mini|Friedersdorfer Kirche
Die evangelisch-lutherische Kirche zu Oberfriedersdorf in Friedersdorf an der Spree gehört wie die beiden Kirchen Neusalza-Sprembergs zur Ephorie Löbau-Zittau der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Von den drei Kirchen der kleinen sächsischen Stadtkommune im Landkreis Görlitz ist sie das jüngste sakrale Bauwerk.
Lokal- und Kirchengeschichte Der heutige Ortsteil Friedersdorf der Stadt Neusalza-Spremberg, der bis 2007 eine selbständige Gemeinde war, entstand im Verlauf der mittelalterlichen deutschen Ostkolonisation als Waldhufendorf an der oberen Spree und wurde urkundlich erstmals 1272 erwähnt. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts gehörte das Dorf Friedersdorf zur Grundherrschaft der Adelsfamilie von Raußendorf. Danach setzte eine territoriale Aufteilung des langgezogenen Ortes ein. In vorreformatorischer (katholischer) Zeit und auch Jahrhunderte nach der Reformation gab es in dem damals herrschaftlich zeitweise in Ober-, Mittel- und Niederfriedersdorf untergliederten Dorf jedoch keine eigene Kirche.
Dorf ohne Kirche Zwischen 1489 und 1493 wurde Oberfriedersdorf von Niederfriedersdorf getrennt und kam 1568 zur katholisch-böhmischen Herrschaft der von Schleinitz zu Schluckenau und Tollenstein. Im Zusammenhang damit gelangte Oberfriedersdorf kirchlich vorübergehend zur nordböhmischen Gemeinde Georgswalde und unterstand damals wie Ebersbach und Spremberg dem Erzpriesterstuhl in Löbau. Hinsichtlich Oberfriedersdorf beklagte sich in dem Visitationsbericht von 1598/99 der Pfarrer Philipp Stumpf, der in Spremberg von 1568 bis 1598 wirkte, darüber, Walter Heinich: Spremberg. Versuch zu einer Ortsgeschichte des Kirchdorfes Spremberg in der sächsischen Oberlausitz. Spremberg, Schirgiswalde 1918, S. 81 Der böhmische Adlige Ehrenfried von Ringwitz gelangte durch Ankauf von Schleinitz 1595 für kurze Zeit in den Besitz von Oberfriedersdorf. Zwei Jahre später, am 28. Februar 1597, kam Oberfriedersdorf durch Verkauf der Grundherrschaft für die Summe von 15.000 Talern als „Ratsdorf“ zur Sechsstadt Zittau, anscheinend nach Unterbrechung nochmals 1777. Niederfriedersdorf verblieb im Besitz der adligen Familie von Rodewitz.
Während der Reformation, die in den Ortschaften der südlichen Oberlausitz in den Jahren zwischen 1524 und 1559 eingeführt wurde, besuchten die protestantischen Einwohner des „Dorfes ohne Kirche“ zu Gottesdiensten und anderen sakralen Handlungen zumeist die benachbarte große Dorfkirche Spremberg oder die Ebersbacher Kirche. Im Jahr 1580 wurden Oberfriedersdorf, dem auch Mittelfriedersdorf angeschlossen war, und Niederfriedersdorf schließlich nach Spremberg eingepfarrt.
Über die damaligen komplizierten kirchlichen Verhältnisse zwischen beiden Oberlausitzer Grenzgemeinden Spremberg und Friedersdorf gibt es folgende Aussage: Walter Heinich: Spremberg. Versuch zu einer Ortsgeschichte des Kirchdorfes Spremberg in der sächsischen Oberlausitz. Spremberg, Schirgiswalde 1918, S. 81f
Probleme und Bau der Oberfriedersdorfer Kirche Die kirchliche Situation sollte sich erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts ändern. Im Jahre 1788 – Friedersdorf unterstand seinerzeit der Adelsfamilie von Leubnitz als Gutsherrschaft – begannen neue Verhandlungen wegen der Auspfarrung Oberfriedersdorfs von Spremberg. Als Gründe dafür wurden insbesondere genannt: Die große Entfernung für die Oberfriedersdorfer Kirchgänger nach Spremberg und der Mangel an dortigen Kirchenständen. Es wurde der Entschluss gefasst, in Oberfriedersdorf ein eigenes Gotteshaus zu erbauen. Der begüterte Landwirt Gottfried Winkler stellte dazu unentgeltlich von seinem Bauernland das Baugelände zur Verfügung. Aber erst nach einem zehnjährigen zähen Kampf auf verschiedenen Ebenen, darunter mit der benachbarten Gemeinde Spremberg, genehmigte der damalige Landesherr, der sächsische Kurfürst Friedrich August III., am 6. Juni 1798 den Bau einer eigenen Pfarrkirche zu Oberfriedersdorf. In der kurfürstlichen Urkunde ist unter anderem formuliert: Friedrich Bernhard Mütze: Die Parochie Oberfriedersdorf. In: Neue Sächsische Kirchengalerie, Bd. 11: Die Diöcese Löbau. Leipzig: Verlag von Arwed Strauch 1908, S. 523 Damit in Verbindung wurde auch die Zahlung einer einmaligen Entschädigung an die Kirchgemeinde Spremberg in Höhe von 120 Talern festgelegt. Durch Einspruch Sprembergs erhöhte sich der Betrag später auf 125 Taler.
Die Pläne für den Bau der Friedersdorfer Kirche erarbeitete der Schönbacher Zimmermeisters Johann Christoph Wünsche. Auf dieser Grundlage erbaute Maurermeister Gottlieb Förster aus Neusalza mit seinen Gesellen von 1798 bis 1801 eine Saalkirche im Stil des Klassizismus, die 750 Personen Platz bot.Klaus Theodor Henke: Kirchenbau und Sakralkunst in der Oberlausitz. Spitzkunnersdorf: Oberlausitzer Verlag Frank Nürnberger 2011. Der Verfasser bezog sich dabei auf C. Gurlitt (1910, S. 478), der bei seiner Untersuchung vor über 100 Jahren „324 Männerstände und fast 400 Frauenstände im Schiff“ angab. Der erste Spatenstich erfolgte bereits am 1. September 1798, und die Hebung (Richtfest) fand vom 26. bis 31. Mai 1800 statt. Im Oktober 1801 war der Kirchenbau abgeschlossen. Bei der Kirche handelt Klaus Theodor Henke: Kirchenbau und Sakralkunst in der Oberlausitz. Spitzkunnersdorf: Oberlausitzer Verlag Frank Nürnberger 2011. Die Weihe der Kirche erfolgte am 4. Oktober 1801 im Beisein von Deputierten der Sechsstadt Zittau durch Primarius Johann Heinrich Lachmann. Damit war auch die kirchliche Abtrennung von Ober- und Niederfriedersdorf vollendet, und auch Mittelfriedersdorf wurde 1868 nach Oberfriedersdorf ausgepfarrt. Niederfriedersdorf verblieb beim Kirchspiel Spremberg. Dieses Jahr markiert zugleich den Beginn der evangelischen Kirchengemeinde Friedersdorf.
Im Jahr 1867 bekam die neue Kirche einen Turm. Nach dem Entwurf von Maurermeister Leiblich aus der nordböhmischen Stadt Schluckenau schufen der ortsansässige Maurermeister Clemenz und sein Sohn in Verbindung mit Zimmermeister August Weise aus dem benachbarten Ebersbach eine in neugotischen Formen gehaltene steinerne Turmanlage. Am 9. April 1867 war die Grundsteinlegung und bereits am 15. August das Turm-Richtfest. Am 14. September erklangen vom neuen Turm zum ersten Mal die Glocken zum Erntedankfest und am 30. September erfolgte die Weihe des Turms. Den alten Dachreiter Theodor Schütze (Hrsg.): Der quadratische Turm mit seiner Höhe von 44,5 Meter wurde mit einer spitzauslaufenden metallenen Turmhaube aus Kupfer und mit einem vergoldeten Kreuz versehen. Der Turmknopf und das Kreuz mit seiner Höhe von 2,14 m und einer Breite von 1 m stammten aus der Hand des Kupferschmiedes Zestermann aus Großschönau. Am Glockengeschoss berücksichtigte man architektonisch interessante Rundbogenöffnungen und darunter die Kirchturmuhr mit zwei Zifferblättern an der West- und Nordseite, die von einem Uhrmachermeister in Georgswalde für 33 Taler gefertigt wurde. In der Zeit von 1884 bis 1900 erfolgten mannigfache Reparaturen.
Das rechteckige Kirchengebäude zeigt an drei Seiten außer der Ostseite traditionelle Rundbogenportale. Der Haupteingang befindet sich seit Anbeginn an der Nordseite des Kirchturmes, zwei weitere Ein- bzw. Ausgänge sind an der Süd- und Ostseite des Kirchengebäudes eingebaut.Friedrich Bernhard Mütze: Die Parochie Oberfriedersdorf. In: Neue Sächsische Kirchengalerie, Bd. 11: Die Diöcese Löbau. Leipzig: Verlag von Arwed Strauch 1908, S. 536 Außer der Turmhöhe wurden keine weiteren Maße überliefert. Nur Cornelius Gurlitt veröffentlichte einen nicht maßstabgerechten Grundriss der Friedersdorfer Kirche. Nach Umrechnung durch Lutz Mohr hat die Kirche (ohne Turm) außen etwa eine Länge von 27 m und eine Breite von 13 m. Mit dem später an der Breitseite des Kirchengebäudes (in der Mitte) angebauten quadratischen Turm (5 × 5 m) ergibt sich somit eine Gesamtlänge der Friedersdorfer Kirche von 32 Metern.
Das Kirchengeläut Zur Weihe 1801 erhielt die Friedersdorfer Kirche zunächst drei Glocken aus Bronze für den Preis von 600 Talern, die vom Dresdener Stückgießer Heinrich August Weinhold (1775–1808) stammten. Sie wogen etwa elf Zentner und wurden vom Fuhrmann Gottfried Wolf aus Mittelfriedersdorf mit Geschirr aus Dresden antransportiert. Am 21. April 1801 erfolgte ihre Montage.Ernst Seidel u. Herbert Körner: Glockenkunde des Kirchenkreises Löbau in der sächsischen Oberlausitz. Löbau: Hohlfeld & Witte 1931, S. 25
Aber bereits 50 Jahre später (1851) mussten diese durch ein neues Geläut des bekannten Oberlausitzer Glockengießers Friedrich Gruhl (1778–1852) aus Kleinwelka ersetzt werden, wobei die beiden größeren Glocken von Weinhold zum Guss der neuen Glocken bei Gruhl mitverwendet wurden. Das Geläut von 1851 bestand ebenfalls aus drei bronzenen Glocken und zeigte sich wie folgt: 1. Große Glocke (Ton Es, 19 Zentner), Verzierungen: Brustbild des Heilands und Inschriften: (Psalm 150, V. 1). Diese Glocke trug auch die Bezeichnung „Christusglocke“ und wurde seinerzeit vom Mühlenbesitzer Wilhelm Fürchtegott Hofmann gestiftet. (Wegen seiner Verdienste um die Gemeinde Friedersdorf wurde 1996 eine sanierte Spreebrücke im Ort nach ihm benannt.) 2. Die mittlere Glocke (Ton Es), Verzierungen: Brustbild Martin Luthers und Inschriften: (Psalm 150, V. 2). 3. Die kleine Glocke (Ton Es), Verzierungen: Brustbild Philipp Melanchthons und Inschriften: (Psalm 150, V. 6). .Friedrich Bernhard Mütze: Die Parochie Oberfriedersdorf. In: Neue Sächsische Kirchengalerie, Bd. 11: Die Diöcese Löbau. Leipzig: Verlag von Arwed Strauch 1908, S. 539
Die mittlere und kleine Glocke des Geläuts von 1851 müssen wie die Glocken der Nachbargemeinde Spremberg der Rüstungsindustrie vor und während des Ersten Weltkrieges (1914–1918) zum Opfer gefallen sein, denn ein Verzeichnis aus dem Jahre 1931 führt neben der großen „Christusglocke“ (von Gruhl) zwei neue bronzene Glocken auf, die von der Glockengießerei C. Albert Bierling in Dresden 1921 gegossen wurden. 1. Die mittlere Glocke (Ton g, 10 Zentner), ebenfalls „Lutherglocke“ genannt, trug als Verzierungen ein Kreuz und die Inschrift: 2. Die kleine Glocke (Ton b, 6 Zentner), „Friedensglocke“ genannt, trug als Verzierung eine Taube und die Inschrift Beide Glocken erhielten ihre Weihe am 26. August 1921.Ernst Seidel u. Herbert Körner: Glockenkunde des Kirchenkreises Löbau in der sächsischen Oberlausitz. Löbau: Hohlfeld & Witte 1931, S. 25 Das bronzene Friedersdorfer Geläut musste wie die anderer Kirchen während des Zweiten Weltkrieges bis auf die Uhrglocke, die Kleine, für Rüstungszwecke abgeliefert werden. Nach Kriegsende fand man auf dem Hamburger Glockenfriedhof die Große wieder. Die Mittlere war jedoch eingeschmolzen worden und musste durch eine neue bronzene Glocke aus Remse bei Glauchau ersetzt werden. Im Jahr 1962 war das Friedersdorfer Geläut wieder vollständig und erklingt noch heute.Nach mdl. Mitt. von Kantor i. R. Siegfried Seifert (* 1925), ehemals Neusalza-Spremberg, jetzt Lawalde, vom 24. Juli 2014, der sich dabei auf Pfarrer i. R. Günther Kämlitz beruft.
Kircheninneres und Orgel Im Jahr 1851 gab es eine grundlegende Erneuerung des Innenraums. Klaus Theodor Henke: Kirchenbau und Sakralkunst in der Oberlausitz. Spitzkunnersdorf: Oberlausitzer Verlag Frank Nürnberger 2011, S. 80 Vom Kircheninventar sind bemerkenswert der schlichte Altar der sechseckigen Kanzel, der hölzerne Tauftisch von etwa 1800 – ein Geschenk der Seifhennersdorfer Gemeinde aus ihrer alten Kirche – und zwei aus Holz geschnitzte „Posaunenengel“, die wahrscheinlich der alten Orgel aus dem Kloster St. Marienstern entstammten sowie ein größeres zinnernes Taufbecken, das Frau Johanna Rosina Jeremias aus Ebersbach 1801 der Friedersdorfer Kirche verehrte.Cornelius Gurlitt (Bearb.): Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen. Heft 34: Amtshauptmannschaft Löbau. Dresden: C.C. Meinhold & Söhne 1910, S. 481f Der Kanzelaltar wurde 1951 neu gestaltet.