Die Emerging Church (englisch; auch Emerging Conversation und Emerging Churches genannt) ist eine dezentrale, stark heterogene Bewegung von verschiedenen Christen aus unterschiedlichen Konfessionen, die in ihrem Umfeld und in ihrer jeweiligen Tradition auf die Herausforderungen der Postmoderne reagieren wollen. Denn die evangelikalen Kirchen, aus denen die meisten Personen der Bewegung stammen, seien auf die Umbrüche ungenügend vorbereitet gewesen. Seit etwa 1999 versucht die Emerging Church (deutsch: sich entwickelnde Kirche oder auftauchende KircheRon Kubsch: Emerging Church, Website evangelium21.net (7. September 2021, abgerufen am 26. April 2025)) aktuelle Erkenntnisse der Biologie, der Hirnforschung, der Wirtschaft und der Philosophie auf die Situation der Gemeinde zu übertragen.Jeffrey K. Jue: What’s Emerging in the Church? Postmodernity, The Emergent Church, and The Reformation, Article, Volume 31 - Issue 2 (englisch, abgerufen am 24. April 2025) Absolute Wahrheiten, wie sie in der Moderne wichtig waren, spielen kaum mehr eine Rolle, hingegen werden oft Elemente aus alten Liturgien und Ritualen geschätzt und neu angewendet, um junge Menschen ganzheitlich anzusprechen, zu erfüllen und zu bevollmächtigen.Emergent Church - Timeline Movement, The Association of Religion Data Archives, Website thearda.com (englisch, abgerufen am 25. April 2025)

Namen Das englische Partizip emerging heißt so viel wie „im Entstehen begriffen sein“ und wird im Englischen in verschiedenen Kontexten verwendet. Es soll andeuten, dass die Bewegung im Fluss ist, sich ständig entwickeln möchte und sich selbst als unfertig und fragil bezeichnet. Daher auch eine gewisse Scheu davor, zu stark festgelegt und definiert zu sein. Es gab einige Diskussionen, ob man sich selbst als Kirche oder Bewegung bezeichnen möchte, da man dies als die Homogenität einer eigenen Denomination missverstehen könnte. Deshalb bevorzugen viele den Ausdruck „Emerging Conversation“, da dieser Ausdruck inklusiver ist (die Schwelle, an einer Konversation teilzunehmen, ist niedriger als die Schwelle, einer Bewegung oder Kirche beizutreten).

Ryan Bolger und Eddie Gibbs betitelten im Jahr 2006 ihr Buch,Eddie Gibbs, Ryan Bolger: Emerging Churches: Creating Christian Community in Postmodern Cultures, Baker Academic, 2006. das diese Bewegung darstellen sollte, mit „Emerging Churches“, um Pluralität darzustellen.

Außerdem ist der Ausdruck „emerging“ als Anlehnung an die Theorie der Emergenz zu verstehen, die u. a. das Verhalten von sozialen Systemen mit flacher Hierarchie beschreibt.

Abzugrenzen ist Emerging Church von Organisationen wie Emergent Village (USA) oder Emergent Deutschland (D), die meist aus verschiedenen Leitern von Emerging Churches bestehen, aber nicht beanspruchen, die gesamte Bewegung zu repräsentieren.

Verschiedene Strömungen An der Emerging Conversation nehmen verschiedenste Menschen aus verschiedenen Hintergründen teil: Kirchengründer, gebildete Laien, Künstler, Medienschaffende und Akademiker. Man kann deshalb verschiedene Strömungen von Emerging Church ausmachen:

Eine stark theologische Richtung, die vor allem aus Post-Evangelikalen und Post-Charismatikern besteht, aber auch zunehmend aus katholischen, (post-)liberalen und orthodoxen Christen; ein Beispiel dafür ist der Baptist Scot McKnight.Scot McKnights Blog: http://www.patheos.com/blogs/jesuscreed/ Innovative Evangelikale, die ohne große theologische Veränderungen Gottesdienste so verändern wollen, dass sie für postmodern geprägte Menschen attraktiv sind. Dazu zählen etwa Dan Kimball, dessen Buch „Emerging Church“Dan Kimball: Emerging Church. Die postmoderne Kirche. Spiritualität und Gemeinde für neue Generationen. Gerth, Asslar 2005, ISBN 978-3-86591-042-4. 2005 ins Deutsche übersetzt wurde.Für einen kompakten Überblick über die jüngere liturgische Debatte im Blick auf Vertreter der Emerging-Church-Bewegung und kontextuell-relevante Gottesdienstformen siehe Rainer Schacke: Learning from Willow Creek? Church Services for Seekers in German Milieu Contexts, Cuvillier Verlag, Göttingen 2009, S. 594–597. Grenzgänger zwischen Theorie und Praxis: Sie versuchen mithilfe soziologischer Theorien Gemeinde als ein Netzwerk von Beziehungen zu verstehen und zu gestalten. Außerdem schaffen sie oft äußerst innovative und kreative Liturgien. Ein Beispiel hierfür ist die aus Großbritannien stammende Alternative Worship-Bewegung, die ziemlich unabhängig von der amerikanischen Emerging-Church-Bewegung entstanden ist.

Es gibt Menschen, die sich der Emerging-Church-Bewegung als nicht zugehörig betrachten und trotzdem die meisten ihrer Werte teilen.Donald A. Carson: Emerging Church. Abschied von der biblischen Lehre?, Christliche Literatur-Verbreitung, Bielefeld 2008, ISBN 978-3-89397-989-9, Seite 9

Bekannte Persönlichkeiten Emerging Church zeigt sich bisher vor allem in der englisch- und in der deutschsprachigen Welt, dort sind auch ihre Vorläufer, Vordenker und Vertreter zu finden. Nicht alle Vertreter von Emerging Church teilen jedoch diese Fremdbeurteilung und Einteilung: In der englischsprachigen Welt Rob Bell (* 1970), US-amerikanischer Theologe, Mitbegründer der Mars Hill Bible Church und Autor. David Bosch (1929–1992), südafrikanischer reformierter Missionswissenschaftler an der Universität von Südafrika. Spencer Burke, US-amerikanischer evangelikaler Theologe und Pastor. Steve Chalke, britischer Baptistenpastor und Sozialaktivist. Mark Driscoll (* 1970), US-amerikanischer Theologe und Mitbegründer der Mars Hill Church und Autor. Michael Frost (* 1961), australischer Missionswissenschaftler und Autor. Stanley J. Grenz (1950–2005), US-amerikanischer baptistischer Theologe und Autor. Alan Hirsch (* 1959), südafrikanischer Missionswissenschaftler und Autor. Tony Jones, US-amerikanischer Theologe. Dan Kimball (* 1960), US-amerikanischer evangelikaler Theologe, Gründer und Leiter von Vintage Faith Church in Santa Cruz. Scot McKnight, US-amerikanischer baptistischer Theologe und Autor. Brian McLaren (* 1956), US-amerikanischer Anglist, Schriftsteller und Gemeindegründer. Erwin Raphael McManus (* 1958), US-amerikanischer baptistischer Theologe, Gründer und Leiter der Mosaic Church in Los Angeles. Donald Miller (* 1971), US-amerikanischer Schriftsteller. Ian Mobsby, britischer Theologe und Gemeindegründer. Lesslie Newbigin (1909–1998), britischer Missionar und Missionswissenschaftler. Richard Rohr (* 1943), US-amerikanischer Franziskaner, Prediger und Autor. Leonard Sweet (* 1947), US-amerikanischer methodistischer Theologieprofessor und Autor. Frank Viola, US-amerikanischer Unternehmer und Autor. Mike Yaconelli (1942–2003), US-amerikanischer Theologe, Schriftsteller und Autor. Brian Zahnd (* 1959), US-amerikanischer Pastor und Autor.

In der deutschsprachigen Welt Peter Aschoff, deutscher evangelischer Theologe und Autor. Mike Bischoff, Schweizer Theologe und Schulleiter. Christina Brudereck (* 1969), deutsche evangelische Theologin und Autorin. Martin Dreyer (* 1965), deutscher Theologe, Gründer der Jesus Freaks und Initiator der Volxbibel. Tobias Faix (* 1969), deutscher evangelischer Theologe an der CVJM-Hochschule Kassel und Professor für Missionswissenschaft an der Universität Südafrika. Johannes Reimer (* 1955), deutscher mennonitischer Theologe und Missionswissenschaftler. Fabian Vogt (* 1967), deutscher evangelischer Theologe und Autor. Thomas Weißenborn (* 1968), evangelischer Theologe am Bibelseminar Marburg und Autor.

Auseinandersetzung mit der Postmoderne Nach Angaben von Marc DriscollYoutube-Video: https://www.youtube.com/watch?v=RcbnGXSYxuI. Stand: 6. Mai 2007. begann die Geschichte der Emerging Church (in Amerika) im Umkreis des so genannten Leadership Networks in den 90er Jahren. Dies war eine progressive evangelikale Gruppe, die sich zunächst damit beschäftigte, wie der christliche Glaube der „Generation X“ nahegebracht werden konnte. Doch bald merkte man, dass es sich um viel gewichtigere, generationenübergreifende Veränderungen handelte, die in der Gesellschaft stattfanden. So stieß man auf verschiedene Theorien der Postmoderne: das Hinterfragen des westlichen Weltbildes, das in der Folge der Aufklärung und des Rationalismus – führend war René Descartes – entstand und eine rein rationale Beweisführung und die allgemeingültige Vernunft betonte. Postmoderne Denker versuchten die Paradigmen der Moderne zu hinterfragen, beispielsweise durch Dekonstruktion. Bei der Beschäftigung mit postmodernen Denkern fiel einigen Christen auf, dass ihre eigenen Traditionen oft mehr von modernistischen Denkvoraussetzungen geprägt sind, als sie bisher angenommen hatten. Diese stünden aber heute bei der Verkündigung und beim Ausleben des Evangeliums im Weg und müssten ebenso hinterfragt und ersetzt werden.

Theologische Tendenzen In der Emerging-Church-Bewegung gibt es, auch was die Theologie anbelangt, keine Homogenität. Viele versuchen grundsätzlich ihrer Tradition theologisch treu zu bleiben, aber bestimmte neue Akzente zu setzen. Einige theologische Tendenzen sind aber dennoch festzustellen, auch wenn sie nicht von allen gleich geteilt werden:

Inkarnation Sehr zentral ist die Inkarnation – die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Diese wird als Ausgangspunkt genommen, um zu zeigen, dass man auch das Evangelium in verschiedene Kulturen inkarnieren muss. Das ist ein Unterschied zu der Auffassung, anderen Kulturen das Evangelium zu bringen, da Ersteres eine große Wechselwirkung zwischen Kultur und Evangelium bedeutet. Diese Auffassung, die betont, man müsse in dieser Welt leben und nicht vor ihr fliehen, ist auch ein Gegengewicht zu der starken Subkulturbildung im freikirchlichen Christentum.

Reich Gottes Ein starker Fokus ist auch das Reich Gottes. In dem Versuch, die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens stärker zu betonen, versucht man einen besonderen Akzent auf das Reich Gottes zu legen. Damit verwandt ist der Ausdruck „missional“, der abzugrenzen ist von „missionarisch“. Es ist der Versuch, einen ganzheitlichen Missionsbegriff zu finden, der soziales und kulturelles Engagement mit einschließt. Wesentlich dafür ist, dass Mission keine Aktivität der Kirche, sondern ein Handeln Gottes in der Gesellschaft ist, das die Kirche unterstützen, aber auch behindern kann. Im evangelikalen Bereich bedeutet das oft ein Abwenden von einer prämilleniaristischen Eschatologie (Erwartung der Wiederkunft Christi vor Eintritt des biblischen „Tausendjährigen Reiches“), die als zynisch empfunden wird, hin zu Modellen, die als hoffnungsvoller gesehen werden.

Kommunitarismus Es gibt einige inhaltliche Überschneidungen mit dem Kommunitarismus (bewusst oder unbewusst), da beispielsweise kritisiert wird, dass das protestantische Christentum infolge der Reformation einen zu hohen Stellenwert auf das Individuum und seine Beziehung mit Gott legt und den Aspekt der Gemeinschaft vernachlässigt. Einige Emerging Churches probieren auch neue klosterähnliche Modelle von Kirche aus.

Narrative Theologie Emerging Church betont den narrativen Aspekt von Theologie. Dies findet auf zwei Ebenen statt: zum einen auf der stilistischen, zum anderen auf der theologischen Ebene. Auf der stilistischen Ebene wird die Geschichte als Mittel von Kommunikation einer abstrakten, systematischen Predigt vorgezogen. Geschichte kann hier das Erzählen von persönlichen Erlebnissen, gleichnisähnlichen fiktiven Erzählungen oder kunstvollen, mehrdeutigen Texten, die im Gottesdienst benutzt werden, bedeuten. Auf der anderen Seite verstehen viele die Bibel selbst als eine große Geschichte. Es gilt nun nicht mehr, aus der Geschichte durch Analyse systematisch abstrakte Dogmen zu extrahieren, sondern man behält die Form der Geschichte bei und lernt, sich in sie hineinzuversetzen. Ein Beispiel dafür ist Brian McLarens The story we find ourselves in (2003), ein apologetisches Buch, das in Form einer Geschichte geschrieben ist.

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