Johannes Hadlaub (auch: Johannes Hadeloube; * 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts; † Anfang des 14. Jahrhunderts in Zürich) war ein Minnesänger, der ein umfangreiches Werk mittelhochdeutscher Lieder hinterlassen hat und den Schweizer Minnesängern zugeordnet wird.
Das Liedcorpus Hadlaubs umfasst neben zahlreichen Minneliedern auch Ernte-, Dörper- und Tagelieder sowie Leiche. Seine Werke entstanden in der Zeit um 1300 und sind dem späten Minnesang zuzuordnen. Eine Besonderheit einiger seiner Werke ist die namentliche Nennung historisch bezeugter Persönlichkeiten aus der Region um Konstanz und Zürich. Hadlaub wird eine besondere Rolle bei der Entstehung der Grossen Heidelberger Liederhandschrift (auch: Codex Manesse oder Manessische Liederhandschrift) zugeschrieben.Vgl. 2. Die Hadlaub Überlieferung in der Manessischen Liederhandschrift C. Die 1877 erschienene Novelle Hadlaub von Gottfried Keller beeinflusste die weitere Hadlaubrezeption massgeblich.
Biografische Spuren Johannes Hadlaubs mini|Das Wohnhaus von Hadlaub am Neumarkt in Zürich
Die Forschung nimmt an, dass der mittelhochdeutsche Lyriker Johannes Hadlaub mit dem Zürcher Bürger Johannes Hadeloube gleichzusetzen ist, über den verschiedene urkundliche Nachweise existieren: a) Im Urkundenbuch der Stadt und Landschaft Zürich ist der Kauf eines Hauses im Neumarktquartier am 4. Januar 1302 durch Johannes Hadeloube dokumentiert (vgl. UB Bd. 7, Nr. 2 628). Das Haus befand sich «zwischen Jakobs Brunen huse nud Wernhers Vinken huse», womit Hadlaub in der Nachbarschaft zweier bekannter Zürcher Familien lebte.Hedwig Lang: Johannes Hadlaub. Berlin 1959, S. 12. Ein weiterer Eintrag des Urkundenbuchs bezeugt Chuonrat Phentzi, den Kämmerer des Chorherrenstifts, als den späteren Besitzer des Hauses (vgl. Necrologia Germaniae I, S. 557: Eintrag zum 23. Februar sowie die dazugehörige Anm.).Max Schiendorfer: Johannes Hadlaub. Die Gedichte des Zürcher Minnesängers. Zürich/München 1986, S. 199. Ebenfalls finden ein Burchardum Hadlubum 1260 sowie Peter Hadloup in den Jahren 1308, 1309, 1310 und 1311 Erwähnung im Zürcher Urkundenbuch.Günther Schweikle: Johannes Hadlaub. In: Die Deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Berlin/New York 1981, S. 379. b) Das Jahrzeitenbuch der Grossmünsterpropstei verzeichnet den Todestag Hadlaubs an einem 16. März, jedoch ohne Angabe der Jahreszahl (vgl. Necrologia Germaniae I, S. 559).Hedwig Lang: Johannes Hadlaub. Berlin 1959, S. 13. Da sämtliche Einträge im Jahrzeitenbuch vor 1340 vermerkt wurden, ist davon auszugehen, dass Hadlaub zwischen den Jahren 1302 und 1340 gestorben ist. c) Eine Angabe zu Hadlaubs Ehefrau («uxor Johis Hadelop») findet sich in der Urbarrolle 2a der Propstei. Aus dem Dokument geht hervor, dass Hadlaubs Gattin steuerpflichtig war und demzufolge über ein eigenes Vermögen verfügte. Die Tatsache, dass namhafte Familien Nachbarn Hadlaubs bzw. spätere Besitzer seines Hauses waren, lässt auf eine annehmliche Wohnsituation Hadlaubs schliessen. Berücksichtigt man zudem das Eigenvermögen seiner Gattin, kann davon ausgegangen werden, dass Hadlaub ein bürgerliches Leben in gewissem Wohlstand führte. Die Annahme Sillibs, Hadlaub entstamme «angesichts seiner derben Dorfpoesie»Rudolf Sillib: Auf den Spuren Johannes Hadlaubs. Heidelberg 1922, S. 4. dem Bauerntum, kann daher widerlegt werden. Weitere Thesen zu Hadlaubs Lebenslauf und ‑umständen lassen sich basierend auf Untersuchungen zu seinen Werken und der historischen Situation in Zürich aufstellen, bleiben aber Spekulation.
Die Hadlaub-Überlieferung Die Lieder Hadlaubs sind nur in der Grossen Heidelberger Liederhandschrift C (auch Codex Manesse, Manessische Liederhandschrift oder Pariser Handschrift genannt) in der 34. Lage überliefert. Eine Ausnahme bilden die Verse 1 bis 13 des Liedes 49 («Sich fröit ûf die edlen nacht»), die ebenfalls in der Berner Handschrift p tradiert wurden.Hedwig Lang: Johannes Hadlaub. Berlin 1959, S. 11. In der Manessischen Liederhandschrift, oft mit dem Buchstaben C (Sigle) bezeichnet, sind insgesamt 51 Lieder und drei Leiche Hadlaubs sowie die Miniatur überliefert. Eingeordnet sind Text und Miniatur mit der Bildüberschrift «Meister Johans Hadloub» im Grundstock der Handschrift C in die Gruppe der «meister».Ursel Fischer: Meister Johans Hadloub. Autorbild und Werkkonzeption der Manessischen Liederhandschrift. Stuttgart 1996, S. 45. Sowohl Liedcorpus als auch Abbildung nehmen eine Sonderstellung innerhalb der Handschrift ein.
Der Text mini|Die erste Seite des Textcorpus Hadlaubs im Codex Manesse
Die besonderen Hervorhebungen des Dichters, die von der Forschung wiederholt für seine aussergewöhnliche Stellung angeführt werden, sollen im Folgenden dargestellt werden:Vgl. Max Schiendorfer: Johannes Hadlaub. Die Gedichte des Zürcher Minnesängers. Zürich/München 1986, S. 195, und Ursel Fischer: Meister Johans Hadloub. Autorbild und Werkkonzeption der Manessischen Liederhandschrift. Stuttgart 1996, S. 46 f. Die Namensvorschrift über dem schriftlichen Eintrag Hadlaubs fehlt und könnte laut Schiendorfer für einen aussergewöhnlichen Bekanntheitsgrad Hadlaubs unter den Schreibern bzw. für Hadlaubs Nähe zum vermutlichen Auftraggeber der Handschrift sprechen. Das letzte Blatt der für Hadlaub eigens zugedachten Lage ist als einziges der Handschrift C beidseitig unliniert geblieben. Nach Schiendorfer diente dieses Blatt dem Abschluss des Codex. Fischer vertritt jedoch die Annahme, dass es lediglich die Geschlossenheit und Eigenständigkeit der Lage hervorhebe. Die gesamten Werke Hadlaubs wurden von einem einzigen, anscheinend nur für ihn bestimmten Schreiber aufgezeichnet, was zu damaliger Zeit von Exklusivität zeugte. Ebenfalls stammen die Eingangsinitiale, die den Beginn von Hadlaubs Liedern markiert, und die Lombarden am Anfang jeder Strophe von einem einzigen Buchmaler, dem allerdings fast alle Eingangsinitialen des Grundstockes zugeschrieben werden. Eine besondere Bedeutung wird der rot-blauen, kunstvoll ausgearbeiteten Eingangsinitiale beigemessen, die statt der üblichen vier oder fünf Zeilen insgesamt zwölf Zeilen umfasst und somit die aufwendigste und grösste Filigraninitiale der gesamten Handschrift C ist. Eine weitere, in der Handschrift einmalige farbige Markierung stellt die rote Kennzeichnung des Anfangsbuchstabens im Namen «Ruedge Manesse» (Blatt 372r) dar.
Die Feststellungen hinsichtlich der Überlieferung von Hadlaubs Werken, insbesondere die Geschlossenheit der Lage, die kunstvolle Eingangsinitiale und das DoppelbildnisVgl. 2.2 Die Miniatur., räumen dem Dichter eine unverkennbare Sonderstellung innerhalb der Handschrift C ein. Diese exklusive Position, wie auch Hadlaubs räumliche und zeitliche Nähe zur Grossen Heidelberger Liederhandschrift, führten zu der Annahme, dass er womöglich bei der Entstehung des Codex Manesses mitwirkte. Von der Forschung konnte diese Hypothese bisher jedoch noch nicht sicher belegt werden.
Die Miniatur mini|Codex Manesse, das obere Bild zeigt den verliebten Sänger gegenüber der Angebeteten, das untere Bild zeigt wie der Sänger als Pilger verkleidet der Pflegetochter von Manesse vor dem Grossmünster in Zürich unerkannt ein Schriftstück ans Kleid heftet
Auch der Miniatur (Blatt 371r), die dem schriftlichen Eintrag vorangestellt ist, kommt eine besondere Stellung innerhalb des Bildprogramms der Liedersammlung zu, da sie sich durch ihre zweizonige Bildkomposition von den weiteren Abbildungen der Handschrift abgrenzt. Die Doppelminiatur wird noch dem Grundstock, also dem ursprünglichen Bestand der Liedersammlung, zugeordnet und auf 1305 datiert.Max Schiendorfer: Johannes Hadlaub. Die Gedichte des Zürcher Minnesängers. Zürich/München 1986, S. 196.
Beide Bildhälften stellen je die Eingangspassagen der ersten beiden Lieder Hadlaubs dar. Durch einen waagerecht verlaufenden Zinnenstreifen sind die Abbildungen in der Bildmitte voneinander abgegrenzt, werden aber sowohl durch den gemeinsamen Rahmen als auch durch den Turm, der durch Glockenstube und Kreuzblume als Kirche kenntlich gemacht ist, im rechten Bildrand miteinander verbunden. Aufgrund dieser Komposition werden die Bildeinheiten zwar als in sich geschlossen dargestellt, gleichzeitig wird aber auch die Einheit des Bildganzen hervorgehoben.Ursel Fischer: Meister Johans Hadloub. Autorbild und Werkkonzeption der Manessischen Liederhandschrift. Stuttgart 1996, S. 49.
Die untere Bildhälfte illustriert eine Szene aus Lied 1: Eine männliche Figur nähert sich in gebeugter Haltung, ein Schriftstück in der ausgestreckten rechten Hand, einer Dame, die gerade im Begriff ist, die Kirche zu betreten. Der weite Umhang, den die männliche Figur über ihr rotes Gewand gezogen hat, der braune, mit Muscheln geschmückte Hut, der um den Oberkörper gebundene gelbfarbene Brotsack und der Stab, der ihr als Stütze dient, sind allesamt Erkennungszeichen, welche die Figur als einen Pilger ausweisen. Jedoch gilt der Brief im Bildprogramm der Manessischen Handschrift als Attribut des DichtersMichael Curschmann: Pictura laicorum litteratura? Überlegungen zum Verhältnis von Bild und volkssprachlicher Schriftlichkeit im Hoch- und Spätmittelalter bis zum Codex Manesse. In: Pragmatische Schriftlichkeit im Mittelalter. Erscheinungsformen und Entwicklungsstufen. Hrsg. v. Hagen Keller, Klaus Grubmüller, Nikolaus Staubach. München 1992, S. 224., wodurch sich der Pilger, laut Fischer, als Autor bestimmen lässt.Ursel Fischer: Meister Johans Hadloub. Autorbild und Werkkonzeption der Manessischen Liederhandschrift. Stuttgart 1996, S. 50. Folgt man dem Inhalt des ersten Liedes, versucht der Dichter, seiner Angebeteten diesen Brief an ihr Kleid zu heften, während sie aus der Kirche hinaustritt. Warum sich der Illuminator nicht konsequent an die Textvorlage hielt und die Begebenheit insofern variierte, als dass er die Dame nicht beim Verlassen, sondern Betreten der Kirche darstellte, bleibt ungeklärt. Die Dame ist in ein blaues Gewand mit weissem Zierband und einen ebenfalls blauen Schleier gehüllt, unter welchem sich ihr langes, blond gelocktes Haar erkennen lässt. Erschrocken angesichts des «Pilgers», schaut sie über ihre Schulter zu der männlichen Gestalt hinab, wodurch beide Figuren in Augenkontakt stehen. Die Geste ihrer linken, erhobenen Hand und ihre zurückweichende Körperhaltung verleihen ihrer abweisenden Haltung gegenüber dem Dichter Ausdruck. Auch wenn die Dame selbst schweigt, scheint der Hund, den sie auf ihrem Arm hält, ihre innere Verfassung widerzuspiegeln, indem er, wie es anmutet, den Dichter anbellt.Max Schiendorfer: Johannes Hadlaub. Die Gedichte des Zürcher Minnesängers. Zürich/München 1986, S. 197.