mini|Riefenstahl beim Schnitt (1935)rahmenlos|hochkant|zentriert|klasse=skin-invert-image|Leni Riefenstahl’s Unterschrift
Helene Bertha Amalie „Leni“ Riefenstahl (* 22. August 1902 in Berlin; † 8. September 2003 in Pöcking) war eine deutsche Filmregisseurin, -produzentin und -schauspielerin sowie Drehbuchautorin, Schnittmeisterin, Fotografin und Tänzerin. Sie gilt als eine der umstrittensten Persönlichkeiten der Filmgeschichte. Einerseits wird sie von vielen Filmschaffenden und -kritikern als „innovative Filmemacherin und kreative Ästhetin“Beschreibung der Leni Riefenstahl-Ausstellung vom 4. Dezember 1998 bis 14. März 1999. In: Filmmuseum-Potsdam.de, abgerufen am 8. Juli 2015. angesehen, andererseits für ihre Werke im Dienst der Propaganda während der Zeit des Nationalsozialismus kritisiert.
Nachdem Riefenstahl ihre ursprünglich eingeschlagene Tanzkarriere aufgrund einer Knieverletzung hatte beenden müssen, etablierte sie sich während der 1920er Jahre in der Weimarer Republik als Schauspielerin im Bergfilm-Genre.
Durch ihr 1932 veröffentlichtes Regiedebüt Das blaue Licht, bei dem sie als Hauptdarstellerin, Regisseurin, Koproduzentin und Drehbuchautorin fungierte, wurden führende NSDAP-Politiker wie der Parteichef Adolf Hitler und der damalige Gauleiter der Partei von Berlin-Brandenburg Joseph Goebbels auf sie aufmerksam. Nach der im Jahr darauf erfolgten Machtübernahme der NSDAP erhielt Riefenstahl den Auftrag, die „Reichsparteitagstrilogie“ zu drehen. Die Propagandaproduktionen Der Sieg des Glaubens, Triumph des Willens und Tag der Freiheit! – Unsere Wehrmacht entstanden in den Jahren 1933 bis 1935. Für Triumph des Willens erhielt Riefenstahl den Deutschen Nationalen Filmpreis 1934/35, die Auszeichnung für die beste ausländische Dokumentation bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig 1935 im gleichfalls faschistischen Italien sowie den Grand Prix auf der Pariser Weltfachausstellung.
Unter dem Titel Olympia veröffentlichte Riefenstahl 1938 eine zweiteilige Dokumentation über die Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin. Der Film wurde vielfach als ästhetisches Meisterwerk gelobt, aber auch für seine propagandistischen und ideologischen Elemente kritisiert. Riefenstahl bekam für ihre Arbeit unter anderem den Deutschen Nationalen Filmpreis 1937/38, die Coppa Mussolini, eine olympische Goldmedaille vom Internationalen Olympischen Komitee und den Kinema-Jumpō-Preis im damals imperialistischen Japan verliehen.
Während des Zweiten Weltkrieges filmte sie mit dem „Sonderfilmtrupp Riefenstahl“ Hitlers Überfall auf Polen. Sie stand 1944 in der Gottbegnadeten-Liste des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda.Riefenstahl, Leni. In: Theodor Kellenter: Die Gottbegnadeten : Hitlers Liste unersetzbarer Künstler. Kiel: Arndt, 2020, ISBN 978-3-88741-290-6, S. 402 f.
In der Nachkriegszeit wurde sie trotz ihrer Einbindung in die nationalsozialistische Filmpolitik laut einem Spruchkammerverfahren lediglich als „Mitläuferin“ eingestuft. Dennoch war es nach dem Ende des Krieges für Riefenstahl ab 1945 schwierig, weitere Aufträge als Regisseurin und Produzentin zu erhalten, so dass sie ihr Filmschaffen nach Tiefland (gedreht bis 1944), der erst 1954 fertiggestellt und veröffentlicht wurde, für fast ein halbes Jahrhundert einstellte.
Ab den 1960er Jahren betätigte sich Riefenstahl als Fotografin und veröffentlichte mehrere Bildbände. Zu ihren bekanntesten Werken dieser Zeit zählen Fotoreportagen über das Volk der Nuba im Sudan und Unterwasseraufnahmen. In diesen Aufnahmen erkannte ein Teil der Kritiker Parallelen zu ihren Arbeiten aus der Zeit des Nationalsozialismus. 2002 veröffentlichte sie mit dem Dokumentarfilm Impressionen unter Wasser ihr letztes Werk.
Leben und Werk Kindheit, Jugend und Tanzkarriere Helene „Leni“ Riefenstahl kam am 22. August 1902 im dritten Stock des Hauses Prinz-Eugen-Straße 9 in Berlin-Wedding zur Welt. Dreieinhalb Jahre später wurde ihr Bruder Heinz (1906–1944) geboren.Mario Leis: Leni Riefenstahl. Rowohlt Verlag, Reinbek 2009, ISBN 978-3-499-50682-6, S. 9. Ihr Vater Alfred Riefenstahl (1878–1944) war ein Handwerksmeister, der sich einen eigenen Installateurbetrieb aufgebaut hatte. Ihre Mutter Bertha Ida Riefenstahl (1880–1965, geborene Scherlach), als jüngstes von 18 Kindern im Włocławek (Kongresspolen) aufgewachsen, war Näherin. In ihren ersten Lebensjahren wohnte Leni Riefenstahl mit ihrer Familie im Wedding, dann Neukölln, Schöneberg und Wilmersdorf. 1921 zog die Familie in ein eigenes Haus ins Umland nach Rauchfangswerder am Zeuthener See (heute: Berlin-Schmöckwitz).Karin Wieland: Dietrich & Riefenstahl – Die Geschichte zweier Jahrhundertfrauen. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2014, ISBN 978-3-423-34789-1, S. 15 und 18 f.
Riefenstahl wurde 1908 in die Volksschule in Berlin-Neukölln eingeschult.Mario Leis: Leni Riefenstahl. Rowohlt Verlag, Reinbek 2009, ISBN 978-3-499-50682-6, S. 15. Anschließend besuchte sie das Kollmorgensche Lyzeum, eine private Höhere Knaben- und Mädchenschule in Berlin-Tiergarten, das sie 1918 mit der Mittleren Reife verließ. In ihrer Freizeit erhielt Riefenstahl Klavierunterricht und begeisterte sich schon in jungen Jahren für Sport. Sie war Mitglied im Charlottenburger Damen-Schwimmclub Nixe,Birgit Haustedt: Die Wilden Jahre in Berlin. edition ebersbach, Dortmund 1999, ISBN 3-931782-59-X, S. 159. trat einem Turnverein bei, fuhr Rollschuh, spielte Tennis, ruderte und segelte auf dem Zeuthener See.Mario Leis: Leni Riefenstahl. Rowohlt Verlag, Reinbek 2009, ISBN 978-3-499-50682-6, S. 14. Nach ihrem Schulabschluss erhielt Riefenstahl für kurze Zeit Mal- und Zeichenunterricht an der Staatlichen Kunstgewerbeschule in Berlin. Außerdem nahm sie hinter dem Rücken ihres strengen Vaters, jedoch mit der Unterstützung ihrer kunstbegeisterten Mutter, Tanzstunden an der Grimm-Reiter-SchuleWilhelm Kühlmann: Killy Literaturlexikon Band 9 Os – Roq. Walter de Gruyter Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-11-022045-2, S. 632.Mario Leis: Leni Riefenstahl. Rowohlt Verlag, Reinbek 2009, ISBN 978-3-499-50682-6, S. 17. am Kurfürstendamm. Dort lernte sie unter anderem rhythmisches Turnen und Tanzen, Improvisation sowie Phantasietanz. Nachdem Riefenstahl bei einer Tanzveranstaltung der Schule im Berliner Blüthnersaal für die erkrankte Anita Berber eingesprungen war, erfuhr ihr Vater von den heimlichen Tanzstunden und schickte sie für ein Jahr in ein Pensionat in Thale im Harz. Dort übte sie weiter heimlich Tanzen, spielte Theater und besuchte mit ihrer Internatskameradin Hela Gruel die Aufführungen der Freilichtbühne Thale. Von 1920 bis 1923 arbeitete Riefenstahl als Sekretärin im Betrieb ihres Vaters, wo sie Maschinenschreiben, Stenografie und Buchhaltung lernte.
Während dieser Zeit durfte sie ihren Tanzunterricht an der Grimm-Reiter-Schule fortsetzen und nahm außerdem von 1921 bis 1923 Unterricht in klassischem Tanz (Ballett) bei Eugenie Eduardowa. Zusätzlich lernte sie Ausdruckstanz an der Jutta-Klamt-Schule in der Fasanenstraße und nahm Boxunterricht bei Sabri Mahir. 1923 besuchte sie für wenige Monate Mary Wigmans Tanzschule in Dresden, wo sie gemeinsam mit Gret Palucca, Vera Skoronel und Yvonne Georgi unterrichtet wurde.Jürgen Trimborn: Leni Riefenstahl. Eine deutsche Karriere. Biographie. Berlin: Aufbau Verlag 2002, S. 41. Im selben Jahr ging sie mit dem Tennisprofi Otto Froitzheim ihre erste ernsthafte Beziehung ein und lernte während eines Badeurlaubs an der Ostsee den Bankier und späteren Filmproduzenten Harry R. Sokal kennen. Dieser finanzierte ihr Debüt als Solo-Tänzerin am 23. Oktober 1923 in München. Es folgte eine sechsmonatige Tournee mit rund 70 Auftritten im In- und europäischen Ausland. Außerdem wurde Riefenstahl von Max Reinhardt für zweiLaut Riefenstahls Memoiren sei sie an sechs Abenden und bei einigen Matineen aufgetreten. Karin Wieland widerspricht dem und bestätigt in ihrer Biografie Dietrich & Riefenstahl – Die Geschichte zweier Jahrhundertfrauen – unter Berufung auf eine Auskunft des Archivars des Deutschen Theaters – nur zwei Auftritte am 16. und 20. Dezember 1923. Solo-Auftritte in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin engagiert.Karin Wieland: Dietrich & Riefenstahl – Die Geschichte zweier Jahrhundertfrauen. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2014, ISBN 978-3-423-34789-1, S. 104. Im Jahr 1924 unternahm Riefenstahl zusammen mit dem Komponisten Jaap Kool eine Studienreise nach New York City. Diesen hatte sie über die Tanzgruppe von Jutta Klamt kennengelernt, für die er Stücke vertont hatte. Die Finanzierung dieser Studienreise übernahm ein Mäzen, möglicherweise Sokal, den Riefenstahl ausfindig gemacht hatte. Ergebnis der Studienreise sollte die Komposition eines urbanen Tanzpoems für Riefenstahl werden, das Kool für sie schrieb. Ihre Verletzung durchkreuzte die Realisation.
Fred Hildenbrandt beschrieb Riefenstahls Tanzstil mit den Worten: „Dieses sehr schöne Mädchen ringt wohl inständig um einen Rang neben den dreien, die man ernst nimmt: der Impekoven, der Wigman, der Gert. Und wenn man dieses vollkommen gewachsene hohe Geschöpf in der Musik stehen sieht, weht eine Ahnung daher, dass es Herrlichkeiten im Tanz geben könnte, die keine von jenen dreien zu tragen und zu hüten bekam, nicht der heroische Gongschlag der Mary, nicht der süße Geigenlauf der Niddy, nicht die grausame Trommel der Valeska: die Herrlichkeit der Tänzerin, die alle tausend Jahre wiederkehrt. Aber dann beginnt dieses Mädchen ihren Leib zu entfalten, die Ahnung verweht, der Glanz ergraut, der Klang verrostet […].“Claudia Lenssen: Leni Riefenstahl. Leben und Werk. Henschel Verlag, Berlin 1999, ISBN 3-89487-319-1, S. 23.Karin Wieland: Dietrich & Riefenstahl – Die Geschichte zweier Jahrhundertfrauen. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2014, ISBN 978-3-423-34789-1, S. 108. Der Kunstkritiker und Tanzhistoriker John Schikowski urteilte im April 1924 über Riefenstahls Darbietung bei einer Matinee an der Volksbühne Berlin: „Knie- und Hüftgelenke erscheinen zuweilen etwas eingerostet, die früher so wunderbar suggestive Sprache der Arme ist teilweise verstummt; an ihre Stelle trat ein äußerlich effektvolles, aber oft seelenloses Spiel der Hände.“Karin Wieland: Dietrich & Riefenstahl – Die Geschichte zweier Jahrhundertfrauen. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2014, ISBN 978-3-423-34789-1, S. 107.
Im Sommer 1924 zog sich Riefenstahl bei einem Auftritt in Prag eine Knieverletzung zu, die ihre tänzerische Bühnenkarriere beendete. Ein Jahr später trennte sie sich von Froitzheim, mit dem sie zwischenzeitlich verlobt gewesen war.
Schauspielkarriere Ihr Filmdebüt gab Riefenstahl in einer Gymnastikszene in dem Dokumentarfilm Wege zu Kraft und Schönheit aus dem Jahr 1925.Jürgen Trimborn: Leni Riefenstahl. Eine deutsche Karriere. Biographie. Berlin: Aufbau Verlag 2002, S. 58f.