Am 18. September 1961 starb UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld bei einem Flugunfall nahe der Stadt Ndola, im Grenzgebiet zwischen der abtrünnigen kongolesischen Provinz Katanga und Nordrhodesien, dem heutigen Sambia. Die Gründe, die zum Absturz seiner von der Transair Sweden gemieteten Douglas DC-6B führten, konnten nicht eindeutig geklärt werden. Bei dem Unfall starben alle 16 Insassen der Maschine, ein Fluggast erlag seinen Verletzungen nach fünf Tagen.
Hintergrund mini|hochkant|Dag Hammarskjöld (Fotografie aus den 1950er-Jahren) Der König der Belgier Baudouin I. hatte den Kongo am 30. Juni 1960 in die Unabhängigkeit entlassen und dabei die „kolonialen Errungenschaften und Verdienste“ seines Reiches gepriesen – tatsächlich hatte Belgien das Land 75 Jahre lang brutal ausgeplündert (Kongogräuel). Nachdem die Kolonialherrschaft der Belgier geendet hatte, wurde Patrice Lumumba, der Führer der Unabhängigkeitsbewegung, der erste frei gewählte Regierungschef seines Landes. Doch die kurze Phase der Demokratie im Kongo währte nicht lange, in den Straßen wurde geschossen, belgische Fallschirmjäger und Söldner besetzten Teile des Landes, offiziell um weiße Landbesitzer zu schützen, wohl aber auch um eine Verstaatlichung der Diamant-, Kupfer-, Kobalt- und Uranbergwerke zu verhindern. Im Anschluss an die Sezession der Provinz Katanga und die Ausrufung einer Separatistenregierung durch Moïse Tschombé rief Lumumba die Vereinten Nationen zu Hilfe. Katanga war die rohstoffreichste Provinz des Kongos, dort wurde durch das Bergbauunternehmen Union Minière du Haut-Katanga Kobalt und – für den Westen vor allem von Interesse – Uran gefördert. Auch Großbritannien fürchtete um Beteiligungen an Minengesellschaften. Für die USA war Zentralafrika als Einflusszone im Kalten Krieg und wegen der großen Uranvorkommen interessant.
Das Uranbergwerk Shinkolobwe bei Jadotville blieb trotz der Bemühungen der USA, alternative Quellen für Uranerz zu finden, bis in die 1950er Jahre die größte Einzelquelle und spielte eine wichtige Rolle in der geopolitischen Strategie Washingtons im Kontext des Kalten Krieges. Das Erz aus dem Kongo wurde unter absoluter Geheimhaltung importiert. In Kamina im Westen von Katanga war ein riesiger Militärflughafen von Belgien und der NATO errichtet worden, „um Zentralafrika gegen den internationalen Kommunismus zu verteidigen“.
Am 17. Januar 1961 war Lumumba in einem von den USA bezahlten KomplottGeorges Nzongola-Ntalaja: Patrice Lumumba: the most important assassination of the 20th century, The Guardian, 17. Januar 2011 bei Jadotville in Katanga ermordet worden, zusammen mit zwei politischen Gefährten, Jugendminister Maurice Mpolo (1928–1961) und Senatsvizepräsident Joseph Okito (1910–1961). Larry Devlin, der CIA-station-chief (COS), führte die verdeckte „Operation Wizard“ für Präsident Dwight D. Eisenhower. Die CIA arbeitete eng zusammen mit belgischen Kolonialisten und kongolesischen Putschisten, um Lumumba „von der Bühne zu entfernen“, wie es in einem CIA-Telegramm hieß. Der Kongo stürzte in ein diktatorisches Schreckensregime und in Bürgerkriege und wurde zu einem Tummelplatz für Geheimdienste und Söldner.Ludo de Witte: Regierungsauftrag Mord. Der Tod Lumumbas und die Kongo-Krise. Forum Verlag, Leipzig 2001
Am 18. September 1961 war Hammarskjöld auf dem Weg zu einem Treffen mit Moïse Tschombé, dem Präsidenten der sezessionistischen Provinz Katanga, um im Rahmen der ONUC-Mission der Vereinten Nationen in der Kongo-Krise zu vermitteln, die in den vorausgegangenen Tagen eskaliert war. Mit an Bord waren auch sein Berater für Afrikafragen, der deutsche Ethnologe Heinrich Wieschhoff, und weitere 14 Insassen.
Es konnte bis heute nicht geklärt werden, ob der Absturz durch einen Navigationsfehler, einen technischen Defekt oder einen Abschuss ausgelöst wurde. Als Unfallursache wurde ein Abschuss durch ein fremdes Flugzeug, durch katangische Truppen oder durch Söldner mit oder ohne Beteiligung der US-amerikanischen CIA, Großbritanniens oder Belgiens vermutet.
Die Untersuchungen von rhodesischer Seite fanden zwischen dem 19. September 1961 und 2. November 1961 unter der Leitung von M. C. B. Barber statt, die Anhörungen vom 16. bis 29. Januar 1962. Das Rhodesian Board of Investigation ließ 180 Personen eine 6 km² große Fläche durchsuchen. Eine zweite Kommission unter Vorsitz der Vereinten Nationen führte zwischen Februar und Mai 1962 eigene Anhörungen und Untersuchungen durch; sie wurde vom nepalesischen Diplomaten Rishikesh Shaha geleitet.
Der offizielle Bericht enthält den Hinweis, dass die zwei toten schwedischen Leibwächter eine Reihe von Wunden aufwiesen, die von Kugeln oder Metallsplittern stammen könnten. Es ist möglich, dass diese Verletzungen von ihrer mitgeführten Munition verursacht wurden, die beim Aufprall oder im brennenden Wrack explodierte. Der US-amerikanische Sergeant Harold Julien, der den Absturz zunächst schwerverletzt überlebte, berichtete von Funken und Explosionen vor dem Absturz. Seine Aussage wurde von den rhodesischen Ermittlern ignoriert. Trotz Bemühungen seiner Ärzte wurde Julien nicht in eine andere Klinik verlegt. Fünf Tage nach dem Vorfall starb er in Ndola an Nierenversagen.Julian Borger, Georgina Smith: Dag Hammarskjöld: evidence suggests UN chief’s plane was shot down. In: The Guardian. 17. August 2011. (englisch)
Flugverlauf mini|Flugroute des UNO-Generalsekretärs (rosa) und des zweiten Flugzeugs zur Ablenkung (schwarz) Die verunglückte Douglas DC-6 (Kennzeichen: SE-BDY) war im August 1961 von der Charterfluggesellschaft Transair Sweden in den USA gekauft und dann mit schwedischem Kennzeichen registriert worden. (englisch), abgerufen am 15. Februar 2019. Sie wurde sofort durch die UNO angemietet und aus den USA direkt in den Kongo überführt, wo sie mit weiteren Flugzeugen des Unternehmens an UN-Hilfseinsätzen teilnahm.
Am Morgen des 17. September startete das Flugzeug in Elisabethville in Richtung Leopoldville, um Hammarskjöld und seine Delegation an Bord zu nehmen. Die DC-6 wurde kurz nach dem Abheben von einer Kugel getroffen, so dass die Maschine in Leopoldville vor dem UN-Flug von Technikern der Transair Sweden repariert werden musste. Mit Ausnahme des Einschusslochs, das sich im Auspuffrohr eines der vier Flugmotoren befand, wurden bei der Untersuchung des Flugzeugs keine weiteren Beschädigungen festgestellt.
Hammarskjöld bat für den Flug um Luftunterstützung, die ihm jedoch Großbritannien und die USA verweigerten. Stattdessen wurde versichert, dass der belgische Söldner und Kampfpilot Jan van Risseghem (1923–2007) an diesem Tag nicht fliegen werde – ein falsches Versprechen, denn der würde besonders aktiv sein.
Um 16:51 Uhr startete die Maschine mit dem UNO-Generalsekretär zum Flug nach Ndola. Unter den 16 Insassen befanden sich drei bewaffnete Personen, Hammarskjölds schwedische Leibwächter sowie der US-amerikanische Sergeant Harold Julien. Ein offizieller Flugplan wurde aus Sicherheitsgründen nicht hinterlegt. Offiziell befand sich Hammarskjöld an Bord einer Douglas DC-4 der Belgian International Air Services (Kennzeichen: OO-RIC), die zur Ablenkung um 16:04 Uhr vom selben Flughafen mit Kurs auf Ndola gestartet war. Während die DC-4 in südöstlicher Richtung abflog und damit einen fast direkten Kurs zum Zielflughafen nahm, flog Hammarskjölds Maschine zunächst in östlicher Richtung zum Tanganjikasee.
Während des Fluges hielt die Besatzung Funkstille. Die Piloten meldeten sich um 22:02 Uhr zum ersten Mal bei der Flugsicherung in Salisbury, um sich zu informieren, ob die zweite Maschine bereits in Ndola eingetroffen sei. Die Ablenkungsmaschine landete um 22:35 Uhr am Zielort. Um 22:40 Uhr erreichte die DC-6 den Tanganjikasee und drehte nun in südliche Richtung, wobei es die Besatzung vermied, die kongolesische Provinz Katanga zu überfliegen.
Die Piloten kontaktierten um 23:35 Uhr den Flughafen Ndola und teilten mit, dass die dortige Ankunft um 00:20 Uhr zu erwarten sei. Um 00:10 Uhr sank die Maschine auf ca. 2000 Meter (6000 Fuß). Die Piloten erklärten, dass man die Landebahn in Sicht hätte. Der Fluglotse erteilte anschließend die Landefreigabe. Kurz darauf schlug die DC-6 auf dem Boden auf.Unfallbericht DC-6B SE-BDY, Aviation Safety Network (englisch), abgerufen am 15. Februar 2019.
Unfallursache Die Suche nach der UN-Maschine wurde verzögert aufgenommen, obwohl in Ndola mehrere Flugzeuge verfügbar waren. Nach offiziellen Informationen entdeckten Suchflugzeuge das Wrack erst um 15:00 Uhr, neun Stunden nach Sonnenaufgang. Nach unbestätigten Berichten wurde die Unfallstelle aber bereits am Morgen durch rhodesische Truppen gesichert. Der Absturzort lag etwa 15 Kilometer (9 Meilen) westlich vom Flugplatz Ndola. Laut dem rhodesischen Abschlussbericht wurde der Unfall durch einen Navigationsfehler der Piloten verursacht. Die UNO führte gemeinsam mit der ICAO im Anschluss eigene Ermittlungen durch, die weder einen Navigationsfehler noch einen Abschuss eindeutig belegen konnten.„Lack of Diligence“ after UN crash. In: Flight International. 10. Mai 1962. Seite 746. (englisch)
Pilotenfehler Für den Anflug auf Ndola war eine Mindestflughöhe von 2000 Metern (6000 Fuß) bis zum Erreichen des dortigen Funkfeuers vorgeschrieben. Laut Ansicht der rhodesischen Ermittler hielten die Piloten die Sicherheitsflughöhe nicht ein. Als die Besatzung die Landebahn in Sicht hatte, drehte sie nach rechts auf die Bahn ein und setzte dabei den Sinkflug fort. Das Flugzeug unterschritt bei dem Manöver die Mindestflughöhe, streifte mehrere Baumwipfel und schlug in ca. 1500 Metern MSL (4357 Fuß) in hügeligem Gelände auf (controlled flight into terrain). Die Piloten sendeten vor dem Aufprall keinen Notruf.
Angeblich fanden die rhodesischen Ermittler eine aufgeschlagene Anflugkarte des Flughafens Ndolo im Wrack, während die Karte für den Zielflugplatz Ndola in den Bordunterlagen fehlte.Hammarskjold crash enquiry opens. In: Flight International. 25. Januar 1962. Seite 122. (englisch) Es scheint aber unwahrscheinlich, dass die Besatzung die beiden Flugplätze verwechselte und deshalb den Anflug zu tief ausführte. Der Flughafen Ndolo lag im Stadtgebiet von Leopoldville, wo die Transair Sweden und die UNO ihre Hauptquartiere eingerichtet hatten.
Abschuss durch ein anderes Flugzeug Der Fluglotse in Ndola gab an, dass die Piloten ihren Landeanflug abbrachen und ein neues Ziel ansteuern wollten. Einen Grund hierfür nannten sie nicht. Angeblich kreiste die Maschine mehrfach über dem Flughafen. Laut Angaben von Augenzeugen wurde die Douglas DC-6 dabei von einem zweiten Flugzeug angegriffen und beschossen. Einige Personen wollen gesehen haben, dass die Maschine brennend abstürzte. Diese Darstellungen decken sich mit der Aussage, die Sergeant Harold Julien vor seinem Tod gab. Der leitende Wartungstechniker der Transair Sweden stellte fest, dass das Wrack mehrere Löcher aufwies, unter anderem im Bereich des Cockpits, die von einem Beschuss stammen könnten.
Kiu Eckstein berichtet von einem Gespräch mit dem Kameramann Kurt Werner Drews, der einen Piloten kennengelernt hatte, der ihm erzählte, das Flugzeug mit Dag Hammarskjöld abgeschossen zu haben.Kiu Eckstein: Ein Leben – Zwei Welten. Biografische Notizen in Zeiten des Wandels. Hamburg 2017 S. 69, ISBN 978-3-7439-3297-5
Ungewöhnlich für zivile Ermittlungsarbeiten war die Anhörung eines Offiziers der katangischen Luftwaffe. Dieser erklärte, dass die in Kolwezi stationierten Kampfflugzeuge des Typs Fouga Magister nicht an dem Vorfall beteiligt waren und für diese Maschinen seit Juli 1961 ein Nachtflugverbot galt.
Technischer Defekt oder Sabotage