Als Bukarester Gelenktriebwagen wird eine insgesamt 587 Wagen umfassende Typenfamilie rumänischer Straßenbahn-Triebwagen in Gelenkbauweise und mit Jakobsdrehgestellen bezeichnet. Im Einzelnen handelt es sich dabei um vier verschiedene Grundtypen:
V2A: 66 zweiteilige, sechsachsige Gelenkwagen in Einrichtungsbauweise V2B: sieben zweiteilige, sechsachsige Gelenkwagen in Zweirichtungsbauweise V3A: 514 dreiteilige, achtachsige Doppelgelenkwagen in Einrichtungsbauweise V3B: 15 dreiteilige, achtachsige Doppelgelenkwagen in Zweirichtungsbauweise – 1984/85 entstanden durch Umbau aus V3A
Geschichte mini|links|Als Baumuster für die Bukarester Gelenktriebwagen diente dieser LHB-Wagen mit der Betriebsnummer 3501, aufgenommen 1977 Die Fahrzeuge entstanden ab 1971 (V3A-Prototyp), 1972 (V3A-Serienwagen), 1984 (V3B), 1981 (V2A) beziehungsweise 1986 (V2B) in der Hauptwerkstatt der Straßenbahn Bukarest, rumänisch Atelierele Centrale. Aufgrund des Dekrets 132/1973 musste das Verkehrsunternehmen Întreprinderea de Transport București (I.T.B.), welches heute Societatea de Transport București (S.T.B.) heißt, die Fahrzeugherstellung im Laufe des Jahres 1973 organisatorisch vom Fahrbetrieb trennen. Die Straßenbahnfabrik firmierte daher fortan unter Uzina de Reparații Atelierele Centrale, kurz U.R.A.C.
Der V3A basiert auf einem 1969 von Linke-Hofmann-Busch (LHB) aus Deutschland importierten achtachsigen Vorführwagen, entsprechend der sogenannten Baureihe 69 der Straßenbahn Braunschweig. Deren Wagen 13–18 (ab 1974: 6951–6956) waren allerdings zweiteilige Sechsachser und hatten Scherenstromabnehmer statt Einholmstromabnehmer. Ursprünglich war beabsichtigt, dass die I.T.B. 100 Achtachser als Bausatz bei LHB beschaffen und dann vor Ort in Lizenz zusammenbauen sollte. Der Prototyp sollte dabei vorab als Anschauungsmodell dienen. Letztlich begann die rumänische Seite aber nach sechs Monaten, den Wagen als Raubkopie zu reproduzieren, woraufhin LHB den Vorführwagen zurückhaben wollte. Daraufhin erwarb die I.T.B. zumindest den ausgeliehenen Prototyp.Tramvaiul nr. 630 – furăciune de la nemţi, Artikel vom 3. August 2009 auf jurnalul.ro, abgerufen am 24. November 2015 Er wurde unter der Betriebsnummer 3501 in den Bestand eingereiht und war bis 1991 im Einsatz.
Im Zuge der Kopie wurde die LHB-Konstruktion teilweise überarbeitet, zum Beispiel durch die vom End- in den Mittelwagen versetzte dritte Tür, den Verzicht auf die beim Originalwagen typischen Rundungen im Front- und Dachbereich sowie eine gänzlich modifizierte Linien- und Zielanzeige. Letztlich erhöhte sich das Gewicht von zwölf Tonnen beim Vorführwagen, der als Besonderheit über Karosserieteile aus glasfaserverstärktem Kunststoff im Front- und Heckbereich verfügte, auf 25 Tonnen bei den Serienwagen. Dies wird unter anderem auf eine oberflächliche Übersetzung der technischen Dokumentation zurückgeführt. Die Drehgestelle für die V3A lieferte das Bukarester Fahrzeugbauunternehmen Intreprinderea de Reparaţii Auto Griviţa (I.R.A. Griviţa). Dieses firmierte zeitweise unter dem Namen Centralei Industriale de Reparaţii Auto (C.I.R.A.) und produzierte auch die weitgehend baugleichen Drehgestelle für die Großraum-Straßenbahnzüge des Typs Timiș 2.
Bukarester Gelenkwagen wurden bis 1982 nur für die Hauptstadt selbst hergestellt. Nachdem jedoch 1981 der Import tschechoslowakischer Tatra-Straßenbahnwagen aufgrund von Devisenmangel und Einfuhrbeschränkungen abrupt geendet hatte, konnte der Timiș-2-Hersteller Electrometal Timișoara den Fahrzeugbedarf der Provinzbetriebe nicht mehr alleine decken. Daher sprang U.R.A.C. ein und produzierte ab 1984 fast nur noch für andere Städte:
mini|Innenraum Stadt Anzahl Baujahre Nummern Bukarest 362 V3A42 V2A7 V2B 197119721973197419751976197719781979198019811982198619871990 001 (V3A-Prototyp)002–006 (V3A)007–016 (V3A)017–037 (V3A)038–089 (V3A)090–143 (V3A)144–201 (V3A)202–253 (V3A)254–293 (V3A)294–337 (V3A)338–351 (V3A), 4001 (V2A)4002–4036 (V2A)352 (V3A), 4037–4044 (V2B), 4045–4048 (V2A)353–361 (V3A), 4049 (V2A)362 (V3A) Constanța 75 V3A 19841985198619871990 101–110111–140141142–170171–175 Ploiești 29 V3A 19871988 7001–7005, 7007–7008, 7010, 7013–7014, 7018–70197023–7024, 7028–7037, 7041–7042, 7045, 7047–7048Hinweis: die Nummernlücken entstanden durch parallel abgelieferte Timiș 2 Brașov 16 V3A4 V2A 198719881989 1–8 (V3A)9–12 (V2A), 13–16 (V3A)17–20 (V3A) Cluj-Napoca 6 V3A16 V2A 19871988 101–106107–122 Oradea 3 V2A6 V3A 198819891990 20–21 (V2A)22 (V2A), 23–27 (V3A)28 (V3A) Brăila 10 V3A 1988–1989 80–89, Wagen 80 und 81 1990 in 90 und 91 umnummeriert Botoșani 10 V3A 1990 1–10 Iași 1 V2A 1992 350
Abgesehen vom letztgelieferten Wagen für die meterspurige Straßenbahn von Iași waren dabei ab Werk alle Wagen normalspurig. Allerdings erhielt Iași 1993 weitere 24 Wagen gebraucht. Darunter alle V2A aus Cluj-Napoca – das heißt 16 Stück – sowie den gesamten Bestand aus Oradea, das heißt acht von ehemals neun Wagen, nachdem der neunte in Oradea ausgebrannt war. Cluj-Napoca gab seine sechs V3A – ebenfalls 1993 – nach Botoșani ab, wo sie die neuen Nummern 11–16 erhielten. Damit kamen ab 1993 sowohl Cluj-Napoca als auch Oradea ganz ohne Bukarester Gelenkwagen aus.
Die gebraucht übernommenen Fahrzeuge wurden in Iași bis 1997 vom Unternehmen S.C. Nicolina S.A. entsprechend umgespurt und unter den Nummern 351–374 in den Bestand eingereiht. Die darunter befindlichen V3A aus Oradea waren zuvor außerdem auf zwei Teile gekürzt worden.
Die Bukarester Gelenkwagen waren somit früher in Rumänien sehr stark verbreitet, lediglich in Arad, Craiova, Galați, Hermannstadt, Reșița und Timișoara waren sie nie anzutreffen. Dorthin wurden hauptsächlich die in nationaler Konkurrenz hergestellten Timiș-2-Züge geliefert. In Botoșani, Braşov und Constanţa bestand der gesamte Wagenpark einige Jahre lang ausschließlich aus Bukarester Gelenkwagen.
Infolge der rumänischen Revolution von 1989 und des damit verbundenen wirtschaftlichen Umbruchs endete 1992 die Herstellung der Bukarester Gelenkwagen. Ab Mitte der 1990er-Jahre wurden sie in fast allen Verkehrsbetrieben durch gebrauchte Straßenbahnen aus Westeuropa ersetzt, sehr viele der Fahrzeuge kamen deshalb nur auf eine vergleichsweise kurze Einsatzdauer. Lediglich in Bukarest selbst waren sie noch in größerer Stückzahl anzutreffen. Die in der Hauptstadt eingesetzten Wagen wurden überwiegend und teils sehr umfangreich modernisiert, diese Arbeiten erfolgten durch die Unternehmen FAUR und Electroputere sowie die eigene Hauptwerkstatt. Vereinzelt erhielten sie auch niederflurige Mittelteile.
Literatur
Einzelnachweise
Kategorie:Straßenbahnfahrzeug (Rumänien) Kategorie:Straßenbahnfahrzeug (Bukarest)