Der Schreiadler (Clanga pomarina, Syn.: Aquila pomarina)Meyburg, B.U., Boesman, P., Marks, J.S. & Kirwan, G.M. (2017). Lesser Spotted Eagle (Clanga pomarina). In: del Hoyo, J., Elliott, A., Sargatal, J., Christie, D.A. & de Juana, E. (eds.). Handbook of the Birds of the World Alive. Lynx Edicions, Barcelona. (abgerufen unter am 16. Januar 2017)., veraltet auch Pommernadler genannt, ist eine Vogelart aus der Familie der Habichtartigen (Accipitridae). Dieser vergleichsweise kleine Vertreter der Unterfamilie der Aquilinae hat ein relativ kleines Verbreitungsgebiet im Westen der Paläarktis; die westliche Arealgrenze verläuft durch den Osten Deutschlands. Das Epitheton pomarina bezieht sich auf die Herkunft des Holotypus aus der ehemaligen preußischen Provinz Pommern.Viktor Wember: Die Namen der Vögel Europas – Bedeutung der deutschen und wissenschaftlichen Namen, Aula Verlag, Wiebelsheim 2007, ISBN 3-89104-709-6 Die Art bewohnt naturnahe Wälder mit angrenzenden extensiv genutzten Flächen und ernährt sich vor allem von kleinen Wirbeltieren, aber auch von Insekten und anderen Wirbellosen sowie Aas.
Die Art ist vor allem durch ihre besondere Brutbiologie bekannt, den Kainismus. Meist werden zwei Eier gelegt; das zuerst geschlüpfte Junge tötet jedoch grundsätzlich das jüngere Geschwister, so dass außer in seltenen Ausnahmefällen immer nur ein Jungvogel ausfliegt.
Der Schreiadler ist ein Zugvogel, er überwintert im südlichen Afrika. Der Weltbestand ist ungefährdet, der deutsche Bestand ist jedoch rückläufig und gilt laut Roter Liste als vom Aussterben bedroht.
Beschreibung mini|Flugbild des Schreiadlers mini|Illustration aus „Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas“, 1905 oder früher
Schreiadler gehören zu den kleinsten Vertretern der Unterfamilie der Aquilinae. Sie erreichen eine Körperlänge von 55 bis 67 cm und eine Flügelspannweite von 1,46 bis 1,68 m und sind damit immer noch deutlich größer als beispielsweise ein Mäusebussard. Der Geschlechtsdimorphismus ist bezüglich Größe und Gewicht recht deutlich ausgeprägt, Männchen erreichen im Mittel etwa 85 % der Größe der Weibchen. Männchen wiegen 1,0 bis 1,4 kg und haben eine Flügellänge von 446 bis 478 mm, Weibchen erreichen ein Gewicht von 1,3 bis 2,2 kg und eine Flügellänge von 493 bis 508 mm.J. Ferguson-Lees, D. A. Christie: Raptors of the World. Christopher Helm, London 2001, ISBN 0-7136-8026-1: S. 727 Wie bei allen Vertretern der Gattung Clanga und der nahe verwandten Gattung Aquila sind die Handschwingenspitzen stark gefingert, und die Beine sind bis zu den Zehen befiedert. Im Flug wirken die Flügel relativ kurz und auffallend breit, der Schwanz ist an den Außenkanten deutlich gerundet.
Adulte Vögel sind insgesamt braun gefärbt. Der Rumpf, der Kopf sowie die Oberflügel- und die Unterflügeldecken sind warm hellbraun, teilweise heller gelblich-braun. Sie bilden vor allem beim fliegenden Vogel einen deutlichen Kontrast zu den einfarbig dunkelgrau-braunen Schwung- und Steuerfedern. Die Basen der inneren Handschwingen sind weißlich und bilden auf dem Oberflügel ein nicht sehr auffallendes weißes Feld, die Oberschwanzdecken sind breit weiß gerandet. Die Iris ist orangegelb, die Wachshaut und die Zehen haben eine gelbe Färbung. Die Schnabelbasis ist grau gegen den im Übrigen schwarzen Schnabel abgesetzt.
Im Jugendkleid sind Kopf, Rumpf und Flügeldecken insgesamt dunkler als bei den Altvögeln. Die großen Hand- und Armdecken sind weiß gerandet und bilden ein beim fliegenden Vogel gut sichtbares helles Band auf dem Oberflügel. Häufig sind auch die mittleren Flügeldecken schwach weiß gerandet. Die Schwingen und die Steuerfedern zeigen eine dichte dunkle Querbänderung; die inneren Handschwingen, die Armschwingen und die Steuerfedern sind ebenfalls weiß gerandet. Im Nacken zeigen junge Schreiadler einen rostgelben diffusen Fleck. Die Iris ist braun. Die Jungvögel sind nach drei Jahren ausgefärbt.D. Forsman: The Raptors of Europe and the Middle East – A Handbook of Field Identification. T & A D Poyser, London 1999: S. 316–331
Lautäußerungen Der bis zum Schlupf der Jungvögel häufig zu hörende Erregungsruf ist ein kräftiges „tjück“, das auch mit „jück“ oder „jüb“ wiedergegeben wird und meist zwei- bis dreimal hintereinander ertönt. Beim Balzflug ruft das Männchen „wiiik“, der Ruf ähnelt einem langen Pfiff. Die Rufe der Jungvögel ähneln bereits im Alter von etwa 20 Tagen weitgehend denen der adulten Tiere.
Verbreitung mini|Verbreitungsgebiete des Schreiadlers: Der Schreiadler hat ein relativ kleines, stark zergliedertes Verbreitungsgebiet im Westen der Paläarktis. Im Norden des Artareals verläuft die westliche Verbreitungsgrenze durch Nordostdeutschland, nach Osten reicht das Vorkommen bis in den Westen Russlands, die genaue östliche Verbreitungsgrenze ist bisher nicht bekannt. Im Süden liegen die westlichsten, isolierten Vorkommen in Slowenien und Kroatien; weiter nach Osten folgt ein relativ geschlossenes Verbreitungsgebiet, das von Griechenland und dem Osten des Balkans über die Türkei bis in die Kaspische Senke im Norden des Iran reicht. Im Norden reicht die Verbreitung bis zur russischen Ostseeküste, im Süden bis Mittelgriechenland, bis zum Süden der Türkei und bis in den oben erwähnten Norden des Iran.
In Deutschland sind die Osthälfte Mecklenburg-VorpommernsW. Scheller: Schreiadler – Aquila pomarina. In: W. Eichstädt, W. Scheller, D. Sellin, W. Starke, K. D. Stegemann: Atlas der Brutvögel in Mecklenburg-Vorpommern. Verlag Steffen, Friedland 2006, ISBN 3-937669-66-3: S. 126–127 und ein etwa 3600 km² großes Gebiet im Nordosten Brandenburgs (Landkreise Barnim, Uckermark und Oberhavel) besiedelt.B.-U. Meyburg, T. Langgemach, K. Graszynski & J. Böhner (2004): The Situation of the Lesser Spotted Eagle Aquila pomarina in Germany: The need for an Action Plan and active Conservation. In: R. D. Chancellor & B.-U. Meyburg (eds.): Raptors Worldwide. Budapest: WWGBP & MME, 2004: S. 601–613 Volltext als PDF Ein isolierter westlicher Vorposten befand sich bis 2011 in Sachsen-Anhalt im Hakel Höhenzug sowie im Steckby-Lödderitzer Forst. In Sachsen-Anhalt ist der Schreiadler seit 2012 ausgestorben.
Systematik Bis vor einigen Jahren wurde für den Schreiadler neben der Nominatform eine zweite, nur auf den Indischen Subkontinent beschränkte Unterart Aquila pomarina hastata beschrieben. Diese Unterart wurde 2002 aufgrund morphologischer, anatomischer und brutbiologischer Merkmale sowie aufgrund von Verhaltensmerkmalen als eigene Art Aquila hastata (neuerdings Clanga hastata) abgegrenzt,S. J. Parry, W. S. Clark, V. Prakash: On the taxonomic status of the Indian Spotted Eagle Aquila hastata. Ibis 144, Heft 4, 2002: S. 665–675. . die 2009 den deutschen Trivialnamen GangesadlerJ. Ferguson-Lees, D. A. Christie: Die Greifvögel der Welt (deutsch von Volker Dierschke und Jochen Dierschke). Franckh-Kosmos-Verlags-GmbH & Co. KG. Stuttgart, 2009. ISBN 978-3-440-11509-1, S. 248 erhielt. Molekulargenetische Untersuchungen haben diesen Artstatus bestätigt, demnach bildet der Gangesadler das Schwestertaxon des Artenpaares Schreiadler und Schelladler. Der Schreiadler ist demnach also mit dem Schelladler enger verwandt als mit dem Gangesadler.Ülo Väli: Mitochondrial DNA sequences support species status for the Indian Spotted Eagle Aquila hastata. Bull. B.O.C. 126, Heft 3, 2006: S. 238–242
Eine weitere molekulargenetische Untersuchung ergab, dass Schreiadler und Schelladler reproduktiv nicht vollständig voneinander isoliert sind, wobei der Genfluss jedoch offenbar nur in Richtung Schreiadler erfolgt.Andreas J. Helbig, Ingrid Seibold, Annett Kocum, Dorit Liebers, Jessica Irwin, Ugis Bergmanis, Bernd U. Meyburg, Wolfgang Scheller, Michael Stubbe and Staffan Bensch: Genetic differentiation and hybridization between greater and lesser spotted eagles (Accipitriformes: Aquila clanga, A. pomarina). Journal of Ornithology, Band 146, Heft 3, 2005: S. 226–234. Etwa 8 % der untersuchten phänotypischen Schreiadler wiesen in der nur über die mütterliche Linie weitergegebenen mitochondrialen DNA (mtDNA) Haplotypen des Schelladlers auf. Untersuchungen der Zellkern-DNA ergaben jedoch, dass die Schreiadler mit Schelladlerhaplotypen in der mtDNA genetisch zwischen den Stichproben von Individuen beider Arten liegen, bei denen die Haplotypen der mtDNA mit den Phänotypen übereinstimmten. Das deutet darauf hin, dass diese Schreiadler mit Schelladler-mtDNA entweder direkte Nachkommen eines Mischpaares aus Schelladlerweibchen und Schreiadlermännchen (F1-Hybriden) oder Nachkommen eines weiblichen Hybriden mit einem Schreiadlermännchen sind.
Die Ergebnisse lassen vermuten, dass Mischpaare überwiegend aus Schelladlerweibchen und Schreiadlermännchen bestehen und dass die Hybridweibchen ihrerseits wiederum mit Schreiadlermännchen brüten. Die erste Vermutung stimmt mit den bisher vorliegenden Beobachtungen von Mischpaaren überein; die zweite Vermutung ist plausibel, da nur so der Größenunterschied zwischen den Paarpartnern gewährleistet ist. Der relativ hohe Prozentsatz von Schreiadlern mit Schelladlerhaplotypen weist schließlich darauf hin, dass zumindest einzelne Schelladler regelmäßig weit westlich des geschlossenen Verbreitungsgebietes der Art Mischpaare mit Schreiadlern bilden. Dass dies tatsächlich so ist, wurde unter anderem durch die Entdeckung eines Mischpaares in Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 2003 bestätigt, weiter östlich sind einzelne Mischpaare schon seit Anfang der 1990er-Jahre bekannt.
Lebensraum Schreiadler bewohnen naturnahe Wälder mit angrenzenden offenen, nahrungsreichen Flächen. Im Norden des Verbreitungsgebietes (Deutschland, Polen, Baltikum, Russland) werden extensiv genutzte, feuchte Niederungen mit Laub- und Mischwäldern und angrenzenden Feuchtwiesen und Mooren besiedelt. Etwa ab der Slowakei und Ungarn und weiter südlich liegt der Schwerpunkt der Vorkommen jedoch im locker mit Laubwald bestockten und mit Wiesen durchsetzten, meist trockenen Hügel- und Bergland. So werden z. B. in Rumänien Höhenlagen zwischen 300 m und 1600 m besiedelt, auch in Bulgarien kommt die Art bis in 1400 m Höhe vor. Im Bereich der südlichen Verbreitungsgrenze im Wald von Dadia im Nordosten Griechenlands bewohnt der Schreiadler schließlich fast ausschließlich trockene Kiefernwälder in Höhen zwischen 100 und 300 m, Laubwälder werden dort gemieden.C. G. Vlachos & N. K. Papageorgiou: Breeding biology and feeding of the Lesser Spotted Eagle Aquila pomarina in Dadia Forest, North-Eastern Greece. In: Meyburg, B.-U. & Chancellor, R.D. (eds): Eagle Studies. WWGBP, Berlin, London, Paris 1996, ISBN 3-9801961-1-9: S. 337–347.
Raumnutzung und Siedlungsdichte In Mecklenburg-Vorpommern und in Lettland wurden 1994 bis 1997 Untersuchungen zur Größe des Aktionsraumes während der Brutzeit mit Hilfe von Bodentelemetriesendern durchgeführt.W. Scheller, U. Bergmanis, B.-U. Meyburg, B. Furkert, A. Knack & S. Röper: Raum-Zeit-Verhalten des Schreiadlers (Aquila pomarina). Acta ornithoecologica 4.2–4, 2001: S. 75–236. Männchen in Mecklenburg-Vorpommern hatten einen Aktionsraum von im Mittel 27,1 km² (22,2–33,9 km²), die Aktionsräume von Männchen in Lettland waren mit im Mittel 11,4 km² (6,7–15,5 km²) erheblich kleiner. Der Unterschied wurde in erster Linie auf den größeren Anteil nahrungsreicher Habitate (vor allem Grünland) im Nestumfeld der lettischen Reviere zurückgeführt.