mini|Angebliche Pause der globalen Erwärmung: Die selektiv ausgewählten Jahre 1998 bis 2012 (Rosinenpicken) diente Klimawandelleugnern als Argument, dass die globale Erwärmung zum Stillstand gekommen sei. mini|Der globale Erwärmungstrend ist durch Rauschen und Oszillation des Klimasystems überlagert; selektive Betrachtung kurzer Zeiträume kann zu Ergebnissen führen, die dem Trend scheinbar zuwiderlaufen (dargestellt: Daten eines Klimamodells)
Als Pause der globalen Erwärmung wurde in der sogenannten Kontroverse um die globale Erwärmung eine Phase relativ stagnierender Oberflächentemperaturen zwischen 1998 und 2013 bezeichnet, die dem Trend zur globalen Erwärmung der Erdoberfläche scheinbar widersprach. Sie wurde vor allem durch Klimawandelleugner angeführt, um die Notwendigkeit von Klimaschutzmaßnahmen zu bestreiten. In der Wissenschaft wird das Phänomen als natürliche Schwankung zurückgewiesen, die den Trend nicht in Frage stellt (vgl. Statistische Signifikanz)."Despite the robust multi-decadal warming, there exists substantial interannual to decadal variability in the rate of warming, with several periods exhibiting weaker trends (including the warming hiatus since 1998) … Fifteen-year-long hiatus periods are common in both the observed and CMIP5 historical GMST time series", "Box TS.3: Climate Models and the Hiatus in Global Mean Surface Warming of the Past 15 Years", IPCC, Climate Change 2013: Technical Summary, p. 37 and pp. 61–63.IPCC: (deutsche Zusammenfassung des BMU, BMBF, IPCC und UBA). Oktober 2013. So hielt z. B. der IPCC in seinem Sechsten Sachstandsbericht fest, dass die menschengemachte Erwärmung der Erdoberfläche im Zeitraum 1998–2012 durch interne Variabilität des Klimasystems sowie Fluktuationen von solaren und vulkanischen Klimafaktoren teilweise verborgen wurde, während sich die Klimaerwärmung insgesamt weiter fortsetzte. So betrug 2022 die weltweite Durchschnittstemperatur nahe dem Boden laut Berechnungen der WMO ungefähr 1,2 °C mehr als der Durchschnittswert von 1850 bis 1900. Dies machte 2022 zum sechstwärmsten Jahr, das jemals gemessen wurde. Die letzten acht Jahre waren weltweit die wärmsten seit 1850.
Die Behauptung, dass die globale Erwärmung eine Pause eingelegt hätte, kam etwa um 2008 auf und basiert auf dem Rosinenpicken von bewusst ausgewählten Anfangs- und Enddaten von klimatologisch nicht bedeutsamen kurzen Zeiträumen. Mit den neuen Temperaturrekorden ab 2014 fiel der Mythos der Klimawandel-Pause in sich zusammen.Michael E. Mann, Tom Toles: Der Tollhauseffekt. Wie die Leugnung des Klimawandels unseren Planeten bedroht, unsere Politik zerstört und uns in den Wahnsinn treibt. Erlangen 2018, S. 60–62. Die wesentliche Erkenntnis aus vielen Forschungsarbeiten – neben Artefakten der Auswertung – ist hingegen, dass die globale Erwärmung keine Pause eingelegt hat, sondern dass kontinuierlich Wärme aufgenommen wurde, bloß vorübergehend fast vollständig von den Ozeanen.Iselin Medhaug et al.: Reconciling controversies about the ‘global warming hiatus’. Nature 545, 2017, doi:10.1038/nature22315 (freier Volltext). Das führte nicht nur zu einem beschleunigten Anstieg des Meeresspiegels, sondern zu einem Temperatursprung, als mit dem El Niño 2015/16 ein Teil der Wärme zurück in die Atmosphäre gelangte. Auch 1998/99 gab es einen starken El Niño mit Rekordtemperaturen, was die Klimawandelleugner ausnutzten, indem sie das Ausnahmejahr 1998 zum Startpunkt ihrer irreführenden Zeitreihen wählten. Tatsächlich gibt es die behaupteten Diskrepanzen zu den Klimamodellen nicht, und deren Prognosen für die Temperatur gegen Ende des Jahrhunderts bzw. die Reduktionsziele zur Begrenzung des Anstiegs gelten unverändert.
Befund Obwohl die Konzentration von Treibhausgasen in der Erdatmosphäre seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ansteigt, bleibt der dadurch verursachte Anstieg der Oberflächentemperatur immer wieder scheinbar stehen. Am ausgeprägtesten und längsten waren die Pausen in den Jahren von 1880 bis 1910, von 1940 bis 1974 und von 1998 bis etwa 2014. In den ersten beiden genannten Zeiträumen gingen die Oberflächentemperaturen – trotz eines in dieser Zeit beobachteten ungebremsten Anstiegs der Konzentration der wärmenden Treibhausgase – global sogar zurück.
Die übrigen Klimavariablen wie Meeresspiegel, Wärmeinhalt der Ozeane oder das Volumen des arktischen Meereises setzten ihren Trend jedoch fort. Während der vermeintlichen Erwärmungspausen stoppte nicht die Klimaerwärmung, es wurde lediglich Energie in andere Teile des Erdsystems umgeleitet.
Ursachen Die Untersuchungen der Ursachen eines verlangsamten Temperaturanstiegs an der Erdoberfläche sind noch nicht abgeschlossen. Im fünften Sachstandsbericht des IPCC werden folgende Hauptfaktoren für einen verlangsamten Temperaturanstieg angegeben:
Interne Variabilität des Klimasystems (z. B. Umverteilung von Energie in die Ozeane) Äußere Antriebe, die die Strahlungsbilanz der Erde beeinflussen (vgl. Strahlungsantrieb): ein Minimum im 11-jährigen Sonnenfleckenzyklus die Verstärkung des kühlenden Effekts durch Aerosole Datenlücken und andere Probleme bei der Klimamodellierung
Der Umstand, dass 1998 ein besonders starker Anstieg der Welttemperaturen stattfand, verstärkt den Eindruck (seitdem) stabiler Temperaturen, wenn zugleich der vorherige Anstieg ausgeblendet wird.Vgl. Eine Datenlücke war schuld. Warum die Erderwärmung 15 Jahre ausblieb. In: n-tv. 25. November 2013. Abgerufen am 23. April 2015.
Interne Variabilität Die natürliche Eigenschaft des Weltklimas, einen schwingenden Temperaturverlauf zu zeigen, wird unter anderem durch die Atlantische Multidekaden-Oszillation (AMO), die Pazifische Dekaden-Oszillation (PDO) und die El Niño-Southern Oscillation (ENSO) hervorgerufen. So kann beispielsweise das Auftreten von El-Niño- bzw. La-Niña-Ereignissen die globale Durchschnittstemperatur von einem Jahr auf das andere um 0,2 K erhöhen beziehungsweise absenken und für wenige Jahre den jährlichen Erwärmungstrend von etwa 0,02 K überdecken oder verstärken.The Copenhagen Diagnosis (2009): Updating the World on the Latest Climate Science. I. Allison, N.L. Bindoff, R.A. Bindschadler, P.M. Cox, N. de Noblet, M.H. England, J.E. Francis, N. Gruber, A.M. Haywood, D.J. Karoly, G. Kaser, C. Le Quéré, T.M. Lenton, M.E. Mann, B.I. McNeil, A.J. Pitman, S. Rahmstorf, Eric Rignot, H.J. Schellnhuber, S.H. Schneider, S.C. Sherwood, R.C.J. Somerville, K. Steffen, E.J. Steig, M. Visbeck, A.J. Weaver. The University of New South Wales Climate Change Research Centre (CCRC), Sydney, Australia, 60pp, online (PDF; 3,5 MB) Bei La-Niña-Ereignissen wird Wärme in tiefere Ozeanschichten (>300 m) befördert, wie man anhand von Messungen bestätigen und mit Hilfe von Klimasimulationen nachvollziehen konnte.Gerald A. Meehl, Julie M. Arblaster, John T. Fasullo, Aixue Hu & Kevin E. Trenberth, Model-based evidence of deep-ocean heat uptake during surface-temperature hiatus periods. In: Nature Climate Change 1, 360–364, (2011), doi:10.1038/nclimate1229 Online
Eine Gruppe um den Klimatologen Mojib Latif prognostizierte in einer im Jahr 2007 eingereichten Publikation, dass bei Extrapolation der beschriebenen natürlichen Schwankungen des Klimasystems zu erwarten sei, dass die globale Durchschnittstemperatur bis etwa zum Jahr 2017 nicht oder kaum ansteigen würde. In einer anderen Publikation prognostizierte eine Autorengruppe, dass durch die verstärkte Wärmeaufnahme der Ozeane für insgesamt 20 bis 35 Jahre mit einer verlangsamten Erwärmung an der Erdoberfläche zu rechnen sei. Sie führten diesen Effekt auf eine in der subpolaren Region des Nordatlantik zu beobachtende Anomalie der Salinität zurück, die in der Vergangenheit eine Dauer von 20 bis 35 Jahren aufgewiesen habe und während dieser Zeit zu einer Subduktion warmen Wassers in tiefere Ozeanregionen geführt habe. Anschließend sei mit einer Phase verstärkter Erwärmung zu rechnen. Dies leiteten sie aus Messdaten des Argo-Programms ab.
Äußere Antriebe Ein äußerer Antrieb ist die Veränderung der Sonnenaktivität: sie variiert in einem elfjährigen Zyklus.
Deutlicher ausgeprägt ist der Einfluss von Aerosolen auf die Strahlungsbilanz der Erde. So werden die Phasen globaler Abkühlung zwischen ca. 1940 und ca. 1975, sowie zwischen 1998 und 2008Robert K. Kaufmann, Heikki Kauppi, Michael L. Mann, James H. Stock, Reconciling anthropogenic climate change with observed temperature 1998–2008. In: Proceedings of the National Academy of Sciences 108, No. 29, (2011), 11790–11793, doi:10.1073/pnas.1102467108. hauptsächlich mit einer erhöhten Konzentration von Sulfat-Aerosolen in der Atmosphäre erklärt. Wallace Broecker erkannte schon in den 1970er Jahren den kühlenden Effekt der menschengemachten Luftverschmutzung und spekulierte vor dem Hintergrund einer 35 Jahre dauernden Periode globaler Abkühlung in seiner oft zitierten Publikation vom 8. August 1975, dass für den Fall, dass der kühlende Effekt der Aerosole schwächer als der wärmende Effekt der Treibhausgase sei, eine signifikante globale Erwärmung zu erwarten sei. Als Titel seiner Publikation wählte er: Are we on the brink of a pronounced global warming? (Deutsch: Sind wir an der Schwelle einer ausgeprägten globalen Erwärmung)? Er sollte recht behalten, und der von ihm erstmals verwendete Begriff eines „Global Warming“ wurde fortan zum Synonym des menschengemachten Klimawandels.
Aufgrund dieses kühlenden Effekts warnen Forscher davor, dass ein signifikanter Teil des wärmenden Effekts der bereits in der Atmosphäre befindlichen Treibhausgase quasi „versteckt“ wird, aber bei erfolgreicher Luftreinhaltung innerhalb weniger Jahre zum Vorschein kommen würde.
Einfluss der Messtechnik Ein weiterer, das Messergebnis bestimmender Faktor rührt daher, dass die Erde nicht lückenlos mit Messstationen bedeckt ist und sich daher Wärme- oder Kälteinseln in Regionen befinden können, deren Daten nicht messtechnisch erfasst werden. So resultiert ein messtechnisches Artefakt aus der Tatsache, dass es in der Arktis kaum Temperatur-Messstationen gibt, weshalb eine Erwärmung, die sich in erster Linie dort zeigt, nicht in den globalen Messdaten widerspiegeln kann.
Ein Forscherteam des Dänischen Meteorologischen Instituts, das sukzessiv größer werdende polare Regionen aus den Temperaturtrends troposphärischer Satellitendaten und des Hadley Centre-Datensatzes (HadCRUT 4) herausrechnete, verortet die Hauptursache des geringeren Trends seit 2002 in niedrigen Breiten. Die lückenhafte Abdeckung der Arktis in den Messdaten ist nur ein Teil der Erklärung. Sie ist in Satellitendaten und für den Zeitraum seit 2002 nicht dominant.
Die Temperaturabnahme von etwa 0,3 K um 1945, die in den Daten des britischen Hadley Centre vorkommt, ist wahrscheinlich auf eine nicht korrigierte Abweichung bei der Messung der Meerestemperaturen zurückzuführen. Weiterhin könnten Fehler bei Schiffsmessungen einen schwächeren Anstieg vorgetäuscht haben.
Die Stagnation der globalen Oberflächentemperaturen im Zeitraum 1998 bis etwa 2014 mini|Entwicklung des Gesamtwärmebudgets der Erde. Die Darstellung zeigt, dass es auch in der Zeit von ca. 2000 bis 2014 eine Erwärmung gab, die aber fast ausschließlich in den Meeren stattfand
Für den Zeitabschnitt 1998 bis 2013 (teilweise auch noch 2014) wurde in der Öffentlichkeit häufig von einer Stagnation der Temperaturen gesprochen, die als Beleg herangezogen wird, dass die Globale Erwärmung gestoppt habe. Belegt wurde dies mit Aussagen der NOAA und einer Publikation des Lawrence Livermore National Laboratory. So schrieb die NOAA in ihrem Bericht „State of the Climate“ im Jahr 2008:NOAA „State of the Climate“ Seite 23