mini|Textfragment aus der einzigen Abschrift des Ruodlieb, Clm 19486, 11. Jahrhundert Ruodlieb ist ein lateinisches Versepos des beginnenden Hochmittelalters, das etwa Mitte des 11. Jahrhunderts vermutlich von einem Tegernseer Mönch in guten Leoninischen Hexametern verfasst wurde. Das Werk, von dem etwa 2300 Verse in achtzehn Bruchstücken überliefert sind, kann als ein früher Vorläufer des höfischen Romans des 12. Jahrhunderts angesehen werden. Es fand offenbar keinerlei Verbreitung.
In der Geschichte des Ritters Ruodlieb, der in die Welt zieht, um sein Glück zu suchen, werden Motive von Märchen und Heldensagen mit realistischen Schilderungen des Lebens sowohl des Adels als auch der Bauern in einem (oberbayerischen) Dorf verbunden. Eine große Rolle spielen Lebensweisheiten, die von den Figuren entweder befolgt oder (zu ihrem Schaden) nicht befolgt werden. Die Erzählung hat neben ihrer teils märchenartigen, farbigen Stimmung auch eine nüchterne moralisch-didaktische Absicht.
Herkunft und Bedeutung des Namens Der Name Ruodlieb enthält das althochdeutsche Wort hrōd, hruod für Ruhm, Ehre.
Entdeckung, Edition und Hintergrund „So habe ich noch unlängst ein Fragment aus einem Rittergedicht in leoninischen Reimen entdeckt, wo die Namen Rudlieb, Immunch, und der Kampf des Ersten mit dem Zwerge (nanus) vorkommt.“ Mit dieser lapidaren Bemerkung des Bibliothekars Bernhard Joseph Docen, der mit der Sichtung derjenigen Bücher der Königlichen Hof- und Staatsbibliothek München betraut war, die durch die Säkularisation 1803 erworben worden waren, beginnt 1807 die Geschichte der Erforschung dieses von seiner Art her einzigartigen Werkes der mittellateinischen Literatur.
Der Gelehrte fand insgesamt wohl 15 Doppelblätter, die als Bindematerial diverser in der Klosterbibliothek Tegernsee aufbewahrter Codices gedient hatten, die er aber noch nicht in eine logische Reihenfolge bringen konnte. In der Folgezeit wurden noch weitere Blätter entdeckt, die, soweit man das noch nachweisen kann, ebenso in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zweckentfremdet wurden. Seit der Entdeckung der letzten Fragmente 1981 liegen 21 durch Beschnitt mehr oder minder stark beschädigte Teile von Doppelblättern aus ehemals Tegernseer Beständen vor, die uns 2320 Verse oder Versfragmente überliefern und einstmals ein zusammengehörendes Konvolut von Pergamentblättern gebildet haben, das niemals gebunden war.
Das 1830 in der oberösterreichischen Stiftsbibliothek St. Florian entdeckte Doppelblatt mit 140 Versen jedoch stellt das Überbleibsel einer zweiten Handschrift dar, die sich, so der paläographische Befund, durch größere Buchstaben, regelmäßige Verszahlen auf jeder Seite, Rubrizierungen, Paragrapheneinteilung und einen anderen Schreiber vom Clm 19486 unterscheidet.
Die vergleichsweise unsauberen Münchener Fragmente scheinen teilweise nur eine Rohfassung des Ruodlieb darzustellen, während das Blatt aus St. Florian, das wohl auch aus dem Kloster Tegernsee stammt, als Teil einer Reinschrift betrachtet werden kann. Da die Korrekturen im Text der Münchener Fragmente in erster Linie aus prosodischen Gründen erfolgten und wahrscheinlich nur von einer Hand ausgeführt wurden, liegt hier mit einiger Sicherheit ein Autograph des Ruodlieb vor.
Etwa 40 % des Werkes dürften verloren sein, wenn man die vorhandenen Inhaltslücken einkalkuliert und dabei den Verlust ausschließlich von Doppelblättern annimmt.
Die erste halbwegs zufriedenstellende Edition und Kommentierung des Textes gelang nach der ersten Ausgabe von Jacob Grimm und Johann Andreas Schmeller 1838 schließlich Friedrich Seiler 1882, doch blieben viele Fragen zu Konjekturen, ausgefallenen Textpassagen oder der Semantik mancher Begriffe bis in die 1990er Jahre hinein Streitpunkte der Forschung.
Die Verfasserschaft des Ruodlieb hat sich bis heute nicht klären lassen. Die Vermutung, dass es sich bei dem Autor um Froumund von Tegernsee handeln könnte, erwies sich schon aus chronologischen Gründen als unhaltbar, da der Duktus der „Reinschrift“, die wohl kurz nach der Rohfassung entstanden sein dürfte, auf das späte oder ausgehende 11. Jahrhundert datiert wird und sich vereinzelt Korrekturen darin befinden, die wahrscheinlich dem Autor selbst zuzuschreiben sind. Denn durch die vielen Tegernseer Handschriften aus dieser Zeit und die damit gegebenen Vergleichsmöglichkeiten lassen sich ziemlich genaue Datierungen vornehmen, womit frühere Ansätze, das Werk in der ersten Hälfte des Jahrhunderts oder seiner Mitte anzusiedeln, an Plausibilität eingebüßt haben.
Man hatte als Datierungsargument ins Feld geführt, dass die Darstellung des Königshofes und des diplomatischen Gebarens nur auf Autopsie des Autors beruhen könnte, wobei ein Treffen Kaiser Heinrichs II. mit dem französischen König Robert im Jahr 1023 oder der glanzvolle Hof Heinrichs III. (1039–1056) auf den Anonymus eingewirkt haben sollen. Diese Überlegungen sind jedoch allzu vage und daher keinesfalls zwingend. Ebenso unklar ist, ob der unbekannte Epiker sein Werk überhaupt vollendet hat. Denn auf der Rückseite des letzten Blattes und auf einer Seite des ersten Doppelblattes des ganz überwiegend von einer Hand geschriebenen Münchener Codex finden sich elf von derselben Person niedergeschriebene Epigramme. Daher ist es höchst unwahrscheinlich, dass der Clm 19486 über die von Docen schon erwähnte unvermittelt abbrechende Zwergenszene hinaus fortgeführt wurde.
Das Fragment aus St. Florian könnte jedoch von einer vollendeten Gesamtfassung des Ruodlieb stammen, da eine erste Textfassung auf Wachstafeln nicht unwahrscheinlich sein dürfte und daher der Clm 19486 als alleinige Vorlage nicht vorausgesetzt werden muss.
Dass dem Werk in seiner Entstehungszeit keine große Bedeutung beigemessen wurde, zeigt neben dem Ausbleiben einer Buchbindung nicht so sehr die dadurch ermöglichte materielle Ausschlachtung vier Jahrhunderte nach der Niederschrift, sondern vielmehr die Tatsache, dass auf den Textblättern keinerlei Notizen späterer Benutzer vorhanden sind, eine intensive Rezeption also ausgeschlossen werden muss. Dies wird dadurch gestützt, dass eine Dichtung wie der Ruodlieb, der gemeinhin als Roman bezeichnet wird, in lateinischer Sprache keinen Nachfolger fand und auch volkssprachliche Erzeugnisse vergleichbarer Natur erst in der Mitte des 12. Jahrhunderts im französischen Sprachraum auftraten. Ob der Ruodlieb überhaupt am Tegernsee entstanden ist, lässt sich zwar nicht beweisen, doch spricht bislang nichts dagegen.
Auffällig ist, dass der höchstwahrscheinlich dem klerikalen Stand angehörige Dichter nur geringes Interesse an der direkten Verwertung antiker Autoren besaß. So wird zwar als einziger Autor Plinius der Ältere namentlich genannt und scheinbar zitiert, doch bis auf eine Aeneisstelle, die dazu noch in einen leoninischen Vers verwandelt werden musste, liegen wohl keine Zitate vor. Es darf jedoch die Kenntnis diverser Autoren und Werke angenommen werden. Darunter fallen neben Vergil und den Etymologiae des Isidor von Sevilla mit sehr großer Wahrscheinlichkeit Ovid, das Waltharius-Epos oder auch die Vita Udalrici des Gerhard von Augsburg. Gleiches gilt zumindest für die Gesta Apollonii Tyri, eine hexametrische Version des Romans Historia Apollonii regis Tyri. Auch der Alexanderromanstoff dürfte unserem Dichter bekannt gewesen sein.
Inhalt Übersicht / Unterteilung Man kann den Handlungsverlauf grob folgendermaßen unterteilen (grob / fein): Ruodlieb als Dienender: erfolgloser Dienst in der Heimat; erfolgreicher Dienst im Exil als Jäger, Feldherr, Diplomat, Belohnung (Weisheitslehren und Schatz im Brot), Abschied [I–V 558] I 1–71 (lückenlos) ⇒ Auszug des miles (= Ruodlieb): Vorgeschichte, Ausstattungsbeschreibung, Abschied von der Mutter. I 72–141 ⇒ Ruodlieb freundet sich mit dem venator regis an und tritt in den Dienst des rex maior. IA 1–7, II 1–50 ⇒ Ruodlieb dient dem rex maior 10 Jahre als Jäger mit Vogelfang, Fischerei (mit Buglossa) und Wolfsjagd. II 51–65, III 1–70, IIIA 1–3 ⇒ Ruodlieb als Feldherr des rex maior gegen Friedensbrecher aus dem Land des rex minor erfolgreich. III A 4–7, IV 1–230 ⇒ Ruodlieb in diplomatischer Mission beim rex minor, Schachspielszenen (IV 184–188) in seinem Bericht an den rex maior. IV 231–252, V 1–221 ⇒ Die Königsbegegnung, Tanzbärenszene, Gefangenenfreilassung und im Gegenzug Geschenke für den rex maior: Katalog wertvoller Tiere, Gebrauch des Luchskastens. V 222–391 (lückenlos) ⇒ Ruodlieb erhält einen Brief mit der Aufforderung in die Heimat zurückzukehren (V 222–228). Der rex maior bereitet ein Abschiedsgeschenk vor, Schatzbeschreibung (Vorbereitung zweier mit Mehl überzogener und mit silbernen Schalen (darin: Geld bzw. Schmuck) gefüllter Abschiedsbrote). V 392–584 (lückenlos) ⇒ Die 12 Lehren des rex maior, Übergabe der erst zu Hause aufzuschneidenden Schatzbrote und Ruodliebs Abschied. Ruodlieb auf der Heimreise: in der Gesellschaft des rufus, Bewährung von drei Weisheitslehren, in der Gesellschaft des contribulis (Einkehr auf einem Adelssitz und Verlobung des contribulis mit der Tochter des Hauses) [V 559–XIII] V 585–621 ⇒ Ruodlieb begegnet einem rufus, der sich ihm anschließt. Es erweist sich die Wahrheit der ersten beiden Lehren. VI 8–123 ⇒ Die Erzählung von der alten Frau mit dem jungen Mann (überaus positiv) und der jungen Frau mit dem alten Mann (dezidiert negativ dargestellt). VII 1–25 ⇒ Ruodlieb als Gast beim jungen Mann mit der alten Frau. VII 26–129, VIII 1–10 ⇒ Der rufus als Gast beim alten Mann mit der jungen Frau; Verführung der treulosen Ehefrau; Tötung des Mannes, der den Übeltätern noch verzeiht. VIII 11–129 ⇒ Das Gericht; Ehefrau als reuige Sünderin, die sich schwerer lebenslanger Buße unterzieht. Lücke ⇒ Ruodliebs Weiterreise und Begegnung mit seinem contribulis. IX 1–24 ⇒ Ruodlieb im Gespräch mit seinem contribulis. Gemeinsame Abreise. X 1–58, X 59–112 ⇒ Ruodlieb und sein contribulis als Gäste auf einem Herrensitz (I): Ankunft, Übernachtung, morgendlicher Fischfang (Katalog mit 18 oberbayerischen FischnamenHeinrich Grimm: Neue Beiträge zur „Fisch-Literatur“ des XV. bis XVII. Jahrhunderts und über deren Drucker und Buchführer. In: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel – Frankfurter Ausgabe. Nr. 89, 5. November 1968 (= Archiv für Geschichte des Buchwesens. Band 62), S. 2871–2887, hier: S. 2884.) und Mittagsmahl; Diebe witternder Hund. X 113–132, XI 1–72, XII 1–32, XII 33–36 ⇒ Ruodlieb und sein contribulis als Gäste auf einem Herrensitz (II): Volierenszene, Abendunterhaltung (Harfenspiel und Tanz XI 38–72), Verlobung des contribulis mit der dominella (XII 22–32), Übernachtung und Abschied. XII 37–66, XII 67–90, XIII 1–9, XIII 10–81 ⇒ Heimreise, Botendohle, Ankunft, Badeszene und Freudenfest, Anschneiden des ersten Schatzbrotes, Zeitangabe: exul...denis...in annis; erste sicher auf den Autoren zurückgehende Nennung des Namens „Ruodlieb“. Ruodlieb als Herr: Hochzeit contribulis-dominella, Ruodliebs Brautsuche (Abweisung der falschen Braut, Gewinnung einer Königstochter) [XIV–XVIII]. XIV 1–99 ⇒ Die Vermählung des contribulis mit der dominella (XIV 51–87). Lücke ⇒ Aussöhnung mit den früheren Dienstherren und Belehnung. Ruodliebs Wirken zu Hause und im Dienste des Landes. XV 1–70, XVI 1–18 ⇒ Die Klage der Mutter (XV 3–15); sie fordert Ruodlieb auf zu heiraten. XVI 19–70, XVII 1–84 ⇒ Ruodliebs Brautwerbung: Einladung von Verwandten und Freunden zwecks Beratung (7. Lehre!); Beschämung der liderlichen Braut (XII 1–14). XVII 85–128 (lückenlos) ⇒ Die Träume der Mutter: Ihr heiligmäßiges Leben ermöglicht (in der Vision) den Aufstieg des Sohnes, nämlich die Heirat mit einer Königstochter und den Erwerb eines Königreiches. Lücke ⇒ Tod der Mutter. XVIII 1–32 ⇒ Ruodlieb und gefesselter Zwerg, der ihm bei Befreiung einen Königsschatz, ein Königreich und eine Königstochter verspricht. Danach: Abbruch des Romans mit Beginn der Schlussphase (königliche Erhöhung).
Abriss