mini|Lawrence Wollersheim Lawrence Wollersheim (geb. 1951) ist ein US-amerikanischer Autor und ehemaliger Scientologe, der einen Schadenersatzprozess gegen Scientology anstrengte und 8,67 Millionen Dollar vom Gericht zugesprochen bekam.Lawrence Wright Im Gefängnis des Glaubens, Deutsche Verlagsanstalt, ISBN 978-3-421-04535-5 Scientology zögerte den Prozess 22 Jahre hinaus, musste aber dann erstmals eine große Entschädigungszahlung an ein ehemaliges Mitglied leisten.Neue Zürcher Zeitung, 13. Mai 2002, , abgerufen am 6. August 2014
Die Klage Lawrence Wollersheim verließ 1979 Scientology, nachdem er 10 Jahre lang Mitglied der Organisation gewesen war. In weiterer Folge verklagte er diese 1980 auf Schadenersatz in der Höhe von 25 Millionen Dollar. Wollersheim machte vor Gericht geltend, dass die Scientology-Praktiken, die u. a. Gehirnwäsche und emotionale Misshandlung beinhalteten, bei ihm seelischen Schaden verursacht und ihn an den Rand eines Selbstmords getrieben hatten.Janet Reitman Inside Scientology – The Story of America‘s Most Secretive Religion, Houghton Mifflin Harcourt Publishing Company, New York, ISBN 978-0-618-88302-8 Weiter gab er an, dass er gezwungen worden sei, mit seinen Eltern den Kontakt abzubrechen, 18 Stunden pro Tag in einem Laderaum eingesperrt und durch Schlafentzug gequält worden zu sein. Vor allem durch das Erreichen der Scientology-Stufe OT III war seine Identität schwer erschüttert worden, da er danach nicht mehr wusste, ob er noch er selbst war oder von jenen tausenden Wesen (Körperthetane – Body Thetans) beherrscht werden würde, die in der OT-III-Xenu-Geschichte vermittelt werden. Wollersheim: „Ich wurde psychotisch. Ich wusste nicht mehr, wer ich war“.The Village Voice, Tony Ortega, Running Scared: Scientology’s Crushin Defeat, 24. Juni 2008 abgerufen am 7. August 2014
Die Vorgeschichte Wollersheim hatte Scientology im Alter von 18 Jahren kennengelernt. Er studierte an der University of Wisconsin at Madison, als er bei einem Besuch in San Francisco angesprochen und zu einem Persönlichkeitstest eingeladen worden war. Er beendete sein Studium, belegte einige Scientology-Kurse, unterzeichnete einen Eine-Milliarde-Jahre-Vertrag der Scientology-Sea-Organisation (Sea Org) und war im Celebrity Center an der 6th Street tätig, wo er Celebritys anwerben sollte.
Nach seiner Zeit als Scientology-Mitarbeiter führte er ein Unternehmen mit 132 Angestellten, das in sieben Städten Kunst an Unternehmen verkaufte. Fast alle Angestellten waren Scientologen und fast alle Kunden ebenfalls.
Seinen dritten Nervenzusammenbruch (Psychotic Break) erlitt Wollersheim beim Absolvieren der Scientology-Stufe OT V. Er verließ Clearwater, wo er OT V absolviert hatte, fuhr nach Los Angeles, wo er sich in einem dunklen Zimmer fand, mit einem Revolver spielend und darüber nachdenkend, Selbstmord zu begehen. Er fuhr wieder nach Clearwater zurück, wo ihm eine Freundin anbot, ihm zu helfen, und er auch einen Mitarbeiter des damaligen Guardian Office traf, der ihm erklärte, dass „er niemals irgendetwas von dem, was er in Scientology erlebt hatte, einem Arzt, Anwalt oder Priester sagen dürfe“. Das Guardian Office war der Vorläufer des heutigen Office of Special Affairs (OSA), dem Geheimdienst von Scientology.
Danach verließ er Scientology und strengte einige Zeit später eine Schadensersatzklage an.
Der erste Prozess Der Prozess fand zwischen 1980 und 1986 statt und wurde durch unzählige Eingaben und Anträge der Scientology-Anwälte verzögert. Die Position von Scientology illustriert dabei die Aussage ihres damaligen Los-Angeles-Präsidenten, Ken Hoden: „Larry Wollersheim wird niemals eine einzige dünne Dime von Scientology erhalten!“ (Larry Wollersheim will never get one thin Dime from the Church of Scientology – Dime ist eine 10-Cent-Münze). Scientology startete aber auch verdeckte Aktionen. So wurde das Haus des Anwalts von Wollersheim, Charles O’Reilly, verwanzt und ein Agent in seiner Anwaltskanzlei platziert. Gegen O’Reilly selbst und dessen Leibwächter setzte man weibliche Lockvögel ein.Eidesstattliche Erklärung von Vicky Aznaran, einer ehemaligen Scientology-Managerin, 29. Juni 1993 – aus Lawrence Wright Im Gefängnis des Glaubens, Deutsche Verlagsanstalt, ISBN 978-3-421-04535-5 Auch der Richter in dem Prozess, Ronald Swearinger, wurde unter Druck gesetzt: „Ich wurde beschattet, meine Autoreifen wurden aufgeschlitzt und mein Collie ertrank im Pool“.American Lawyer, William W. Horne, The Two Faces of Scientology, Juli/August 1992 Darüber hinaus wurde auf den homosexuellen Sohn des Richters ein minderjähriger Sexpartner angesetzt. Zu Beginn des Prozesses wurde der Saal mit sogenannten OT VII gefüllt, damit diese mit Telepathie dessen Ausgang beeinträchtigen sollten. Das Gericht ließ sich von den Aktivitäten von Scientology nicht beeindrucken und an einem Freitag verkündete es, dass am folgenden Montag die geheimen OT-III-Materialien von Scientology behandelt werden würden, da der Anwalt von Wollersheim die Anklagepunkte mit diesen belegen wollte.Hugh B. Urban The Church of Scientology – A History of a New Religion, Princeton University Press, New Jersey, ISBN 978-0-691-14608-9
An besagtem Montag standen 1.500 Scientologen vor der Tür des Gerichtes, um Kopieranfragen in der Gerichtskanzlei zu stellen und derart zu verhindern, dass die OT-III-Unterlagen von Nicht-Scientologen eingesehen werden konnten. Der Los Angeles Times gelang es trotzdem, an eine Kopie zu gelangen. Am 5. und 7. November 1985 veröffentlichte die Zeitung eine Zusammenfassung der Geschichte.Los Angeles Times, Joel Sappell und Robert Welkos, Scientologists Rush to Protect Basic Beliefs Released by Judges, 5. November 1985, , abgerufen am 14. August 2014Los Angeles Times, Scientologists Scramble to keep Secrets, 7. November 1985, eine Kopie des Artikels ist hier zu finden Lawrence Wright: „Der Schleier des Geheimnisses war zerrissen“. In den Artikeln der Los Angeles Times wurde die okkulte Kosmologie von Scientology offengelegt, die detaillierten OT-III-[Xenu]-Daten wurden erst im Prozess Scientology vs. Steven Fishman publik, die daraufhin im Internet gepostet wurden, wo sie bis heute zirkulieren.
Zum Abschluss des Prozesses sprach die Jury Larry Wollersheim 30 Millionen Dollar als Entschädigung zu.Los Angeles Times, Joel Sappell, $30-Million Court Fight Lost by Scientology, 19. September 1986, , abgerufen am 7. August 2014
Weitere Prozesse Scientology ging in Berufung, 1989 wurde der Klage Wollersheim vor dem Berufungsgericht erneut stattgegeben, die Schadensersatzsumme wurde aber auf 2,5 Millionen Dollar reduziert.Larry Wollersheim vs. Scientology, 1989
In zwei separaten Gerichtsverfahren ging Scientology vor dem US-Bundesbezirksgericht (US District Court) auf Grundlage des RICO Acts (Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act) gegen Wollersheim, seine Anwälte und seine Sachverständigen vor.Church of Scientology vs. Wollersheim, 1996 Die Klagen bezogen sich darauf, dass Wollersheim vorgeworfen wurde, während seines Schadensersatzprozesses versucht zu haben, interne Scientology-Dokumente zu präsentieren, was aus Sicht von Scientology dem Vorgehen einer kriminellen Vereinigung entsprach. Beiden Klagen wurde nicht stattgegeben.
Scientology ging danach noch zwei Mal vor den Supreme Court, um das Urteil zu bekämpfen. Das erste Verfahren endete 1994 mit dem Ergebnis der Vorinstanzen, die Entschädigungssumme war mit Zinsen auf 4,7 Millionen Dollar angewachsen.FOCUS, Scientology – Schadenersatz, 31. Oktober 1994, , abgerufen am 7. August 2014
Nach dem zweiten Verfahren, dem ebenfalls nicht stattgegeben wurde und das eine weitere Berufung ausschloss, überbrachten Anwälte von Scientology 2002 dem Gericht einen Scheck über 8.647.483 Dollar, um die ursprüngliche Summe samt Zinsen zu begleichen und das laufende Gerichtsverfahren einzustellen.Neue Zürcher Zeitung, Scientology zahlt Millionen an ehemaliges Mitglied, , abgerufen am 14. August 2014Der Spiegel, Entschädigung: Scientology zahlt Ex-Mitglied fast 8,7 Millionen Dollar, 11. Mai 2002, , abgerufen am 14. August 2014DIE WELT, Scientology zahlt Ex-Mitglied hohe Entschädigung, 13. Mai 2002, , abgerufen am 14. August 2014Österreichischer Rundfunk ORF, Scientology zahlt Ex-Mitglied 8,7 Millionen Dollar Entschädigung, 13. Mai 2002, , abgerufen am 14. August 2014USA Today, Church of Scientology pays $8.8M in legal dispute, 11. Mai 2014, , abgerufen am 14. August 2014Washington Post, Richard Leiby, Ex-Scientologist Collects $8.7 Million In 22 Year Old Case, 10. Mai 2002The Age (Australien), Richard Leiby, After 22 years, church pays damages to ex-member, 11. Mai 2002, , abgerufen am 8. August 2014
Nach 22-jähriger Prozessdauer blieben Lawrence Wollersheim zwischen einer und zwei Millionen Dollar der Entschädigungssumme, der Rest ging an seine Anwälte für deren jahrelange Arbeit.
Der Religionssoziologe Stephen Kent (University of Alberta) begrüßte das Urteil: „Der Fall Larry Wollersheim ist eine der wesentlichsten Entscheidungen gegen Scientology, da sie zeigt, dass deren Praktiken gefährlich bzw. schädlich sind“.
FACTnet 1993 gründete Larry Wollersheim gemeinsam mit Bob Penny das FACTnetFACTnet (Fight Against Coercive Tactics Network), das es sich zur Aufgabe gestellt hatte, in Bezug auf destruktive Gedankenkontrolle im Internet aufklärend zu agieren.St. Petersburg Times, WAYNE Garcia, Network gives voice to former Scientologists, 3. August 1993
Da ein Schwerpunkt ScientologyFACTnet re: Scientology und Dianetik gewidmet war, wurde FACTnet 1995 von Scientology u. a. auf Copyrightverletzung verklagt. Am 22. August des gleichen Jahres führten zwei US-Marshals in Begleitung von sechs Repräsentanten von Scientology/RTC eine Razzia bei Penny und Wollersheim durch, wobei sechs Computer, Software und ein Dutzend Boxen mit Unterlagen beschlagnahmt wurden. Im September 1995 stellte das Gericht fest, dass keine Copyrightverletzungen vorlagen und die Beschlagnahmung im August illegal war und eine Verletzung der freien Meinungsäußerung darstellte. Scientology prozessierte danach weiter gegen FACTnet und erst 1999 wurde ein Vergleich geschlossen.Hugh Urban The Church of Scientology – A History of a New Religion, Seiten 183–185, Princeton University Press, New Jersey, ISBN 978-0-691-14608-9
Fair Game (Freiwild) Im Rahmen des Wollersheimprozesses wurde seitens Scientology eine ganze Reihe von Fair-Game-Aktionen gesetzt, um den Prozess zu torpedieren und die Beteiligten unter Druck zu setzen. Sein Anwalt und der Richter wurden bedrängt, Wollersheim selbst sollte durch das Hinauszögern und Ausweiten des Verfahrens in den finanziellen Ruin getrieben werden.
Das Fair-Game-Gesetz stammt vom 18. Oktober 1967:
Nachdem dies einen öffentlichen Entrüstungssturm hervorgerufen hatte, wurde die Fair-Game-Regel ein Jahr später von Scientology insofern zurückgenommen, als das Wort Fair Game nicht mehr aufscheinen durfte.Hugh B. Urban The Church of Scientology – A History of a New Religion, Kapitel 3, Seite 109: L. Ron Hubbard, 21. Oktober 1968, HCO PL Cancellation of Fair Game, Princeton University Press, New Jersey, ISBN 978-0-691-14608-9 Die Praxis wurde aber weiter ausgeübt.Deklaration von Vicki Aznaran, 4. April 1994, aus Hugh B. Urban The Church of Scientology – A History of a New Religion, Princeton University Press, New Jersey, ISBN 978-0-691-14608-9
Die Anwälte von Scientology argumentierten u. a. im Wollersheim-Verfahren, dass Fair Game ein „Tätigkeitsschwerpunkt von Scientology“ (core practice of Scientology) sei und derart als religiöse Ausdrucksform geschützt sein sollte.Hugh Urban The Church of Scientology – A History of a New Religion, Princeton University Press, New Jersey, ISBN 978-0-691-14608-9
Literatur
Einzelnachweise
Kategorie:Person (Scientology) Kategorie:US-Amerikaner Kategorie:Geboren 1951 Kategorie:Mann