mini|Eberhard Martin Schmidt bei der Arbeit in seinem Atelier, Mai 1991 Eberhard Martin Schmidt (* 10. Mai 1926 in Biberach an der Riß; † 6. November 1995 in Weingarten (Württemberg)) war ein oberschwäbischer Bildhauer, Maler und Grafiker.

Leben Kindheit und Jugend Am 10. Mai 1926 wurde Eberhard Martin Schmidt als Sohn des Stadtpfarrers Ludwig Schmidt und seiner Frau Julia in Biberach geboren. Sehr früh, noch im Kindergartenalter, begann er zu zeichnen und mit Plastilin oder Ton zu modellieren. Diese Neigung verstärkte sich auffallend im Laufe der folgenden Jahre.

Nach dem Besuch der Volksschule in Weingarten – der Vater war hier inzwischen zum Stadtpfarrer ernannt worden – wechselte Schmidt 1936 in das Altsprachliche Gymnasium in Ravensburg. Seine Hauptinteressen galten der Kunst und den Naturwissenschaften, vor allem der Biologie und hier wiederum schwerpunktmäßig der Zoologie. Mit zwölf Jahren hing eine Darstellung der Anatomie des Pferdes über seinem Bett; jeden Knochen und Muskel wusste er bis zu seinem Tode auswendig. Das große Berufsziel war Tierarzt. Eingehende Betrachtungen einschließlich mikroskopischer Untersuchungen aller möglicher Lebewesen und das zeichnerische Festhalten der Ergebnisse waren eine sehr wichtige Beschäftigung für den Heranwachsenden. Aus diesen Jahren sind noch einige Skizzen und Fotografien von Bildern, Ton- oder Plastilinfiguren erhalten, die eine außergewöhnliche Fähigkeit der bildnerischen Darstellung aufgrund einer exakten Naturbeobachtung bezeugen. mini|Relief „Nachschub“ von 1942, KJV 037

Auf Anraten eines Kunsterziehers nahm Schmidt vermutlich als 16-Jähriger an einem gesamtdeutschen Kunstwettbewerb für Schüler teil. Mit einem Tonrelief zum Thema „Nachschub“ soll er im Jahre 1942 als „Großdeutscher Jugendmeister in Plastik“ ausgezeichnet worden sein. Von einem damit in Verbindung stehenden Berlin-Aufenthalt kehrte er wohl sehr nachdenklich heim, insbesondere was die allgemeine inszenierte Stimmung und Situation in der damaligen Reichshauptstadt anbetraf.

Kriegsdienst und Nachkriegszeit Mit 17 Jahren als Flakhelfer in Friedrichshafen eingezogen, tagsüber Tacitus im Schulunterricht, nachts Dienst am Geschütz, führten zum damals typischen Notabitur. Anschließend Reichsarbeitsdienst und dann der Übergang zur Wehrmacht kennzeichnen den typischen Lebenslauf in den letzten Kriegsjahren. Nach Militärausbildung und Kriegsschule kam der Kriegseinsatz an der Ostfront, wo Schmidt im Nahkampf noch Ende April 1945 durch einen Kopfschuss schwer verwundet wurde.

Nach einigen Monaten Lazaretterfahrung in sowjetischer Kriegsgefangenschaft und abenteuerlichen Erlebnissen bei der Flucht, war Schmidt im Spätherbst 1945 wieder in Weingarten. Auch aus den folgenden Monaten, die vorzugsweise der Regenerierung und der Stabilisierung seiner Gesundheit dienten, existieren Skizzen, kleine Gemälde ausgeführt mit irgendwelchen, oftmals schäbigen und irgendwo aufgetriebenen Malmaterialien. Nach wie vor galt als Berufsziel die Tiermedizin. An der Universität Tübingen war es möglich, als Vorbereitung darauf Zoologie zu studieren. Schmidt bewarb sich dort, machte auch im damaligen Zoologischen Institut durch seine Zeichnungen auf sich aufmerksam. Nach einigen Wochen setzte sich aber die Erkenntnis durch, dass ihn Anatomie und Morphologie von Mensch und Tier sehr stark faszinierten, aber letztlich nicht die Pathologie.

Schmidt kehrte, zum Entsetzen seiner Umwelt, der Universität den Rücken, kam nach Weingarten zurück und wollte Bildhauer werden. Bei verschiedenen Steinmetzen und in steinverarbeitenden Betrieben der näheren und weiteren Umgebung machte er Praktika. Er lernte die Vielfalt der Steine als Material und Ausdrucksmittel kennen, beschäftigte sich eingehend mit Schriften, fertigte Steinskulpturen und bearbeitete Grabsteine. In dieser Zeit eignete er sich profunde Kenntnisse in der praktischen Bildhauerei an.

Erfahrung mit Professor Staneika Immer wieder suchte er künstlerischen Austausch und Anregungen bei Diskussionen in Kunstakademien und bei deren Professoren zu finden und kehrte jedes Mal enttäuscht vom festzementierten Akademiebetrieb zurück. In der Zwischenzeit hatte Schmidt Professor Adalbertas Staneika kennengelernt, ehemaliger Direktor der Kunstakademie in Kaunas/Litauen. Als gleichzeitig hoher Diplomat politisch verfolgt, hatte es ihn in den Kriegswirren nach Ravensburg verschlagen. Schmidt wurde Privatschüler von Professor Staneika bis zu dessen Auswanderung nach Amerika im Jahre 1949.

„Nach dem zweiten Weltkrieg, als ich meine Laufbahn als Bildhauer begann, brachte mich mein glücklicher Stern mit Professor A. Staneika zusammen, der damals in Ravensburg lebte. Mehrere Jahre lang war ich sein Schüler. Während jener Zeit führte mich Staneika in neue Dimensionen des Lebens ein. Was das Zeichnen anbetrifft, bin ich Staneika dankbar, dass er mir eine sehr ausdrucksstarke und solide Technik vermittelte. Seine Korrekturen und Anweisungen, verbunden mit künstlerischem Realismus gruben eine so deutliche Spur, dass bis in meine letzten Arbeiten seine Fußstapfen sichtbar sind…“Eberhard Martin Schmidt zitiert nach: F. Adriunas: Adalbertas Staneika – Lithuanian Artist Painter and Diplomat, 1987 Wyncote, Philadelphia, S. 19. Übersetzung: Eva M.Schmidt

Neben der Verwirklichung eigener Ideen ist diese Epoche eine Zeit intensiver Schulung anhand von Portraitzeichnungen, unzähligen Studien und Kopien von Klassikern. In der Malerei sind es bevorzugt Farbstudien in impressionistischer Manier.

Wanderjahre mini|E. M. Schmidt: Benedictus Pater Europae, Holzschnitt, 1980, WVZ 0261

Es folgen Anfang der Fünfziger die „Wanderjahre“. Wesentliche Eindrücke brachten monatelange Reisen nach Italien, die Schmidt – überwiegend zu Fuß – u. a. über Venedig, Mailand, Florenz, Carrara, Rom bis nach Neapel führten. Sein Hauptinteresse galt neben der Landschaft natürlich der Kunst, insbesondere der Antike, der Romanik und der Meisterwerke von Renaissance und Barock, die er an Ort und Stelle eingehend studierte. Immer wieder praktizierte er bei Steinmetzen oder auch in den Steinbrüchen von Carrara, um sich mit Material und Techniken vertraut zu machen. Bei einem längeren Aufenthalt in Monte Cassino (Montecassino) arbeitete er am Wiederaufbau des alten Klosters mit, woraus sich ein lebenslanges Interesse am Ordensgründer Benedikt von Nursia herleitet.

Die Eindrücke ausgedehnter Fahrten in die Niederlande, längere Aufenthalte in verschiedenen Regionen Deutschlands, weitere Reisen in die Alpenländer und immer wieder nach Italien fanden ihren sichtbaren Niederschlag in zahlreichen Bildern, Skizzen und Gedankenaufzeichnungen. Vor allem aber entwickelte sich in diesen Jahren ein eigener Stil mit eigener Technik: Den Skizzen verlieh immer häufiger ein Rötelstift exakte Konturen, die Plastizität steigerte sich, der Bildhauer wurde auch auf dem zweidimensionalen Untergrund unverkennbar. Die Suche nach einer gültigen Form, die nicht nur das naturalistische Phänomen widerspiegelte, sondern für eine dahinterliegende Wirklichkeit durchlässig war, rückte immer mehr ins Zentrum allen künstlerischen Schaffens.

Das Experiment mit verschiedenen Techniken In der Malerei tritt ab etwa 1950 anstelle der Öl-Prima-Technik immer häufiger die Harz-Lasur-Technik, eine Abwandlung der Techniken Tizians und Rembrandts, die durch ihre Vielschichtigkeit eben auch andere Farbtransparenzen erlaubt als ein deckendes Verfahren. Analog werden ab da auch die Aquarelle in ihrer Wirkung „durchsichtiger“. Eine neue plastische Ausdrucksmöglichkeit findet Schmidt etwa Mitte der fünfziger Jahre in der Keramik. Im Gegensatz zur klassischen Bildhauerei, die die Figur aus dem Material herausschält, fasziniert ihn das Additive, Aufbauende. Neben Vasen und Schalen entstehen so zum Beispiel eine zusammengehörende Reihe von sechzehn Terrakotten, weiblichen Figuren in Statuettengröße, die – benannt nach dem griechischen Alphabet – in ihrer formalen Gestaltung die Ausdrucksvarianten weiblicher Psyche ausloten.

Im Laufe der folgenden Jahre sind es monumentalere Tierplastiken, große Gefäße und vor allem immer wieder Modelle für Großplastiken, die aus Ton in Aufbautechnik geformt und gebrannt werden.

Die Ästhetik der Schrift und philosophische Betrachtungen mini|Aquarellkompositionen, 1951, WVZ 1303. Die eigens von ihm entwickelte Schrift fand ab dieser Zeit immer mehr Verwendung in Schmidts Werken. In dieser Zeit um 1952 entwickelt Schmidt auch seine persönliche Schrift, Buchstaben und Zahlen nach eigenen ästhetischen Vorstellungen, die er fortan für künstlerische Notizen, aber auch für allgemeine Aufzeichnungen verwendet.

Neben den bildnerischen Darstellungen entstehen in den kommenden Jahren immer häufiger umfangreiche Abhandlungen zu philosophischen und gesellschaftlichen Problemen, wie etwa „Der Staat ist Dämonie“, „Das Böse als Problem der Gesellschaft“, „Der Tod als Problem der Gesellschaft“, über Freiheit und Friedensforschung. In „Gespräche im Dunkeln“, diskutieren bekannte, längst verstorbene Persönlichkeiten in fiktiven spannenden Dialogen über heute noch hoch aktuelle Fragestellungen.

Erfahrungen in Indien In den Jahren 1963 / 64 trägt ein längerer Aufenthalt in Indien mit seiner Frau wesentlich zur Erweiterung künstlerischer und weltanschaulicher Erfahrungen bei. Nach wochenlanger Seereise geht die Fahrt von Bombay nach Hyderabad, wo Schmidt einige Monate lang im College of Fine Arts and Architecture (heute Jawaharlal Nehru Architecture and Fine Arts University) arbeitet. Intensive Gespräche mit Studierenden und Kollegen über alte und moderne Kunst, über Religion, tradierte Vorstellungen und Lebensstile geben nachhaltige Einblicke in andere Lebens-, Glaubens- und Ausdrucksformen. Eine abschließende Reise durch Südindien, durch Dschungel- und Küstenlandschaften, in Kultur- und alte Tempelstädte vertiefen diese Eindrücke.

Die erste Ausstellung Wieder zurück in Deutschland, zeigt sich diese anhaltende Resonanz in einer Fülle von Skizzen, Bildern, Plastiken. Im Herbst 1964 arrangiert Schmidt seine erste von ihm konzipierte große Kunstausstellung im Alten Theater in Ravensburg mit etwa 60 Werken, Skulpturen und Bildern. Die Kritiken konnten unterschiedlicher nicht sein. Von großer Begeisterung bis hin zu deutlicher Abneigung waren die Besucher erfüllt. Die unterschiedlichen Reaktionen auf seine Kunst und die daraus resultierende Ablenkung von seiner eigentlichen Aufgabe als Künstler, seine ungeteilte Kraft und Aufmerksamkeit ausschließlich der Realisierung seiner künstlerischen Einfälle zu widmen, führten dazu, dass Eberhard Martin Schmidt sich dazu entschloss, nie wieder zeitlebens eine Ausstellung zu organisieren.

Die letzten 30 Jahre Die folgenden Jahrzehnte sind geprägt von intensiven Schaffensperioden in jeder Hinsicht: Die öffentlichen bekannten Großplastiken entstehen, Gemälde, Aquarelle, Skizzen, Entwürfe für ausgeführte oder nur geplante Projekte reihen sich in dichter Folge aneinander, weitere Manuskripte zu philosophischen und gesellschaftlichen Fragen und eine Fülle von Sonetten werden verfasst.

In ORA, einer philosophisch–weltanschaulichen Dichtung, findet Schmidt eine eigene literarische Form, die in festgefügtem Aufbau, den allgemeinen künstlerischen Schaffensprozess nachzeichnend, alle wesentlichen Lebens- und Glaubensbereiche thematisiert und übergreifende Antworten auf existentielle Fragen sucht.Eberhard Martin Schmidt: ORA, herausgegeben von Dr. Eva Maria Schmidt, Ravensburg 2003 Größere und kleinere Reisen mit der Familie, leidenschaftliche Diskussionen über anstehende politische, gesellschaftliche und religiöse Fragen in aufgeschlossenen Gesprächsrunden, geben unzählige Anregungen, die weiterentwickelt, weitergedacht werden und ihren künstlerischen oder literarischen Ausdruck finden.