mini|Lateinamerika gemäß einer erweiterten Definition: inklusive der französischsprachigen Länder Französisch-Guayana und Haiti. Von den Kleinen Antillen der Karibik ist hier einzig Guadeloupe dargestellt. mini|Die jeweils dominierenden Sprachen in den Ländern Südamerikas Lateinamerika ( bzw. , ) ist ein politisch-kultureller Begriff, der dazu dient, die spanisch- und portugiesischsprachigen Länder Amerikas von den englischsprachigen Ländern Amerikas abzugrenzen (→ Angloamerika)., in: Quetzal: Politik und Kultur in Lateinamerika. Oktober 2007. In der heute üblichen Definition des Begriffs werden zu Lateinamerika nur die Länder gezählt, in denen das Spanische oder das Portugiesische vorherrscht.Vgl. Duden online: Lateinamerika: „Gesamtheit der Spanisch und Portugiesisch sprechenden Staaten Mittel- und Südamerikas“. (Mexiko wird hier vereinfachend zu Mittelamerika gerechnet.) Dazu gehören Mexiko, Zentralamerika (ohne Belize), die spanischsprachigen Gebiete der Karibik sowie die Länder Südamerikas (ohne Guyana, Suriname und Französisch-Guayana). Die Länder Lateinamerikas haben zusammen eine Fläche von etwa 20 Millionen km², und die Bevölkerung umfasst rund 650 Millionen Menschen (Stand 2019).
Der Wortteil Latein- bezieht sich auf das Lateinische als Ursprung der romanischen Sprachen. Im wörtlichen Sinn gehören demnach auch Länder und Gebiete zu Lateinamerika, in denen Französisch gesprochen wird (siehe Karte rechts). Dieses Verständnis hat sich im deutschen Sprachraum jedoch nicht allgemein durchgesetzt. Ferner existieren weitere abweichende Definitionen, die auf einen relativ willkürlichen Ursprung des Terminus hindeuten (siehe unten).
Länder Lateinamerikas Im engeren Sinn gehören jene Länder zu Lateinamerika, in denen Spanisch oder – Brasilien betreffend – Portugiesisch dominiert. Im vielsprachigen Paraguay sind die beiden Amtssprachen Guaraní und Spanisch etwa gleichrangig und werden von den meisten Einheimischen verstanden, im weiteren Sinne werden häufig auch französischsprachige Länder und Territorien mit einbezogen.
Nordamerika Zentralamerika Karibik Südamerika , , , , , ,
Erweiterte und abweichende Definitionen Im wörtlichen Sinn schließt Lateinamerika auch alle französischsprachigen Gebiete Amerikas (und der Karibik) ein, was in den Vereinigten Staaten auch so definiert wird. Nach dieser Definition wäre theoretisch auch die französischsprachige kanadische Provinz Québec ein Bestandteil Lateinamerikas. Allerdings liegt Québec mitten in Angloamerika und ist zudem so eng mit dem angloamerikanischen Kulturraum verflochten, dass Québec nicht zu Lateinamerika gezählt wird – gleichwohl auch nicht zu Angloamerika, weil Québec nicht englischsprachig ist. Ähnliches gilt für die Cajuns in Louisiana.Bertil Malmberg: La América hispanohablante. Madrid 1966, S. 9. Haiti hat trotz seiner französischen Amtssprache durch die gemeinsame Geschichte und die Landesgrenze mit der Dominikanischen Republik eine engere Bindung zu den spanisch- und portugiesischsprachigen Staaten als andere Länder der Karibik. Aus diesem Grund wird es manchmal auch dann zu Lateinamerika gezählt, wenn die anderen französischen Länder und Gebiete nicht dazugezählt werden. Unter Berücksichtigung, dass in den niederländischen Gebieten Aruba, Bonaire und Curacao Papiamento, eine Kreolsprache mit teilweise romanischen Wurzeln, gesprochen wird, werden diese Länder von manchen in die Definition Lateinamerikas eingeschlossen. Unter dem Gesichtspunkt der Kolonialgeschichte wird manchmal auch die gesamte Karibik zu Lateinamerika gezählt. In Statistiken internationaler Organisationen wird sie jedoch meist getrennt ausgewiesen (Latin America and the Caribbean). Einer weiteren hin und wieder in den USA verwendeten Definition zufolge bezieht sich Lateinamerika auf alle amerikanischen Staaten südlich der Vereinigten Staaten unter Einschluss von Belize, Jamaika, Barbados, Trinidad und Tobago, Guyana, Suriname, Antigua und Barbuda, St. Lucia, Dominica, Grenada, St. Vincent, St. Kitts und Nevis, der Grenadinen und der Bahamas. In Brasilien wird der Begriff „Lateinamerika“ auch für das spanischsprachige Amerika verwendet, das eigene Land also bewusst ausgeklammert, vergleichbar mit der Verwendung des Begriffes „Europa“ im Vereinigten Königreich.
Begriffsgeschichte Der französische Ökonom und Panlatinist Michel Chevalier hatte die Bezeichnung „Lateinamerika“ in seinem 1836 erschienenen Bericht über seine Reisen durch Nordamerika Lettres sur l'Amérique du Nord eingeführt:Walter Mignolo: The Idea of Latin America. Wiley-Blackwell, Oxford 2005, ISBN 978-1-4051-0086-1, S. 77–80. „Die beiden Zweige der europäischen Zivilisation, der lateinische und der germanische, reproduzieren sich in der Neuen Welt: Südamerika ist – wie Südeuropa – katholisch und lateinisch, Nordamerika gehört einer protestantischen und angelsächsischen Bevölkerung.“Hier übersetzt aus der 4. Auflage, 1844 im Verlag Wouters & Cie. in Brüssel erschienen, Zitat S. 12. In diesem Zusammenhang war auch von einer „lateinischen Rasse“ die Rede.Walter Mignolo: The Idea of Latin America. Wiley-Blackwell, Oxford 2005, S. 69.
Eine breitere Verwendung des Begriffs ist seit 1856 nachweisbar, als ihn der chilenische Politiker Francisco Bilbao auf einer Konferenz in Paris benutzte. Er verbreitete sich dann rasch in Lateinamerika. Während der französischen Besetzung von Mexiko (1862–1867), als Napoléon III. Erzherzog Maximilian als Kaiser von Mexiko ins Spiel brachte, bemühte sich die französische Propaganda, mit dem Begriff „Lateinamerika“ den Anschein einer Übereinstimmung mexikanischer und französischer Interessen – in Abgrenzung und zur Abwehr von britischen und von US-amerikanischen Interessen – zu wecken. Das Wort ersetzte die bis dahin gebräuchlichen Begriffe Iberoamerika und Hispanoamerika. Die Mexikaner vertrieben die Franzosen, aber der Wortteil Latein- blieb. Aus einem in Europa geprägten Propagandabegriff, der sich gegen die drohende Dominanz des englischsprachigen informal empire in der Region richtete, wurde eine wenn auch anachronistische Selbstbeschreibung der lateinamerikanischen Länder, die von Politikern und Literaten aufgegriffen wurde, um sich von den ehemaligen Kolonialmächten abzugrenzen und ihre Orientierung an der französischen Kultur und deren aktuellen intellektuellen Strömungen zum Ausdruck zu bringen. Diese gewannen angesichts der kulturellen Stagnation im Spanien und Portugal des 19. Jahrhunderts Vorbildcharakter; bei ihrer Rezeption war Lateinamerika den früheren Mutterländern weit voraus. Das gilt insbesondere für den Positivismus von Auguste Comte, der von einigen autoritären Regimes Lateinamerikas, insbesondere in Brasilien und Mexiko, als Staatskult zelebriert wurde.Michael Rössner: Lateinamerikanische Literaturgeschichte. 2., erw. Auflage. Stuttgart / Weimar 2002, S. 137.Aims McGuiness: Searching for „Latin America“. Race and Sovereignty in the Americas in the 1850s. In: Nancy P. Appelbaum u. a. (Hrsg.): Race and Nation in Modern Latin America. University of North Carolina Press, Chapel Hill 2003, ISBN 978-0-8078-5441-9, S. 87–107 (englisch).
In England wurde der Begriff relativ schnell rezipiert. Der älteste Beleg für das Vorkommen der Bezeichnung „Latin America“ in einem amtlichen Text stammt aus dem Jahre 1863; er findet sich in der Übersetzung einer Rede von Präsident Gabriel García Moreno vor dem ecuadorianischen Parlament: „With the other States of Latin America, excepting the Empire of Brazil, which has a Legation accredited to this Government, we have no continued diplomatic relations.“Foreign Office: British and foreign state papers, Bd. 53: 1862–1863. William Ridgway, London 1868, S. 1068–1074, hier S. 1070 (englisch).
In Deutschland setzte sich der Begriff deutlich später durch. Meyers Konversationslexikon von 1888 kennt ihn noch nicht, sondern spricht von „Südamerika“.
Sprachen mini|Die verbreitetsten indigenen Sprachen in Lateinamerika:
Die vorherrschende Sprache in den meisten Ländern Lateinamerikas ist Spanisch. In Brasilien, dem bevölkerungsreichsten Land der Region, wird Portugiesisch in seiner brasilianischen Variante gesprochen.
Andere europäische Sprachen, die in Lateinamerika verbreitet sind, sind Englisch (zum Teil in Argentinien, Nicaragua, Panama und Puerto Rico), in geringerem Umfang auch Deutsch (im Süden Brasiliens und Chiles, in Argentinien und in deutschsprachigen Orten Venezuelas, Uruguays, Paraguays und Alina in Costa Rica), Italienisch (in Brasilien, Argentinien, Uruguay und Venezuela) sowie Walisisch (im Süden Argentiniens). Daneben wird in den weit verstreuten Mennoniten-Siedlungen unter anderem in der Region Gran Chaco noch immer Plautdietsch gesprochen.
In Peru ist Quechua neben Spanisch zweite Amtssprache. Das im Hochland Ecuadors verbreitete, mit Quechua verwandte Kichwa (oder Quichua) ist dort zwar nicht Amtssprache, jedoch verfassungsmäßig anerkannt. In Bolivien sind neben dem Spanischen Aymara, Quechua, Guaraní und 33 weitere indigene Sprachen offiziell Amtssprache. Guaraní ist neben Spanisch eine der offiziellen Sprachen Paraguays, wo es von einer zweisprachigen Mehrheit verwendet wird. An der Karibikküste Nicaraguas haben Englisch sowie indigene Sprachen wie Miskito, Sumo oder Rama offiziellen Status. Kolumbien erkennt alle indigenen Sprachen, die im Land gesprochen werden, als offizielle Sprachen an, doch es handelt sich dabei um weniger als ein Prozent Muttersprachler. Nahuatl ist eine der 62 indigenen Sprachen, die in Mexiko gesprochen werden und die von der Regierung neben Spanisch als Nationalsprachen anerkannt werden. Die bekannteste indigene Sprache in Chile ist Mapudungun („Araukanisch“) der Mapuche in Südchile, daneben sind in Nordchile Aymara und auf der Osterinsel Rapanui verbreitet.
Religion Aufgrund seiner Kolonialgeschichte ist Lateinamerika überwiegend katholisch geprägt. Etwa 70 % der Lateinamerikaner sind katholisch, aber der Einfluss dieser Kirche schwindet vor allem in Brasilien (nur noch rund 60 % Katholiken). Seit einigen Jahrzehnten steigt die Zahl der Mitglieder von – teils pfingstlichen – Freikirchen, die heute insgesamt etwa 20 % der Bevölkerung ausmachen.Hans Winkler über die katholische Kirche und evangelikal-pfingstliche Gemeinden in Lateinamerika, in: Die Presse vom 7. März 2016, S. 22f.
Bevölkerung 80 % der Bevölkerung Lateinamerikas leben in den Städten, die 65 % des BIP erwirtschaften. In 300 Städten konzentrieren sich 50 % der Bevölkerung.CAF: ciudades son el motor del desarrollo de América Latina. In: El Comercio, 2. November 2017 (spanisch).
Soziale Bewegungen Soziale Bewegungen fanden sich in indigenen Aufständen gegen die Kolonisierung Lateinamerikas, Sklavenerhebungen, den Unabhängigkeitsbewegungen Anfang des 19. Jahrhunderts oder regionalen Bauernrevolten im 19. und 20. Jahrhundert. „Im 20. Jahrhundert spiegelte sich die Dynamik sozialer Bewegungen in verschiedensten Phänomenen wider: Gewerkschaften und Arbeiterparteien, in nationalistisch-populistischen Bewegungen, in Land- und Stadt-Guerillas und in Studentenbewegungen. Die Indígena-, die Frauenbewegungen und die Menschenrechtsaktivitäten, die sich seit den 1990er-Jahren ihren Platz in der politischen Öffentlichkeit erkämpft haben, gehören zu den so genannten Neuen Sozialen Bewegungen“.Bundeszentrale für politische Bildung
Als wichtige Eckpunkte sozialer Bewegungen im 20. Jahrhundert gelten die Mexikanische Revolution mit den Volksbewegungen um die Agrarrevolutionäre Emiliano Zapata und Pancho Villa sowie die Kubanische Revolution. Eine direkte Folge der Kubanischen Revolution war die Gründung von Guerillabewegungen in vielen Ländern Lateinamerikas.