mini|Ernst von Bergmann, 1906 mini|Ernst von Bergmann, um 1890 Ernst Gustav Benjamin von Bergmann (* Eintrag im (lettisch: Rīgas Doms). in Riga; † 25. März 1907 in Wiesbaden) war ein deutscher Chirurg und ab 1871 ordentlicher Professor für Chirurgie an der Kaiserlichen Universität Dorpat, ab 1878 an der Universität Würzburg und von 1882 bis zu seinem Tod an der Universität Berlin.
Zu seinen wesentlichen Verdiensten gehören die Mitbegründung der Hirnchirurgie und die Einführung der Asepsis bei der Wundbehandlung. Als Militärchirurg hatte er an allen Kriegen seiner Zeit teilgenommen und großen Einfluss auf die Entwicklung der Kriegschirurgie.
Leben Herkunft und Familie Ernst von Bergmann war Protestant, entstammte einer deutschbaltischen Pastorenfamilie aus der Region Livland und war ein Sohn von Richard von Bergmann (1805–1878), Pastor zu Rūjiena (heute Lettland), und Bertha Krüger (1816–1877). Sein Bruder war Reinhold Richard Georg von Bergmann (1850–1913).Wilhelm Lenz u. a. (Hrsg.): Deutschbaltisches biographisches Lexikon 1710–1960. 1970, 2., unveränderte Auflage. Verlag von Hirschheydt 1998, S. 55.
Werdegang Dorpat Ernst von Bergmann wuchs in Rujen im Pastorat seines Vaters auf. Nach der höheren Schulbildung an der humanistischen Lehranstalt Birkenruh bei Wenden (Livland) studierte Bergmann von 1854 bis 1860 (aufgrund der rigiden Zulassungsbeschränkungen der russischen VerwaltungsbehördenAndreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. 2001, S. 170.) an der Kaiserlichen Universität Dorpat Medizin und wurde wie sein Vater und zwei seiner Brüder Mitglied der Livonia. Zu seinen Lehrern gehörten der Anatom und Physiologe Bidder, der Pharmakologe Rudolf Buchheim, der Gynäkologe Piers Walter (1775–1874) sowie die Chirurgen Adelmann und Georg von Oettingen.Nicolai Guleke: Kriegschirurgie und Kriegschirurgen im Wandel der Zeiten. Vortrag gehalten am 19. Juni 1944 vor den Studierenden der Medizin an der Universität Jena. Gustav Fischer, Jena 1945, S. 36–37. Im Anschluss an das vorzüglich bestandene Staatsexamen und die bei Buchheim erfolgte Promotion (1860) mit der Dissertation De balsami Copaivae Cubebarumque in urinam transituNicolai Guleke: Kriegschirurgie und Kriegschirurgen im Wandel der Zeiten. Vortrag gehalten am 19. Juni 1944 vor den Studierenden der Medizin an der Universität Jena. Gustav Fischer, Jena 1945, S. 36. (über die renale Ausscheidung von Kopaivabalsam und Kubeben) war er als AssistentVgl. auch Fritz König: Ernst von Bergmann. Erinnerungsblätter eines Assistenten. In: Der Chirurg. Heft 25, 1929, S. 1165 ff. an der Chirurgischen Klinik Dorpats tätig, wo er sich 1864 unter seinem späteren Schwiegervater Georg Adelmann, der später in den preußischen Adelsstand erhoben wurde, und Georg von Oettingen, der ihm zuvor auch die Assistentenstelle angeboten hatte, mit der 1863 abgeschlossenen Schrift Zur Lehre von der FettembolieErnst Benjamin Bergmann: Zur Lehre von der Fettembolie. (Digitalisat). habilitierte.
Im Februar 1865 trat er eine vierzehnmonatige Studienreise über Königsberg, Breslau, Wien, Hannover, München, Heidelberg, Leipzig , Stuttgart, Bonn und Berlin an, auf der er unter anderem in Königsberg Albrecht Wagner, in Wien Leopold von Dittel und Franz von Pitha kennen und schätzen lernte.
Feldchirurgische Erfahrungen sammelte er in preußischen Diensten vor allem beim Feldzug von 1866. Danach erforschte er unter anderem die Grundlagen von Wundinfekten. Weitere militärmedizinische Tätigkeiten übte er 1870/1871 als Chirurg im Deutsch-Französischen Krieg in Mannheim, im Elsass, in Paris und als Leiter eines Lazaretts in Karlsruhe aus.Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. 2001, S. 170–171.
In Dorpat, wo er zunächst als Privatdozent für Chirurgie, ab 1871 – in der Nachfolge seines Lehrers Adelmann – als Ordinarius für Chirurgie, Ophthalmologie und Klinik Vorlesungen zur Verbandlehre, über Knochenbrüche und Luxationen sowie zur theoretischen Chirurgie hielt und daneben eine chirurgisch-augenheilkundliche Ambulanz leitete, blieb er bis 1878. 1877 wirkte er als Beratender Chirurg im Russisch-türkischen Krieg.Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. 2001, S. 170–171.
Würzburg Im April 1878 folgte er nicht Berufungsangeboten nach St. Petersburg und Kiew, sondern einem von Eduard von Rindfleisch vorgeschlagenen und von Franz von Rinecker unterstützten Ruf nach Würzburg als Oberwundarzt und Professor der Chirurgie als Nachfolger von Wenzel von Linhart, wo er der aus seiner Sicht dringend reformbedürftigen Chirurgischen Universitätsklinik Würzburg, dem Juliusspital, in den folgenden vier Jahren (seit Carl Caspar von Siebold) wieder zu großem Ansehen verhalfErnst Kern: Sehen – Denken – Handeln eines Chirurgen im 20. Jahrhundert. ecomed, Landsberg am Lech 2000, ISBN 3-609-20149-5, S. 244.Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. 2001, S. 169–175, 265 und 819. und sich im August desselben Jahres als ordentlicher Professor an der dortigen Universität in die bayerische Adelsmatrikel eintragen ließ.Genealogisches Handbuch des Adels, Adelslexikon, Band 1. Limburg an der Lahn 1972, S. 339. Am Juliusspital erneuerte er das Instrumentarium, schuf modernere Operationsräume und ersetzte die nicht mehr den veränderten hygienischen Ansprüchen genügenden, aus schwarzem Wachstuch bestehenden Operationskittel. Während einer von seinen Kollegen Franz von Rinecker und Carl Gerhardt, der maßgeblich an der Berufung Bergmanns nach Würzburg beteiligt war, behandelten Erkrankung Bergmanns 1879/1880 (ein mit Rippenfellentzündung und Entzündung der Achsellymphknoten verbundenes Erysipel infolge einer Wundinfektion während einer Infektion) und nach dessen Wechsel nach Berlin 1882/1883 wurde er als Oberwundarzt zwischenzeitig von Hermann Maas vertreten. Nach Maas’ Tod wurde Karl Schönborn Bergmanns Nachfolger in Würzburg.Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. 2001, S. 169–173, 178–179 und 272.
Berlin Er übernahm im Sommer 1882 in Berlin den Lehrstuhl des verstorbenen Bernhard von Langenbeck sowie das Direktorat der ersten Chirurgischen Universitätsklinik des Königlichen Klinikums in der Ziegelstraße, die er bis 1907 leitete.Vgl. auch Fritz König: Die Chirurgie unter Ernst von Bergmann 1882–1907. In: Paul Diepgen, Paul Rostock: Das Universitätsklinikum in Berlin. Seine Ärzte und seine wissenschaftliche Leistung (1810–1933). Joh. Ambr. Barth, Leipzig 1939. In seiner Funktion als Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik trug er maßgeblich dazu bei, dass Frauen in Preußen noch 13 weitere Jahre nicht zum Medizinstudium zugelassen wurden. 1896 stürmte er das Büro des preußischen Kultusministers Robert Bosse, der einen Erlass entworfen hatte, nach welchem Frauen, die das Abitur abgelegt hatten, zum Medizinstudium zugelassen werden sollten. Er verhinderte die Herausgabe, indem er mit seiner Kündigung drohte, sollte er gezwungen werden, Frauen zu seinen Vorlesungen zuzulassen. Er und seine Familie wohnten zunächst am Kronprinzenufer, später am Alexanderufer,Mario Keßler: Tagungs- und Konferenzzentrum Ernst von Bergmann, Potsdam. Abgerufen am 8. August 2021. wo Bergmann auch eine tägliche SprechstundeChristoph Weißer, Jörg Arnholdt: Neue Aspekte zum Berufsweg des Chirurgen Fritz König (1866–1952) unter Berücksichtigung zweier Autographen seines Lehrers Ernst von Bergmann (1836–1907). In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018 (2021), S. 123–134, hier: S. 128–131. abhielt.
Leistungen Bergmann muss zweifellos den größten Chirurgen seiner Zeit zugerechnet werden. Besonders in der Kriegschirurgie hatte er als Teilnehmer des Preußisch-Österreichischen (1866, nach Genehmigung durch die russische Regierung als Assistent des mit ihm befreundeten Königsberger Chirurgen und Generalarztes Albrecht Wagner, des Deutsch-Französischen (1870/1871), währenddem er in Mannheim das von der Großherzoging von Baden betreute Lazarett „Seilerbahn“ leitete, einen Lazarettzug nach Frankreich bis Paris führte und danach das Barackenlazarett in Karlsruhe übernahm) und des Russisch-Türkischen Krieges (1877/1878, als Beratender Chirurg) auf rumänisch-bulgarischem Gebiet (so in Simnitza und Tutschenitza)Nicolai Guleke: Kriegschirurgie und Kriegschirurgen im Wandel der Zeiten. Vortrag gehalten am 19. Juni 1944 vor den Studierenden der Medizin an der Universität Jena. Gustav Fischer, Jena 1945, S. 37–38. reiche Erfahrungen sammeln können. Bahnbrechend war seine Methode der konservativen Behandlung der Verletzungen des Kniegelenks, die er nicht mehr operativ behandelte, sondern nach Bandage mit dem Listerschen Wundverband im Gipsverband (Pirogoff) ruhigstellte. Auf diese Weise ließen sich die tödlichen Verläufe dieser Verletzung – insbesondere bei der Behandlung von Schussverletzungen auf den russisch-türkischen Schlachtfeldern – deutlich reduzieren. Zunächst der Listerschen Methode der Antisepsis durch Besprühen mit Karbolsäure-Lösung, wie sie durch die russischen Chirurgen durchgeführt wurde, zugewandt, die er seit 1875 an seiner Dorpater Klinik praktizierte, ersetzte er bald dieses zum Teil gefährliche, oft Amputationen nach sich ziehende, VerfahrenVgl. hierzu auch Nicolai Guleke: Kriegschirurgie und Kriegschirurgen im Wandel der Zeiten. Vortrag gehalten am 19. Juni 1944 vor den Studierenden der Medizin an der Universität Jena. Gustav Fischer, Jena 1945, S. 12, 14 und 38. der Karbolantisepsis durch den Einsatz der Sublimatantisepsis mit trockener Sublimatgaze, um schließlich 1886 die chemische Antisepsis ganz zu verlassen. Zusammen mit seinem Berliner Schüler Curt Schimmelbusch wandte er sich stattdessen der Verwendung dampfsterilisierter Verbandsmaterialien zu und setzte sich für die aus der Antisepsis heraus entwickelte AsepsisVgl. auch Curt Schimmelbusch: Die Durchführung der Asepsis in der Klinik des Herrn Geheimrath von Bergmann in Berlin. In: Archiv für klinische Chirurge. 1891, S. 123 ff. ein. Damit erfolgte die allgemeine Einführung der Dampfsterilisation in die Chirurgie.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 51. Bergmann wurde 1967 von Fritz Linder als „Vater der Asepsis“ bezeichnet.Friedrich Wilhelm Gierhake: Asepsis. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 33–42, hier: S. 41. mini|Ernst von Bergmann (zweiter von links) bei der Amputation eines Unterschenkels mit diabetischer Gangrän