mini|hochkant=1.5|Drachenboote in Taiwan 2005

Ein Drachenboot ( oder ) ist ein besonders langes, offenes Paddelboot, das ursprünglich aus China stammt. Meist stellt es durch Bemalung oder Schnitzarbeiten sowie einen dekorativen Drachenkopf und -schwanz einen stilisierten chinesischen Drachen dar. Die Boote werden heute weltweit als Sportboote oder bei Veranstaltungen verwendet und auch dann als Drachenboot bezeichnet, wenn auf die dekorativen Elemente verzichtet wird.

Geschichte mini|Sportboote beim Saar-Spektakel in Saarbrücken mini|Drachenbootrennen beim Dragonboat Racing Festival in Macau 2005 mini|Drachenboot-Cup über 1852 m = 1 Seemeile, Fischereihafen Bremerhaven 2006

Die Fortbewegung von Booten mit Hilfe von Stechpaddeln hat sich in mehreren Kulturen unabhängig voneinander entwickelt. Typisch für die aus Asien stammenden Paddelboote, auf die dieser Abschnitt begrenzt ist, ist jedoch die stilisierte Darstellung der Boote als Drache.

Altertum Die Geschichte von Drachenbootrennen ist sehr stark durch Mythen geprägt, in deren Mittelpunkt steht jedoch immer der Drache. Drachenbootrennen sind Teil des Drachenbootfestes oder auch Duanwu-Festes, das am fünften Tag des fünften Mondmonats nach dem chinesischen Mondkalender stattfindet. Der populärsten Legende nach erinnert das Drachenbootfest an den Versuch, den chinesischen Nationaldichter Qu Yuan im Jahre 277 v. Chr. vor dem Ertrinken zu retten. Angeblich werden seitdem zu Ehren des Dichters Drachenbootrennen veranstaltet. Das Duanwu-Fest gab es allerdings schon, bevor Qu Yuan geboren war. Das Duanwu-Fest ist das Fest der Wuyue (), eines alten Volksstammes, dessen Totem der Drache war. Die Wuyue brachten an diesem Tag Opfer zu Ehren des Drachen. Eine andere Theorie besagt, dass die Boote mit den geschnitzten Drachenköpfen benutzt wurden, um bei Überschwemmungen die Drachen im Wasser zu beruhigen. In der chinesischen Provinz Zhejiang wird dagegen der Ursprung der Rennen auf den König von Yue, Gou Jian (; reg. 496–465 v. Chr.), zurückgeführt, der nach einer militärischen Niederlage seine Truppen in Drachenbootrennen trainierte und mit ihrer Hilfe den Staat Chu wiedererrichten konnte.

Der Ursprung der Drachenboote wird von Wissenschaftlern im südlichen Zentral-China, insbesondere in der Gegend des Jangtsekiang, ca. 500 v. Chr. vermutet. Organisierte Drachenbootwettkämpfe gab es dort schon sehr früh. Reglementierte Wettkämpfe wurden bereits während der Sui-Dynastie (581–618) und Tang-Dynastie (618–907) in China durchgeführt.

ca. 500 v. Chr. dienen Drachenboote in China als Fortbewegungsmittel. ca. 280 v. Chr. angebliche (misslungene) Rettung des chinesischen Nationaldichters Qu Yuan vor dem Ertrinken

Auch in Kambodscha sind prächtig bemalte Langboote mit Paddeln fest in der Kultur verankert. So findet in Phnom Penh auf dem Fluss Tonle Sap jährlich vom 2. bis 4. November das Wasserfest statt, dessen Höhepunkte Wettkämpfe mit Langbooten sind. Der Ursprung des Wasserfestes wird im 12. Jh. angesiedelt.

Neuzeit In den 1970er Jahren beschloss die Hong Kong Tourist Association (heute: Hong Kong Tourism Board), ein Drachenboot-Festival als Werbung für Hongkong zu organisieren. Das 1. Hong Kong International Dragonboat Race, das als Beginn der modernen Drachenboot-Geschichte gilt, fand 1976 mit zehn Mannschaften statt. Von da an entwickelte sich das Festival zu einer publikumswirksamen, jährlich stattfindenden internationalen Regatta. 1991 kam es dann zur Gründung der International Dragon Boat Federation (IDBF) in Hongkong, die 1995 die ersten Weltmeisterschaften ausrichtete. 2005 wurden von der International Canoe Federation (ICF) die 1. ICF Drachenboot-Club-Weltmeisterschaften in Schwerin ausgerichtet. Mittlerweile ist Drachenboot ein internationaler Wettkampfsport, der weltweit in über 40 Ländern betrieben wird.

Seit den 1990er Jahren wurde der Drachenboot-Sport in Deutschland immer populärer, was sich sowohl in der Zahl der Regatten als auch in der Zahl der organisierten Sportler widerspiegelt. Bereits zu Beginn der 1990er Jahre wurden eigenständige Drachenboot-Vereine gegründet. Gleichzeitig fanden sich in Kanuvereinen Drachenbootmannschaften zusammen. In Deutschland fand das erste Drachenboot-Rennen 1987 im Rahmenprogramm der Kanu-Weltmeisterschaften in Duisburg statt. Bereits zwei Jahre später wurde in Hamburg anlässlich des 800. Hafengeburtstags eine internationale Regatta mit 75 Teams aus fünf Kontinenten veranstaltet, auf die 1990 die Gründung des Deutschen Drachenbootverbandes (DDV) in Hamburg und 1991 die 1. Deutsche Drachenboot-Meisterschaften in Dresden folgten. 2005 und 2009 war Drachenboot als Einladungssportart im Programm der World Games vertreten.

Große Drachenbootregatten (z. B. in Düsseldorf, Duisburg, Essen, Hannover, Saarbrücken, Dillingen/Saar, Frankfurt/Main, Schwerin, Berlin) haben Volksfestcharakter und erreichen mitunter fünf- bis sechsstellige Besucherzahlen. In Deutschland ist der Drachenboot-Sport stark durch regionales Engagement geprägt. Orte, in denen (verbandsübergreifend) der Drachenboot-Sport einen hohen Stellenwert hat, sind Mannheim, Potsdam, Hannover, Wuppertal, Schwerin, Neubrandenburg, Wiesbaden, Koblenz, das Saarland, Fürstenwalde/Spree und Bad Säckingen am Hochrhein.

Zeittafel

1976 1. Hong Kong International Dragonboat Race 1980 1. europäisches Drachenboot-Rennen in London 1981 Drachenboot-Schaurennen im Rahmenprogramm der Kanu-Weltmeisterschaften in Nottingham 1987 Drachenboot-Schaurennen im Rahmenprogramm der Kanu-Weltmeisterschaften in Duisburg 1989 Drachenboot-Rennen in Deutschland als Teil des 800. Hafengeburtstags in Hamburg 1990 Gründung des Deutschen Drachenboot-Verbandes e. V. in Hamburg 1990 Gründung der European Dragon Boat Federation (EDBF) in London 1991 Gründung der International Dragon Boat Federation (IDBF) am 24. Juni in Hongkong 1991 1. Deutsche Drachenboot-Meisterschaften in Dresden (DDV) 1993 Bootsbaumeister Andreas Stankewitz aus Schwerin konstruiert das erste vermessbare Wettkampfdrachenboot 1994 Festlegung eines Standards für Renn-Drachenboote durch die IDBF und für Paddel durch die EDBF 1994 Gründung des Schweizerischen Drachenboot Verbandes (SDBV) 1995 1. Drachenboot-Weltmeisterschaften der IDBF in Yueyang 2004 Gründung des DKV-Ressorts Kanu-Drachenboot 2004 1. Deutsche Meisterschaften Kanu-Drachenboot (DKV) 2005 1. ICF-Drachenboot-Club-Weltmeisterschaften in Schwerin 2005 Drachenboot ist Einladungssportart bei den World Games in Duisburg 2006 1. Drachenboot-Weltmeisterschaften der International Canoe Federation (ICF) 2007 Die International Dragon Boat Federation (IDBF) wird in die GAISF aufgenommen 2009 Drachenboot ist Einladungssportart bei den World Games in Kaohsiung 2012 1. Gesamtdeutsche Meisterschaft des DDV und des DKV in Hamburg

Boote und Zubehör mini|Traditionsboot mit Trommler in der Mitte

Boote Drachenboote sind offene Boote mit einem langen, leicht gekrümmten Kiel. Der Antrieb erfolgt durch Paddel. Drachenboote sind so gestaltet, dass sie durch Bemalung bzw. Schnitzarbeiten und einen dekorativen chinesischen Drachenkopf und -schwanz einen stilisierten Drachen darstellen.

Folgende Bootstypen können grob unterschieden werden:

Traditionelles chinesisches Drachenboot Hong-Kong-Drachenboot Singapur-Drachenboot Internationales IDBF-Renn-Standard-Drachenboot Europäisches EDBF-Standard-Drachenboot

Traditionsboote Zu den Traditionsbooten gehören das traditionelle chinesische Drachenboot, das Hong-Kong-Drachenboot und das Singapur-Drachenboot. Ihnen gemeinsam ist die schwere Bauform aus Teakholz. Sie sind mit kunstvollen, großen Drachenköpfen versehen, die ihnen ein besonders farbenprächtiges Aussehen geben. Überdies zeigen aufgemalte chinesische Schriftzeichen die besonderen Vorzüge eines Boots auf. Große Traditionsboote können bis zu 25 Meter lang und mit bis zu 100 Paddlern besetzt sein. Traditionelle Boote werden aus Holz gefertigt. Ihr Rumpf ist typischerweise ohne Spanten und Luftkästen gebaut.

Sportboote Im Gegensatz dazu stehen die Sportboote, zu denen das international genormte Renn-Standard-Drachenboot und das Europäische Standard-Drachenboot gehören. Die Standards dieser Boote sind von dem Internationalen Drachenboot-Verband (IDBF) erstmals 1994 festgesetzt worden und liegen seitdem (Stand 2006) in der 4. Fassung vor. Sportboote haben nur noch wenig mit den Traditionsbooten gemein, auch wenn der Riss der Sportboote ursprünglich auf dem Hong-Kong-Drachenboot basiert. Der für alle Boote gleiche Drachenkopf- und Schwanz ist abnehmbar und findet nur bei Veranstaltungen Verwendung. Die genormten Boote sind ohne Kopf und Schwanz 12,49 m lang, 1,16 m breit und 250 kg schwer (Europanorm). Der Rumpf wird üblicherweise aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK) in zweischaliger Bauweise gefertigt. Ein genormtes Boot hat 10 Sitzbänke für maximal 20 Paddler.

Seit 2014 wurden auch Kurzboote (international: Smallboats) mit 10 Paddlern in die Wettkampfbestimmungen des IDBF und DDV aufgenommen. Die aktuellen Wettkampfbestimmungen (2016) sehen eine Länge von 9,60, eine Breite von 1,00 und eine minimale Masse von 135 kg vor.

Paddel Die Stechpaddel bestehen aus Paddelblatt, Schaft und Knauf. Die Blätter unterscheiden sich in Länge und Breite. Der Schaft verbindet das Blatt mit dem Knauf. Beim Knauf am oberen Ende des Schaftes unterscheidet man zwei Griffarten, den Spatengriff (T-Griff) und den Palmgriff. Die Palette der beim Stechpaddel verwendeten Materialien reicht vom konventionellen Holz bis hin zu modernen Materialien wie Aluminium, Kunststoff oder Carbon. Im Wettkampfsport ist die Länge der Paddel genauso reglementiert wie die Form und Breite des Paddelblatts.

Langruder Das Langruder dient zum Steuern des Bootes. Es ist in der Regel am Steuerblock fixiert und ragt meistens backbord ins Wasser. Genauso wie die Paddel besteht das Langruder aus Blatt, Schaft und Knauf.

Besatzung mini|Sitzordnung in einem Drachenboot: Im Bug der Trommler, dann die Paddler, und im Heck der Steuermann

Die Besatzung eines Drachenbootes besteht aus Paddlern, die paarweise auf Bänken nebeneinander sitzen und mit Stechpaddeln das Boot vorwärts bewegen. Ein Trommler im Boot nimmt den Rhythmus des vordersten Paddlerpaares („Schlagreihe“ oder „Schlagleute“) auf, sorgt mit seinen Schlägen für einen gleichmäßigen Takt aller Paddler im Boot und motiviert die Paddler durch Zurufe, ihr Bestes zu geben. Der Steuermann steht im Heck und steuert das Boot mit einem Langruder. In manchen Rennen gehört zur Mannschaft der sogenannte „Flag Catcher“.

Paddler Je nach Bootstyp sitzen zwischen 10 und 50 Paddler in Fahrtrichtung zu zweit auf einer Sitzbank. Sie paddeln, abhängig von ihrer Sitzposition, mit dem Stechpaddel entweder auf der rechten oder linken Bootsseite. Die Schlagleute genannten Paddler auf der ersten Bank geben den Takt vor und bestimmen so Schlaggeschwindigkeit und Renntaktik. Alle anderen Paddler im Boot paddeln synchron mit ihnen auf Schlag, den der Trommler von den Schlagleuten aufgreift.

Steuermann Der Steuermann steht am hinteren Ende des Drachenboots und steuert das Boot mit einem Langruder, das durch einen am Heck befestigten Steuerblock geführt wird. Ein guter Steuermann kann das Boot mit minimalen Steuerbewegungen auf geradem Kurs halten. Durch Gewichtsverlagerung des Steuermannes wird die Krängung des Drachenbootes um die Längsachse ausgeglichen. Da der Steuermann auch für die Sicherheit des Bootes mit der gesamten Mannschaft verantwortlich ist, muss er sich gut mit den Sicherheitsregeln und mit den lokalen Bedingungen hinsichtlich Wetter, Vorfahrtsregeln, Strömung, Wellen, Untiefen etc. auskennen. Der Steuermann kann durch laute Anweisungen, Kommandos und Motivationsrufe wesentlich zum Erfolg eines Rennens beitragen.

Trommler mini|Traditionelles Drachenboot mit Gong