Die Porzellanmanufaktur Nymphenburg (heutige Eigenschreibweise: Porzellan Manufaktur Nymphenburg) wurde 1747 gegründet und stellt bis heute rein handgefertigtes, künstlerisch hochwertiges Porzellan her.
Geschichte mini|links|Nördliches Schlossrondell, Hauptgebäude der Porzellanmanufaktur Nymphenburg seit 1761 Kurfürst Maximilian III. Joseph förderte nach seinem Regierungsantritt 1745 die Gründung von Manufakturen, um damit die Staatsfinanzen zu sanieren. Ab 1747, im Jahr der Eheschließung mit Maria Anna von Sachsen, versuchte man sich in der Porzellanherstellung und bekam Ende des Jahres das Schloss Neudeck in der Münchner Au zur Verfügung gestellt. Mit der Unterstützung des Kurfürsten gelang es schließlich dem Münchner Hafnermeister Johann Niedermayer, eine Porzellanfigur herzustellen. Am 3. November 1754 wurde Franz Anton Bustelli als Figurist eingestellt, etwa zu der Zeit, als man endlich die Porzellanherstellung beherrschte. 1755 erhielt die Manufaktur ihren ersten Hofauftrag und 1756 gelang es erstmals, das Porzellan farbig zu bemalen. mini|Liebesgruppe „Der stürmische Galan“ von Franz Anton Bustelli, um 1756 mini|hochkant|Der Bildhauer Dominikus Auliczek wurde 1763 Nachfolger von Franz Anton Bustelli Mit dem Juristen und Unternehmer Sigmund Graf von Haimhausen wurde die Porzellanmanufaktur Nymphenburg ab 1758 unternehmerisch ausgerichtet und im Jahr 1761 in die von Joseph Effner gestalteten Gebäude am Nördlichen Schlossrondell vor dem Schloss Nymphenburg verlegt, in denen sich die Manufaktur auch heute noch befindet. Der durch das Gelände der Manufaktur verlaufende Nymphenburg-Biedersteiner Kanal treibt seitdem und bis heute die mechanischen Geräte in den rückwärtigen Gebäuden, die meist aus späterer Zeit stammen, an.
Auf Bustelli folgten weitere große Porzellankünstler wie Dominik Auliczek der Ältere und Johann Peter Melchior. Als Grundlage für weitere Forschungen sind inzwischen über 600 Porzellankünstler und -arbeiter aus allen Perioden bis nach 1945 namentlich erfasst. 1765 arbeiteten 187 Personen in Nymphenburg: Die Produktion erreichte ihren höchsten Stand. Ein großer Förderer der Manufaktur war Ludwig I., der viele Aufträge vergab. Besonders beliebt waren Tafelservice mit Kopien berühmter Gemälde oder mit bayerischen Landschaften im antikisierenden Stil. 1810 wurde Anton Auer beauftragt, Gemälde der königlichen Bildergalerie auf ein Service zu übertragen. Seine Nachfolge als Obermaler trat 1815 Christian Matthias Adler an; auch Auers Sohn Maximilian Joseph Auer war als Porzellanmaler tätig. 1822 wurde Friedrich von Gärtner als künstlerischer Leiter der Manufaktur berufen.
Niedergang Mitte des 19. Jahrhunderts verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage der Manufaktur zusehends, so dass 1856 die künstlerische Produktion ganz eingestellt wurde und man beschloss, die Manufaktur zu privatisieren. Am 22. Februar 1862 wurde die Nymphenburger Porzellanmanufaktur an Ferdinand Scotzniovsky (1837–1892) und Karl Arendts verpachtet, nachdem sie vorher viele Jahre mit Verlust gearbeitet hatte.
Der Schwerpunkt verlagerte sich auf Produkte für den technischen, medizinischen und sanitären Bereich. Die Warenpalette für feines Geschirr blieb erhalten, um Nachbestellungen ausführen zu können. Ein neuer Absatzmarkt wurde mit der Belieferung der unter Ludwig I. wieder eingesetzten Klöster mit robustem Hotelporzellan erschlossen. Auch Krankenhäuser, Gasthöfe, Hotels und Militäreinheiten bestellten diese Waren. Seit Ende der 1870er-Jahre stieg die Nachfrage nach Bierkrugdeckeln und Pfeifenköpfen. Eine heute fast vergessene Mode war das Anbringen von Porzellanmedaillons auf Grabsteinen im 19. Jahrhundert. Die Manufaktur belieferte mit ihrem reichen Sortiment den ganzen deutschen Sprachraum. Ab Oktober 1887 führte Scotzniovsky die Manufaktur alleine weiter.
Zweite Blütezeit unter Albert Bäuml mini|hochkant=0.6|Teller mit Dessein: Adiantum capillus-veneris, Max Rossbach & Hermann Gradl d. Ä., 1900–1902, Bröhan-Museum, Berlin
1888 pachtete Albert Bäuml, ein aus Theusing bei Karlsbad stammender Kaufmann, die Manufaktur mit dem Vorhaben, die Porzellankunst des 18. Jahrhunderts wieder aufleben zu lassen. Zu diesem Zweck mussten spezialisierte Fachleute eingestellt werden. Schließlich musste die richtige Zusammensetzung einer zarten makellosen Rohmasse genauso gefunden werden wie eine exklusive Farbpalette. Da es kaum brauchbare, überlieferte Formen in der Manufaktur gab, bemühte sich Albert Bäuml, in Museen und von Privatbesitz altes Nymphenburger Porzellan aufzuspüren oder es im Antiquitätenhandel zu erwerben. Er legte eine Sammlung an, die er ausschließlich aus privaten Mitteln finanzierte und die konsequent auf wechselseitige Ergänzung mit den Museumsbeständen ausgerichtet war.Barbara Krafft: 250 Jahre Porzellan-Manufaktur Nymphenburg, München 1997, S. 125. Die Sammlung Bäuml wird im Obergeschoss des Marstallmuseums in Nymphenburg ausgestellt und umfasst rund 1000 Exemplare.
Albert Bäuml war es auch, der Bustelli „wiederentdeckte“. Die Suche nach und der Ankauf von altem Porzellan aus der Nymphenburger Produktion war Voraussetzung für die Rekonstruktion der einzelnen Modelle. Manche Figuren konnten erst nach Jahrzehnten aufgekauft werden: Die Vier Jahreszeiten von Dominik Auliczek im Jahre 1909, der Gestörte Schläfer von Franz Anton Bustelli erst 1911. Es ist ein Verdienst Albert Bäumls, dass er dem zu übermäßigem Pomp neigenden Publikumsgeschmack des ausgehenden 19. Jahrhunderts die schlichte Noblesse des 18. Jahrhunderts entgegensetzte. Seit den Leipziger Messen seiner Anfangsjahre und der Teilnahme an der Chicago World’s Fair 1893 ließ sich Albert Bäuml keine Gelegenheit entgehen, die Erzeugnisse seiner Nymphenburger Porzellanmanufaktur auf Ausstellungen zu präsentieren. Regelmäßig wurden sie mit Medaillen ausgezeichnet. Es gab Ehrendiplome bei der Weltausstellung Paris 1900 und bei der Weltausstellung Brüssel 1910.
Jugendstil und Art déco mini|hochkant|Serval, ca. 1910. Hallwylsches Museum, Stockholm. Um nicht ausschließlich nach alten Vorlagen zu produzieren, wurden hervorragende zeitgenössische Künstler angeworben. An der Wende zum 20. Jahrhundert war dieses Ziel erreicht und neben historischen Kopien wurden nun elegante Jugendstilgeschirre entwickelt. Einer der größten späteren Verkaufserfolge entstand mit dem Service „Gerippt“ zwischen 1892 und 1897. Es entstand zuerst als Kaffee- und Teeservice, wurde dann jedoch zu einem Speiseservice erweitert und macht immer noch einen wesentlichen Teil der Geschirrproduktion aus. Mit den Formen „Modern“ und „S“ von Max Rossbach kam endgültig der Jugendstil ins Programm. Seine auffälligste Erscheinung, dem Fischservice „688“ von Hermann Gradl, zeichnete die Manufaktur auf der Pariser Weltausstellung im Jahr 1900 aus: Verschiedenartige Fische schweben förmlich durch eine zartgrüne Unterwasserwelt zwischen purpurbräunlichen seetangähnlichen Schlinggewächsen.
1906 wurde der Bildhauer Joseph Wackerle künstlerischer Leiter der Manufaktur. In Zusammenarbeit mit Architekten und Dekorationskünstlern wurden in der Manufaktur Objekte zum Fassadenschmuck und zur Innenausstattung von Bauten gestaltet. Die meisten hat der Zweite Weltkrieg zerstört, am ehemaligen Palais Arco-Zinneberg am Wittelsbacher Platz, finden sich noch farbige Majolika-Reliefs nach einem Entwurf von Joseph Wackerle aus dem Jahre 1909. Frostharte Produkte aus Majolika für den Außenbereich, wie z. B. für die Pergola des Münchner Ausstellungsparks, den Schmuckhof des Botanischen Gartens in München oder den Haupteingang des Münchner Tierparks knüpften an die Gartenskulpturen des 18. Jahrhunderts an und erweiterten das Sortiment. Damit gehörte die Porzellanmanufaktur Nymphenburg bereits in den 1900er-Jahren zu den Vorreitern unter den keramischen Betrieben mit künstlerischer Ausrichtung, die den Trend als neues Aufgabenfeld erkannten.
Beispielhaft für den Weg in die Moderne, wie ihn die Porzellanmanufaktur Nymphenburg in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts beschritt, sind neben Gartenfiguren und Bauplastiken aus Majolika Vasen unterschiedlichster Ausprägung. Für die von asiatischen Dosen inspirierten Deckelurnen legte Joseph Wackerle unterschiedliche Entwürfe für Blumendekore vor. Ein deutlicher Schritt weg von klassischen, eher formal aufgefassten Blumendekoren hin zu natürlich wirkenden Garten- und Wiesenblumen gelang dem Illustrator und Landschaftsmaller Rudolf Sieck. Ein weiterer wichtiger Künstler ist Adelbert Niemeyer, der sowohl Form wie Dekor seiner Vasen entwarf. Von Paul Ludwig Troost ist ein Dekorentwurf für die klassische Vasenform Nr. 881 nachweisbar. Sie verweist auf die farblich reduzierte Stilwelt des Art déco.
Theodor Kärner begründete den Ruhm der Nymphenburger Tierplastik und schuf während seiner Arbeit für Nymphenburg 88 Tiermodelle. Auch durch Willy Zügel entstanden bedeutende Tierplastiken. Alle wiesen die damals innovative Unterglasurmalerei auf, die aufgrund ihres gedeckt-naturhaften Kolorits dafür besonders geeignet war. In den Jahren zwischen 1905 und 1920 wurde die Nymphenburger der Königlichen Porzellanmanufaktur Kopenhagen in der Tierdarstellung mindestens ebenbürtig.Barbara Krafft: 250 Jahre Porzellan-Manufaktur Nymphenburg, München 1997, S. 136.
Wolfgang von Wersin entwarf eine große Anzahl verschiedener, gut verkäuflicher Tafelserviceformen wie Adonis (1932), Helios (1932) und Lotos (1932/36). Auch die wohlbekannten Kaffee- und Teetonnen, bemalt mit exotischen Vögeln und Pflanzen, als Markenzeichen des Münchner Delikatessengeschäfts Dallmayr stammen von Wersin.
Nach dem Tode Albert Bäumls im Jahre 1929 führten dessen drei Söhne Dr. Fritz Bäuml (1887–1969), Alfred Bäuml (1892–1971) und Kurt Bäuml (1899–1979) die Leitung der oHG „Staatliche Porzellanmaunufaktur A. Bäuml“ weiter. Fritz Bäuml hatte Chemie und Kunstgeschichte studiert und nach einem längeren Aufenthalt an der École de Cèramique in Sèvres 1912 in Erlangen promoviert. Neben seiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Porzellanchemiker und Farbenspezialist war er der künstlerische Leiter. Alfred Bäuml wurde nach Studienaufenthalten in Paris und London kaufmännischer Leiter. Seit 1954 war er norwegischer Konsul. Kurt Bäuml war für Personalangelegenheiten und Öffentlichkeitsarbeit zuständig, was auch den reibungslosen Ablauf der nicht seltenen Staatsbesuche in der Manufaktur beeinhaltete. Nach dem Tode seiner beiden Brüder führte Kurt Bäuml das Unternehmen als Alleininhaber weiter.
Zeit des Nationalsozialismus