mini|Staatsrat Lavalette, Zeichnung von Frédéric Christophe d'Houdetot (1806) Antoine Marie Chamans, comte de Lavalette (* 14. Oktober 1769 in Paris; † 15. Februar 1830 in Paris) war ein französischer Offizier und Staatsmann sowie ein Freund Napoleons.

Frühes Leben Antoine Marie Chamans, comte de Lavalette war der Sohn eines Pariser Kaufmanns. Von seinem Vater wurde er für eine geistliche Laufbahn bestimmt, doch hatte er für diese Profession keine Neigung. Stattdessen wollte er eine juristische Karriere verfolgen und nach langweiliger Übung bei einem Notar arbeitete er bei einem ihn anregenden Staatsanwalt, um sich auf die Ausbildung zum Advokaten vorzubereiten. Bei diesem Staatsanwalt traf er auch den späteren General Bertrand.

Aufmerksam verfolgte Lavalette den Ausbruch der Französischen Revolution. Ihn begeisterte der Sturm auf die Bastille (14. Juli 1789), aber die Gräueltaten dieser Zeit missfielen ihm, denn er wünschte eine gemäßigte Revolution. Er trat in Lafayettes Nationalgarde und durchlebte in dieser Stellung die gefährlichen Tage des 5. und 6. Oktober 1789 in Versailles, wohin tausende Poissarden gezogen waren, welche die Königsfamilie zum Umzug nach Paris zwangen. Als Bewunderer Marie-Antoinettes erbitterte Lavalette die damalige Untätigkeit der Nationalgarde. Nach Aufhebung der Klöster wurde er vom Präsidenten des Pariser Parlaments, Louis Le Fèvre d’Ormesson de Noyseau, der zum königlichen Bibliothekar ernannt worden war, mit der Erstellung einer Liste der klösterlichen Bücherbestände beauftragt.

Lavalette stand oft Wache im Schloss in Paris, wurde Royalist und gehörte während des Tuileriensturms (10. August 1792) mit seiner Kompanie zu den Verteidigern des Tuilerienpalasts. Nachdem aufständische Bevölkerungsteile in die Königsresidenz eingedrungen waren, zog er sich zurück. Vergebens suchte er Kameraden zur Verhinderung des Septembermassakers an den Gefangenen von La Force zu bewegen. Er unterzeichnete auch an den Nationalkonvent gerichtete Petitionen zugunsten Ludwigs XVI. Sein Royalismus machte ihn verdächtig, so dass er ständig in Gefahr war. Daher verließ er Paris und trat am 7. September 1792 als Freiwilliger in die Alpenarmee ein, die Louis Baraguey d’Hilliers eben organisierte. Er wurde bald Sous-lieutenant im 93e régiment d’infanterie, woraufhin er 1793 zur Rheinarmee berufen wurde. Baraguay d’Hilliers ernannte ihn zu seinem Adjutanten, nachdem er einige Zeit dem Geniewesen beigeordnet gewesen war. Er blieb auch nach seiner Abberufung im Stab der Rheinarmee und erst als Baraguay d’Hilliers 1794 Stabschef der ersten Militärdivision in Paris wurde, ging er als Adjutant zu ihm.

Laufbahn unter Napoleon Teilnahme am Italienfeldzug; Kundschafter Napoleons in Paris Am 13. Vendémiaire (5. Oktober) 1795 befand sich Lavalette in Paris und erlebte, wie Napoleon erfolgreich einen royalistischen Putsch niederschlug. Er focht beim Aufstand der Vendée gegen königstreue Insurgenten, die sog. Chouans, was ihm nicht behagte, und ging mit Baraguay d’Hilliers 1796 zu Napoleons Heer nach Italien. Er wurde nach der Schlacht bei Arcole (November 1796) Kapitän und Adjutant Napoleons an Stelle des gefallenen Muiron, schloss enge Freundschaft mit Marmont, machte den Feldzug mit, begleitete Joubert bis Trient und wurde bald darauf nach Tirol gesandt, auf welcher sehr gefährlichen Expedition er in Lienz verwundet wurde. In Gegenwart des Heeres sprach Napoleon ihm seine Anerkennung für die Erledigung des Auftrags aus. Überhaupt gewann Lavalette durch Tapferkeit, gediegene Kenntnisse sowie Gewandtheit und Verschwiegenheit in Geschäften Napoleons Vertrauen. Er diente bei den Unterhandlungen, die dem Vorfrieden von Leoben (April 1797) vorausgingen, als Sekretär und ging dann nach Genua, um die gesunkene Republik zu brüskieren, was ihm nicht schwer fiel.

Am 11. Juli 1797 wurde Lavalette von Napoleon beauftragt, nach Paris zu reisen, um die dortige Lage und das Walten der Parteien zu erforschen und ihm genau Bericht zu erstatten. Er sollte mit Barras und Carnot in Verbindung treten und das ganze Direktorium beobachten. Lavalette erkannte sofort, dass eine Aussöhnung von Barras und Carnot unmöglich war, mied Letzteren und suchte Barras an Napoleon zu binden. Barras, Reubell und La Révellière-Lépeaux planten einen Staatsstreich. Lavalette stellte den drei Direktoren militärische Unterstützung und drei Millionen Francs in Aussicht, und Barras ging freudig auf Napoleons Vorschläge ein, besonders durch die Aussicht auf Geld bestochen. Lavalette berichtete Napoleon von der Unbeliebtheit des Direktoriums und dieser ließ durch General Augereau den Staatsstreich des 18. Fructidor V am 4. September 1797 ausführen. Lavalette verweigerte den Direktoren das von Napoleon versprochene Geld und machte sie wütend. Auch Augereau zeigte sich zornig, und Barras überschüttete Lavalette mit ohnmächtigen Vorwürfen, er sei ein Verräter.

Am 21. September 1797 verließ Lavalette Paris und suchte Napoleon im Schloss von Passeriano auf, wo er ihn detailliert über seine Pariser Erlebnisse informierte. Napoleon beauftragte ihn, vom Genueser Senat eine Reparation für eine gegenüber den Franzosen ausgesprochene Beleidigung zu verlangen. Mit Napoleon reiste er anschließend auf den Rastatter Kongress, wo sie Ende November anlangten. Als Napoleon am 2. Dezember 1797 Rastatt verließ, blieb Lavalette dort, um den Anschein zu verstärken, dass jener selbst bald zurückkehre. Seine Stellung neben den französischen Gesandten, die ihn verabscheuten, war unangenehm; er musste Napoleon alle Vorfälle des Kongresses berichten, bis er Rastatt verließ, um zu ihm zu eilen.

Heirat Napoleon war mit Lavalette sehr zufrieden und verheiratete ihn am 22. April 1798 mit der in Madame Campans Pension befindlichen, am 8. Januar 1781 geborenen Émilie Louise Beauharnais. Diese war eine Tochter des Marquis François de Beauharnais, des älteren Bruders des ersten Gemahls von Joséphine, die sich in zweiter Ehe mit Napoleon vermählt hatte.

Aus der Ehe von Lavalette und seiner Gattin ging u. a. eine Tochter namens Joséphine (* 1802; † 1886) hervor, die Gattin des Barons François Alexandre de Forget wurde.

Rolle bei der Ägyptischen Expedition Wenige Wochen nach seiner Hochzeit reiste Lavalette mit Napoleon zu dessen Expedition nach Ägypten ab. Er landete mit ihm auf Malta und begleitete nach der Kapitulation der Insel den ins Exil geschickten Großmeister des Malteserordens, Ferdinand von Hompesch zu Bolheim, und sein Gefolge bis tief ins Adriatische Meer, um sie vor den Barbaresken zu schützen. Hierauf besichtigte er die Befestigungen und Magazine Korfus, beauftragte den General Chabot, Napoleon Holz, Wein und Trauben zu senden, und begab sich nach Albanien zu dem gefürchteten Ali Pascha in Janina. Er sollte ihm in Napoleons Auftrag die Eroberung Maltas melden, ihm dessen Absichten betreffs Ägypten mitteilen und um seine Mitwirkung bitten, dabei auf des Generals Befehl dem Pascha versichern, wenn dieser gemeinsame Sache mit ihm mache, so werde Napoleon seinen Ruhm und seine Machtstellung bedeutend vergrößern. Aber er traf den Pascha nicht an, da dieser damals an der Donau mit Osman Pazvantoğlu kämpfte.

Am 21. Juli 1798 sprach Lavalette vor der ägyptischen Hafenstadt Abukir den die französische Flotte führenden Admiral François-Paul Brueys d’Aigalliers, fand ihn niedergeschlagen und über seine Lage in Unruhe. Dann fuhr er weiter, bestand in der Nilmündung einen heftigen Sturm und ging in Kairo an Land. Dort berichtete er Napoleon, dass die Flotte noch vor Abukir liege. Er verließ den General fast nie, teilte dessen Gefahren, wohnte den heftigsten Schlachten bei, gehörte zu Napoleons engsten Vertrauten und war gewöhnlich dessen Vorleser. Nachdem er bei Salahieh gefochten hatte, überbrachte er Napoleon die Nachricht vom Untergang der Flotte in der Seeschlacht bei Abukir (1./2. August 1798), von der er zuerst erfahren hatte; Napoleon teilte sie mit großer Ruhe den Offizieren mit.

Lavalette begleitete den General Andréossy auf einer Expedition nach Pelusium, erstattete hierüber am 27. Oktober 1798 Napoleon Bericht und wurde mit dem Konsul Beauchamp nach Alexandria geschickt, wo die Pest wütete. Nach sechs Wochen rief ihn Napoleon am 28. Januar 1799 zu sich nach Kairo, um die syrische Expedition mitzumachen. Lavalette stieß am Tag nach der Einnahme Jaffas, am 8. März, zu ihm und kämpfte am Berg Tabor, machte die lange Belagerung von Akkon (März–Mai 1799) mit und erzählte mit Vorliebe in späteren Jahren vom 14. Sturm Klébers. Mit Napoleon kehrte Lavalette dann nach Ägypten um und kämpfte bei Abukir.

Administrative Karriere An Bord der Muiron verließ Lavalette am 23. August 1799 mit Napoleon Ägypten, landete mit ihm am 9. Oktober bei Fréjus und begab sich mit ihm nach Paris. Beim großen, vom Direktorium Napoleon gegebenen Festessen ließ dieser sich von Lavalette etwas Brot und Wein bringen, da er einen Vergiftungsversuch befürchtete. Beim Staatsstreich des 18. Brumaire VIII (9. November 1799), der die Herrschaft des Direktoriums beendete, stand Lavalette seinem General treu zur Seite. Der in der Folge zum Ersten Konsul und somit Alleinherrscher avancierte Napoleon sandte ihn bald nach Dresden mit großen Vollmachten, um gegebenenfalls mit Österreich Friedensunterhandlungen abzuschließen. Der Krieg dauerte aber fort und erst nach der schweren österreichisch-bayerischen Niederlage bei Hohenlinden (3. Dezember 1800) fand sich Kaiser Franz II. zum Waffenstillstand mit dem Ersten Konsul bereit.

Als Vertreter Frankreichs in Dresden arbeitete Lavalette am guten Einvernehmen des sächsischen Kurfürsten mit Frankreich, bis ihn Napoleon 1800 zurückrief. Zu seinem Kummer nahm ihn aber Napoleon nicht mehr zum Adjutanten, sondern schloss seine militärisch-diplomatische Karriere ab und ernannte ihn trotz seines großen Widerwillens gegen die administrative Karriere zum Verwalter der Amortisationskasse. Nach anfänglichem Widerstand gehorchte Lavalette. Einige Monate später wurde er 1801 mit der Leitung des Postwesens als Kommissar betraut, und so unsympathisch ihm dieser Posten auch war, so übte er ihn doch zuverlässig und tatkräftig aus. Er stellte viele Missbräuche ab, was ihn mit Joseph Fouché dauerhaft entzweite, und richtete auf Veranlassung des 1804 zum Kaiser erhobenen Napoleon das Stafettensystem ein, das bald bestens funktionierte.

Napoleon, der Lavalette als alten Freund und als Vetter der Kaiserin Joséphine betrachtete, ernannte ihn am 19. März 1804 zum Generalpostdirektor und bald danach zum Staatsrat und Direktor des Schwarzen Kabinetts, 1808 zum Grafen des Kaiserreichs und am 30. Juni 1811 zum Großoffizier der Ehrenlegion. Nach dem Rückzug aus Russland pflegte Napoleon allabendlich mit Lavalette vertraulich über die Lage der Dinge zu plaudern; Lavalette war nie Höfling und sagte darum dem Kaiser offen seine Meinung von der Erschöpfung Frankreichs. Treu hielt er bei ihm aus bis zu seiner Abdankung im April 1814; dann legte er seine Stellung nieder, da er nicht gewillt war, Ludwig XVIII. zu dienen. So führte ihn die erste Restauration ins Privatleben zurück; Ferrand trat an Lavalettes Stelle. Ehe Napoleon nach Russland gezogen war, hatte er Lavalette 1,6 Millionen Francs zur Aufbewahrung anvertraut, die der Graf sorgfältig behütete, was in den Kriegszeiten besonders schwer war; die Hälfte wurde von Lavalette 1814 Eugène de Beauharnais, der nach Deutschland reiste, übergeben, um sie nach Elba gelangen zu lassen.