Al-Mughīra ibn Saʿīd (; † 737 in Kufa) war ein Anhänger des fünften schiitischen Imams Muhammad al-Bāqir, der nach dessen Tod das Prophetentum für sich in Anspruch nahm und eine eigene gnostische Sekte gründete. Er maß ʿAlī ibn Abī Tālib übermenschliche Eigenschaften zu und lehrte, dass Gott ein aus Buchstaben zusammengesetzter Mann aus Licht sei. Im Jahre 737 wurde er von dem umayyadischen Statthalter Chālid al-Qasrī in Kufa hingerichtet. Die von ihm gegründete Sekte wird als Mughīrīya bezeichnet und in der islamischen Doxographie der extremen Schia zugerechnet.

Die wichtigsten Quellen zu al-Mughīra und der Mughīrīya sind die doxographischen Werke von Abū l-Hasan al-Aschʿarī, an-Naubachtī, ʿAbd al-Qāhir al-Baghdādī (st. 1037), Ibn Hazm und asch-Schahrastānī, die Weltchronik von at-Tabarī sowie die Ridschāl-Werke von Muhammad ibn ʿUmar al-Kaschschī (st. um 951) und adh-Dhahabī.Vgl. Halm: Die islamische Gnosis. 1982, S. 27–31. In vielen dieser Quellen wird al-Mughīra als lügnerischer Zauberer (sāḥir kaḏḏāb),Vgl. z. B. adh-Dhahabī: Mīzān al-iʿtidāl 490f. Daddschāl oder Satan verflucht. Die meisten sunnitischen und schiitischen Autoren wiesen seine Lehren scharf zurück.Vgl. Wasserstrom: “The Moving Finger Writes”. 1985, S. 19–29.

Herkunft und persönliche Eigenschaften Woher al-Mughīra stammte, ist unbekannt. Ibn Qutaiba und Ibn Hazm berichten, dass er ein Klient des arabischen Stammes Badschīla war. Bei an-Naubachtī wird er als ein Klient des umayyadischen Statthalters Chālid al-Qasrī bezeichnet, der dem Stamm der Badschīla zugehörte.Vgl. Halm: Die islamische Gnosis. 1982, S. 90. Bei al-Baghdādī und asch-Schahrastānī trägt er die Nisba al-ʿIdschlī, was ihn zu einem Angehörigen der Banū ʿIdschl machen würde. Doch wird vermutet, dass diese Nisba auf eine Verwechslung mit einem anderen extrem-schiitischen Häresiarchen, nämlich Abū Mansūr al-ʿIdschlī, zurückgeht.Vgl. Madelung: Art. "al-Mughīriyya" in EI², S. 347b.

Ibn Qutaiba und al-Dschāhiz erwähnen, dass al-Mughīra blind war.Vgl. Tucker: “Rebels and gnostics”. 1975, S. 33. In mehreren Quellen wird außerdem erwähnt, dass er als nicht-arabischer Klient ein besonders fehlerhaftes Arabisch sprach.Vgl. Tucker: “Rebels and gnostics”. 1975, S. 39.

Beziehung zu den Aliden Zu einem unbekannten Zeitpunkt schloss sich Mughīra Muhammad al-Bāqir, dem Enkel von ʿAlīs Sohn Husain, an. Asch-Schahrastānī berichtet, dass er dem Imam übermenschliche Eigenschaften beilegte und letzterer ihn deswegen verfluchte.Vgl. asch-Schahrastānī: Al-Milal wa-n-niḥal. 1993, S. 208. Al-Kaschschī schreibt, dass Muhammad al-Bāqir seinen Anhänger al-Mughīra mit dem biblischen Bileam verglichen habe, über den es im Koran heißt: „Der, dem wir unsere Zeichen gaben, der sich dann aber von ihnen lossagte! Da holte ihn der Satan in sein Gefolge, und er irrte ab“ (Sure 7:175).Vgl. aṭ-Ṭūsī: Riǧāl al-Kaššī. 2006, S. 197. Nach Muhammad al-Bāqirs Tod vertrat al-Mughīra eine Zeitlang die Lehre, dass der Imam nicht gestorben sei, sondern wiederkehren werde.Vgl. asch-Schahrastānī: Al-Milal wa-n-niḥal. 1993, S. 208.

Später lehrte al-Mughīra, dass das Imamat nach dem Tode Muhammad al-Bāqirs auf den Hasaniden Muhammad ibn ʿAbdallāh an-Nafs az-Zakīya übergegangen sei.Vgl. an-Naubachtī: Kitāb Firaq aš-šīʿa. 1931. S. 52, Z. 3-4. Er trug seinen Anhängern auf, auf das Hervortreten Muhammads zu warten, und erzählte ihnen, dass Gabriel und Michael ihm zwischen der Ecke (d. h. der Ecke der Kaaba mit dem Schwarzen Stein und dem Standplatz) sc. Abrahams neben der Kaaba huldigen würden.Vgl. Halm: Die islamische Gnosis. 1982, S. 90f. Nach al-Baghdādī behauptete al-Mughīra auch, dass an-Nafs az-Zakīya der erwartete Mahdi sei. Dies soll er aus der Tradition abgeleitet haben, wonach Name und Patronym des Mahdi mit Namen und Patronym des islamischen Propheten übereinstimmen müssen.Al-Baġdādī: al-Farq baina l-Firaq. S. 210.

Dschaʿfar as-Sādiq, der Sohn von Muhammad al-Bāqir, scheint al-Mughīra gehasst zu haben. Al-Kaschschī berichtet, dass Dschaʿfar ihn für einen der sieben Menschen hielt, auf die, wie es in Sure 26:211 heißt, der Satan herabgestiegen sei.Vgl. aṭ-Ṭūsī: Riǧāl al-Kaššī. 2006, S. 253 und Halm: Die islamische Gnosis. 1982, S. 90. Ein Grund hierfür mag gewesen sein, dass Dschaʿfar, wie al-Kaschschī berichtet, den Mahdi-Anspruch von Muhammad an-Nafs az-Zakīya nicht anerkannte.Vgl. aṭ-Ṭūsī: Riǧāl al-Kaššī. 2006, S. 197. Darüber hinaus warf Dschaʿfar al-Mughīra aber auch vor, die Bücher seines Vaters Muhammad al-Bāqir verfälscht und ihm Hadithe untergeschoben zu haben, die im Widerspruch zu den Lehren des Koran stehen. Die verfälschten Bücher habe er anschließend unter den Schiiten verbreitet. Deswegen soll Dschaʿfar wie sein Vater al-Mughīra verflucht haben.Vgl. aṭ-Ṭūsī: Riǧāl al-Kaššī. 2006, S. 194–196. Dass al-Mughīra gefälschte Hadithe verbreitete, wird auch in anderen außer-schiitischen Quellen berichtet.Vgl. Tucker: “Rebels and gnostics”. 1975, S. 34f.

An-Naubachtī überliefert, dass al-Mughīra die Anhänger al-Dschaʿfars, die seine Lehren ablehnten, als Rāfida bezeichnete. Damit lieferte er eine Erklärung für die Verwendung dieses polemischen Namens der imamitischen Schiiten, die sie in einem besonders guten Licht erscheinen ließ.Vgl. Josef van Ess: Theologie und Gesellschaft 1991, Bd. I, S. 311.

Sein Anspruch auf Imamat und Prophetentum Die verschiedenen doxographischen Quellen berichteten übereinstimmend, dass Mughīra zu einem bestimmten Zeitpunkt das Imamat für sich selbst in Anspruch nahm und schließlich sogar behauptete, ein Prophet zu sein.Vgl. z. B. asch-Schahrastānī: Religionspartheien und Philosophen-Schulen. 1850, Bd. I, S. 203. Nach an-Naubachtī und al-Baghdādī behauptete al-Mughīra auch, dass der Engel Gabriel mit einer Offenbarung zu ihm gekommen sei.Vgl. an-Naubachtī: Kitāb Firaq aš-šīʿa. 1931. S. 55, Z. 2-3.Vgl. al-Baġdādī: al-Farq baina l-Firaq. S. 210. Einem anderen Bericht zufolge behauptete al-Mughīra, in den Himmel aufgestiegen und dort von Gott gesalbt worden zu sein.Vgl. Wasserstrom: “The Moving Finger Writes”. 1985, S. 18f.

Al-Mughīras Anspruch auf das Prophetentum war offenbar mit magischen Praktiken verbunden. Al-Aschʿarī berichtet, dass al-Mughīra neben dem Prophetentum auch die Kenntnis des „größten Gottesnamen“ (ism Allāh al-akbar) für sich in Anspruch genommen habe und allerlei magische Tricks (nairanǧāt) und Taschenspielereien (maḫārīq) gezeigt habe.Vgl. Heinz Halm: Die islamische Gnosis. 1982, S. 90f. Nach adh-Dhahabī entzündete al-Mughīra nach seinem Hervortreten als Prophet in Kufa Lichter, um Hydromantie (tamwīh) zu betreiben, und zog damit zahlreiche Menschen an.Vgl. Wasserstrom: “The Moving Finger Writes”. 1985, S. 6. Nach al-Baghdādī behauptete al-Mughīra, mit dem größten Gottesnamen sogar Tote erwecken und Heere besiegen zu können.Al-Baġdādī: al-Farq baina l-Firaq. S. 210. Der Traditionarier al-Aʿmasch wird mit der Aussage zitiert, dass er al-Mughīra sagen hörte: „Wenn ich gewollt hätte, hätte ich die ʿĀd und die Thamūd und die vielen Generationen dazwischen wieder zum Leben erweckt.“ Al-Mughīra sei auf den Friedhof gegangen und habe dort gesprochen, woraufhin Heuschrecken auf den Gräbern erschienen seien.Aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. Bd. II, S. 1619, Z. 7-10.

Lehren Lehre vom Koran In der muʿtazilitischen Doxographie wird überliefert, dass al-Mughīra eine Interpretation des Korans propagierte, die er als „Kenntnis des Verborgenen“ bezeichnete und die von dem abwich, was die Muslime akzeptierten. Er behauptete, dass der Koran aus Symbolen (amṯāl) und kryptischen Zeichen (rumūz) zusammengesetzt sei und die Menschen seine wahre Bedeutung nur durch die Kraft erfassen könnten, die ihnen der Imam verleihe.Vgl. Wasserstrom: “The Moving Finger Writes”. 1985, S. 18.

Theologie und Kosmologie Alle doxographischen Quellen stimmen darin überein, dass al-Mughīra ein stark anthropomorphistisches Gottesbild hatte. Er lehrte, dass Gott die Gestalt eines Mannes aus Licht habe, sich auf seinem Haupt eine Krone aus Licht befinde, aus seinem Herzen die Weisheit quelle und seine Glieder den Buchstaben des arabischen Alphabets entsprächen. Verschiedene Autoren liefern ergänzende Informationen: das Mim repräsentiere sein Haupt, das Sīn seine Zähne, das Sād und das Dād seine Augen, das ʿAin und das Ghain die Ohren, das Hāʾ sein GeschlechtsteilVgl. Wasserstrom: “The Moving Finger Writes”. 1985, S. 16. und das Alif seine Beine.Vgl. Al-Baġdādī: al-Farq baina l-Firaq. S. 210. Dem Hāʾ maß al-Mughīra eine besonders große Bedeutung zu. Al-Aschʿarī zitiert ihn mit den Worten: „Sähet ihr, für welches seiner Glieder es steht, so sähet ihr eine gewaltige Sache (amr ʿaẓīm).“Vgl. Wasserstrom: “The Moving Finger Writes”. 1985, S. 7. Nach al-Aschʿarī behauptete al-Mughīra auch, das Geschlechtsteil Gottes selbst gesehen zu haben.Vgl. Halm: Die islamische Gnosis. 1982, S. 91.

Hinsichtlich der Kosmogonie lehrte al-Mughīra, dass Gott, als er sich die Welt erschaffen wollte, den größten Namen (al-ism al-aʿẓam) ausgesprochen habe, der dann ihm zugeflogen kam und als Krone über seinem Kopf stand. Die wichtige Bedeutung des größten Gottesnamens beim Schöpfungsprozess leitete er aus dem Koranwort von Sure 87:1-2 ab, das er folgendermaßen las: „Preise den höchsten Namen deines Herrn, der erschuf und ebenmäßig formte“.Vgl. dazu Halm: Die islamische Gnosis. 1982, S. 91, 366.

Dann habe Gott, so gibt al-Baghdādī al-Mughīras Lehre wieder, mit seinem Finger die zukünftigen Taten der Menschen auf seine Handfläche geschrieben. Als er aber darauf blickte, sei er über ihre Ungehorsamkeiten wütend geworden und habe begonnen, zu schwitzen. Aus seinem Schweiß entstanden zwei Meere, ein salziges finsteres und ein süßes lichtes Meer. In dem lichten Meer entdeckte er seinen Schatten. Er versuchte diesen zu packen, doch der Schatten flog davon. Er konnte dem Schatten nur die beiden Augen ausreißen. Hieraus erschuf er Sonne und Mond. Den übrigen Schatten vernichtete er, wobei er sprach: Es ziemt sich nicht, dass neben mir noch ein anderer Gott existiert. Sodann erschuf er die gesamten Menschen, wobei er die Schia, d. h. die Gläubigen, aus dem lichten Meer erschuf, während er die Ungläubigen, d. h. die Feinde der Schia, aus dem finsteren salzigen Meer erschuf. Mughīra behauptete auch, dass Gott bei der Erschaffung der Menschen zuerst ihre Schatten erschuf. Der erste Schatten, den er erschuf, war der Schatten Mohammeds. Dies sei die wahre Bedeutung von Sure 43:81: „Sprich: Hätte der Erbarmer einen Sohn, ich wäre dann der Erste, der ihm dient.“Vgl. Al-Baġdādī: al-Farq baina l-Firaq. S. 210f.

ʿAlī, seine Familie und seine Widersacher Eine sehr wichtige Rolle in al-Mughīras Denken spielte ʿAlī ibn Abī Tālib. Asch-Schahrastānī schreibt, dass er in Bezug auf ihn so stark übertriebene Lehren vertreten habe, dass kein vernünftiger Mensch mehr daran hätte glauben können.Vgl. asch-Schahrastānī: Religionspartheien und Philosophen-Schulen. 1850, Bd. I, S. 203. Der Traditionarier asch-Schaʿbī (st. zw. 721-728) hörte ihn sagen, dass ihm die Liebe zu ʿAlī in den Knochen, Sehnen und Adern stecke. Al-Aʿmasch berichtete, dass al-Mughīra ʿAlī sogar über die Propheten stellte und ihm die Vollbringung von Wundern zuschrieb. In den meisten Berichten über al-Mughīras Schöpfungslehre wird berichtet, dass nicht Muhammad allein, sondern er und ʿAlī zusammen als erste Menschen erschaffen worden sein.Vgl. asch-Schahrastānī: Religionspartheien und Philosophen-Schulen. 1850, Bd. I, S. 203. Einem anderen Bericht zufolge behauptete al-Mughīra, im Himmel von Gott beauftragt worden zu sein, den Menschen auf der Erde zu verkünden, dass ʿAlī Gottes rechte Hand und sein Auge sei.Vgl. Wasserstrom: “The Moving Finger Writes”. 1985, S. 18f.