Ludologie ( und Wilhelm Gemoll: Griechisch-deutsches Schul- und Handwörterbuch) ist die „Lehre“ und Wissenschaft vom Spielen: Spielzeug, Gesellschaftsspiel, analoges Spiel und digitales Spiel.

Begriff Die Ludologie bearbeitet einen Teilbereich der Spielwissenschaft. Im Unterschied zu der älteren, breiter angelegten Spielwissenschaften im deutschen Sprachraum fokussiert sich das Interesse der aus dem angelsächsischen Bereich transferierten Disziplin Ludologie vornehmlich auf das digitale Spiel. Sie bezeichnet den noch jungen, transdisziplinären Forschungszweig, der sich an der Schnittstelle von Kultur- und Strukturwissenschaften mit den ästhetischen, kulturellen, kommunikativen, technischen und strukturellen Aspekten des Phänomens „Spiel“ auseinandersetzt. Den Schwerpunkt der Betrachtung bilden dabei Geschichte, Entwicklung, Analyse und Theorie digitaler Spiele.

Der Begriff ist vor allem im angelsächsischen Sprachraum gebräuchlich und wird meist synonym zum Terminus (Video-)Spieltheorie verwendet. In Deutschland wird dieser Begriff zumeist umfassender im Wortsinne „der Lehre vom Spiel“ verstanden in der Bedeutung des kulturbezogenen Menschenbildes des Homo ludens von Johan Huizinga.Ludologisches Management, Interview mit Jens Junge zum Ludologischen Management. In: pressesprecher.com. Abruf am 10. August 2018.

Im engeren Kontext der „Ludologie versus Narratologie“-Debatte dagegen bezeichnet Ludologie das Paradigma, in dem das Prinzip der Simulation als das Kernkonzept des Spiels aufgefasst wird. Aus diesem Grund findet alternativ der neutrale Begriff Spieleforschung (englisch Game Studies) Verwendung.

Der engere Spielbegriff der Ludologie zeigt sich auch in der Reduzierung auf das historische Wort Ludus, wohingegen die „Spielwissenschaft“ den gesamten Phänomenkomplex umfasst und erforscht, der sich nach der von ihr erarbeiteten Systematik über die Kategorien ludus (Regelspiele, Sportspiele im Gegensatz zum freien Spiel, Brettspiel), Agon (= Kampfspiel, Sportspiel), Alea (Glücksspiel, Hasardspiel), Mimikri (Maskenspiel, Marionettenspiel), Circenses (Zirkusspiele, Schauspiel) und Ilinx-( = Ritual-)Spiele erstreckt (vgl. Roger Caillois).Roger Caillois, Spiel als Frage der inneren Haltung. Abruf am 10. August 2018.

Eine weitere Orientierung zum Begriff Ludologie ergibt sich aus der Kategorisierung des amerikanischen Entwicklungspsychologen Uri Bronfenbrenner (1917–2005).Fünf Spielkategorien in der kindlichen Entwicklung. In: Urie Bronfenbrenner: Die Ökologie der menschlichen Entwicklung. Natürliche und geplante Experimente; Klett-Cotta, 1981; ISBN 3-12-930620-X. Er unterteilt folgende fünf Entwicklungsstufen: Explorationsspiele, Phantasiespiele, Rollenspiele, Konstruktionsspiele und Regelspiele. Als Kind muss sich der Mensch erst unterschiedliche Spielkompetenzen erwerben, bis er so etwas Komplexes wie ein Regelspiel, eine erfundene Ordnung mit regulativen Ideen, mit Freude bewältigen kann. Deutsche Spielwissenschaftler reduzieren die Ludologie nicht allein auf digitale Regelspiele, sondern beziehen diese entwicklungspsychologischen Grundlagen in ihr Erfahrungsobjekt Spiel und ihr Erkenntnisobjekt Spielen mit ein.

Geschichte Nachdem bereits die Philanthropen mit GutsMuths oder Basedow im 18. Jahrhundert systematische spielwissenschaftliche Forschung betrieben und Forscher unterschiedlicher Disziplinen wie Herbert Spencer (1865), Moritz Lazarus (1883), Karl Groos (1899) oder Jean Piaget (1975) sich im 19. und 20. Jahrhundert intensiv mit dem Phänomen Spiel auseinandergesetzt hatten, erreichte die Spielwissenschaft mit den Analysen und Erkenntnissen von Friedrich Schiller, Johan Huizinga oder Frederik Jacobus Johannes Buytendijk erste Höhepunkte der wissenschaftlichen Spieltheorie. Daran konnte die mit dem Aufkommen der Videospiele und des Computerzeitalters entstandene Ludologie anknüpfen und ihren Schwerpunkt im Bereich des digitalen Spiels finden.

Gegen Ende der 1990er-Jahre häuften sich Veröffentlichungen zur Thematik, und es formierte sich eine neue wissenschaftliche Disziplin. Dies war maßgeblich der zunehmenden Etablierung digitaler Spiele, ihren Auswirkungen auf die Gegenwartskultur sowie ihrer wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung zu verdanken. Die Bezeichnung „Ludologie“ wurde 1999 durch einen Artikel von Gonzalo Frasca einem breiteren Fachpublikum bekannt.

Im Wintersemester 2015/2016 führte die Universität Bayreuth erstmals in Deutschland den Masterstudiengang Computerspielwissenschaften ein. Lern- und Forschungsschwerpunkte liegen hierbei in den Bereichen Game Studies, Medienwissenschaft, Kulturwissenschaft und Informatik. Im Bachelorstudiengang der Medienwissenschaft und Medienpraxis lässt sich der Fokus auf Computerspiele legen. Seit 2018 besteht an der design akademie berlin, SRH Hochschule für Kommunikation und Design der Bachelorstudiengang Game Studies., Das Spiel als Methode und Beruf. Abruf am 10. August 2018.

Status Die Ludologie als eigenständiger, transdisziplinärer Forschungszweig befindet sich noch im Frühstadium. Sie befasst sich in weiten Teilen zunächst mit Fragen der Kanonbildung und der Einigung auf grundlegende Begrifflichkeiten und Kategorien. Schwierig gestaltet sich dies nicht nur durch die teils hohe Interdisziplinarität, sondern auch aufgrund der vielfältigen Ausprägungen bereits fest im Alltagsgebrauch verschiedener Sprachen verankerter Termini, deren Bedeutung im wissenschaftlichen Kontext neu festgelegt werden muss. Als prägnantes Beispiel dafür mag der Begriff „Spiel“ selbst dienen, über dessen klare Abgrenzung man sich alles andere als einig ist. Wesentliche Beiträge zur Klärung der Definitionsfrage haben 2003 Salen/Zimmerman und Jesper Juul (nicht zu verwechseln mit seinem Namensvetter) geleistet.

Jens Junge schlägt die Orientierung an der historischen Menschheitsentwicklung sowie dem englischen Sprachgebrauch für eine Abgrenzung vor.Spielen? Was ist das?, Blogartikel auf spielen.de abgerufen am 16. Oktober 2018. So wie Tiere spielen auch Menschen (Play). Auf der Grundlage der Sprachentwicklung, sich phantasievoll Dinge vorstellen zu können, die es real nicht gibt, begann die kunstvolle Gestaltung von Spielzeug (Toy) vor ca. 37.000 Jahren. Mit den Gründungen der ersten Städte und der Entstehung von Religionen entstanden die ersten Spiele, Brettspiele (Game) als erfundene Ordnungen. Auf der Grundlage der ersten Zahlungsmittel wurden Glücksspiele veranstaltet (Gambling). Aus dem natürlichen Spiel mit dem eigenen Körper und den Bewegungsspielen entstehen wettkampforientierte Sportspiele.

Der wissenschaftliche Diskurs wird derzeit überwiegend von Akademikern aus angelsächsischen und den nordischen Ländern dominiert. Insbesondere sind deren Bemühungen, für sowohl Forschung als auch Lehre und die Industrie geeignete Institutionen zu schaffen und zu koordinieren, bereits weit fortgeschritten. Neben der hohen Anzahl spielespezifischer Studiengänge, vornehmlich in Großbritannien und den USA, ist dabei vor allem die Einrichtung des Center for Computer Games Research der IT-Universität Kopenhagen (ITU) zu erwähnen, das als Denkfabrik der europäischen Ludologie fungiert.Website vom Center for Computer Games Research, Kopenhagen, Dänemark. In Deutschland liefert der game - Verband der deutschen Games-Branche seit 2018 mit der gamesmap.de einen Überblick zu allen Akteuren der Branche.gamesmap.de, Website zur Games-Branche in Deutschland. Darüber hinaus sind sämtliche in Deutschland von Hochschulen angebotenen Studiengänge rund um die Game-Entwicklung sowie die Ausbildungsangebote der Berufsfachschulen im Ausbildungskompass-Games enthalten.ausbildungskompass-games.de, Website zum Studien- und Ausbildungsangebot von Hochschulen und Berufsfachschulen in Deutschland vom game - Verband der deutschen Games-Branche e. V. und dem Institut für Ludologie.

Im deutschsprachigen Raum ist die Selbstorganisation der Spieleforscher bisher noch eher unverbindlich und multidisziplinär strukturiert. Auch gibt es weniger fundierte Industriekontakte, und die Wirkungsforschung besitzt aus politischen Gründen einen höheren Stellenwert als im Ausland. Die Formierung der AG Computerspiele der Gesellschaft für Medienwissenschaft ist allerdings ein Anzeichen dafür, dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern könnte. Erste deutsche Professuren mit entsprechendem Schwerpunkt wurden im Dezember 2002 am Institut für Simulation und Grafik der Universität Magdeburg und im März 2006 auch am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Technischen Universität Ilmenau besetzt. Das Institut für Ludologie wurde an der SRH Berlin School of Design and Communication im Oktober 2014 gegründet.Website des Instituts für Ludologie, Berlin. Die Medien greifen inzwischen das menschliche Grundphänomen Spielen häufiger auf, um es zu hinterfragen und nach Erklärungsansätzen zu suchen.dpa-Interview vor der Brettspielmesse SPIEL in Essen 2016, Interview mit Spielforscher Jens Junge, erschienen auf rp-online.de am 12. Oktober 2016, Abruf am 10. August 2018.Interview zum Pokémon Go Hype 2016, Interview mit Spielforscher Jens Junge, erschienen auf rundschau-online.de (Website der Kölnischen Rundschau) vom 24. Juli 2016, Abruf am 10. August 2018.

Forschungsinhalte Primärer Fokus der Ludologie sind die digitalen Spiele, wofür es neben deren Status als massenkulturellem Phänomen auch prinzipielle Gründe gibt: Der Computer gilt als Universalmedium. Das hat zur Folge, dass nicht nur beliebige traditionelle Spiele auf ihm umgesetzt, simuliert oder computergestützt gespielt werden können, sondern auch eine ganze Reihe von neuartigen Spielen, teils in Kombination mit Inhalten und Techniken anderer Medienformen (z. B. Literatur und Film) einschließlich audiovisueller Gestaltungsmittel wie Montage, Sound und Musik, nur so möglich wird. Diese Konvergenzentwicklung macht digitale Spiele zum idealen Anschauungsobjekt, um allgemeine Erkenntnisse über das Spielen zu gewinnen, wobei die elementaren Grundlagen des freien Spiels und der Brett- und Kartenspiele als solche identifiziert werden können. Relevante Fragestellungen befassen sich dabei unter anderem mit folgenden Bereichen:

Geschichte des analogen und digitalen Spiels konstituierende Elemente des digitalen Spiels, Definition des entsprechenden Spielbegriffs Terminologie zur Beschreibung und Klassifizierung von Spielen und Spielgenres Regeln, Spielmechanik/Gameplay Cybertext und ergodische Literatur, interaktive Erzählformen, Storytelling Spiel als Simulation vs. Spiel als Narration Rhetorik des Spiels bzw. Potentiale des Spiels zum politischen Kommentar Methodik des Entwurfs von Spielen, Game Design perzeptionelle und psychologische Immersion, Immersionsebenen, Flow-Theorie Entwicklungsmuster von Charakteren in persistenten Spielwelten Lernvorgänge in Spielen, Spielpädagogik, Lernspiele, Stealth Teaching, Game-based Learning, Serious Games spatiale Strukturen in digitalen Spielen Visualisierung virtueller Welten auditive Gestaltung, Sound Design und akustische Dimensionen digitaler Spiele Musik in Computerspielen Künstliche Intelligenz in Computerspielen Mensch-Computer-Interaktion, Interface-Design Wirkungsforschung, Gewalt in Computerspielen Sport und Spiel, elektronischer Sport (eSports) Communitys und soziale Interaktion in Computerspielen, Videospielkultur Videospiele als Kunstform und Mittel künstlerischen Ausdrucks, Machinima Spieltherapie als Spezialfeld der Psychologie

Ludologie vs. Narratologie Zu Beginn leistete sich die Spielforschung eine hitzig geführte Grundsatzdebatte, deren Auswirkungen in Form von ideologischen Grabenkämpfen teilweise immer noch spürbar sind.

Narratologen