mini|Ludwig Wittgenstein (1930), porträtiert von Moriz Nähr Ludwig Josef Johann Wittgenstein (* 26. April 1889 in Wien, Österreich-Ungarn; † 29. April 1951 in Cambridge, Vereinigtes Königreich) war ein österreichischer Philosoph. Er gilt als einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts.
Wittgenstein lieferte Beiträge zur Philosophie der Logik, der Sprache und des Bewusstseins. Seine beiden Hauptwerke Logisch-philosophische Abhandlung (Tractatus logico-philosophicus 1921) und Philosophische Untersuchungen (1953, postum) wurden zu zentralen Bezugspunkten zweier philosophischer Schulen, des Logischen Positivismus und der Analytischen Sprachphilosophie. Sein rund 20.000 Seiten umfassender philosophischer Nachlass wurde Ende Oktober 2017 in die Liste des UNESCO-Weltdokumentenerbes eingetragen.Philosophical Nachlass of Ludwig Wittgenstein. In: UNESCO-Weltdokumentenerbe. Pressemitteilung der österreichischen UNESCO-Kommission vom 31. Oktober 2017, abgerufen am 28. Dezember 2025.
Einordnung, frühe Auswirkungen Ludwig Wittgenstein war der Auffassung, dass viele „Probleme der Philosophie“ durch einen ungenügend präzisen Umgang mit der Sprache hervorgerufen würden. Philosophische Probleme seien im Kern als sprachliche Probleme zu betrachten, was er im „Tractatus“ wiedergibt; durch die Vieldeutigkeit eines Wortes entstünden leicht die fundamentalsten Verwechslungen, derer die Philosophie voll sei. Daher sei zunächst eine Klärung von Begriffen und eine logische Analyse der Sprache erforderlich. Ähnliche Auffassungen finden sich parallel und in wechselseitigem Austausch bei den Vertretern des logischen Empirismus. Allgemein befassten sich die Vertreter der analytischen Philosophie ganz vorwiegend mit Themen der Sprachanalyse.
Wittgenstein hatte großen Einfluss auf den logischen Positivismus, eine Denkrichtung, die sich zwischen 1925 und 1935 im Wiener Kreis etabliert hatte. Weitere philosophische Vorstellungen und deren Einwirkungen wurden durch Ernst Mach, durch David Hilbert und den französischen Konventionalismus (Henri Poincaré und Pierre Duhem) sowie Gottlob Frege und Bertrand Russell induziert. Der logische Empirismus wiederum bildet eine Fortentwicklung des logischen Positivismus, die im Allgemeinen als weniger radikal angesehen wird. Zur Philosophie des Wiener Kreises zählt Moritz Schlick, der im Jahre 1922 eine Professur erhielt und damit die Nachfolge von Ernst Mach und Ludwig Boltzmann antrat. Der Wiener Kreis traf sich zunächst zu einem grundsätzlichen Gedankenaustausch. Später kamen u. a. der Mathematiker Hans Hahn und die Philosophen Rudolf Carnap und Otto Neurath hinzu, weitere Mitglieder waren Victor Kraft, Kurt Gödel, Herbert Feigl und Friedrich Waismann.Claus Beisbart: Grundprobleme der Wissenschaftsphilosophie (Überblick 20. Jahrhundert). Der logische Positivismus und der logische Empirismus. Universität Dortmund, Institut für Philosophie, Sommersemester 2007 (Zusammenfassung vom 17. April 2007) (online; PDF)
Leben und Werk mini|hochkant|Ludwig Wittgenstein als Kleinkind, 1890 mini|Ludwig Wittgenstein als Kind, vorne rechts mit den Schwestern Helene, Hermine und Margarete (v. l. n. r. hinten) und dem Bruder Paul (vorne links) mini|Gedenktafel am Bundesrealgymnasium in Linz mini|hochkant|Ludwig Wittgenstein, 1910
Leben bis zum Tractatus Wittgenstein entstammte der österreichischen, früh assimilierten jüdischen Industriellenfamilie Wittgenstein, deren Wurzeln in der deutschen Kleinstadt Bad Laasphe im Wittgensteiner Land liegen. Er war das jüngste von neun Kindern des Großindustriellen Karl Wittgenstein und dessen Ehefrau Leopoldine (geborene Kalmus), die aus einer jüdischen Prager Familie stammte. Karl Wittgenstein gehörte zu den erfolgreichsten Stahlindustriellen der späten Donaumonarchie, und das Ehepaar Wittgenstein wurde zu einer der reichsten Familien der Wiener Gesellschaft der Jahrhundertwende. Der Vater war ein Förderer zeitgenössischer Künstler, die Mutter eine begabte Pianistin. Im Palais Wittgenstein verkehrten musikalische Größen wie Clara Schumann, Gustav Mahler, Johannes Brahms und Richard Strauss. Über die gemeinsame Abstammung von der katholischen österreichischen Familie Stallner war Ludwig Wittgenstein mütterlicherseits ein Cousin 2. Grades der Mutter von Friedrich August von Hayek. Unter dem strengen Regiment des VatersKarl Wittgenstein (Familienumfeld). In: geneee.org. wurde Wittgenstein katholisch erzogen. Er selbst wie seine Geschwister zeichneten sich durch außerordentliche musische und intellektuelle Fähigkeiten aus. Ludwig Wittgenstein spielte Klarinette. Sein Bruder Paul verlor im Ersten Weltkrieg den rechten Arm und machte dennoch als Pianist Karriere. Diesen Talenten stand eine problematische psychische Konstitution gegenüber: Drei seiner sieben Geschwister nahmen sich das Leben (Hans, Rudolf, Kurt). Wittgenstein zeigte, insbesondere nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs, depressive Züge. Im Kontakt zu anderen soll er teils autoritär und rechthaberisch, teils übersensibel und unsicher gewirkt haben. Im Tractatus ist dann der Satz vorzufinden: „Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen.“Tractatus 6.43
Wittgensteins elementare intellektuelle Erziehung begann im Privatunterricht. Von 1903 bis 1906 besuchte er die K. k. Staats-Realschule in Linz, Steingasse Nr. 6. Am 28. Oktober 1906 immatrikulierte Wittgenstein sich an der Technischen Hochschule Charlottenburg. Ursprünglich hatte er bei Ludwig Boltzmann in Wien studieren wollen, doch sein Realschulzeugnis hätte ihm die Einschreibung erst nach einem weiteren Studium erlaubt. In Berlin beschäftigte sich Wittgenstein – so seine Schwester Hermine in ihren Familienerinnerungen –
Nach dem Abschlussdiplom als Ingenieur 1908 ging Wittgenstein ins britische Manchester, wo er an der Universitätsabteilung für Ingenieurwissenschaften versuchte, einen Flugmotor zu bauen. Diesen Plan gab er jedoch bald auf. Danach arbeitete er an „Verbesserungsvorschlägen für Flugzeugpropeller“, einem Projekt, für das er am 17. August 1911 ein Patent erhielt.
Schließlich dominierte die Philosophie: Nicht zuletzt auf Anregung Gottlob Freges, den er 1911 in Jena besuchte, nahm Wittgenstein ein Studium in Cambridge am Trinity College auf, wo er sich intensiv mit den Schriften Bertrand Russells beschäftigte – insbesondere mit den Principia Mathematica. Sein Ziel war es, wie bei Gottlob Frege die mathematischen Axiome aus logischen Prinzipien abzuleiten. Russell zeigte sich nach den ersten Begegnungen unbeeindruckt von Wittgenstein: Doch nach nicht einmal zwei Wochen sollte sich Russells Meinung ändern: „Ich fange an, ihn zu mögen; er kennt sich aus in der Literatur, ist sehr musikalisch, angenehm im Umgang (ein Österreicher), und ich glaube, wirklich intelligent.“Bertrand Russell am 29. November 1911 an Ottoline Morrell Schon bald hielt Russell seinen Studenten für höchst talentiert, und war schließlich überzeugt davon, Wittgenstein sei geeigneter als er, sein logisch-philosophisches Werk fortzuführen. Russell urteilte über ihn:
mini|285px|Das restaurierte Haus von Ludwig Wittgenstein in Skjolden, Norwegen. Foto von Vadim Chuprina 2024
Unter anderem mit Russells Unterstützung wurde Wittgenstein im November 1911 in die elitäre Geheimgesellschaft Cambridge Apostles gewählt. In David Pinsent fand er in Cambridge seinen ersten Geliebten.Axel Schock, Karen-Susan Fessel: OUT! – 800 berühmte Lesben, Schwule und Bisexuelle. Querverlag, Berlin 2004, ISBN 3-89656-111-1.
In Skjolden in Norwegen ließ er auf einem entlegenen Fels das von ihm selbst entworfene Holzhaus Østerrike aufstellen, das er mit Pinsent bewohnte und wo er, mehrmals für einige Monate ab 1913, an einem System der Logik arbeitete (das 1958 abgetragene Haus wurde 2019 wieder am originalen Standort aufgebaut). Dass Wittgenstein homosexuell war, wurde zuerst durch seinen Biographen William Warren Bartley im Jahre 1973 auf der Basis von Aussagen anonymer Freunde Wittgensteins und zweier in Geheimschrift verfasster Tagebücher öffentlich gemacht.W. W. Bartley: Wittgenstein. Lippincott, Philadelphia 1973, S. 160 u. ö.
1912 begann Wittgenstein mit der Arbeit an seinem ersten philosophischen Werk, der Logisch-philosophischen Abhandlung, die er bis 1917 in einem Tagebuch als Notizen festhielt. Während seiner Zeit als österreichischer Freiwilliger im Ersten Weltkrieg beschäftigte er sich weiter damit, bis er das Werk schließlich im Sommer 1918 vollendete.Die privaten Notizen der „Geheimen Tagebücher“ begleiten die Entstehung des Tractatus, cf. Kurt Oesterle: Die Editions-Operette. Die Zeit, 8. Januar 1993. Es erschien jedoch erst 1921 in einer fehlerhaften Version in der Zeitschrift Annalen der Naturphilosophie. 1922 wurde schließlich eine zweisprachige Ausgabe unter dem heute bekannten Titel der englischen Übersetzung veröffentlicht: Tractatus Logico-Philosophicus. Abgesehen von zwei kleineren philosophischen Aufsätzen und einem Wörterbuch für Volksschulen blieb die Logisch-philosophische Abhandlung das einzige zu Lebzeiten veröffentlichte Werk Wittgensteins.
Im Rahmen seiner Kontakte zu der von Ludwig von Ficker herausgegebenen Kulturzeitschrift Der Brenner und dem Innsbrucker „Brenner-Kreis“ lernte Wittgenstein Werke des Dichters Georg Trakl kennen. Im Juli 1914 beschloss Wittgenstein, einen Teil seines beachtlichen Erbes für wohltätige Zwecke zu verwenden und übergab Ficker 100.000 Kronen mit der Bitte, das Geld nach Gutdünken an bedürftige österreichische Künstler zu verteilen.Ludwig (von) Ficker – Ludwig Wittgenstein. Briefwechsel 1914–1920. Hrsg. v. Annette Steinsiek und Anton Unterkircher, iup, Innsbruck 2014, S. 15. Gefördert wurde unter anderem Trakl mit einer einmaligen Summe von 20.000 Kronen.
Im Ersten Weltkrieg kämpfte Wittgenstein als österreichischer Soldat in der K. u. k. Armee an der Ostfront in Galizien. Durch die guten familiären Kontakte nach England – insbesondere zu Bertrand Russell – war Wittgenstein in der Lage, durch den Vatikan mit Freunden im neutralen Norwegen und der Schweiz auf der „anderen Seite“ in Briefkontakt zu bleiben. Bei Kriegsende wurde er bei Asiago von den Italienern gefangen genommen und in das Offiziersgefängnis in Monte Cassino gebracht. Sein englischer Freund John Maynard Keynes konnte sich als Mitglied der Friedenskonferenz in Paris für seine Freilassung einsetzen. Mit seinem Vetter, dem später mit dem Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichneten Friedrich August von Hayek, mit dem er in Österreich und England in Kontakt stand, blieb er in Verbindung. Nach der Lektüre der Kurzen Darlegung des Evangeliums von Leo Tolstoi äußerte er gegenüber dem Freund Franz Parak den Wunsch, in Zukunft Kinder das Evangelium zu lehren. Durch die Schrecken des Krieges wurde er vom Logiker zum Mystiker im Sinne der „negativen Theologie“. So reifte in ihm der Plan, Volksschullehrer zu werden.
Frühwerk Mit der Logisch-philosophischen Abhandlung (Tractatus) vollzog Wittgenstein den linguistic turn (sprachkritische Wende) in der Philosophie. In der Variante Wittgensteins bedeutet dies unter anderem: Philosophische Probleme kann nur verstehen oder auflösen, wer begreift, durch welche Fehlanwendung von Sprache sie überhaupt erst erzeugt werden. Ziel philosophischer Analysen ist die Unterscheidung von sinnvollen und unsinnigen Sätzen durch eine Klärung der Funktionsweise von Sprache: „Alle Philosophie ist ‚Sprachkritik‘.“Tractatus 4.0031 Die Hauptgedanken des Tractatus erwuchsen aus der Auseinandersetzung – und in gegenseitiger Befruchtung – mit Bertrand Russell und werden meist der Philosophie des Logischen Atomismus zugerechnet.