Die drei Sprünge des Wang-lun. Ein chinesischer Roman ist ein historischer Roman von Alfred Döblin. Das Buch entstand 1912/13 und erschien 1916 im S. Fischer Verlag. Nachdem der Schriftsteller mehrere Erzählungen veröffentlicht hatte, gelang ihm 1916 mit seinem ersten größeren Roman der literarische Durchbruch. Döblin erzählt darin die Lebensgeschichte des historisch verbürgten chinesischen Rebellen Wang-lun (chinesisch Wáng Lún 王倫), der Ende des 18. Jahrhunderts einen Aufstand gegen Kaiser Qianlong anführte und 1774 unterlag. Trotz des historischen Sujets geht es im Roman vor allem um „den Taoismus, zu dem die Lehre vom Wu-wei, vom Nicht-Handeln und Nicht-Widerstreben gehört“.Herbert Uerlings: Die Erneuerung des historischen Romans durch interkulturelles Erzählen. In: Travellers in Time and Space Reisende durch Zeit und Raum. Osman Durrani und Julian Preece (Hrsg.) Rodopi, Amsterdam und New York 2001 S. 114. Weiterhin werden die Strategien des passiven und aktiven Widerstands gegen ein Gewaltregime und der Umgang der Regierung mit einer friedlichen Bewegung des „Nichtwiderstrebens“ thematisiert.
Inhalt Der Roman besteht aus vier Büchern: Wang-Lun, Die gebrochene Melone, Der Herr der Gelben Erde und Das Westliche Paradies. Ihnen ist eine Zueignung vorangestellt: Der Blick durch die Fensterscheiben zeigt eine prosperierende, durch technische Neuerungen bestimmte Stadt. In den Gesichtern der Menschen sieht der Autor die „Grimassen der Habgier“, der „feindliche[n] Sattheit“, der „Geilheit“, der „Ehrsucht“. Diesem „Fortschritt“ stellt er ein Zitat des daoistischen chinesischen Philosophen Liä Dsi, dem er sein „ohnmächtiges Buch [opfert]“, gegenüber: „Wir gehen und wissen nicht wohin […] Wer kann da sprechen von Gewinnen, Besitzen?“Alfred Döblin: Die drei Sprünge des Wan-lun. Fischer Taschenbuch, Frankfurt a. M. 2013, S. 7, 8.
Erstes Buch Wang-lun Wang-lun wächst bei seinen Eltern und Geschwistern im Küstendorf Hun-kang-tsun, Distrikt Hai-ling, in Schan-tung auf. Sein Vater, der Fischer Wang-schen, verkauft geröstete Tintenfische und Sandwürmer und betreibt eine kärgliche Landwirtschaft auf den Kalksteinterrassen an der Küste. Er ist ein Sonderling und wird von den Nachbarn als Clown verspottet. Nach der Begegnung mit einem Zauberer bietet er seine Dienste als „Wind- und Wettermeister“ an und beschwört die Dämonen mit einer Tigermaske. Nach einer Geisteraustreibung bricht er zusammen und stirbt.
Sein begabter Sohn Wang-lun soll studieren, hat aber keine Lust dazu. Er ist „gewandt und riesenstark“ sowie, im Gegensatz zu seinem weicheren gleichaltrigen Bruder, roh, jähzornig und prahlerisch. Listig weitet er den nach dem Brauchtum festgelegten monatlichen Diebestag auf das ganze Jahr aus. Deshalb sind alle froh, als er das Dorf verlässt. Auf seiner Wanderschaft durch das Bergland ernährt er sich mehr schlecht als recht von Gelegenheitsarbeiten wie dem Transport von Keramik, Erpressung und Raub. Nach einem Überfall flieht er und stößt dabei mit einem Mädchen zusammen, das in eine Schlucht stürzt. Aus Furcht vor ihrem Geist wagt er keinen Rettungsversuch. In der Stadt Tsi-nan-fu stiehlt er das Opfergeld im Tempel des Musikantengottes Hang-tsiang-tses. Doch der Bonze Toh-tsin durchschaut den Dieb, behandelt ihn freundlich unterwürfig wie einen Wohltäter, stellt ihm aber Fallen, indem er die immer schwieriger zu findenden Verstecke durch Teerstreifen sichert. Wang bleibt daran mit seinen Kopfhaaren hängen und reißt sie sich ab. So lässt Toh-tsin den Dieb sich selbst entlarven. In gegenseitiger Bewunderung ihrer Taktiken freunden sie sich an und Wang wird Mitarbeiter des listigen Bonzen. So beschützen sie angeblich mit ihrer Magie Häuser vor Diebstählen, entdecken so die Verstecke, rauben das Geld und entdecken es an einem verborgenen Ort wieder, wodurch sie ihre Zauberkraft beweisen. Doch einen Teil der Beute behalten sie für sich. Wang-lun gilt in der Stadt wegen seiner übermütigen Narrenstreiche als Schelm und verkehrt im kleinkriminellen Bettlermilieu. Einen großen Coup landet er, als der Mohammedaner Su-koh, ein harmloser Dochtfabrikant, und seine Söhne wegen ihrer Verwandtschaft mit einem sektiererischen Unruhestifter gegen die Qing-Dynastie verhaftet und vor Gericht gestellt werden. Wang-lun verkleidet sich und seine Freunde als Nieh-tai, d. h. Provinzialrichter aus Kwan-ping-fu und dessen Gefolge. Sie ziehen feierlich in die Stadt ein und transportieren die Gefangenen in einem Käfig ab, bevor der echte Richter auftaucht und den Betrug erkennt. Als dieser wieder abgezogen ist, kehrt Su-koh zurück und will wegen des angespannten politischen Klimas nach Verkauf seines Besitzes die Stadt freiwillig verlassen. Doch er wird von Soldaten erkannt und bei der Verfolgung vom Hauptmann der Truppe niedergesäbelt. Wang-lun ist über diese Vorgänge erschüttert und erdrosselt bei einem ekstatischen Lauf mit seiner Magier-Hirschmaske den Hauptmann. Dieser Vorfall wird zu einem Schlüsselerlebnis für seine spätere Rebellion.
Wang-lun flieht aus Schan-tung in die nördliche Region Tschi-li, wo er sich in der Nähe des heiligen Berges der Buddhisten Wu-tai-schan zusammen mit anderen armen Vagabunden, die in den Nan-ku-Bergenbedeutet im Chinesischen „Leiden ohne Qual“. Yuan Tan: Der Chinese in der deutschen Literatur. Unter besonderer Berücksichtigung chinesischer Figuren in den Werken von Schiller, Döblin und Brecht. Göttingen 2007, S. 95 in Höhlen Unterschlupf gefunden haben, mit Betteln und Überfällen auf Karawanen und Pilgerzüge durchs Leben schlägt. Im Winter bleiben diese Reisenden aus und die heimatlosen Verbrecher haben nichts zu essen. So schließen sie sich zu einer Bande zusammen, überfallen, in einer vom Autor expressiv ausgestalten Szene, in verzweifelter Wut auf die nicht hungernden Bauern das abgelegene Dorf Pa-ta-ling, töten viele Bewohner und nisten sich in deren Häusern ein. Hier lebt Wang-lun zusammen mit einem heterogenen Haufen verlorener Gesellen: persönliches oder wirtschaftliches Unglück, Entlassungen, Krankheit, Hungersnöte, ungerechte Behandlung durch Beamte, Unzufriedenheit mit dem Mandschu-Kaiser und seinem Feudalsystem, Unangepasstheit, Triebhaftigkeit, Unfähigkeit oder Unwille zu arbeiten haben sie zu Außenseitern der Gesellschaft gemacht. Darunter mischen sich auch einzelne intellektuelle oder rätselhafte Flüchtlinge wie der Kaufmann Chu aus Po-schan, der von dem Machtmissbrauch der Herrschenden und von der Überlebenskraft des chinesischen Volkes spricht und Wang-lun auf die Idee bringt, mit der Sekte der Weißen Lilie Kontakt aufzunehmen. Die Bande der Ausgestoßenen bestimmt den undurchsichtigen, je nach Situation Härte, Schelmerei und rhetorisches Geschick einsetzenden Wang-lun zum Hauptmann. Er bestärkt sie in ihrer Opferrolle, nennt sie die „Wahrhaft Schwachen“ und bezieht in seine Reden die religiösen Erkenntnisse des Wu wei mit ein, die er durch Besuche beim Einsiedler Ma-noh gewonnen hat. Dieser hat wegen der strengen Ordnung sein buddhistisches Kloster auf der Insel Pu-to-schan verlassen und war danach lange auf der Wanderschaft. Jetzt lebt er in seiner mit Buddhafiguren und einer Bergkristallskulptur der mitfühlenden Göttin Kuan-yin ausgestatteten Klause, um die letzte Stufe der Weisheit zu erlangen. Die Vagabunden rätseln über Wang-luns Interesse an dem Priester und vermuten, er habe von ihm die Dämonenbeschwörung gelernt und sei ein Zauberer. Das macht ihn, zusammen mit dem „Zickzackkurs“ in seinem Verhalten, für sie zugleich unheimlich und anziehend und sie erblicken etwas Heiliges in ihm, wenn er ihnen predigt: „Die Welt erobern wollen durch Handeln mißlingt. Die Welt ist von geistiger Art, man soll nicht an ihr rühren. Wer handelt, verliert sie; wer festhält, verliert sie.“Alfred Döblin: Die drei Sprünge des Wan-lun. Fischer Taschenbuch, Frankfurt a. M. 2013, S. 49.
Eine Truppe aus der Unterpräfektur Cha-tuo wird bei dem Versuch, das Dorf Pa-ta-ling zu befreien, von den Besetzern zurückgeschlagen, kann aber beim Rückzug einige Vagabunden verhaften und mitnehmen. Die Bande berät sich bei Ma-noh mit Wang-lun über die gewaltsame Befreiung der Verschleppten. Wang ringt mit sich. Schließlich orientiert er sich an seinem Mentor und rät, das Dorf zu verlassen, wieder in die Berge zu gehen und nichts gegen die Unterdrückung zu unternehmen, sondern als Ausgestoßene zu leben ohne Widerstand gegen den Weltlauf. Er selbst wandert nach Süden in die Provinz Schan-tung. In der Stadt Po-schan sucht er Arbeit beim Besitzer einer Kohlegrube Chen-yao-fen. Mit der Empfehlung von Chu bittet er ihn und seine befreundeten Kaufleute des Geheimbundes der „Weißen Lilie“ um Unterstützung bzw. Aufnahme seiner armen Bruderschaft der „Wahrhaft Schwachen“.
Zweites Buch Die Gebrochene Melone Die Lehre von „Armut, Keuschheit, Gleichmut“ und dem „Nichtwiderstreben“ übt eine immer größere Anziehungskraft auf unzufriedene und aus der Gesellschaft ausgestoßene Menschen aus. Viele meinen, sie könnten im „Ring der Frommen“ durch „Versenkung jenes Letzte erreichen, das man bald das „Westliche Paradies“ auf dem Kun-lun nannte, bald den fünften Maitreya, bald das Kin-tan-Pulver, welches ewiges Leben gewährt“.Alfred Döblin: Die drei Sprünge des Wan-lun. Fischer Taschenbuch, Frankfurt a. M. 2013, S. 120. Über den abwesenden Führer Wang-lun werden Legenden erzählt, er sei ein Zauberer, ein göttlicher Führer. Aus allen Schichten stoßen Hunderte zu den „Wahrhaft Schwachen“. Nach wenigen Wochen wächst die Zahl auf mehrere Tausend, darunter sind Verbrecher, die sich vor den Verfolgern verstecken wollen, und unglückliche Angehörige der Oberschicht. Einer von ihnen ist Ngoh. Er war ein vom Kaiser Khien-lung geschätzter und wegen seiner Verdienste ausgezeichneter Kommandant der Palastwache in Peking. Wegen der Untreue seines vierzehnjährigen Geliebten schied er aus dem Militärdienst aus, nahm eine Stelle beim Flusstransportamt am Yang-ho an, tauchte unter und galt als verschollen. Ein anderes Beispiel ist Liang-li, die schöne Tochter aus dem angesehenen und reichen Haus Tseu in der Stadt Tschön-ting. Aus Trauer über den Tod ihrer Mutter wird sie depressiv und trennt sich schließlich von ihrem Mann und dem kleinen Sohn. Auch Frauen, Nonnen, Pilgerinnen, Bettlerinnen, Verunglückte jeder Art schließen sich der Bewegung an. Gemeinsam ziehen sie umher, betteln, singen, pflegen und heilen Kranke. Wegen der zunehmenden Zahl teilen sie sich auf und wandern aus Pa-ta-ling und dem Nan-ku-Gebirge heraus in verschiedene Richtungen. Einige ziehen nach Norden. Chus Schar rückt nach Osten vor, Wang entgegen. Ma-noh führt eine Gruppe von zweihundert Sektierern in den Süden und kommt nach einer mehr als fünfmonatigen Reise in den einsamen Sumpf von Ta-lou, wo die Männer getrennt von den Frauen ihre Hütten und Zelte aufschlagen und den Tag der Vollendung des herrlichen Cakya-muni feiern.
Nach dem Fest bricht die alte Ordnung zusammen. Ma-noh zweifelt daran, auf dem Weg zur Vollendung zu sein. In einem, vom Erzähler in expressiver Sprache dargestellten, ekstatischen Rausch stürmt er mit den Männern das Frauenlager, sie vereinigen sich sexuell und heben damit Wang-luns Gebot der Keuschheit auf, um den „alten Frieden zwischen Yin und Yang [zu] schließen“.Alfred Döblin: Die drei Sprünge des Wang-lun. Fischer Taschenbuch, Frankfurt a. M. 2013, S. 149. Ma-noh rechtfertigt diesen neuen Weg: Man habe die Richtung des „Tao“ erlauscht und verhindert, dass „die Öffnung [ihrer] Herzen ins leere All münden“. Diesen blumigen „Freudenhimmel“ auf den „Stufen zum Westlichen Paradies“ nennt er „Gebrochene Melonen“ und predigt seinen Anhängern im gemeinsamen Lager: „Bleibt arm, seid fröhlich, enthaltet euch keiner Lust, damit ihr sie nicht vermißt und so unrein und schwer werdet.“Alfred Döblin: Die drei Sprünge des Wang-lun. Fischer Taschenbuch, Frankfurt a. M. 2013, S. 149.