aus der Basilika San Francesco: Der heilige Franziskus übergibt seinen Mantel an einen Armen, 1297–1300