mini|Eduard von Grützner: Falstaff, eine komische Bühnenfigur

Humor ist die Begabung eines Menschen, der Unzulänglichkeit der Welt und der Menschen, den alltäglichen Schwierigkeiten und Missgeschicken mit heiterer Gelassenheit zu begegnen.Duden: Das Herkunftswörterbuch. Mannheim 2007, Lemma Humor. Diese engere Auffassung ist in der sprichwörtlichen Wendung „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“ ausgedrückt, die dem Schriftsteller Otto Julius Bierbaum (1865–1910) zugeschrieben wird. In einer weiteren Auffassung werden auch jene Personen als humorvoll bezeichnet, die andere Menschen zum Lachen bringen oder selbst auffällig häufig lustige Aspekte einer Situation zum Ausdruck bringen.

Etymologie Das Wort Humor ist lateinisch humor in der Bedeutung von „Feuchtigkeit“ (lateinisch auch humorositasGundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 380 (Feuchtigkeit, auch humiditas sowie humor und humorositas im Sinne der humoralpathologischen Qualitätenlehre).) entlehnt: Unter anderem die seelische Gestimmtheit (innere ArtFriedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 320.) des Menschen war gemäß der von Galen entwickelten Temperamentenlehre von den im Körper wirksamen Körpersäften (lateinisch humores), Säften bzw. „Leibesfeuchten“ (vgl. Humoralpathologie) abhängig, die das cholerische, melancholische, phlegmatische oder sanguinische Temperament hervorbringen. Die Entwicklung der heute üblichen Bedeutung des Wortes Humor, das in seiner Endbetonung an das französische Wort humeur angeglichen ist, stammt aus englisch humour. Dieser Begriff umfasste im 17./18. Jahrhundert eine besondere Stilgattung, die komische Situationen in verspielter Heiterkeit darstellen wollte, wobei die Entstehung der englischen Komödie schon im 16. Jahrhundert begonnen hatte.Lothar Fietz: Die Geburt der englischen Komödie im Spannungsfeld von Sakralität und Profanität. In: Anja Grebe, Nikolaus Staubach (Hrsg.): Komik und Sakralität. Lang, Frankfurt am Main 2005, S. 156–163.

Theorien Es gibt theoretische Ansätze, Humor aus verschiedenen wissenschaftlichen, psychologischen und sozialen Blickwinkeln zu erklären, doch eine „einheitliche Theorie des Humors“ wurde bisher nicht entwickelt. Dabei spielt vermutlich die große Vielfalt des Lachens, seiner Zielrichtungen, Verfahren und Anlässe eine Rolle. Immerhin ist es heute Konsens, dass Lachen als ein Kulturphänomen an eine bestimmte historische, soziale und personelle Konstellation gebunden ist. Für historisch frühe Formen existieren aber immer noch mehr offene Fragen als Quellen. Es ist zum Beispiel umstritten, ob der Mensch allein die Fähigkeit des Humors besitzt („Der Mensch: der lachende Affe“), oder ob auch anderen Lebewesen diese Fähigkeit zukommt (s. u.).

Auch die Feldforschung der Ethnologie hat bisher keine Integration ihrer vielen Beobachtungen erarbeiten können: Worüber man lacht, wer das Lachen wie auslöst, welche Wirkung ein Lachen im sozialen Kontext hat – die Antworten auf diese Fragen sind immer noch sehr verschieden. Eine besondere Schwierigkeit ist, dass das Lachen anderer Kulturen oft nur in der Kontaktsituation mit Ethnologen beobachtet werden konnte: Andere Ethnien lachten über die für sie erstaunlichen Verhaltensweisen der Ethnologen. Also beeinflussten Herkunft und Verhalten der Forscher während ihrer Beobachtungen gelegentlich auch schon die Aktionen und Reaktionen der von ihnen observierten Individuen.

Im Wesentlichen sind drei Haupt-Theorien bekannt, welche den Kern eines humorvollen Momentes erfassen sollen und bereits seit Jahrhunderten bzw. sogar Jahrtausenden existieren:

Die Überlegenheits-Theorie geht bereits auf Aristoteles zurück.Aristoteles: Poetik (unvollständig überliefert) Es wird gesagt, dass wir in den Situationen lachen, in denen wir uns einem Mitmenschen gegenüber überlegen fühlen, also z. B. wenn sich jemand dumm anstellt und etwas vermasselt. Nach heutigem Stand deckt diese Theorie lediglich einen Teil aller humorvollen Situationen ab. Die Inkongruenz-Theorie, von der Cicero ein Hauptvertreter war,M. Tullius Cicero: De oratore besagt, dass wir immer dann lachen, wenn ein überraschender Wechsel zu einer anderen, meist trivialeren Sichtweise stattfindet. Es wird also eine gegebene Situation nacheinander aus zwei unterschiedlichen Perspektiven beurteilt, wobei es sich bei der zweiten meist um eine einfachere bzw. unzulängliche Sichtweise handelt. Beispiele hierfür zu finden ist nicht schwer, besonders Wortwitze fallen hierunter. Die sogenannte Entladungs-Theorie geht zurück auf Sigmund Freud.Sigmund Freud: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten Nach Freud dient Humor dazu, psychologische Spannungen bzw. Hemmungen aufzulösen. Diesen Hemmungen wird meist ein sozial-kultureller Hintergrund zugeschrieben. Anders formuliert dient Humor laut Freud dazu, unterdrückte Wünsche auf eine gewisse Weise offenzulegen (zu entladen).

In neuerer Zeit wurde eine Definition formuliert, welche die drei Theorien vereint, nämlich dass unser Lachen „ein akustischer Hinweis auf einen unbemerkten Rückfall in einfachere Verhaltensmuster“ sei. Die evolutionsbiologische Entstehungsgeschichte sowie der relativ komplizierte Zusammenhang zur Kitzligkeit können auf diese Weise ebenfalls dargestellt werden.Thomas Dramlitsch: Wie der Witz in die Welt kam, Berlin ISBN 978-1-5497-7580-2

Funktionsweisen und Strukturen Im Allgemeinen wird im Deutschen unter Humor verstanden, wenn man in einer bestimmten Situation trotzdem lacht. Diese Formulierung wird Otto Julius Bierbaum zugeschrieben. Wenn man dieses trotzdem näher betrachtet, dann verbindet Humor Schwäche und Stärke auf eine eigentümliche Art und Weise: Ein Lachen ist nur dann Humor, wenn es in einer kritischen Situation auftritt, sich nicht gegen Dritte richtet und eine noch so kleine Hoffnung auf die Überwindung der Krise vermittelt.

Humor wird erkannt an der intellektuellen Konstruktion eines offenbar unangemessenen, nebensächlichen Standpunkts in einer Situation der Gefahr, des Scheiterns oder der Niederlage. Die Unangemessenheit wird sprachlich oder im Verhalten gewollt inszeniert und die Gefahr damit auf eine fadenscheinige Weise umspielt. So wird die Beschwernis als Luxus, das Unangenehme als Errungenschaft vorgeführt und nachträglich ein unsinniger Sinn konstruiert. Christopher Fry: „Humor ist eine Flucht vor der Verzweiflung, ein knappes Entkommen in den Glauben.“ Typische Formulierungen für die humorvolle Umdeutung einer ungewissen Lage sind: „Wenigstens haben wir …“ oder: „Immerhin besser als …“

Als ein Beispiel für die Verschiebung der Perspektive hin zu einem übergeordneten, relativierenden Standpunkt erwähnt Freud die Bemerkung eines Delinquenten, der am Montag zum Galgen geführt wird und kommentiert: „Na, die Woche fängt gut an.“ (Der Humor, 1927) Für Freud ist „der Humor der Beitrag zur Komik durch Vermittlung des Über-Ichs.“: Die humoristische Einstellung sich selbst oder anderen gegenüber beruht darauf, so erklärt Freud, „dass die Person des Humoristen den psychischen Akzent von ihrem Ich abgezogen und auf ihr Über-Ich verlegt hat. Diesem so geschwellten Über-Ich kann nun das Ich winzig klein erscheinen, seine Interessen geringfügig“. Vom entfernteren Standpunkt des Über-Ichs erscheinen die Probleme des Ichs nur noch als Petitessen.

Auslöser eines humorvollen Lachens sind die erfundenen Fehler, die einem – trotz anderer, die man sich schon geleistet hat – noch nicht unterlaufen sind. Diese künstliche Verdopplung der eigenen Schwäche überwindet symbolisch das Bedrohliche der Situation. Im Tiefstapeln der Gefahr steckt der optimistische Hinweis, dass man sich der Situation nicht ohne Widerstand ausliefert. Dieser symbolische Vorgriff vermittelt neue Hoffnung auf eine Lösung auch im wirklichen Leben: Im Humor macht sich eine Person dümmer, als sie ist, und wird dadurch stärker, als sie scheint.

Beispiele:

Madelaine erzählt ihrem Mann, dass ihr Psychiater sie vor ihren paranoiden Momenten gewarnt habe. „Jedenfalls werde ich dich nie langweilen“, kündigt sie Herzog an. (Saul Bellow: Herzog) „‚Limonensaft ist in diesem Klima sehr gesund. Er enthält – nun, ich bin nicht ganz sicher, welche Vitamine er enthält.‘ Er reichte mir einen Becher, und ich trank. ‚Na, wenigstens ist er nass‘, sagte ich.“ (Graham Greene, Der stille Amerikaner) Aus der Antike: 480 v. Chr. droht Xerxes I. den Griechen bei den Thermopylen: „Ich habe so viele Bogenschützen, dass ihre Pfeile die Sonne verdunkeln werden!“ König Leonidas von Sparta lässt der Überlieferung nach antworten: „Umso besser – dann kämpfen wir im Schatten!“

Im Gegensatz zur Abwertung anderer in der Ironie, im Spott oder im Zynismus macht Leonidas diese humorvolle Bemerkung (auch) über sich selbst. Er stirbt sogar noch vor seinen Kriegern in jener Schlacht. Wichtig ist: Leonidas denkt als Betroffener, nicht als Besserwisser. Im Gegensatz zu anderen Formen des Lachens stiftet Humor Gemeinschaft; Ironie, Spott und Zynismus dagegen sind Denkformen der Dekonstruktion und sozialen Eskalation, die nur über den Umweg sozialer Kämpfe integrieren. „Lieber einen Freund verlieren als einen Witz!“ – dieses auf Quintilian zurückgehende Motto mag manches Lachen meinen, aber eben keinen Humor.

Humorstile Menschen unterscheiden sich in der Art und Weise, wie und zu welchem Zweck sie Humor in ihrem täglichen Leben einsetzen. Um diese verschiedenen Arten der Humorverwendung zu beschreiben, wird von sogenannten Humorstilen gesprochen, die im Laufe der Zeit relativ stabil bleiben. Es wurde vorgeschlagen, dass es vier verschiedene Humorstile gibt: sozial-verbindenden Humor, selbstförderlichen Humor, aggressiven Humor und selbstabwertenden Humor. Psychometrische Forschung hat gezeigt, dass verschiedene Humorstile unterschiedliche Auswirkung auf soziale Interaktion und psychische Gesundheit haben. Generell gelten sozial-verbindender Humor und selbstförderlicher Humor als adaptive Humorstile und aggressiver und selbstzerstörerischer Humor als maladaptive Humorstile.

Abgrenzung von Ironie, Spott, Zynismus und Witz mini|Karikatur über Charles Darwin Ein Verständnis von Humor als einer Denkform des Trotzdem bewährt sich in der Abgrenzung zu anderen Formen des Lachens. Dabei sind die Äußerlichkeiten der Präsentation – ob gedruckt, gesprochen, gespielt oder gezeichnet – eher unwichtig. Wesentlich dagegen ist, dass andere Formen des Lachens über eine vom Humor im engeren Sinn deutlich unterscheidbare Struktur verfügen:

Ironie ist eine Denkform des inszenierten Widerspruchs, der Vergrößerung des Bruchs zwischen Selbstbild und Fremdbild, zwischen Absichten und Wirkungen, zwischen notwendigem und tatsächlichem Verhalten. Sie konfrontiert Dritte mit ihren unerreichten Idealen oder mit ihrer durchsichtigen Um-Wertung des Faktischen. Distanzierende Nachahmung und kritische Verstärkung sind ihr Prinzipien: Ironie führt die unhaltbare Seite sprachlich vor, zerrt das Ungenügen ans Licht und macht Über- oder Untertreibungen sichtbar durch symbolische Steigerung. Indem sie das tut, meint Ironie manchmal das Gegenteil von dem, was gesagt wird. Beispiele: Liesl Karlstadt: „Ich komme wegen dem Haus!“ Karl Valentin: „Es ist aber ein Häuschen.“ Karlstadt: „Haus, Häuschen, Häuseleinchen. Steht es im Freien?“ Der in seinen Enkel verliebte Großvater Sartres nahm Sartres Vater dessen frühen Tod mit nur 32 Jahren übel: „Angesichts dieses verdächtigen Abscheidens fragte er sich, ob sein Schwiegersohn überhaupt je existiert habe …“ (Jean-Paul Sartre, Die Wörter)