Elisabeth Flora Charlotte Hauptmann (* 20. Juni 1897 in Peckelsheim, Kreis Warburg, Provinz Westfalen; † 20. April 1973 in Ost-Berlin) war eine deutsche Schriftstellerin, Übersetzerin und Mitarbeiterin Bertolt Brechts. Sie verwendete auch die Pseudonyme Dorothy Lane, Josefine Diestelhorst und Catherine Ux. Sie ist unter anderem Mitautorin der Dreigroschenoper und Hauptautorin von Happy End (unter dem Pseudonym Dorothy Lane). Nach Brechts Tod gab sie seine Werke beim Suhrkamp-Verlag heraus und war Dramaturgin beim Berliner Ensemble. Eine Sammlung ihrer Texte wurde 1977 unter dem Titel Julia ohne Romeo herausgegeben. Leben

Elisabeth Hauptmann wurde zunächst von ihrer in Amerika geborenen Mutter JosefineJohn Fuegi schreibt den Namen der Mutter „Josephine“ und gibt an, dass die Mutter 1875 in Wien geboren sei und mit zwei Jahren von einer Cousine ihres Vaters in den USA adoptiert worden und in Brooklyn aufgewachsen sei. Brecht & Co., S. 203 ff. mit ihren beiden Geschwistern zu Hause unterrichtet und erwarb dabei sehr früh gute Englischkenntnisse. In Droyßig bei Zeitz absolvierte sie 1912–1918 eine Ausbildung zur Lehrerin und arbeitete 1918–1922 als Lehrerin in Linde im Kreis Flatow.

Begegnung mit Bertolt Brecht und gemeinsame Arbeit 1922 kam Elisabeth Hauptmann nach Berlin, wo sie 1924 Bertolt Brecht kennenlernte:

Elisabeth Hauptmann führte Brechts Interesse an ihr und seinen Anruf am nächsten Tag auf ein Missverständnis zurück: Da sie eine Grippe hatte, habe sie fast die ganze Zeit geschwiegen, worauf Brecht sie als gute Zuhörerin wahrgenommen habe. Schnell wurde sie zu Brechts Ansprechpartnerin, wenn er an seinen Dramen arbeitete, und entwickelte gemeinsam mit ihm Elemente der Fabel, zuerst für das Stück Mann ist Mann.Sabine Kebir: Ich fragte nicht nach meinem Anteil. S. 25 f. Brecht schätzte ihr literarisches Urteil und die guten Sprachkenntnisse und brachte sie als seine Lektorin beim Kiepenheuer Verlag unter. Von 1925 bis 1927 arbeitete sie von dort aus Brecht zu, erstellte Übersetzungen (unter anderem von Rudyard Kipling) und Materialsammlungen und arbeitete an Stücken Brechts mit. Das Manuskript von Mann ist Mann schenkte er – wie später andere Manuskripte – Elisabeth Hauptmann mit einer humorvollen persönlichen Widmung unter der Überschrift „hauptmanuskripte“. Unter anderem hieß es da: „ich schenke es am ende des jahres 1925 beß hauptmann, die dieses ganze jahr ohne lohn mit mir gearbeitet hat.“Sabine Kebir: Ich fragte nicht nach meinem Anteil. S. 29. Das wurde später so interpretiert, als habe sie unbezahlt für Brecht gearbeitet. Elisabeth Hauptmann kommentierte: „Das war von Brecht scherzhaft formuliert! Und das wurde so interpretiert, als ob ich wirklich keinen Reallohn bekommen hätte. Ich war wirklich solide bezahlt.“Sabine Kebir: Ich fragte nicht nach meinem Anteil. S. 29. Mit Kurzgeschichten für Magazine und Übersetzungen versuchte sie zur gleichen Zeit, zusätzlich ein Standbein als selbständige Autorin zu entwickeln.

John Fuegi setzt den Anteil Elisabeth Hauptmanns an Brechts Werk sehr hoch an und beruft sich dabei auf die Sichtung der Manuskripte, die besseren Sprachkenntnisse der Autorin bei englischen Quellen und auf ein Interview, das er am 9. November 1970 in Ostberlin führte: „Einmal verzichtete sie teilweise darauf, sich schützend vor den Dramatiker Brecht zu stellen, und räumte in einem Berliner Interview von 1970 ein, ihr Anteil an einigen der Lehrstücke habe bei 80 Prozent gelegen.“John Fuegi: Brecht & Co. S. 210.

Sabine Kebir verteidigt Brecht: Lion Feuchtwanger und Brecht hätten einander Texte spendiert, Arnolt Bronnen und José Rehfisch hätten sich bei Brechts Dickicht bedient, Brecht habe nicht nur mit Hauptmann, sondern auch mit Emil Burri und anderen kollektive Werke produziert. Dieses „Verweben verschiedener intellektueller Diskurse“ sei „Intertextualität“, „ein Zug der Zeit“.Sabine Kebir: Ich fragte nicht nach meinem Anteil. S. 64 f. Sie attackiert Fuegi, der aus puritanischer Sicht nur „die charakterliche Verworfenheit von Brecht“ beweisen wolle.Sabine Kebir: Ich fragte nicht nach meinem Anteil. S. 68.

Tagebücher Von Januar 1926 bis Anfang 1927 führte Elisabeth Hauptmann ein Tagebuch, das sowohl Arbeitsdaten als auch persönliche Gefühle festhielt. Später bearbeitete sie die Aufzeichnungen zweimal, zunächst durch Reduktion der persönlichen Seite, in einem weiteren Durchgang durch Ergänzungen und bessere Formulierungen. Diese letzte Version wurde später zum größten Teil 1957 im zweiten Brecht-Sonderheft der Zeitschrift Sinn und Form und in der Sammlung Elisabeth Hauptmann: Julia ohne Romeo publiziert. Die vollständigen Tagebücher veröffentlichte Sabine Kebir 1997;Sabine Kebir: Ich fragte nicht nach meinem Anteil. S. 34 ff. hier fehlten jedoch längere, schwer entzifferbare Passagen, manche Stellen wurden fehlerhaft gelesen oder gedeutet. 2021 folgten in Sinn und Form mit »2 x sehr über ihn geärgert« nochmals, teils bis dahin unpublizierte, Auszüge aus den Tagebuchaufzeichnungen zu Brecht, mit einer einordnenden Vorbemerkung von Martin Kölbel und Peter Villwock.»2 × sehr über ihn geärgert«. Tagebuchaufzeichnungen zu Brecht. Mit einer Vorbemerkung von Martin Kölbel und Peter Villwock. In: Sinn und Form 2/2021, S. 155–163. Nach Brechts Tod im August 1956 hatte sich Hauptmann das dreißig Jahre alte Tagebuch noch einmal vorgenommen. Kölbel und Villwock erkennen in Hauptmanns 1956er Version den 1926er Brecht teils als begnadeten Theoretiker des epischen Theaters, teils als gewieften Selbstausleger seiner Theaterstücke. Wie sie beide damals tatsächlich dachten, zeigten schon die in Sinn und Form abgedruckten Auszüge. Vollständig, neu entziffert und kritisch ediert erschien das Tagebuch von 1926 dann im Frühjahr 2021 als Band 5 von Brechts Notizbüchern.

Das Tagebuch enthält einige Entwürfe für Stücke und Kurzgeschichten, aber auch Gesprächsnotizen, kurze Berichte über Begegnungen, Theaterproben und Ereignisse, aber auch Persönliches. In einem Eintrag vom 10. März 1926 wird deutlich, welche Schwierigkeiten Brecht zu dieser Zeit hatte, ein längeres Projekt abzuschließen:

Sie berichtet von Kipling-Übersetzungen und Brechts Begeisterung für die Gedichte: „B. meint, ein Band Kiplinggedichte macht die ganze Lyrik kaputt.“Sabine Kebir: Ich fragte nicht nach meinem Anteil. S. 44. Neue Impulse für Brechts Schaffen entstehen laut Hauptmanns Tagebuch im Kontext des Jo-Fleischhacker-Projekts, das die ökonomischen und sozialen Folgen der Spekulation mit Nahrungsmitteln darstellen sollte und Fragment geblieben ist (Brechts Entschluss, sich intensiver mit Geldtheorie zu befassen). Brecht habe erkannt, dass eine neue Theaterkonzeption nötig sei, um solche komplexen Auseinandersetzungen zu erfassen.

Umgang mit Brechts Polyamorie Als Brechts Beziehung mit Elisabeth Hauptmann begann, hatte er bereits mit Paula Banholzer ein Kind, seinen ersten Sohn Frank Banholzer. Er war 1922–1928 verheiratet mit Marianne Zoff, einer österreichischen Schauspielerin und Opernsängerin und Mutter von Brechts am 12. März 1923 geborener Tochter Hanne Marianne, die später den Künstlernamen Hanne Hiob annahm. Gleichzeitig hatte er eine Beziehung zu Helene Weigel, die er 1923 kennengelernt hatte; ihr gemeinsamer Sohn Stefan wurde 1924 geboren. 1929 nach der Scheidung Brechts von Marianne Zoff heirateten sie. 1930 kam die Tochter Barbara zur Welt.

Sabine Kebir stellt die vielfältigen Frauenbeziehungen Brechts in den Kontext von Beziehungsexperimenten in der Berliner Künstlerszene der Weimarer Zeit. Sie interpretiert die Toleranz der Frauen für Brechts komplexes Liebesleben als Ausdruck von Emanzipation. In einer matriarchalen Haltung hätten die Frauen auf der Basis finanzieller und beruflicher Unabhängigkeit offene Beziehungen zu Männern gepflegt.

Die veränderte Haltung der Frauen sei dabei zum Teil auf die Folgen des Ersten Weltkriegs zurückzuführen. Der Männermangel habe sowohl Chancen auf Erfolge im Berufsleben eröffnet, als auch für viele Frauen die Hoffnung auf eine bürgerliche Ehe verstellt. Sie weist darauf hin, dass Helene Weigel von der Beziehung Brechts zu Elisabeth Hauptmann gewusst und sie akzeptiert habe. Sie habe den beiden sogar ihre Atelierwohnung ab Februar 1925 zur Verfügung gestellt und sei deshalb umgezogen. Die Ummeldung für die Weigel habe Elisabeth Hauptmann ausgefüllt. „Gegenseitiger Respekt“ habe die Beziehung der Frauen zueinander bestimmt. Dass Brecht die Frauen dabei belogen und die jeweils andere Beziehung verharmlost hat, räumt Sabine Kebir ein.Sabine Kebir: Ich fragte nicht nach meinem Anteil. S. 74.

Laut Fuegi hatte Marieluise Fleißer die Nachricht von der Heirat Brechts am 10. April 1929 aus der Zeitung erfahren und habe sich die Pulsadern aufgeschnitten. Auch Elisabeth Hauptmann unternahm einen Suizidversuch. Beide Frauen wurden rechtzeitig gefunden und gerettet. John Fuegi zeichnet in diesem Zusammenhang ein diabolisches Bild BrechtsFuegi bezieht sich dabei unter anderem auf Marieluise Fleißers Erzählung Avantgarde, die er als Abrechnung mit Brecht interpretiert, während Fleißer angibt, den jungen Brecht, so wie er war, noch einmal lebendig werden zu lassen: Marieluise Fleißer: Avantgarde. Geschrieben 1962 in Ingolstadt, ursprünglich unter dem Titel Das Trauma; Erstdruck 1962; zitiert nach: Marieluise Fleißer: Gesammelte Werke. Dritter Band. Frankfurt am Main 2/1983, ISBN 3-518-04477-X, S. 117; Stellungnahme Fleißers in den Anmerkungen, S. 314 f. und sieht die Ehe als Konstrukt, sich die mütterliche Unterstützung der Weigel zu sichern, gleichzeitig aber ihre Akzeptanz und sogar Unterstützung für seine Affären zu gewinnen.John Fuegi: Brecht & Co. S. 329 f.

Fuegis Darstellung wurde in Forschung und Rezensionen heftig kritisiert: Er gebe die längst bekannte Bedeutung der Beiträge von Elisabeth Hauptmann als neue Erkenntnis wieder. Hellmuth Karasek schreibt, Fuegis Analyse leide unter Ungenauigkeiten und „einer erschreckenden Unkenntnis von Theaterpraxis, wo Stücke in Gemeinschaftsarbeit von Dramaturgen, Regisseuren, Assistenten, Schauspielern bearbeitet, übersetzt, bei Proben verändert und angepaßt werden.“Hellmuth Karasek: Von Brecht vollbracht? SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek über das denkmalschänderische B.-B.-Buch von John Fuegi. In: Der Spiegel 38/1994, S. 211.

Der Journalist, Kritiker und Dramaturg Urs Jenny findet bei Fuegi dagegen eine interessante Fragestellung:

Jenny beschreibt die Bedeutung Elisabeth Hauptmanns für Brechts Werk: „als Stofflieferantin, Ko-Autorin und konstante Kraft im fluktuierenden Mitarbeiter-Kollektiv, als Organisatorin aller Angelegenheiten, um die er sich aus Unlust nicht kümmern mochte (in Berlin wie im amerikanischen Exil), schließlich, lang über seinen Tod hinaus, in Ost-Berlin als Herausgeberin der ‚Gesammelten Werke‘“.Urs Jenny: Sieh an, das Scheusal hat Talent! In: Der Spiegel 1/1998, S. 154. Fuegi werde „verketzert“, obwohl die Anteile Elisabeth Hauptmanns an vielen Brecht-Stücken tatsächlich in einem erschreckenden Missverhältnis zu ihren Tantiemenanteilen stünden. „Selbst in der Geburtstags-‚Werke‘-Ausgabe steht beispielsweise, als sei das eine Bagatelle, in den kleingedruckten Anmerkungen zu dem Stück ‚Der Jasager‘, Brecht habe dafür ein Manuskript von Elisabeth Hauptmann zu ‚rund 90 Prozent bis auf Ausnahmen wortwörtlich‘ übernommen.“Urs Jenny: Sieh an, das Scheusal hat Talent! In: Der Spiegel 1/1998, S. 155 f.

Erfolgreiche Zusammenarbeit – Die Dreigroschenoper