Als deutsche Überseewanderung wird die Emigration von Deutschen in Gebiete außerhalb des eurasischen Kontinents bezeichnet.
Deutsche Überseewanderung bis 1945 Situation im deutschen Sprachraum Die frühen Auswanderungen nach Übersee fanden in einer Übergangsphase der europäischen Entwicklung statt, die zwischen dem Zusammenbruch der alten agrarischen Gesellschaft und dem Anbruch des modernen Industriezeitalters lag. Die europäische Überseewanderung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist somit eng mit dem demographischen Übergang verknüpft.
Der erste namentlich genannte deutsche Auswanderer war Franz Daniel Pastorius, der in Verhandlungen mit William Penn 1683 die Einwanderungserlaubnis für eine Gruppe deutscher Siedler in Pennsylvania erwirkte. Zusammen mit 13 auf einem späteren Schiff nachgefolgten Krefelder Familien gründete und organisierte er die Siedlung Germantown, heute ein Vorort von Philadelphia.
Wegen religiöser Unterdrückung und einer großen Hungersnot verließen 1709 mehr als 10.000 Pfälzer ihre Heimat und bauten sich in Nordamerika eine neue Existenz auf. Von der Pfalz ausgehend breiteten sich bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts Wanderungsbewegungen in großen Teilen Südwestdeutschlands aus. Gründe hierfür waren unter anderem eine Überbevölkerung, die in anderen deutschen Ländern erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts eintrat.
Auslösender Faktor für dieses enorme Wachstum – das in ganz Europa auftrat – war vor allem eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität und das Fortschreiten der Industrialisierung. Auch der sanitäre und medizinische Fortschritt trug zu einer fallenden Sterblichkeitsrate bei. In ganz Europa korrelieren die hohen Auswanderungsquoten mit den etwa 20 bis 25 Jahre früher liegenden natürlichen Zuwachsraten.
Verbunden mit der wachsenden Bevölkerung in den deutschen Ländern war ein einsetzender Pauperismus (Massenarmut) und Arbeitslosigkeit. Damit waren die strukturellen Voraussetzungen für eine Emigration gegeben, und die Amerika-Auswanderung wurde seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu einer ständigen Erscheinung im Südwesten Deutschlands. Im 19. Jahrhundert griffen die Auswanderungen vom Südwesten über den Westen auch auf den Norden und Nordosten Deutschlands über, unter anderem die Auswanderung von Ostfriesland nach Amerika. Ursache hierfür waren die nach dem Wiener Kongress gelockerten bzw. später aufgehobenen Auswanderungsverbote.
Der Auswanderungsstrom schwoll jedoch erst nach 1820 stark an. Dies lag nicht allein an den stark wachsenden Geburtenüberschüssen, sondern auch am technologischen Fortschritt, der sich zum Beispiel in der Entwicklung von Dampfschiffen zeigte, und damit zu einer schnelleren und weniger gefahrvollen Atlantiküberquerung führte. Die nach Beendigung der Napoleonischen Kriege sichergestellte Auswanderungsfreiheit sowie Werbekampagnen von Landeignern in den Zielländern, von Reedern und Kapitänen, die an der Überfahrt verdienen wollten, verstärkten die Massenauswanderung. Die Emigranten selbst versuchten Angehörige und Freunde in die Neue Welt nachzuholen, wobei man hier von einer sogenannten Kettenmigration spricht. Als Attraktionen im Zielland bot sich den Emigranten freier Boden, freie Menschen, nationale Sicherheit und wirtschaftliche Unabhängigkeit verbunden mit einer bereits stattgefundenen Industrialisierung.
Die Auswanderungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts liefen in mehreren Phasen ab, die ziemlich genau mit langfristigen Bevölkerungswellen, also dem Wechsel von starken und schwachen Jahrgängen, übereinstimmen. Zusätzlich gesteuert wurden die Wanderungen von wirtschaftlichen und politischen Krisen. Zu nennen sind etwa die Missernten des Jahres 1846/47, der Amerikanische Bürgerkrieg zwischen 1861 und 1865. Die gründerzeitliche Blüte führte ab 1872 vorübergehend zu einem drastischen Nachlassen der Auswanderung aus dem Deutschen Reich. Um 1900 nahm die Überseewanderung aus Deutschland dann endgültig ab. Bedingt war dies durch das Ende der freien Landnahme in den Vereinigten Staaten zusätzlich zum Aufstieg der deutschen Industrie seit den 1870er Jahren.
Auswanderung aus dem Deutschen ReichAndrees Allgemeiner Handatlas, Velhagen & Klasing, Leipzig 1881, Erläuternder Text S. 21/22.über Hamburg, Bremen, Antwerpen und (erst ab 1874 statistisch erfasst) Stettin 1871 1872 1873 1874 1875 1876 1877 1878 1879 75.912 125.650 103.638 45.112 30.773 28.368 21.964 24.217 33.327
Die USA blieben jedoch während des gesamten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts das Hauptziel deutscher Emigranten. In der Periode von 1850 bis 1890 stellten die Deutschen sogar die größte nationale Einwanderergruppe. Von den 5,9 Millionen Menschen, die in der Zeit von 1820 bis 1928 nach Übersee gingen, wanderten 5,3 Millionen, d. h. fast neun Zehntel, in die USA, gegenüber nur 200.000 nach Brasilien, 145.000 nach Kanada (ab 1851) und 120.000 nach Argentinien (ab 1861). Noch geringer sind die Zahlen für Australien und Südafrika mit jeweils weniger als 50.000 Personen. In die deutschen Kolonien kamen bis 1913 sogar nur rund 24.000 Menschen aus dem Mutterland.Wilfried Westphal: Geschichte der deutschen Kolonien. Gondrom, Bindlach 1991, ISBN 3-8112-0905-1, S. 351. Davon ging gut die Hälfte nach Deutsch-Südwestafrika, das als einzige deutsche Siedlungskolonie vorgesehen war.Sebastian Conrad: Deutsche Kolonialgeschichte. C.H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-56248-8, S. 29.
Um 1930 wurde die Wanderungsfreiheit des Einzelnen zum ersten Mal eingeschränkt. Die wichtigsten Einwanderungsländer entschlossen sich auf Grund der weltweiten Wirtschaftskrise zu einer stärkeren Immigrationskontrolle. Die US-amerikanischen Einwanderungsgesetze von 1921 (Emergency Quota Act) und 1924 (Immigration Act of 1924) hatten diese Entwicklung bereits einige Jahre zuvor eingeleitet, indem sie mit zulässigen Einwanderungsquoten nach Nationalitäten den Immigrationszuwachs einzudämmen versuchten. Dies wird dadurch ersichtlich, dass 1927 beispielsweise die Zahl der europäischen Wanderer nach Zielorten in Europa erstmals die nach transozeanischen übersteigt. Die innereuropäischen Wanderungen der 1920er und 1940er Jahre standen allerdings zu einem großen Teil in Verbindung mit politischen Veränderungen beziehungsweise waren eine Folge der beiden Weltkriege.
Zusammensetzung der Auswanderer Die Zusammensetzung der Auswanderer in demographischer und sozialer Hinsicht hat sich im Laufe der Zeit deutlich verändert. Es lassen sich drei Phasen unterscheiden:
Die Zeit bis etwa 1865, in der die Familienauswanderung selbständiger Kleinbauern und Kleinhandwerker zunächst aus dem Südwesten, später aber auch aus anderen Teilen Deutschlands dominierte: Wenn auch sehr viel mehr Männer (ca. 60 %) als Frauen auswanderten, so deutet der verhältnismäßig hohe Anteil von Kindern unter 10 Jahren (ca. 20 %) darauf hin, dass sich die Wanderungen nach Übersee nur zu einem kleinen Teil als Einzelwanderungen vollzogen hat und meistens ganze Familien ihre Heimat verließen. Die Zeit von 1865 bis 1895, in der die Auswanderung unterbäuerlicher und unterbürgerlicher Schichten aus Norddeutschland einsetzte und sich die Einzelwanderung allmählich verstärkte: Anders als in der Phase zuvor übte nur noch ein geringer Teil der Auswanderer einen selbständigen Beruf aus, und der Anteil der Kinder ging stark zurück. Seit etwa 1890 machte die Auswanderung von Einzelpersonen den Hauptteil der Migrationsbewegung aus. Daran waren nicht mehr ausschließlich Männer, sondern in zunehmendem Maße auch Frauen beteiligt. Die Zeit von 1895 bis 1914, in der die Familienauswanderung zu Ende ging und die Siedlungswanderung zu einer Arbeitswanderung wurde: Das Ende der Agrarkolonisation in den Vereinigten Staaten führte dazu, dass die überwiegend im Familienverband vorgenommene Auswanderung (mit dem Ziel, dort in der Landwirtschaft zu arbeiten) allmählich ausklang und an ihre Stelle die Emigration von Industriearbeitern trat. In der Zwischenkriegszeit stieg der Anteil der Einzelwanderung weiter an. Zwischen 1921 und 1928 waren zwei Drittel der Emigranten Einzelpersonen; 38 % von ihnen waren Frauen.
Push- und Pullfaktoren Für die deutsche Überseewanderung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts lassen sich einige Push- und Pullfaktoren finden, die in Zusammenhang mit sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen stehen. In den Realerbteilungsgebieten des deutschen Südwestens setzten sich aus dem 18. Jahrhundert Bevölkerungsvermehrung und Besitzzersplitterung fort. Diese Art des Vererbens war für den Süden Deutschlands typisch und bedeutet, dass der Besitz einer Familie unter den Erbberechtigten in gleich große Stücke aufgeteilt wird. Diese Aufteilung findet bei jedem Erbgang statt, so dass die Anzahl von Kleinstparzellen mit der Zeit ansteigt. Zusätzlich verbunden mit dem Auflösen der Grundherrschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam es zu einer weiteren Verschärfung der wirtschaftlichen Lage und einer zunehmenden Verschuldung der Zwergstellenbesitzer. Vor allem nach Missernten, wie zum Beispiel in den 1840er Jahren, waren die Kleinbauern meist gezwungen, ihren Hof zu verkaufen und in die Neue Welt auszusiedeln.
In Gebieten mit Anerbenrecht, d. h. dem Gegensatz zur Realerbteilung, bei dem an einen einzigen Erben vererbt und der Rest abgefunden wurde, führte diese Praxis auf der einen Seite zu einer Stärkung des Bauerntums. Auf der anderen Seite brachte dies aber für die unterbäuerlichen Schichten, d. h. die Erben, die abgefunden wurden, wirtschaftliche Nachteile mit sich. Konnten sich diese Leute mit Nebentätigkeiten wie Leinweberei oder Hollandgängerei (einer Art des Wanderarbeitens) noch finanziell über Wasser halten, so waren viele nach dem Fortfall dieser Erwerbsquellen zu einer Auswanderung gezwungen.
Im Nordosten Deutschlands kam es durch die Bauernbefreiung (bei der allmählich die persönlichen Verpflichtungen der Bauern gegenüber ihren Grundherren aufgelöst wurden) und Separation (Flurbereinigung) anfangs zu einem Landesausbau und einer landwirtschaftlichen Intensivierung, welche zunächst eine Vermehrung der von der Landwirtschaft lebenden Familien ermöglichte. Die Situation der Überbevölkerung trat damit erst mit einer Phasenverschiebung von etwa zwei Jahrzehnten in den 1860er und 1870er Jahren ein, nach der der Nordosten Deutschlands (insbesondere Westpreußen, Pommern und Posen) zum Auswanderungszentrum wurde. Einhergehend mit der Phasenverschiebung der Überbevölkerung ging auch eine Verschiebung der beruflichen und sozialen Stellung der Auswanderer. Bei diesen Emigranten handelte es sich überwiegend um noch unverheiratete, landwirtschaftliche Arbeiter und nicht mehr, wie in der Frühphase der Wanderungsbewegungen, um Kleinbauern und Gewerbetreibende mit ihren Familien.
Die Auswanderung der Menschen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde jedoch nicht nur wegen der landwirtschaftlichen Probleme verursacht, sondern verstärkte sich zusätzlich durch den Rückgang des Heimgewerbes und die Überbesetzung des Handwerks als Folge der beginnenden Industrialisierung. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnten die neu entstehenden Industriebetriebe mehr und mehr die „überzählige Bevölkerung“ aus anderen Wirtschaftsbereichen aufnehmen und damit die Auswanderungsneigung der Bevölkerung schwächen. Dass sich Deutschland allmählich zur größten Industrienation des Kontinents entwickelte, ist nicht zuletzt auch den Auswanderungen der Jahrzehnte zuvor zu verdanken. Dadurch wurde die deutsche Volkswirtschaft gerade von der Zahl Menschen befreit, denen sie keinen Arbeitsplatz bieten konnte.