Die Poetik () ist ein wohl um 335 v. Chr.Vgl. Manfred Fuhrmann: Nachwort zu seiner Übersetzung der Poetik, S. 150–155. als Vorlesungsgrundlage verfasstes Buch des Aristoteles, das sich mit der Dichtkunst und deren Gattungen beschäftigt.

Aristoteles gliedert die Wissenschaften in drei große Gruppen (theoretische, praktische und poietische); die Poetik behandelt einen Teil des poietischen, d. h. ‚hervorbringenden‘ menschlichen Wissens in deskriptiver und präskriptiver Weise. In den Bereich der aristotelischen Poetik fallen zunächst all diejenigen Künste (, téchnai), die mimetischen, d. h. nachahmenden bzw. darstellenden Charakter besitzen: Epik, Tragödie, Komödie, Dithyrambendichtung, aber auch Tanz und Musik. Im Verlauf des Werkes zeigt sich aber, dass Aristoteles fast ausschließlich Dichtung im engeren Sinne behandelt, also nachahmende Kunstformen, die sich des Mediums der Sprache bedienen.

Aristoteles’ Poetik steht im Zusammenhang mit seiner Rhetorik, insofern beide Schriften Sprache und Kommunikation thematisieren, sowie mit seiner Politik, insofern Dichtkunst wie Redekunst zentrale gesellschaftliche Funktionen in der griechischen Polis hatten.

Überlieferungszustand und Aufbau der Schrift Die Poetik ist unvollständig überliefert, denn Aristoteles kündigt in der Schrift selbst an, nach Tragödie und Epos auch die Komödie behandeln zu wollen,Zu Beginn von Kap. 6 der Poetik. und verweist in seiner Rhetorik zweimal auf eine Behandlung des Lächerlichen in der Poetik.Aristoteles: Rhetorik I Kap. 11 und III Kap. 18. Beides fehlt in dem uns vorliegenden Text; es wurde, wie die Forschung heute allgemein annimmt,Z.B. Fuhrmann: Nachwort. S. 146f. in einem nicht erhaltenen zweiten Buch der Poetik behandelt. (Dieses mutmaßlich verlorene Buch über die Komödie, die menschliche Fähigkeit zum Lachen und das Lächerliche spielt eine zentrale Rolle in Umberto Ecos Roman Der Name der Rose.) Seit Richard Janko erörtert die Forschung wieder ernsthaft die Frage, ob der Tractatus Coislinianus ein Rest des zweiten Buches sein könnte.

Die Kapitel des erhaltenen ersten Buchs ordnen sich thematisch zu drei größeren Abschnitten: (Kap. 1–5) Zur Dichtung überhaupt (Kap. 6–22) Behandlung der Tragödie (Kap. 23–26) Behandlung des Epos

Das Ungleichgewicht zwischen der langen Tragödien- und der kurzen Epos-Theorie wird zumindest teilweise dadurch erklärt, dass viele der Aussagen über die Tragödie auch für das Epos gelten,Dies wird etwa am Beginn von Kap. 23 deutlich, aber auch schon in manchen Aussagen der Tragödientheorie, die allgemein für alle Dichtung formuliert werden. so dass Kapitel 23/24 sich weitgehend auf das summarische Aufzählen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden beschränken können. Kapitel 26 bringt einen wertenden Vergleich zwischen Epos und Tragödie.

Zur Dichtung allgemein (Kapitel 1–5) Die Definition von poiêsis: mimêsis Alle Dichtung ist mimêsis (Nachahmung). Hierbei setzt Aristoteles sich von dem gängigen Kriterium „Versmaß“ ab: somit fallen etwa Platons Dialoge durchaus in die Dichtung, die metrische Gattung des Lehrgedichts fällt hingegen heraus. Nachgeahmt werden hierbei handelnde Menschen. Dabei meint mimêsis nicht eine Abbildung in dem Sinne, dass das Abbild einem Urbild entspräche. Vielmehr besteht mimêsis in einer Darstellung von handelnden Menschen, deren Absichten, Charakter und Handlungen sowohl zum Besseren als auch zum Schlechteren abweichen kann.

Ableitung der mimêsis aus der Natur des Menschen Den für die Poetik zentralen Begriff der mimêsis leitet Aristoteles auch aus der Natur des Menschen ab. Er liefert eine doppelte anthropologische Herleitung: (Produktion) Die Nachahmung ist den Menschen angeboren. (Rezeption) Die (Erfahrung von) Nachahmung bereitet Menschen (im Gegensatz zu anderen Lebewesen) Freude (chairein) (Prozess intellektuellen Erkennens, Freude an technischer Perfektion).

Der zweite Punkt, die Freude an der Wahrnehmung von Nachahmung, ist ein Hinweis darauf, dass für Aristoteles der Aufbau und Inhalt eines Werkes im Hinblick auf den Rezipienten entworfen wird, wie sich auch am Katharsis-Begriff zeigt (s. u.).

Die Arten der mimêsis: Zur Gattungseinteilung Die Arten von mimêsis spezifiziert Aristoteles genauer und zieht sie zur Gattungseinteilung heran. Er unterscheidet drei Kriterien für Arten der Mimesis: unterschiedliche Mittel der Nachahmung (en heterois): Rhythmus, logos, harmonia; verschiedene Gegenstände der Nachahmung (hetera): gute oder schlechte Menschen; verschiedene Weisen (heterôs) der Nachahmung: berichten (apangelein): ein Erzähler trägt das Geschehene vor, wobei Autor und Erzähler verschieden oder identisch sein können; ‚tun‘ (dran): die Handlung wird von Akteuren vorgeführt.

Die Tragödie (Kapitel 6–22) Definition der Tragödie Aristoteles definierte die Tragödie wie folgt:

Zentral für diese Definition sind die Begriffe eleos und phobos. Diese wurden seit Lessings Hamburgischer Dramaturgie allgemein mit „Mitleid“ und „Furcht“ übersetzt; diese Übersetzung wurde jedoch von der neueren Forschung teils scharf kritisiert, so dass etwa Manfred Fuhrmann eleos und phobos die Begriffe als „Jammer“ und „Schaudern“ übersetzt.Vgl. Fuhrmann: Nachwort. S. 161–163.

Diese Definition gibt eine nähere Beschreibung der von einer Tragödie geleisteten mimêsis: Gegenstand der mimêsis in einer Tragödie sind ethisch gute Handlungen. Mittel der mimêsis in einer Tragödie sind: der logos, d. h. die geformte Sprache; der Rhythmus, d. h. der durch zeitliches Regelmaß gegliederte Ablauf; die harmonia bzw. das melos, d. h. die wechselnde Tonhöhe, die Melodie in den gesungenen Partien (nicht durchgängig). Weise der mimêsis in einer Tragödie ist die Vermittlung einer Handlung (eines Mythos) durch ‚Tun‘ (dran/prattein), nicht etwa durch episches Erzählen. Zweck der mimêsis in einer Tragödie ist die Erreichung der katharsis beim Zuschauer. Diese soll nicht durch Effekte (Inszenierung und Musik), sondern vorzugsweise mittels des Handlungsaufbaus erfolgen, nämlich durch die Erregung von „Jammern und Schaudern“.

Die sechs Teile der Tragödie Aristoteles unterscheidet sechs „Teile“ der Tragödie, die man heute als „qualitative Teile“ bezeichnet. In der Reihenfolge der Wichtigkeit für die Qualität der Tragödie sind dies gemäß Aristoteles: Handlung bzw. Plot (mythos) Charaktere (êthê) Gedanke/Erkenntnisfähigkeit (diánoia) sprachliche Form (lexis) Melodik (melopoiia) Inszenierung (opsis)

Von diesen sechs Teilen nimmt in Aristoteles’ Darstellung die Handlung den weitaus größten Raum ein und ist für ihn auch der wichtigste Teil: Aristoteles nennt den Mythos die „Seele“ der Tragödie. Anhand dieses Übergewichts der Handlung gegenüber der sprachlichen Form (lexis) lässt sich Aristoteles’ Poetik schwerpunktmäßig eher als Struktur- denn als Stilpoetik bezeichnen.

Der mythos (Plot, Handlung, Fabel) Der wichtigste qualitative Teil der Tragödie ist der mythos; dieses Wort ist hier jedoch nicht im heutigen Sinn von Mythos zu verstehen, sondern allgemein als der Plot bzw. die Handlung des Stückes, in älterer Terminologie die Fabel. Aristoteles begründet dies: „Denn die Tragödie ist nicht Nachahmung von Menschen, sondern von Handlung und Lebenswirklichkeit (praxeôn kai biou).“Poetik Kap. 6, 1450a16f. Der Dichter hat sich für Erstellung und Form der Handlung also in erster Linie nicht nach der Identität des Helden, sondern nach dem Gehalt der darzustellenden Handlung zu richten.

Ganzheit und Einheit der Handlung Die wichtigsten Kriterien für einen guten Handlungsaufbau sind Ganzheit und Einheit. Sie sind genau dann gegeben, wenn alle im behandelten mythos vorkommenden Elemente (a) nicht fehlen dürfen (Ganzheit) und (b) notwendig an ihrer jeweiligen Stelle innerhalb des mythos auftreten müssen (Einheit).

Wahrscheinlichkeit und Notwendigkeit der Handlung Kriterium dafür, dass eine Handlung bzw. ein Handlungsverlauf für die Tragödie geeignet ist, ist nicht, dass sie wirklich stattgefunden hat, sondern dass sie allgemeinen Charakter besitzt. Nach Aristoteles gilt,

Wahrscheinlichkeit und Notwendigkeit spezifizieren also die mimêsis der Tragödie und ihren Bezug zur Wirklichkeit genauer. Aufgrund dessen zeigt sich auch, warum Aristoteles die Dichtung hochschätzt: Während ein Historiker mitteilen muss, was in Wirklichkeit geschehen ist, damit aber auch zufällige und sinnlose Ereignisse wiedergeben muss, soll der Dichter mitteilen, was geschehen „könnte“ und in der Regel auch „sollte“. Da die Beschäftigung mit dem Allgemeinen und notwendig oder zumindest in der Regel Eintretenden jedoch für Aristoteles ein typisches Kennzeichen des philosophischen Denkens ist, kann er urteilen:

Was macht eine gute Tragödie aus? (Kap. 13–14) Aristoteles erklärt, dass Tragödien, die gewisse Momente aufweisen, bzw. gewisse Momente auf bestimmte Art und Weise verwenden, besser sind als andere. Der wichtigste Bereich ist hier wiederum der Handlungsaufbau bzw. -verlauf (mythos).

In der besten Tragödie wird dargestellt, wie ein ethisch guter Charakter einen Umschlag vom Glück ins Unglück erlebt, und zwar nicht wegen seiner Schlechtigkeit oder Gemeinheit, sondern wegen eines Irrtums (hamartia), der in der Regel aus fehlendem Wissen über eine Situation hervorgeht. In der zweitbesten Tragödie finden die sittlich Guten und die sittlich Schlechten ein entgegengesetztes Ende.

Auf keinen Fall darf man dagegen zeigen: „wie makellose Männer einen Umschlag vom Glück ins Unglück erleben“ (das wäre weder jammervoll noch schaudererregend, sondern abscheulich); „wie Schufte einen Umschlag vom Unglück ins Glück erleben“ (das wäre die untragischste aller Möglichkeiten, weil sie keine der erforderlichen Qualitäten hat: sie ist weder menschenfreundlich noch jammervoll noch schaudererregend); „wie der ganz Schlechte einen Umschlag vom Glück ins Unglück erlebt“ (das wäre zwar „menschenfreundlich“, aber weder jammervoll noch schaudererregend).

Weitere wichtige Kriterien beziehen sich – in weiter gefasstem Sinne – auf den Handlungsaufbau, die Handlungsführung und die Beschaffenheit der Charaktere. Hinsichtlich der Handlungsführung ist es laut Aristoteles besonders gut, wenn einer die entscheidende Tat ohne Einsicht ausführt, aber Einsicht erlangt, nachdem er die Tat ausgeführt hat (wie das Oidipus in der Tragödie des Sophokles geschieht). Am besten ist es jedoch laut Aristoteles, wenn einer aus Unkenntnis beabsichtigt, die Tat auszuführen, aber Einsicht erlangt, bevor er sie ausführt. Da dieses Urteil (Kap. 14) mit der Erklärung, dass die beste Tragödie einen Umschlag vom Glück ins Unglück darstelle (Kap. 13), unvereinbar erscheint, besteht ein möglicher Widerspruch zwischen Kapitel 13 und 14 hinsichtlich der besten Tragödie.Zu diesem Problem vgl. ausführlich Arata Takeda: Die verkannte Tragödie, S. 297–436.

Hinter diesen Unterscheidungen für eine bessere bzw. schlechtere Tragödie zeigt sich (a) das ethische Kriterium der Darstellung eines sittlich guten Menschen und (b) das Kriterium der Darstellung einer Handlung, die bei der Rezeption des Stoffes (und nicht nur des aufgeführten Stückes) „Jammer und Schaudern“, eleos und phobos hervorruft.

Das Epos (Kap. 23–26) Das Epos ähnelt der Tragödie wegen des gemeinsamen Gegenstandes, da auch das Epos sittlich gute Figuren darstellt bzw. darstellen soll. Diese Ähnlichkeit hat einen hohen Stellenwert, und dass in der Folge im Tragödienteil oftmals epische Beispiele vorkommen, zeigt wiederum die Wichtigkeit der Rezeption.

Das Epos unterscheidet sich von der Tragödie in folgenden Punkten: Es benutzt als Mittel der mimêsis keine musikalischen Bestandteile und keine Inszenierung. Die mimêsis des Epos hat im Gegensatz zu jener der Tragödie berichtenden, eben ‚epischen‘ Charakter. Das Epos kennt nur ein Versmaß: den daktylischen Hexameter. Auch die weit größere Ausdehnung (Länge) des Epos ist ein wichtiger Unterschied.

Das Epos ist nach Aristoteles der Tragödie in zwei Punkten unterlegen: