mini|Alte Videokassetten auf einem Flohmarkt
Obsoleszenz ist in der Wirtschaft und insbesondere in der Industrie das Veralten von Produkten – oder auch von Wissen – durch die begrenzte Haltbarkeit technischer Bauteile und den Wandel von Mode oder technischem Fortschritt.
Wenn dieser Prozess durch die Hersteller aus marktstrategischen Gründen bewusst herbeigeführt wird, spricht man von geplanter Obsoleszenz oder von „geplantem Verschleiß“.
Allgemeines Das Wort Obsoleszenz steht für „sich abnutzen, alt werden, aus der Mode kommen, an Ansehen, an Wert verlieren“ ().Ursula Hermann, Knaurs etymologisches Lexikon, 1983, S. 340. Das zugehörige – und häufiger benutzte – Adjektiv obsolet im Sinne von „nicht mehr gebräuchlich“, „hinfällig“ oder „veraltet“ bezeichnet generell Veraltetes, meist überholte Aussagen, Normen, Sachverhalte, Kulturtechniken, Funktionalitäten oder Therapien.
Gebrauchsgegenstände dienen dem wiederholten Gebrauch, mit dem eine stetige Abnutzung, Materialermüdung und schließlich Verschleiß einhergeht, bis letztlich der Verlust ihrer Funktionsfähigkeit eintritt. Sie erfüllen dann nicht mehr ihren ursprünglichen Nutzen und sind daher unbrauchbar. Aus diesem Grund ist die natürliche Lebensdauer aller Gebrauchsgegenstände zeitlich begrenzt. Sie müssen – bei weiterhin gegebenem Bedarf – durch mindestens gleichwertige ersetzt werden. Aus Sicht der Industrie handelt es sich um einen Teil des Produktlebenszyklus, während dessen eine ständige Lieferbereitschaft für auszutauschende, nicht mehr funktionstüchtige Gegenstände vorhanden ist.
Eine Studie der Leuphana Universität Lüneburg aus 2022 zeige laut Jacob Hörisch, dass „ein höheres Niveau der Produktlebensdauer die Kaufentscheidungen positiv beeinflusst“. „Der Einfluss solcher Informationen“ sei „vergleichbar mit dem Preis der Produkte“. Zudem hielten die „Verbraucher solche Informationen sogar für relevanter als Informationen zum Energieverbrauch oder zu Marken“.Leuphana Universität Lüneburg: Wissenschaftliche Studie zeigt: Produktlebensdauer für Kaufentscheidungen wichtiger als gedacht. idw, 25. Januar 2022, doi:10.1002/bse.2954.
Geschichte In den USA ist die Obsoleszenz () ein häufig für die kürzere Gebrauchsdauer von Gütern verwendeter Begriff, vor allem im Rahmen der „Wirf-es-weg“-Psychologie (), etwa wegen bewusst minderer Produktqualität oder kurzlebiger technischer Haltbarkeit.Verlag Dr. Th. Gabler (Hrsg.): Gablers Wirtschafts Lexikon. Band 4, 1984, Sp. 581. Sie tauchte dort als Marketingstrategie erstmals in der Automobilindustrie auf. Während Ford die Langlebigkeit propagierte, setzte General Motors ab 1923 mit Alfred P. Sloan erstmals die „geplante Obsoleszenz“ ein,Giles Slade, Made to Break, 2006, S. 33. um durch schnelle Modellwechsel ein möglichst hohes Absatzvolumen zu erreichen. Das Management setzte darauf, die Haltbarkeit künstlich zu verringern und die Abnutzung zu beschleunigen.Giles Slade, Made to Break, 2006, S. 43. Im Phoebuskartell verständigten sich im Januar 1925 die weltweit führenden Glühlampenhersteller darauf, die Lebensdauer von Glühlampen unter Androhung von Sanktionen künstlich auf maximal 1000 Stunden zu begrenzen. Gebrauchsgüter () sollten dem Consumer Engineering-Handbuch aus dem Jahre 1932 zufolge so gestaltet werden, dass die Nutzer sie wie Verbrauchsgüter behandeln würden.Egmont Arens/Roy Sheldon, Consumer Engineering, 1932, S. 13 f. Das dem Verbraucher hierdurch vermittelte Gefühl, durch den Besitz älterer Produkte nicht mehr modern () zu sein (), war der Wegbereiter der psychologischen Obsoleszenz.Giles Slade: Made to Break. 2006, S. 53. Angesichts eines Nachfragerückgangs forderte Brooks Stevens im Jahre 1954, dass die Verfallsdaten amerikanischer Industriegüter gesenkt werden müssten.Brooks Stevens: Planned Obsolescence in US-Industry. 1954, S. 14 ff.
Volkswagen verfolgte mit dem VW Käfer die gegenteilige Strategie („er läuft und läuft und läuft …“)ab 1964; ein Polysyndeton von Michael Schirner und warb ab 1959 in den USA mit der Kampagne, dass VW keine Autos austausche nur um des Austauschs willen. Vance Packard kritisierte 1960 in seinem Buch Die Verschwendungsmacher die geplante Obsoleszenz als systematischen Versuch der Großindustrie, „aus uns verschwenderische, verschuldete, ewig unzufriedene Individuen zu machen“.Vance Packard: The Waste Makers. 1960, S. 46.
In Deutschland griff man den Gedanken der Obsoleszenz im Rahmen der industriellen Produktgestaltung erstmals 1968 auf,Klaus Chmielewicz, Grundlagen der industriellen Produktgestaltung, 1968, S. 78 ff. Burkhardt Röper konnte 1976 für die „Gegenwart kein Beispiel von geplantem Verschleiß“ ermitteln,Burkhardt Röper, Rolf Marfeld: Gibt es geplanten Verschleiß? – Untersuchungen zur Obsoleszenzthese. In: Schriften der Kommission für Wirtschaftlichen und Sozialen Wandel. Band 137, 1976, S. 46. was bereits 1977 auf heftige Kritik als „Realitätsverleugnung“ stieß. Rechtsfragen hierzu wurden erstmals 1983 bei geplanter Obsoleszenz in der Modeindustrie behandelt.Gerhard Wortmann: Geplanter Produktverschleiß als Rechtsproblem. 1983, S. 62 ff.
Initiative des EU-Parlaments
Die Abgeordneten des EU-Parlaments debattierten im November 2020 über Forderungen an die EU-Kommission, wie mit Gesetzen und Initiativen Produkte nachhaltiger gemacht werden sollen, berichtet die Süddeutsche Zeitung. Unter anderem sieht die Beschlussvorlage ein „Recht auf Reparatur“ vor. Reparieren solle einfacher und billiger werden, indem Hersteller Kunden und Handwerkern alle nötigen Informationen für den Austausch von Teilen liefern und sich verpflichten, Ersatzteile lange genug vorzuhalten. Daneben spricht sich die Vorlage dafür aus, dass Verbraucher schon beim Kauf Angaben darüber erhalten, welche Mängel wie häufig auftreten und wie teuer die Reparatur ist. Geplante Obsoleszenz solle zur unfairen Handelspraktik erklärt und somit verboten werden.Björn Finke: Recht auf Reparatur. In: Süddeutsche Zeitung (Ressort Wirtschaft), 24. November 2020. Abgerufen am 25. November 2020.
Arten Man unterscheidet zunächst zwischen natürlicher und geplanter Obsoleszenz: Die natürliche Obsoleszenz tritt bei der altersüblichen Abnutzung auf, wenn Gegenstände das Ende ihrer erwarteten Lebensdauer erreicht haben und ihre Funktionsfähigkeit einbüßen. Die geplante Obsoleszenz dagegen ist die von den Herstellenden konzeptionell vorgesehene künstliche Verkürzung der Produktlebensdauer, sodass Produkte vorzeitig unbrauchbar werden. Sie besteht in der bewussten Begrenzung der Funktionsfähigkeit, obwohl eine längere Lebensdauer möglich wäre.
Im französischen Verbrauchergesetzbuch Code de la Consommation (CdC) wird die geplante Obsoleszenz () sogar definiert als „alle Techniken, mit denen ein Unternehmer beabsichtigt, die Lebensdauer eines Produkts absichtlich zu reduzieren, um die Ersatzrate zu erhöhen“ (Art. L 213-4-1 CdC).Sie ist dort mit zweijähriger Haft und Geldstrafe bedroht.
Geplante Obsoleszenz
Geplante Obsoleszenz wiederum lässt sich unterteilen in werkstoffliche, technische, psychologische und ökonomische Obsoleszenz: Die werkstoffliche Obsoleszenz hat ihre Ursache in der mangelnden Leistungsfähigkeit von Materialien und Komponenten. Bei Notebooks beispielsweise können Festplattenlaufwerke, Arbeitsspeicher, Grafikchips und Akkus (jeweils sehr häufig) sowie Hauptplatine, Netzteile, Prozessorlüfter, periphere Schnittstellen, Bildschirm und -abdeckungen (Scharniere) und Notebook-Gehäuse (jeweils häufig) ausfallen. Die technische Obsoleszenz setzt sich aus der funktionellen und qualitativen Obsoleszenz zusammen: Ein vorhandenes Produkt veraltet durch die Einführung eines neuen Produkts, das seine Funktion besser erfüllt.Vance Packard: The Waste Makers. 1960, S. 60. Beispiele sind die Entwicklung vom Grammophon über den Schallplattenspieler und Kassettenrekorder zu CD-Playern oder vom VHS-Videogerät über DVD-Player und DVD-Rekorder. Ursachen der funktionellen Obsoleszenz sind die sich rasch verändernden technischen und funktionalen Anforderungen an ein Produkt. Funktionelle Obsoleszenz findet man vor allem in sich schnell verändernden Branchen wie etwa der Computerbranche. Beispielsweise zeigt sich funktionelle Obsoleszenz, wenn beim Personal Computer eine Aktualisierung des Betriebssystems dazu führt, dass die älteren PCs die Mindestanforderungen des neuen Betriebssystems nicht einhalten können, hier handelt es sich um die „Software-basierte Obsoleszenz“. Bei Waschmaschinen steht die funktionelle Obsoleszenz im Zusammenhang mit der Entwicklung und dem Einsatz von neuen Waschmitteln sowie Textilien. Auch durch das frühzeitige Austauschen von Fahrzeugteilen während einer Inspektion entsteht ein erhöhter Verbrauch, da die Teile nicht bis zum endgültigen Verschleiß genutzt werden (häufig sogar getragen durch frühzeitige Verschleißanzeige). Die Obsoleszenz von Software kann geplant oder ungewollt die Nutzungsdauer verbundener Hardware und Produkte mit elektronischen Komponenten stark beschränken. Hier kann die Open-Source-Bewegung als Gegenbewegung gesehen werden: Bei Softwareprodukten, die einer Freie-Software-Lizenz (z. B. GPL) unterliegen, besteht durch die garantierte Offenlegung des Quellcodes die Möglichkeit, ein endgültiges Auslaufen der Verfügbarkeit zu verhindern. Bei der qualitativen Obsoleszenz versagt oder verschleißt ein Produkt zu einem bestimmten, geplanten, gewöhnlich nicht allzu fernen Zeitpunkt.Vance Packard, The Waste Makers, 1960, S. 60. Vorhandene oder wirtschaftlich realisierbare Technologien oder Materialien, die eine längere Lebensdauer des Produkts ermöglichen würden, werden nicht angewandt. Qualitative Obsoleszenz als Hauptfaktor des frühzeitigen Geräteverschleißes zeigt sich oft bei Fernsehgeräten. Hierin sind oft minderwertige Elektrolyt-Kondensatoren mit einer Haltbarkeit von maximal fünf Jahren eingebaut, obwohl doppelt so lange funktionierende Kondensatoren kaum teurer sind. Deshalb gehört auch diese Art zur geplanten Obsoleszenz. Die psychologische Obsoleszenz umfasst die vorzeitige Alterung und damit den Austausch von funktionsfähigen Produkten aufgrund von Moden, neuen technischen Trends und Konsummustern. Beim Handy gaben 68 % der Befragten an, das Handy innerhalb von drei Jahren zu wechseln, entweder weil sie einfach ein noch besseres Gerät haben wollten (40 %) oder sie durch den Vertrag regelmäßig ein neues Gerät bekommen (28 %).Umwelt-Bundesamt, Einfluss der Nutzungsdauer von Produkten auf ihre Umweltwirkung: Schaffung einer Informationsgrundlage und Entwicklung von Strategien gegen „Obsoleszenz“, Texte 11/2016, Februar 2016, S. 28.
Die Mode gehört zur sichtbaren Obsoleszenz, weil bestimmte Modedesigns oder Stile einem Modetrend unterliegen, bis eine neue Moderichtung erkennbar wird. Hierdurch werden modebewusste Konsumenten durch Gruppenzwang zum Ersatz gedrängt, obwohl noch volle Funktionalität vorliegt. Deshalb lässt sich Mode als kollektive Anpassung definieren. Die Popularität eines Produkts wird wesentlich durch sein beeinflusst, das wiederum durch geänderte (aktualisierte) Designs und die Vermarktung einschließlich der Bewerbung manipulierbar ist. Design ist daher ein probates Mittel, künstlich Obsoleszenz herbeizuführen.Peter Hammann, Werner Kroeber-Riel: Neuere Ansätze der Marketingtheorie. Duncker & Humblot, 1974, ISBN 3-428-43137-5, S. 172–173 ()Vance Packard: The Waste Makers (dt.: Die große Verschwendung), Ig Publishing; Reprint edition (October 4, 2011), ISBN 978-1-935439-37-0, S. 69 ()