mini|Ein Linkshänder beim Schreiben
Linkshänder nutzen bevorzugt ihre linke Hand, insbesondere für Tätigkeiten, die hohe Ansprüche an Feinmotorik, Kraft oder Schnelligkeit stellen (z. B. zum Schreiben oder Werfen). Die Händigkeit, also die Präferenz der rechten oder linken Hand, wird durch die Dominanz der gegenseitigen Hirnhälfte erklärt. Es ist bisher unklar, ob Linkshändigkeit (auch Sinistralität) eine angeborene Veranlagung ist. Forscher vermuten eine Festlegung im Rückenmark im embryonalen Stadium.
Hintergrund Die Dominanz einer Hand Beim Menschen liegt die Dominanz einer Hand vor (Phänomen der Händigkeit). Da jede Hirnhemisphäre ihren spezifischen Anteil an der Informationsverarbeitung hat, bezeichnet man dies auch als funktionelle Asymmetrie. Jede Hirnhälfte ist über Hauptnervenstränge mit der jeweils gegenseitigen Körperhälfte verbunden und steuert diese. Bei Linkshändigkeit kann also von einer führenden Rolle der rechten Hirnhälfte ausgegangen werden.
Die dominante Hand kann schneller, exakter, stärker agieren – vor allem, wenn eine spontane Reaktion gefordert ist und bei Tätigkeiten, die mit einer besonderen kognitiven Leistung verbunden sind. Das heißt aber nicht, dass eine Hand alles kann und die andere nichts. Vielmehr haben die Hände spezifische Aufgabenbereiche, die sich ergänzen. Diese Spezialisierung wird von Wissenschaftlern auch als „Beidhändigkeit höherer Ordnung“Alfred Zuckrigl: Linkshändige Kinder in Familie und Schule. 5. Auflage, Reinhardt-Verlag, München 1995, ISBN 3-497-01370-6. bezeichnet: dominant = Hauptakteur, schnelle Reaktion, besondere Feinmotorik und Geschicklichkeit nichtdominant = Vorbereiten und Begleiten der Aktion, aktive HaltefunktionenWalter Mengler: Musizieren mit links. Schott, Mainz 2010, S. 12f. Warum in allen Kulturkreisen rechtshändige Menschen in der Mehrheit sind, ist – trotz vielfältiger Theorien – weitgehend unklar. Vermutlich sind daran gesellschaftliche Faktoren ebenso beteiligt wie die funktionelle Gliederung des Gehirns.Sally P. Springer: Linkes - rechtes Gehirn. Funktionelle Asymmetrien. 2. Auflage, Spektrum, Heidelberg 1988, Kapitel 5, ISBN 3-922508-14-6.
Anteil der Linkshänder Statistiken geben den Anteil der Linkshänder in der Bevölkerung mit 10 bis 15 Prozent an.Carola Beck und Britta Pawlak. Typisch Linkshänder – wo liegen die Unterschiede? Der Wert bei Befragungen fällt oftmals geringer aus als bei gezielten Tests, was auf die lange Zeit verbreitete Umerziehung von Kindern und deren Imitation Erwachsener zurückzuführen ist. Entsprechend sind Linkshänder in Statistiken unter alten Menschen deutlich seltener.
Schätzungen über die theoretische Häufigkeit der Linkshänder, wenn es weder bewusste noch unbewusste Umerziehung gäbe, gehen bis zur Hälfte der Bevölkerung. In bestimmten Sportarten (z. B. Wasserball) liegt der Anteil der Linkshänder bei etwa 30 Prozent (Handball 25 Prozent), da positionsspezifisch nach Linkshändern gezielt gesucht wird und auch Tests angewandt werden, um natürliche Linkshänder zu identifizieren, da sich diese leichter zum sportspezifischen Linkshänder zurückschulen lassen als echte Rechtshänder.Arnd Krüger (2018). Linkshänder. Leistungssport 48 (5), 29. Im Tischtennis-Vereinssport sind Linkshänder mit 13,4 % nicht überrepräsentiert. Unter den Top 100 der Tischtennis-Weltrangliste der Männer hingegen sind im November 2024 21 Linkshänder. In: Table Tennis Guide (englisch). Gerade bei Sportarten mit „Mann-gegen-Mann“-Duellen (Tischtennis, Boxen, Fechten) sollen Linkshänder häufiger im Vorteil sein, weil für Rechtshänder das Spiel gegen sie ungewohnt ist. In: mytischtennis.de, 13. August 2017.
Bestimmung der individuellen Händigkeit Bei den meisten Kindern kann durch Beobachten spontaner Handlungen und Reflexe schon früh die deutliche Präferenz einer Hand erkannt werden. Beim Ausprobieren und Erkunden der Fähigkeiten beider Hände sollen Kinder möglichst nicht beeinflusst werden. Die individuelle Händigkeit festigt sich während der ersten Lebensjahre.
Mit dem Schuleintritt sollte die Händigkeit entschieden sein, denn ein mehrmaliges Umstellen der Schreibhand ist für die Entwicklung nachteilig. In unklaren Fällen können spezifische Tests weiterhelfen. Sie werden z. B. von Beratungsstellen für Linkshänder oder von Ergotherapeuten mit entsprechender Qualifikation angeboten. Eine wissenschaftliche Auswertung ist allerdings erst ab einem Alter von sechs Jahren mittels Hand-Dominanz-Test sinnvoll. Dabei müssen Kinder verschiedene Konturen nacheinander mit beiden Händen nachzeichnen und punktieren. Einfachere, aber weniger aussagekräftige Tests wie der Klatsch- oder Greiftest können bereits im früheren Alter erfolgen.
Wird eine ursprünglich linkshändige Veranlagung erst später erkannt, gibt es inzwischen Verfahrensweisen einer behutsamen Rückschulung mit Hilfe professioneller Linkshänder-Berater.
Linkshändiges Schreiben mini|Zwei rechtshändige Parlamentsstenographen und ein linkshändiger (2020) Heute besagen die Schulrichtlinien fast aller deutscher Kultusministerien, dass eine bestehende Linkshändigkeit nicht verändert werden darf.Johanna Barbara Sattler: Der umgeschulte Linkshänder oder Der Knoten im Gehirn. Auer, Donauwörth 1995, ISBN 3-403-02645-0 Linkshändige Kinder sollten ihre Veranlagung als natürlich und gleichberechtigt erfahren.
Schreibanfänger benötigen spezielle methodische Unterstützung, insbesondere beim Erlernen der passenden Schreibhaltung. Besonders zu beachtende Aspekte sind:
Schreibrichtung: Die natürliche Blick- und Schreibrichtung vieler Linkshänder verläuft von rechts nach links. Bei den ersten Schreib- und Leseübungen können daher Verdrehungen von Buchstaben, Silben oder Ziffern sowie die Verwendung von Spiegelschrift vorkommen. In der Regel ist das aber ein vorübergehendes Phänomen.Rolf W. Meyer: Linkshändig?. 5. Auflage, Verlag Koch bzw. Humboldt, Höfen 2001, ISBN 3-7081-9862-X. S. 62f. Stift- und Blatthaltung: Rolf W. Meyer empfiehlt, auf folgende ergonomische Schreibhaltung zu achten: Das Blatt liegt etwas links der Körpermitte und ist leicht im Uhrzeigersinn gedreht. Das Stiftende zeigt etwa zur linken Schulter. Die Hand bleibt immer unterhalb der Schreiblinie.Rolf W. Meyer: Linkshändig?. 5. Auflage, Verlag Koch bzw. Humboldt, Höfen 2001, ISBN 3-7081-9862-X. S. 58. So ist entspanntes Schreiben möglich, ohne die Tinte zu verwischen. Es ist auch eine spezielle Schreibunterlage erhältlich mit Markierung der richtigen Blattlage. Teils findet sich bei Linkshändern auch eine hakenförmige oder invertierte Schreibhaltung. Dabei wird die stärker angewinkelte Hand oberhalb der Schreiblinie entlanggeführt. Hinsichtlich der Ergonomie ist diese Haltung aber ungünstiger.Sally P. Springer: Linkes – rechtes Gehirn. Funktionelle Asymmetrien. 2. Auflage, Spektrum, Heidelberg 1988, ISBN 3-922508-14-6. S. 94f. Auswahl der Schreibmaterialien: Füllfederhalter für Linkshänder (mit spezifischer Griff-Form und Feder) werden von mehreren Firmen angeboten. Die Federbreite sollte individuell ausgewählt werden. Sie muss sich gut schieben und ziehen lassen, dabei aber nicht zu viel Tinte abgeben (schnelles Trocknen). An manchen Schulen ist statt des Füllers auch ein Tintenstift erlaubt, der für manche Linkshänder praktischer ist. Im Schulalltag können noch weitere spezifische Linkshänderprodukte sinnvoll sein, z. B. Spitzer, Lineal, Linkshänder-Spiralblock. So bereitet das Messen mit dem Lineal dem Linkshänder Schwierigkeiten, da es spiegelverkehrt zu seiner intuitiven Bewegungsrichtung erfolgt: Er zieht den Strich intuitiv von der rechten zur linken Seite anstatt von links nach rechts!Aus: welt-der-linkshaender.de, Feb. 2019. Sitzposition: Zur Linken des Schülers sollte kein rechts-schreibendes Kind sitzen, da sonst für beide die Bewegungsfreiheit des Schreibarms eingeschränkt wird. Die Tafel sollte geradeaus oder mittels einer Rechtsdrehung des Körpers einzusehen sein. Der Lichteinfall ist am günstigsten von rechts oder von vorn.Rolf W. Meyer: Linkshändig?. 5. Auflage, Verlag Koch bzw. Humboldt, Höfen 2001, ISBN 3-7081-9862-X. S. 57 f.
Kurzschrift: Um dem natürlichen Bewegungsablauf von Linkshändern entgegenzukommen, wurde das Stenografiesystem Stiefografie den Bedürfnissen der Linkshänder angepasst, indem diese Kurzschrift gespiegelt und somit von rechts nach links geschrieben wird.Rationelle Stenografie Stiefografie: Links-Steno, abgerufen am 1. April 2016.Stiefografie auch speziell für Linkshänder. In: stenografie-stiefografie.beepworld.de.
Manche Linkshänder können spontan Spiegelschrift schreiben. Inwieweit diese Fähigkeit davon abhängig ist, ob sie umerzogen worden sind oder nicht, ist in der Forschung umstritten. Dieses so genannte Leonardo-Phänomen lässt sich teilweise auch bei Personen beobachten, die sich selbst nicht als Linkshänder verstehen, wird jedoch in der Regel Linkshändern zugeordnet.Weiterführende Literatur siehe Literatur. In: Erste deutsche Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder.Hinnerk Becker: Neuropsychiatrische Aspekte der Linkshändigkeit. In: Udo Schneider (Hrsg.): Aspekte des Psychischen. Festschrift anlässlich des 60. Geburtstags von Hinderk M. Emrich. Königshausen und Neumann, Würzburg 2004, ISBN 3-8260-2729-9, S. 20.
Umerziehung und mögliche Folgeprobleme
Da Rechtshändigkeit in Deutschland als erwünscht galt, wurden Linkshänder bis in die 1970er Jahre in der Regel spätestens mit der Einschulung gezwungen, ausschließlich die rechte Hand als Schreibhand zu verwenden. Die Psychologin Johanna Barbara Sattler bezeichnet das Umerziehen der Händigkeit als einen der „massivsten unblutigen Eingriffe in das menschliche Gehirn“. Sie ist der Meinung, dass die erzwungene Umschulung von Linkshändern zu schwerwiegenden Problemen führen könne, beispielsweise mangelnde Konzentrationsfähigkeit, Gedächtnisstörungen, Legasthenie und Sprachstörungen wie Wortfindungsstörungen. Leide ein Mensch unter einem dieser Probleme, stellten sich oft psychische Folgen ein, die von einem schlechten Selbstbewusstsein bis zu schwerwiegenden Verhaltensstörungen reichen könnten. In: Psychologie heute Nr. 10/1985. In der psychotherapeutischen Praxis würden psychische Umschulungsfolgen noch nicht ausreichend thematisiert, da spezialisierte Therapeuten noch selten zu finden seien.
Noch werden gelegentlich Linkshänder umerzogen, da die neuronalen Zusammenhänge und die psychischen und kognitiven Folgen der Umerziehung noch nicht ausreichend in der Bevölkerung bekannt sind. So glauben manche noch immer, ein Linkshänder habe es in einer Welt von Rechtshändern dann einfacher, wenn er gleich auf rechts umerzogen wird. Allerdings gibt es seit den 1980ern Beratungsstellen in Deutschland, die aufklären, dass ein etwaiges Umerziehen eher kontraproduktiv für das Erlernen von Lesen und Schreiben sein kann.
In zahlreichen afrikanischen Ländern wie z. B. Senegal, Uganda, Simbabwe, Nigeria und Äthiopien werden Linkshänder auch im 21. Jahrhundert weiterhin stigmatisiert. Linkshändigkeit gilt als Zeichen des Bösen und das Umlernen auf Rechtshändigkeit wird oft durch sozialen und familiären Druck erzwungen. Häufiger hat eine Umerziehung jedoch kulturelle Ursachen (beispielsweise durch die zur Begrüßung verwendete rechte Hand). Dies trifft weltweit zu: So gilt Linkshändigkeit in arabischen Kulturen bzw. in islamischen Ländern als schweres Stigma. Die Ursachen dafür liegen viele Jahrhunderte in der Vergangenheit und sind zum Teil pragmatischer Natur: In arabischen (islamischen) und in anderen Kulturen wird die Reinigung nach dem Stuhlgang üblicherweise (bei Rechtshändern) mit der bloßen linken Hand und Wasser ausgeführt. Dies führte zu der Betrachtung der linken Hand als unrein; sie wird daher nicht zum Essen oder für soziale Kontakte eingesetzt.