Christian Warlich (* 5. Januar 1891 in Hannover; † 27. Februar 1964 in HamburgUlrich Bauche: Nachlass des Tätowierers Christian Warlich. In: Beiträge zur deutschen Volks- und Altertumskunde. 11. Band 1967, S. 107–108.) war ein deutscher Gastwirt und Tätowierer; er verwendete als erster in Deutschland eine elektrische TätowiermaschineStadtkind Hannovermagazin. Juli 2016, S. 44–49: Nadelstiche. Im Interview: Manfred Kohrs. und gilt als „Urvater der deutschen Tätowierer“.
Leben Warlich verbrachte seine Kindheit in Hannover-Linden. Sein Elternhaus verließ er im Alter von 14 Jahren, ging nach Dortmund und absolvierte eine Lehre zum Kesselschmied. In dieser Zeit tätowierte er manuell ohne Maschine. Nach einigen Gesellenjahren fuhr er zur See und kam dabei, auf einer Fahrt in die USA, erstmals mit einer Tätowiermaschine in Berührung. Warlich heiratete 1914 in Hamburg und eröffnete 1919 in der Kieler Straße 44 (heute Clemens-Schultz-Straße) auf St. Pauli eine Gaststätte. Er teilte dort einen Bereich ab, der als Atelier moderner Tätowierungen bezeichnet wurde. Ab den 1950er Jahren sorgte Theodor Vetter, als Koberer, für stetigen Nachschub an Kundschaft.Marcel Feige: Das Tattoo- und Piercing Lexikon. S. 346–347.
Warlich tätowierte nach eigener Angabe „Alles, was der männliche Körper ausdrücken soll […] Politik, Erotik, Athletik, Aesthetik, Religion, in sämtlichen Farben, an allen Stellen“. Bei einer gerichtlichen Auseinandersetzung bezüglich einer Gesichtstätowierung, die ein Mitbewerber einem 21-jährigen Werbe-Vertragspartner gestochen hatte, kommentierte er allerdings „Ein anständiger Tätowierer tätowiert nicht im Gesicht“.
In seiner vierzigjährigen Tätigkeit als Tätowierer hatte Warlich über 50.000 Kunden, darunter die Prinzen Axel von Dänemark und Viggo von Rosenborg aus dem dänischen Königshaus. Er verstarb während der Arbeit in seiner Gaststätte an einem Gehirntumor.Marcel Feige: Das Tattoo- und Piercing Lexikon. S. 348.
Entfernung von Tätowierungen Neben seinen künstlerischen Arbeiten als Tätowierer experimentierte Warlich an Methoden zur Entfernung von Tätowierungen; „Er war auch Pionier der Tattoo-Entfernung.“Miriam Stolzenwald: Ausstellung über den „König der Tätowierer“ 27. November 2019 11:04 Uhr – NDR Kultur Warlich entwickelte Tinkturen auf Säurebasis, die auf die Haut aufgetragen wurden und die tätowierte Hautschicht allmählich ablösten, abschließend konnte die Haut mit der Farbschicht abgezogen werden. Diese als schmerzlos beschriebene Methode hinterließ allerdings sichtbare Narben auf der Haut. Mit dieser Methode war er so erfolgreich, dass auch das Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) diesbezüglich Patienten an ihn verwies. Die von ihm erarbeiteten Rezepturen behielt Warlich als Betriebskapital für sich, wollte sie jedoch nach seinem Tode dem UKE überlassen. Sein unerwarteter Tod verhinderte jedoch die Weitergabe seines Wissens. 1935 musste er die Rezeptur der Tinktur der Polizei offenbaren, nachdem bei einem von ihm behandelten Kunden Komplikationen aufgetreten waren. Zunächst forschte der Mediziner Claus Udo Fritzemeier zu Enttätowierungsstandardlösungen, er versuchte im Rahmen seiner Dissertation die Rezepte von Warlich nachzuvollziehen und kam zu plausiblen Ergebnissen. 1997 entdeckte Ole Wittmann ein Rezept in Warlichs Nachlass im Hamburger Staatsarchiv.
Warlichs Tinktur bestand aus destilliertem Wasser, Kali, Kochsalz, Schwefelsäure und Ether bzw. Aceton. Dabei wirkten die Säure als Ätzmittel und Ether bzw. Aceton als Transportmittel in die Haut. Die zu entfernende Tätowierung wurde mit der säurehaltigen Lösung eingestrichen und 20 Minuten einwirken gelassen. Danach wurde die Stelle mit gereinigtem Benzin abgetupft. Diese Behandlung sollte nach 24 und 48 Stunden wiederholt werden, bis die behandelte Haut gleichmäßig braun war. Bei Bedarf konnte sie auch ein viertes Mal durchgeführt werden. 12 Tage nach der letzten Behandlung wurde die Tätowierung mit einem Pflaster und Leukoplast luftdicht abgeklebt. 48 Stunden später sollte bei erfolgreicher Behandlung die tätowierte Hautschicht mit einer Pinzette abgehoben werden können. Zur Abheilung der Wunde empfahl Warlich feuchte Verbände mit Borsalbe. Eventuelle Schwellungen sollten mit Essigsaurer Tonerde behandelt und die frisch nachgewachsene Haut mit Heilsalben gepflegt werden.
Trivia Nach Warlichs Tod rettete Theodor Vetter (Tattoo Theo) den gesamten Nachlass vor der Müllkippe. So konnte im Jahr 2013 im Museum für Hamburgische Geschichte, im Rahmen der Ausstellung Wohin mit der Stadt, auch ein Vorlagenbuch Warlichs ausgestellt werden, das 2019 als Faksimile aufgelegt wurde. Warlichs Tochter Elli Schmidt hatte es im Jahr 1965, zusammen mit Fotografien und anderen Dokumenten, an das Museum verkauft.TätowierMagazin. 22. Jahrgang, Ausgabe 248, Oktober 2016, S. 78.
Forschung mini|Keramikbüste „Christian Warlich“ von Anthony Natsoulas mini|Ole Wittmann & Manfred Kohrs im Museum für Hamburgische Geschichte 2019 Der Hamburger Kunsthistoriker Ole Wittmann, der 2016 mit der Arbeit „Tattoos in der Kunst. Materialität – Motive – Rezeption“Stefanie Handke: portalkunstgeschichte.de: Buchrezensionen Ole Wittmann: Tattoos in der Kunst. Materialität – Motive – Rezeption. Reimer 2017. promovierte, leitete das Forschungsprojekt „Der Nachlass des Hamburger Tätowierers Christian Warlich (1891–1964)“ – auch bekannt als „Nachlass Warlich“,„Nachlass Warlich“ das mit Unterstützung der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur in Kooperation mit der Stiftung Historische Museen Hamburg/Museum für Hamburgische Geschichte von 2015 bis 2020 durchgeführt wurde. Zum Nachlass gehört auch das Vorlagenalbum des Kiez-Tätowierers Christian Warlich, das in der Tattoo-Szene einer Reliquie gleicht. Im Rahmen eines auf mindestens drei Jahre angelegten Forschungsprojektes holte Wittmann den Band nun hervor, denn er beschäftigt sich als Erster eingehend mit dem Warlich-Nachlass.Anna Felicity Friedman, James Elkins, Lars Krutak, Matt Lodder, Nick Schonberger, Sebastien Galliot, Ole Wittmann: The World Atlas of Tattoo. Yale University Press, 2015, ISBN 978-0-300-21048-4, S. 398.
Als vornehmliche Quelle für die Forschungsarbeit dient Wittmann ein Aufsatz des Volkskunde-Professors Adolf Spamer aus dem Jahr 1933. Die Medien berichteten bereits mehrfach über das Thema Christian Warlich sowie über Wittmanns Forschungen. Laut Geburtsregister wurde Warlich nicht 1890 geboren, sondern erst ein Jahr später, am 5. Januar 1891, er verstarb am 27. Februar 1964. Ob das falsche Geburtsjahr auf Warlichs Grabstein auf Spamers fehlerhafter Angabe beruht, wird wohl nicht mehr zu klären sein. Ebenso ist es nicht bestätigt, dass er als Kesselschmied tätig war. Gesichert ist jedoch Hannover als Geburtsstadt, dass er früh, nämlich um 1905 auf Wanderschaft ging und für zwei bis drei Jahre in Dortmund tätowiert hat. In einer von Wittmann recherchierten Korrespondenz beschreibt Warlich Dortmund als eine Art Tätowiererhochburg, „dass er sich dort etabliert habe und die vor Ort tätigen Pfuscher verdrängt habe“. Im Jahr 1917 taucht sein Name erstmals im Adressbuch der Stadt Hamburg auf. Jedoch ist es möglich, dass er vorher bereits in Hamburg wohnte; ein Foto aus dem Jahr 1909 zeigt ihn in Hamburg, ferner wurde seine erste Ehe im Jahr 1914 in Hamburg geschlossen.TätowierMagazin. 22. Jahrgang, Ausgabe 248, Oktober 2016, S. 74–83.
Im Rahmen seiner Warlich-Forschung stieß Ole Wittmann am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde in Dresden auf ein Vorlagealbum des Hamburger Tätowierers Karl Finke, der Zeitgenosse und Konkurrent Warlichs war. Finkes Album mit dem Titel Buch No. 3 wurde im September 2017 in Verbindung mit begleitenden Texten von Wittmann herausgegeben und von Nachlass Warlich verlegt. Hierbei handelt es sich um die erste umfangreichere Publikation, die aus dem Forschungsprojekt Nachlass Warlich hervorgegangen ist.
Diese erste vom Forschungsprojekt Nachlass Warlich verlegte Publikation wurde beim Art Directors Club in der Kategorie Design/Buch eingereicht und mit einem „bronzenen Nagel“ ausgezeichnet.PDF Gewinnerlisten-ADC-Wettbewerb 2018 Seite 7 von 13. Ferner wurde das Buch, das in einer Kooperation mit der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig umgesetzt wurde, für die Teilnahme am German Design Award 2019 nominiert.Projektname: Karl Finke: Buch No. 3. Ein Vorlagealbum des Hamburger Tätowierers, Projektbezeichnung: Buch, Projekt-ID: GDA2019-31344. Team German Design Award 2019, Rat für Formgebung Service GmbH. Zusammen mit Warlich zählt Finke zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der deutschen Tätowiergeschichte. Beide gelten als Protagonisten der Tattoo-Szene Hamburgs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.Ole Wittmann (Hrsg.): Karl Finke: Buch No. 3. Ein Vorlagealbum des Hamburger Tätowierers/A Flash Book by the Hamburg Tattooist. Nachlass Warlich, Henstedt-Ulzburg 2017, ISBN 978-3-00-056648-6.
Ausstellung Von November 2019 bis Mai 2020 zeigte das Museum für Hamburgische Geschichte eine Sonderausstellung unter dem Titel Tattoo-Legenden. Christian Warlich auf St. Pauli, die von Ole Wittmann kuratiert wurde; Manfred Kohrs stand ihm dabei beratend zur Seite.IDTG - über uns - Team Abgerufen am 12. Januar 2026olewittmann.de Vorträge, abgerufen am 29. Juli 2019. „Die Ausstellung zu Warlich ist ... die erste weltweit zu einem historischen Tätowierer.“Juliane Reil: Ausstellung über Christian Warlich Der Urvater der Tätowierer. Deutschlandfunk, 28. November 2019.
Die monothematische Ausstellung zu Christian Warlich zeigt „Einblicke in die damals noch junge „Szene“, Fotos, Videos, abgelöste Hautpartien mit entfernten Tattoos, das alles garniert mit diversen echten Exponaten wie Tätowiermaschinen, Büchern, Eintrittskarten und Ausweisen.“Ausstellungs-Rundgang mit Mark Benecke, 20. Jan 2020, aufgerufen 29. Nov 2020. Informationen über den weiteren Verlauf der deutschen Tattoo-Geschichte der 1970er Jahre mit Exponaten zu Theodor Vetter, Horst Streckenbach und Manfred Kohrs.Norman Gosch: Tattoo-Legenden: Christian Warlich auf St. Pauli Onlinemagazin report ink vom 28. November 2019.
Digitale Ausstellung Die Ausstellung Tattoo-Legenden. Christian Warlich auf St. Pauli war im März 2020 international die einzige laufende Sonderausstellung, die online zu besuchen war. Eine schon totgesagte Schau wurde nur wenige Tage nach dem plötzlichen Lockdown reanimiert und es gab eine aktive Teilhabe einer Community am Thema Tattoo-Geschichte. Zudem erlaubt der Online-Rundgang virtuelle Exkursionen und Kuratorenführungen, unter anderem für ein Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Das Projekt wurde beim Annual Multimedia Award 2021 in der Kategorie „Events im Internet“ mit Gold ausgezeichnet.Hall-of-Fame 2021 Gold annual-multimedia.de Der Onlinerundgang wird von Nachlass Warlich und dem Institut für deutsche Tätowier-Geschichte präsentiert und kann weiter besucht werden. Abgerufen am 28. November 2020. Ein Jahr nach Eröffnung der analogen Ausstellung im MHG folgte ab November 2020 die Fortsetzung der digitalen Variante: in der Schau Christian Warlich. Digital Exhibit Pt II stehen einzelne Objekte im Fokus. Abgerufen am 2. Dezember 2020.
Warlich Rum