mini|Porträt eines Kalmücken. Von Ilja Repin (1871) mini|Lage der Republik Kalmückien in Russland, Siedlungsgebiet von fast 90 % der Kalmücken Die Kalmücken (; ; deutsch auch Kalmüken oder Kalmyken geschrieben) sind ein westmongolisches Volk, das vorrangig in der Autonomen Russischen Teilrepublik Kalmückien lebt. Der Begriff wurde bereits im frühen 14. Jahrhundert von islamischen Historikern für die Oiraten verwendet und später von den Russen für an der Wolga siedelnde Splittergruppen der Oiraten übernommen.
Die Kalmücken sind das einzige buddhistische und das einzige mongolischsprachige Volk innerhalb der geografischen Grenzen Europas. Nach der Volkszählung 2010 lebten 183.372 Kalmücken in Russland,. davon 162.740 in Kalmückien (57,4 % der Bevölkerung Kalmückiens). Excel-Tabelle 7, Zeile 341.
Etymologie Zur möglichen Etymologie des Ethnonyms Kalmücken siehe folgenden Artikelabschnitt: Frühe Geschichte der Oiraten und die oiratische Expansion 13.–17. Jahrhundert
Sprache und Literatur mini|Karte der Verbreitung mongolischer Sprachen. In Brauntönen werden die oiratische und, weit im Westen, die ihr sehr ähnliche kalmückische Sprache dargestellt. Die kalmückische Sprache zählt neben der oiratischen Sprache zum westlichen Zweig der Sprachfamilie der mongolischen Sprachen und wird von rund 174.000 (Stand: 2002) Sprechern in Russland gesprochen. Die Unterschiede zwischen der oiratischen und kalmückischen Sprache sind gering und nur durch die räumliche Entfernung der letzten 200 Jahre und Sprachpolitik verursacht. Dagegen ist die Verständigung mit Sprechern anderer mongolischer Sprachen kaum möglich.
Ursprünglich wurden Kalmückisch und Oiratisch in einer eigenen, senkrechten Alphabetschrift geschrieben, der Klarschrift oder oiratischen Schrift. 1923 wurde diese jedoch auf Anordnung durch das kyrillische Alphabet ersetzt. In den 1930er Jahren wurde kurzzeitig versucht, das lateinische Alphabet zu übernehmen, ohne dass dies dauerhaft blieb. Die Oiraten in Xinjiang (China), in chinesischen Provinzen weiter östlich und seltener in der westlichen Mongolei schreiben noch immer ihre eigene oiratische Schrift, die von der mongolischen Schrift abgeleitet ist (im engeren Sinne, zur allgemeinen Übersicht siehe Mongolische Schriften).
Zu den bedeutendsten Werken kalmückischer Sprache gehört das aus dem 15. Jahrhundert mündlich überlieferte Heldenepos Džangar (Dschangar; kalmückisch und oiratisch Dschanghr) in zwölf Gesängen.
Traditionelle Lebensweise mini|Kalmückische Siedlung transportabler Jurten () vor der Zeit der Sowjetunion Als Nomaden und Halbnomaden lebten die Kalmücken bis ins 20. Jahrhundert vorwiegend von Viehzucht, auch von Fischfang und vereinzelt Ackerbau. Als Viehzüchter hielten die Kalmücken vorwiegend Rinder (das Kalmücken-Rind ist nach ihnen benannt), aber auch Kamele, Pferde, Schafe und Ziegen. Obwohl Kalmückien teilweise fruchtbare Böden hat, ist Ackerbau in der fast wasserlosen Steppe traditionell nur in den wenigen Flusstälern möglich.
mini|Eine kalmückische Teezeremonie Ende 19. Jahrhundert im Don-Bezirk. Der nomadischen Lebensweise entsprechend war der traditionelle Familienbund stark auf Zusammenhalt ausgerichtet. Eltern, verheiratete Kinder mit Familien und unverheiratete Kinder bildeten die Großfamilie. Mehrere dieser Sippenverbände bildeten nomadische Dorfverbände, von denen wiederum mehrere entsprechend ihrer Abstammungslinien einen Klan bildeten. Mehrere Klans bildeten einen traditionellen Stamm. Die kalmückisch-oiratische Gesellschaft besteht aus vier großen und mehreren kleinen Stämmen (siehe unten). Traditionell standen Fürsten (tayischi oder khan genannt) den verschiedenen Stämmen vor. Obwohl sich jeder Kalmücke und Oirate seiner ererbten Stammeszugehörigkeit bewusst ist, kam es nach militärischen Niederlagen einzelner Stammesfürsten in der Geschichte immer wieder vor, dass sich seine Anhänger anderen Stammesfürsten anschlossen. Dadurch leben in Kalmückien und auch im westlichen China die Angehörigen mehrerer Stämme gemischt. Neben den Fürsten und dem nachrangigen niederen Adel gab es die Gemeinen sowie einen buddhistischen Priester- und Mönchsstand. Die kalmückische Kultur ähnelte der Kultur anderer Mongolen.
Infolge der vom Sowjetregime in den 1930er Jahren betriebenen Ansiedlung leben die Kalmücken seither in festen Dörfern und Städten, die Gesellschaft ist sozial differenzierter und moderner. Außerdem wurde in sowjetischer Zeit die vollständige Alphabetisierung der Kalmücken durchgesetzt. Allerdings schädigte die sowjetische Wirtschaftspolitik die Landwirtschaft, denn in den Wirtschaftsplänen seit den 1960er Jahren war Kalmückien vorwiegend für die Haltung von Merinoschafen bestimmt, die die Vegetation so stark abfraßen, dass es in einigen Regionen zur Wüstenbildung kam.Oxana Dordzhieva: Preventing desertification and achieving sustainability in the Black Lands, Republic of Kalmykia, Russia. A system analysis approach. (PDF; 364 kB) Lund 2005
Religion
mini| mini|Der „Goldene Tempel“ in Elista für Buddha Shakyamuni, eingeweiht am 27. Dezember 2005 Viele Kalmücken sind, wie andere mongolische Völker, Anhänger des tibetischen Buddhismus, der auch Lamaismus genannt wird, der Gelug(pa)-Schule („Gelbmützen“). Zu dieser Religion konvertierten sie im Laufe des 17. Jahrhunderts, vorwiegend in der ersten Hälfte, zuvor waren sie schamanistisch.vergleiche Dietmar Schorkowitz: The Orthodox Church, Lamaism, and Shamanism among the Buriats and Kalmyks 1825–1925. In: Robert P. Geraci, Michael Khodarkovsky: Of religion and empire: missions, conversion, and tolerance in Tsarist Russia. Ithaca / New York 2001, S. 201 ff. Der erste Oiraten-Stamm, der zum Gelug-Lamaismus konvertierte, und der zweite mongolische Stamm überhaupt (nach dem Stamm unter Altan Khan) waren die Choschuten, die weit im Osten in Tibet und nördlichen Nachbargebieten siedeln. Der Choschuten-Herrscher Gushri Khan (1582–1655) half dem Oberhaupt der Gelugpa, dem fünften Dalai Lama Ngawang Lobsang Gyatsho (1617–1682) mit militärischen Mitteln an die Macht in Tibet im Krieg gegen die Oberhäupter anderer Schulen, besonders gegen das Oberhaupt der Karma-Kagyü-(„Schwarzmützen“-)Schule, den zehnten Karmapa Chöying Dorje und gegen die tibetische Tsangpa-Dynastie. Dadurch begründeten die oiratischen Choschuten die Herrschaft der Dalai Lamas in Tibet. Gleichzeitig schickten die Choschuten Missionare des Gelug-Lamaismus zu den anderen Oiraten bis ins Gebiet der unteren Wolga, die ebenfalls konvertierten. Bekanntester Missionar war Zaya Pandita.
Teilweise besuchten die Kalmücken früher buddhistische Zeremonien in mobilen Jurten, seit dem 17. Jahrhundert entstanden auch mehrere Klöster und Tempel (kalmückisch: Churul). Vor der Zeit der Sowjetunion existierten etwa 60 davon. Alle wurden in sowjetischer Zeit abgerissen oder anders verwendet, und der Atheismus wurde gefördert. Fast alle bestehenden Tempel und Klöster in Kalmückien und den Nachbarregionen wurden erst nach dem Untergang der Sowjetunion neu erbaut, nur einer wird rekonstruiert.
Neben den Buddhisten gibt es auch einige muslimische Kalmücken und kleine christliche Gemeinden sowie viele Atheisten.
Geschichte Frühe Geschichte der Oiraten und die oiratische Expansion 13.–17. Jahrhundert mini|Reste des Mongolenreiches (brauner Hintergrund) vor 1500. Grüne Schrift: Nachfolgestaaten, alle inzwischen turksprachig und (außer dem Khanat Sibir) auch islamisiert. Blaue Schrift: Mongolische Stammesverbände, darunter die vier Oiratenstämme (Dörben Oirat). Schwarze Schrift: andere Staaten und Völker. Die westmongolischen Oiraten sind etwa seit 1200 südlich des Altaigebirges nachweisbar und wurden dort von Dschingis Khan unterworfen und beteiligten sich an der mongolischen Expansion im 13. Jahrhundert. Nach dem Zerfall des Mongolenreiches und dem Rückzug der Mongolen aus China 1368 lebten sie wieder in der Umgebung des Altai. Dort bildeten sie ab 1400 bis 1636 die Stammes-Konföderation Dörben Oirat aus den vier Hauptstämmen der Dürbeten (Dörböd), Torguten (Torghuud), Choschuten (Choschuud) und Chorosen (Choros). Daneben gibt es einige kleinere Oiratenstämme. Die Angehörigen dieser Konföderation wurden als Oiraten von mongolisch Oirad (oiratisch/kalmückisch Öörd) bezeichnet. Eine andere Bezeichnung „Dsungaren“ von mongolisch: Dschüün Ghar („linker Flügel“) bezeichnete ursprünglich alle Oiraten, wurde aber seit dem 17. Jahrhundert in anderen Sprachen nur noch für den Teilstamm der Chorosen verwendet. Eine weitere Alternativbezeichnung „Kalmücken“ von turksprachig: chalmach (einige Autoren deuten diesen Begriff als „Rest“, weil sie sich von den übrigen turksprachigen und muslimischen Nomaden unterschieden, die Bedeutung ist aber umstritten und nicht hinreichend geklärt) ist bereits seit dem 14. Jahrhundert nachweisbar. Daraus entwickelte sich der russische Name kalmyk, der sich später als Begriff für die weit im Westen lebenden Gruppen etablierte.
Nach dem Rückzug der Mongolen in die Steppe im Jahr 1368 folgt eine lange Phase von Konflikten zwischen den verschiedenen Stammesverbänden um die Vorherrschaft, bei denen die Oiraten zeitweilig unter Esen Tayishi (1439/40–55) zur dominierenden Macht wurden. Später wurden sie von den Khalkha-Mongolen unter Dayan Khan (ca. 1470–1543) und später nochmals 1552 und 1577 geschlagen. In der Folgezeit von 1600 bis 1630 wanderte die Mehrheit der Oiraten, besonders Angehörige der vier großen Stämme, aus ihrer alten Heimat aus.
Die meisten Choschuten wandten sich nach Osten und etablierten sich als Nomaden im Westen des chinesischen Autonomen Gebiets Innere Mongolei, in der Provinz Gansu und in der tibetischen Region Amdo, die etwa der chinesischen Provinz Qinghai entspricht. Sie waren diejenigen, die zuerst zum Gelug-Lamaismus konvertierten, die Vorherrschaft der Dalai-Lamas in Tibet durchsetzten und die anderen Oiraten zu dieser Religion missionierten. Ihre Fürsten bezeichneten sich selbst als „Könige von Tibet“. Sie beherrschten faktisch nur ihre Siedlungsgebiete direkt und bildeten im übrigen Tibet für 100 Jahre eine zweite Macht nach den verbündeten Dalai Lamas.
Die Torguten unter Khu Urluk († 1643) zogen von ihrer ursprünglichen Heimat in Xinjiang aus dagegen am weitesten westwärts. Dabei wanderten sie durch das südliche Sibirien erst in Richtung Ural, um sich ab 1632 zuerst links, dann auch rechts der unteren Wolga niederzulassen. Der bedeutendste Khan des kalmückischen oder torgutischen Khanats war Ayuki (reg. 1670–1724), der einzelne russische Städte (z. B. Kasan) angriff, bis er von Zar Peter I. mit dem russischen Grenzschutz betraut wurde.
Im Gebiet zwischen den Choschuten im Osten und den Torguten im Westen nomadisierten die Dürbeten und die Dsungaren (Chorosen) und kleinere Stämme, die Dürbeten anfangs weiter westlich, etwa zwischen Mittel-Kasachstan und dem Balchaschsee und die Dzungaren östlich davon, vom Balchaschsee bis etwa Ürümqi.
Die große Ausdehnung dieses Gebietes sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Bewohner weit zahlreichere, aber unterworfene Tibeter, Uiguren, Kirgisen und Kasachen waren. In der Geschichte Kasachstans wird die Zeit der Angriffe der Oiraten und der oiratischen Herrschaft als zweite Mongolenzeit oder als „Großes Unglück“ bezeichnet. Auch bildeten die Oiraten kein einheitliches Reich, weil die oiratische Stammes-Konföderation in den 1630er Jahren zerfallen war und jeder Stammesfürst selbständig agierte.
Das Torgutenkhanat und inneroiratische Konflikte 17.–18. Jahrhundert